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Beilage zu Nr. 186 der „Fuldaer Zeitung".

Samstag, den 15. August 1891.

* Die Unterbringung der aus Rußland ausgewiesenen Juden

macht der Iliance Jsraelite' viele Kopfschmerzen. Man will sie nirgends haben, in Deutschland nicht, in Galizien nicht, in England nicht und in Nordamerika auch nicht. Seltsamerweise sind es gerade die Juden selbst, welche sich gegen den Zuzug ihrer Stammes- genossen wenden. So hat die Chicagoer jüdische Hilfs­gesellschaft sich entschieden gegen den Plan erklärt, mit Hilfe der von ihr ausgesetzten Millionen die russischen Juden nach Nordamerika zu verpflanzen, und auch die einflußreichen Juden Londons haben Einspruch gegen die Vermehrung des jüdischen Proletariats erhoben. So kommen denn nur noch zwei Pläne in Frage, ein­mal die Wiederbesiedelung Palästina's mit Juden und zweitens die Gründung jüdischer Gemeinwesen in Ar­gentinien. . nivi„

Als Förderer dieser Pläne treten zwei Manner oder eigentlich, um die Sache von vornherein als das zu charakterisiren, was sie ist, nämlich als „Geschäft," zwei Firmen auf, Hirsch und Rothschild. Beide lieben es, sich als die Wohlthüter des Volkes Israel aufzu- fpielen, aber beide werden es sich nach ihrer Ver­gangenheit gefallen lasten müsfen, daß man bei ihren Handlungen und Plänen nach weniger selbstlosen Be­weggründen forscht, als nach denen der Wohlthätigkeit. Es wird denn auch bereits direkt behauptet, daß es beiden theils um eine Reklame, mehr ober noch um wohlberechnete Geldoperationen zu thun ist. Einigen Zweifel in ihre nur wohlwollende Absicht erregt der Umstand, daß man an den Palästina-Plan so recht nicht heran will, was wir, nebenbei gesagt, durchaus nicht beklagen, da wir den Boden, auf dem Christus gewandelt, den Hunderttaufende von Christen mit ihrem Blute getränkt, für die Christen in Anspruch nehmen. Allein hier handelt es sich um die jüdische Auffassung, und da muß mau doch sagen, daß sich ihnen jetzt die beste Gelegenheit bietet, die Behaup­tungen der Antisemiten Lügen zu strafen, daß die Juden international feien und bleiben wollten, daß ihnen trotz ihres ausgeprägten Stammesbewußtsein jedes Heimathsgefühl abgehe. Schon vom religiösen, wenn nicht vom nationalen Standpunkte aus müßten sie die Wiedererwerbung des gelobten Landes nach Kräften befördern. Statt desfen aber werden allerlei Einwendungen erhoben. Es wird warnend behauptet, Palästina, das schon jetzt der Zankapfel der verfchie- denen christlichen Bekenntnisse sei, werde jedenfalls den Schauplatz blutiger Kriege bilden, das Land fei zu unfruchtbar u. f. w. Es sind denn bisher auch nur vereinzelt jüdische Auswanderer von kleineren Hilfs­komitees dorthin gesandt worden. Von einer Besiede­lung im großen Stile ist dagegen Abstand genommen worden, nachdem für Rothschild die Reklametrommel mächtig gerührt worden: 51/a Millionen Quadratmeter Land habe er in Palästina für die vertriebenen Juden gekauft, so ging es rühmend durch die Blätter. 5 Vs Millionen Quadratmeter sind aber nicht mehr wie 550 Hektar oder 2000 Morgen, also so viel, wie im Osten

Deutschlands so manches Rittergut umfaßt! Und darum das viele Geschrei!

Das Hauptinteresse richtet sich dagegen auf Argen­tinien, wo Baron Hirsch bereits viele Strecken er­worben hat, die nach einem festen Plane von jüdischen Auswanderern besetzt werden sollen. Der feste Plan schon nimmt sich höchst komisch aus und trägt alle Zeichen einer richtigen „Gründung" an der Stirn. In der Mitte des Gebiets ist ein Punkt gewählt, auf den die Hauptstadt zu stehen kommt. Von dieser wer­den in bestimmten gleichmäßigen Entfernungen kleinere Städte angelegt, um die sich wiederum fein säuberlich von einander abgemessen die Dörfer gnippiren. Für Dorf und Stadt ist die Ausiedlungszahl, die Zahl der Handwerker re., natürlich auch nach einer Schablone, festgesetzt, Straßen und Eisenbahnen sind eingezeichnet, auf dem Papier ist also alles schön fertig und alles muß wie am Schnürchen gehen. Die Verwaltung, bei der die Personenfrage einige Schwierigkeiten machte, ist „ebenfalls mit Windeseile" eingerichtet, und schon sind 4—5000 Juden unterwegs, um diesen Zukunftsstaat zu bevölkern. Da Baron Hirsch auch so vorsichtig ist, nur Leute zuzulasfen, welche kräftig und widerstands­fähig sind, so muß ja die Geschichte gehen. Geht sie nicht, nun so stellt sich das erst nach Jahren heraus, und bis dahin sind voraussichtlich die jetzt werthlosen argentinischen Papiere wieder verkaufbar geworden. Geht sie, nun desto besser, dann ziehen nicht nur die argentinischen Papiere, sondern dann macht sich auch die Kapitalsanlage in Grund und Boden bezahlt; die armen russischen Juden sind ja, wie sich in London und Nordamerika gezeigt hat, ein recht ergiebiger Han- delsgegenstaud. Auf jeden Fall wird also das „Ge- fchäst" gemacht und dabei noch der „Ruhm" eines nationalen Wohlthäters erworben!

