Donnerstag, den 13. August 1891.
18. Jahrgang
uldaerWZeitlliig
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Br. Die päpstliche Encyklika und die Sozialdemokratie.
Ter .Vorwärts' hat es schmerzlich empfunden, daß wir in dem Artikel „Sozialdemokratische Verkleinerung der päpstlichen Encyklika über die Arbeiterfrage" das Publikum noch einmal auf die oberflächliche und unrichtige Beurtheilung aufmerksam gemacht haben, welche derselbe seiner Zeit der päpstlichen Encyklika hat zu Theil werden lassen. Das Blatt kommt in einem sehr gereizten Artikel vom 5. d. auf unsere Ausführungen zurück, ohne jedoch auch jetzt den Beweis erbringen zu könmn für den famosen Satz, daß der Papst die Arbeiter hart an den Rand des Hungertuches festgenagelt halten wolle. Vielmehr straft der .Vorwärts' selbst nochmals diesen seinen Satz Lügen, wenn er zu seiner Rechtfertigung schreibt: „Was der Papst für die Arbeiter verlangt, wollen wir zur Ergänzung an dieser Stelle noch einmal wiederholen: Einen Arbeitslohn, der die Arbeiter zwar nicht die ärgste Bedrückung so hart wie bisher empfinden läßt, aber doch dem schönen Gedanken entspricht, daß „Leiden und Dulden einmal der Antheil unseres Geschlechtes" sei; für die frommen Arbeiter alsdann ein Sparkassenbüchlein und am Lebensabend ein kleines Gütchen oder Häuschen." — Nennt man das den Arbeiter am Rande des Hungertuches festnageln, wenn man ihm zu einem Sparkassenbüchlein oder gar zu einem kleinen Gütchen verhelfen will? Da muß man doch sonderbare Begriffe vom Hungertuche haben!
_ Um jedoch das ehrliche Publikum vollständig darüber aufzuklären, wie sehr der .Vorwärts' hier daneben gehauen hat. wollen wir die zunächst in Betracht kommende Stelle der Encyklika wörtlich anführcn. Sie lautet in genauer Uebersetzung: Wenn der Arbeiter einen hinlänglich reichlichen (satis amplam) Lohn bezieht, so daß er sich davon mit Frau und Kindern bequem erhalten kann (tueri contmodum queat), so wird er, wenn er klug ist, leicht auf Sparsamkeit bedacht sein, und es dahin bringen, wozu die natürliche Vernunft von selbst mahnt, daß ihm nach Abzug der noth- wendigen Auslagen noch etwas übrig bleibt, womit er zu einem mäßigen Zinsbezug gelangen kann." Das ist der Arbeiter, der am Rande des Hungertuches festgenagelt werden soll! Hätte der sozialdemokratische Erklärer der Encyklika sich doch diese selbst genauer angesehen, dann hätte er sich seine früheren Artikel wie auch seine jetzige Berichtigung sparen müssen. Er hätte dann auch weiter nicht wiederholt die unbegreifliche Behauptung aufstelleu können, daß der Papst von derben Kapitalisten unbequemenSozialreformder deutschen Reichsregierung nichts wissen will."