* Elend auf Königsthronen.

ist nichts Seltenes und macht die Weisheit unserer Welt­verbesserer zu Schanden, daß es nur eines äußerlichen Wohlstandes bedarf, um auch das innerliche Glück zu haben. Das traurigste aller Beispiele in dieser Be­ziehung liefert Serbien mit seinem fünfzehnjährigen König Alexander, der jetzt auf Reifen geführt wird, nachdem seine Schulbildung, wie es heißt, als abge- schlvsseu gelten kann. Das Haus Obrcnowitsch, dessen Sprosse der junge König ist, hat eine dunkleVergangenheit; man braucht ' nicht zn weit znrückzugehen, um die Ahnen der nunmehrigen Majestät mit Räuberbanden in Verbindung zu finden, mit der Zeit haben dieselben sich aber so emporgearbeitet, daß sie die Hospodare von Serbien, die Karageorwitsche, vertrieben und sich an deren Stelle setzen konnten. Aus dem türkischen Va­sallen wurde ein unabhängiger Fürst, aus dem Fürsten Milan ein König, allerdings mit einer Krone etwas fragwürdiger Güte, wie auch Milan ein recht frag­würdiger König war. Milan verheirathete sich müder Tochter eines russischen Obersten, Natalie Keschko, die Ehe aber war keine glückliche, indem der zu früh ins selbstständige Leben gekommene Milan sich gehen ließ, während Natalie sich weniger um ihre häuslichen An­

gelegenheiten, als um Politik und Jntriguen kümmerte. Immerhin hat Serbien dem Milan Manches zu dan­ken, er hat dem Lande eine Bedeutung verschafft und hätte dieselbe noch wesentlich erhöhen können, wenn nicht der arge Familienzwist sich hindernd in den Weg gestellt hätte. Auf die Dauer ging die Wirthschaft im Hause Milan selbst in Serbien nicht mehr, ein Skandal jagte den andern, mit einem Gewaltstreich löste Milan als „Haupt der Kirche" den Ehebund mit Natalie und verbot derselben, mit ihrem Sohne zu verkehren. Natalie mußte außer Landes, Milan selbst konnte die Krone nicht mehr tragen, dankte ab, sein Sohn wurde König unter Vormundschaft. Milan ging auf Reisen, kam aber jeden Augenblick zurück, wenn ihm das Geld aitsgegangeu war, Natalie suchte sich wieder Einfluß zu erobern, aber Milan sprach mit aller ihm gebliebenen Kraft ein, die Regierung mußte sich vor der intriguanten Königin schützen, den unbe­quemen Milan sich vom Halse halten und dm jungen König erziehen, drei nicht leichte Aufgaben. Natalie kehrte zurück, aber ihre Bemühungen, in die Nähe des Sohnes zu kommen, waren vergebens.

Ein menschliches Mitleid kann man dieser Tra­gödie des Familienslebens schwer vorenthalten. Am meisten von allen ist der Knabe auf dem Thron zu bedauern; er hat seine Mutter am Leben, wurde aber in Wiesbaden aus ihrem Arm gerissen, mit polizei­licher Hilfe wurde er nach seinem Vaterlande zurück- gebracht in die Arme eines Vaters von dem er nicht viel Gutes lernen konnte. Der Vater entsagte der Krone und ging ins Ausland, so wurde das königliche Kind thatsächlich eine Waise, obwohl seine Eltern sich in der Vollkraft der Jahre befinden, ja noch schlimmer als eine Waise, indem er seine Mutter nicht sehen darf und sein Vater fern von ihm weilt. Er mußte den Streit seiner Eltern mitansehen, wird vielleicht später berufen sein, kraft seiner Königlichen Hoheit an Vater oder Mutter Hand legen zu lassen, sofern das wackelnde Gebäude der Dynastie Obrenowitsch nicht von seinem Schicksale erreicht wird. Keine Mutterliebe lächelt dem bruder - und schwesterlosen Königskinde, keine Vatersorge breitet die Hand über dasselbe, von frem­den Männern sieht es sich umgeben, Politik, kalte Berechnung leiten seine Erziehung, jetzt wird der Knabe von einer Hauptstadt zur anderen geschleppt, damit er „die Welt" kennen ferne, bald soll er „Vater seines Volkes" sein, er, der kaum empfunden hat, was Vaterliebe ist, dem die Mutter von der Seite gerissen wurde, der Vater und Mutter durch häßliches Hadern das abschreckendste Beispiel geben sieht. Kann dabei die glücklichste Anlage, die beste Natur, das reichste Gcmüth voll zum Durchbruch kommen? Es wäre fast ein Wunder. Armes Kind bei allem königlichen Glanze!

vermischtes.

(Heimgegebcn.) Chef: „Aber Müller, weshalb arbeiten Sie denn fast gar nicht. Ich fehe Sie immerwährend faulenzen. — Buchhalter (der früher selbstständig war): „verzeihen Sie, das ist noch eine alte Gewohnheit aus der Zeit, als ich auch Chef war". .

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