Jeder, der die Encyklika auch nur oberflächlich ge- lefen hat, weiß, wie weit dieselbe über die bisherige, übrigens schon recht dankenswerthe, Sozialreform der deutschen Reichsregierung hinausgeht. Um nur eine bezügliche Stelle derselben zu erwähnen, setzen wir die Fortsetzung der oben angeführten hierhin: „Nicht blos muß der private Besitz, will man zu irgend einer wirksamen Lösung der sozialen Frage gelangen, als ein unantastbares Recht gelten, sondern der Staat muß auch dieses Recht in der Gesetzgebung begünstigen und sollte in seinen Maßregeln dahm zielen, daß möglichst viele aus den Staatsangehörigen irgend ein bescheidenes Eigenthum zu erwerben trachten." Man merke zum richtigen Verständnisse dieser Stelle, daß es sich dem Zusammenhänge nach gerade um den Schutz des Eigen- thums des kleinen Mannes handelt. Dieser Schutz soll aber nicht nur ein negativer durch Arbeiterschutzgesetze, sondern auch ein positiver durch Sozialreform sein, welche die Vermehrung der kleinen und mittleren Vermögen bezweckt, wie die Encyklika sofort weiter sagt: „Ein solcher Zustand würde von beträchtlichen Vortheilen begleitet sein. Dahin gehört zuerst eine der Billigkeit mehr entsprechende Verthei- lung der irdischen Güter (aequior partitio bonorum)." Den letzteren Satz sucht der .Vorwärts' dahin zu verdrehen, als wenn der Papst dem Arbeiter nicht sein volles Recht zukommen lassen wolle. „Nicht eine der Billigkeit entsprechende Vertheilung der Güter will der Papst, sondern nur eine der Billigkeit nicht mehr so offenbar Hohn sprechende, wie die gegenwärtig übliche," schreibt er. Er übersieht nur, daß der Papst mit gegebenen Verhältnissen rechnet und nicht, wie die Sozialdemokratie, mit Luftgebilden. Der Papst ist nicht so unklug, den arbeitenden Klassen
auf einmal alles versprechen zu wollen, um ihnen dann nichts geben zu können, sondern er will eine gesunde und sichere Sozialreform angebahnt wissen, welche eine allmählige Aussöhnung der Gegensätze anbahnt und dem Arbeiter immer mehr zu seinem vollen Rechte verhilft. Man lese nur in der Encyklika sofort weiter:
„Es ist eine Folge der Umgestaltung der bürgerlichen Verhältnisse, daß die Bevölkerung der Städte sich in zwei Klassen geschieden sieht, die eine ungeheure Kluft von einander trennt. Auf der einen Seite die Uebermacht des Kapitals, welches Industrie und Markt völlig beherrscht, und weil es Träger aller Unternehmungen, Nerv aller öffentlichen Thätigkeit ist, nicht blos seinen Besitzer pekuniär immer mehr bereichert, sondern auch denselben in staatlichen Dingen zu einer einflußreichen Betheiligung beruft. Auf der anderen Seite jene Menge, die der Güter dieses Lebens entbehren muß und die mit Erbitterung erfüllt und zu Unruhen geneigt ist. Wenn nun diesen niederen Klassen Aussicht gegeben würde, bei Fleiß und Anstrengung zu einem kleinen Grundbesitze zu gelangen, so müßte allmählich eine Annäherung zwischen den beiden Lagern von Staatsbürgern statifinden; es würden die Gegensätze von äußerster Armuth und angehäuftem Reichthume mehr und mehr ver- fchwinden."
Wollte sich das sozialdemokratische Centralorgan doch endlich nach Monaten dazu entschließen, seinen Lesern diese und viele ähnliche Stellen der Encyklika selbst mitzutheilen, anstatt sie mit der Neuigkeit zu überraschen, daß der Papst „durch den Kardinal Lavigerie der internationalen Bourgoisie die Hand der Kirche geboten hat". Auch die sozialdemokratischen Leser würden dann doch eine andere Meinung von der Encyklika bekommen, aus welcher der Papst angeblich alles entfernen mußte, „was wie eine Billigung der höchst unschuldigen Sozialreform der deutschen Reichsregierung aussah". Sie würden sich vielleicht überzeugen, wie tief der Papst die soziale Frage erfaßt, wie sicher er die Anbahnung einer gedeihlichen Lösung derselben vorzeichnet, und besonders, wie sein ganzes Interesse den arbeitenden Klassen gehört. Bis der ,Vorwärts' sich aber dazu entschließt, werden wir noch weiter auf feine Artikel über die Encyklika zurückkommen müssen, um namentlich seine Verlegenheit gegenüber den Ausführungen der Encyklika zu zeigen, welche über die sozialdemokratische Verneinung des Privateigenthnms und der Familie handeln. Wir werden prompt der Herausforderung des .Vorwärts' entsprechen: „Heraus mit der Sprache, Ihr Herren, will der Papst noch etwas mehr oder etwas wesentlich Anderes? Und hat er nicht ausdrücklich betont, daß „bei allen Versuchen zur Abhilfe gegenüber den gegenwärtigen sozialen Noth- ständen" durchaus als oberster Grundsatz festzuhalten sei, daß das Privateigenthum heilig und unantastbar bleiben müsse? Oberster Grundsatz also ist es für den Papst, daß bei feiner Lösung der sozialen Frage der Bourgoisie der Pelz gewaschen, aber nicht naß gemacht werde." Unsere Leser werden sich nach dieser echt sozialdemokratischen Aenßerung des .Vorwärts' vom 5. d. M. höchlich darüber wundern, daß dasselbe Blatt sich früher über die Encyklika beschwert hat, weil sie den unschuldigen Sozialdemokraten die Lehre zuschreibe, daß dieselben das Privateigenthum abschaffen wollen. Wir bitten daher, um einen Einblick in die unsichere Spiegelfechterei des ,Vorwärts' zu bekommen, den zuletzt angeführten Satz sich zu merken. Für heute sei nochmals bemerkt, daß die Encyklika gerade das Eigenthum der kleinen und mittleren Besitzer geschützt und gefördert wissen will und der „Bourgoisie" mehr als einmal den Pelz gründlich naß macht. Der.Vorwärts' mag mittlerweile weiter schimpfen. Daran halten wir uns nicht auf, sondern bieten unseren Lesern That- sachen. Das mag der ,Vorwärts' sich von dem „Dunkelmann" gesagt sein lassen, der auch ihm nicht zum letzten Male den Pelz naß gemacht hat. Also nur vorwärts ! Je mehr die päpstliche Encyklika unter das Volk kommt, desto besser. Und am allerbesten, wenn schließlich auch selbst die Sozialdemokraten sie zur Hand nehmen, um selbst zu sehen, wie denn die Sache eigentlich steht. Es mag Manchem dann ein Dämmerlicht aufgehen nach langer Nacht, ein möglicher Ausweg sich zeigen aus den Wirren der Zeit und den wirren Träumen verworrener sozialdemokratischer — Gedanken. Jedoch dies nur zur Probe, daß wir uns auch ein wenig auf — Stil verstehen. Bis nächstens also!
Deutsches Keich.
Berlin, 11. August.
* Als Grund des Bruches zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck wurde bekanntlich vor längerer Zeit in einigen Blättern auch angeführt, der Kaiser habe wissen wollen, worüber Fürst Bismarck mit Tr. Windthorst verhandelt, was Fürst Bismarck verweigert habe, weil die Besprechung eine private gewesen sei. Darüber verlautet jetzt nichts mehr. Ein Korrespondent der ,Ess. Volksztg.' ist aber, wie er schreibt, nun in der Lage, bestimmt mittheilen zu können, daß die Unterredung Bismarcks mit Windt- horft, welche auf Anlaß des Ersteren stattgefunden haben soll, nicht die Ursache des Bruches war,Menn dieser war damals bereits erfolgt.
„Dr. Windthorst weilte," so schreibt der Korrespondent, „zur Zeit in Ems, als ich mich auch daselbst aushielt. Windthorst konnte seiner Augen wegen bekanntlich kaum mehr lesen und bat mich, täglich ins Lesezimmer zu gehen und ihm über Wichtigeres zu referiren. Da las ich obigen „Grund der Entlassung" und theilte denselben Windthorst mit. „Das ist nicht wahr, erwiderte Dr. Windthorst lebhaft. Zwei Thatsachen vergesse ich nie in meinem Leben: als ich dem Könige Georg von Hannover mittheilen mußte, daß es aus sei mit seiner Herrschaft, da stand ich an dem moralischen Sterbebett eines entthronten Königs; und dann, als mir Bismarck mit Thronen in den Augen sagte: Man will mich nicht mehr, ich mich gehen; da stand ich an dem moralischen Sterbelager einer gefallenen Größe."
Ueber die Unterredung selbst habe ich nichts erfahren; wohl aber sagte mir Dr. Windthost noch, er habe damals dem Fürsten Bismarck, als dieser ihm seinen Sturz mitgetheilt, geantwortet: dann will ich Ihnen sagen, daß Caprivi Ihr.Nachfolger wird. Das erläuterte mir Herr Dr. Windthorst also: Vor fünf Jahren habe ich in einer Gesellschaft, in welcher über die Frage discutirt wurde, wer eventuell Nachfolger Bismarcks würde, erklärt, Caprivi wird sein Nachfolger. Nach einiger Zeit sagte mir ein Herr, der an dem Gespräche sich berheiligt hatte und dem Kaiser Friedrich nahe stand, er hätte dem Kaiser Friedrich über unsere Unterhaltung berichtet, worauf Kaiser Friedrich geantwortet habe, daß Caprivi ein tüchtiger Soldat sei, wäre bekannt, ob er aber auch ein guter Diplomat sei, darüber wolle man ihn aufs Korn nehmen. Insofern bin ich vielleicht die Ursache, daß Caprivi der Nachfolger Bismarcks geworden. Ich jage das post hoc, nicht gerade propter hoc."
* Der Vertrieb der Loose der deutschen Antisklaverei- Lotterie ist jetzt auch für Elsaß - Lothringen und ebenso für Bremen, das sie ursprünglich versagt hatte, genehmigt worden. Dagegen ist die Zulassung der Loose im Königreich Sachsen endgiltig abgelehnt worden mit der Begründung, daß, obwohl zu Gunsten der Kölner und Ulmer Dombaulotterien Ausnahmen gemacht seien, jetzt grundsätzlich Geldlotterieen nicht mehr zu- gelassen würden. Die Genehmigung der Kölner Dom- baulotterie sei in einer Zeit erfolgt, wo diefer Grund- fatz noch weniger bestimmt zur Annahme gelangt fei, und znr Genehmigung der Ulmer Lotterie sei hauptsächlich die Rücksicht auf die Parität beider Konfessionen maßgebend gewesen.
* Die in Gelsenkirchen erscheinende sozialdemokratische Arbeiterzeitung hat den traurigen Muth, offen den Satz zu vertreten, daß der Meineid für Sozialdemokraten unter Umständen e r l a u b t sei. Sie schreibt nämlich: „Wir haben uns erlaubt, den Meineid unter gewissen Verhältnissen zu vertheidigen. Auf diesem Standpunkt stehen wir auch heute noch, ob die Presse der Heuchler und Ausbeuter sich darüber ärgert oder nicht. Wir haben ausdrücklich hervorgehoben, daß der Meineid dann ein Zeichen von edler Gesinnung ist, wenn es gilt, den Freund oder Genossen vor den Folgen gewisser Schandgesetze zu bewahren, d. h. Gesetze, welche den Arbeiter politisch rechtlos machen, von ihm verlangen, an dem Freunde und Genossen zum Verräther zu werden. Ebenso hoch als der Eid vor Gericht und' der Verrath, welchen die von unfern Unterdrückern gemachten Gesetze von uns fordern, muß einem Sozialdemokraten Der Eid der Treue, den er dem Freunde und Genossen gegeben, stehen. Allerdings gilt das Gesagte nur, wenn es sich um die Ablegung des Eides bei politischen Prozessen handelt, bei Prozessen, wo es sich um gemeine Verbrechen handelt, sind wir gewiß die letzten, die den Meineid entschuldigen." — Auch ein Beitrag zur „Moral ohne Religion !"
* Ter ,Bolksverein' betitelt sich die Vereins-Zeitschrift, welche der Volksverein für das katholische