JM 181
Sonntag, den 9. August 1891.
!8. Jahrgang
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39* Hierzu eine Beilage.
„Unser tägliches Krod gib uns heute!"*)
Wenn die „schlechten Zeiten" noch schlechter gemacht werden, als sie sind, so denke ich 21 Jahre zurück an den August von 1870, als unsere Truppen im Felde standen und ganz Deutschland in fieberhafter Aufregung fein ganzes Denken und Können auf den Krieg richtete. Ein Theuerungsjahr in Frieden ist doch besser, viel besser als ein Kampf- und Blutsahr!
Das jungeGeschlecht, das noch nicht dreimal genullt hat, weiß den Werth des Friedens und die Schattenseiten des Krieges nicht so zu würdigen, wie wir Aelteren, die 1864, 66, 70/71 mit Verstand durchlebt haben. Das bischen Krieg von 1877/78 weit hinten in der Türkei hat dem Nachwuchs in Mittel- und Westeuropa natürlich keinen rechten Begriff von den Folgen einer Mobilmachungs-Ordre geben können. Aus den Büchern lernt die Jugend natürlich die schönen Seiten der siegreichen Entfaltung der Volkskraft kennen und das gehört sich ja auch so. Aber es ist doch schade, wenn die Erkenntniß für die Schrecken des Krieges leidet. Denn je weniger man sich bewußt ist, wie fehr man dem Himmel für die Erhaltung des Friedens dankbar sein muß, desto mehr neigt man zur Unzufriedenheit und Begehrlichkeit. Statt froh zu sein, daß man in Ruhe und Sicherheit sein tägliches Brod verdienen und essen kann, zankt man um die Butter auf dem Brode und agitirt für Kuchen.
Ach, wie sehr vermag der Mensch seine Bedürfnisse einzuschränken, wenn er muß! Aber wie versteht er sie auszurecken, wenn er freien Spielraum für seine Gelüste hat oder zu haben glaubt! Das schönste Gummi reicht an diese Elastizität der menschlichen Bedürfnisse nicht heran. Die schwersten Mühseligkeiten und die schrecklichsten Nöthen übersteht die Menschheit in ungebrochener Kraft, und eine Fülle von Segen und Glück nimmt sie hin, ohne je befriedigt zu werden.
Es sieht fast so aus, als ob der liebe Gott uns dieses Jahr eine kleine Verwarnung zukommen lassen will, damit wir nicht gar zu üppig werden. Ein großer Theil der Zeitgenossen hatte sich offenbar in die Einbildung hineingelebt, daß die Menschheit im vollsten Sinne des Wortes ihres Glückes eigener Schmied sei und daß es in den „modernen" Verhältnissen auf Gottes Hilfe und Segen nicht mehr ankomme. Aber nun müssen Alle, auch die „Aufgeklärtesten", den Blick zum Himmel emporheben, und wenn sie nicht an die Vorsehung über den Wolken denken wollen, so müssen sie wenigstens Wolken und Wetter betrachten und dabei sich an die vierte Bitte erinnern: Unser tägliches Brod gib uns heute! Wir können es uns nicht selbst geben, trotz aller Fortschritte der „Bildung", der „Kultur", der „Civilisation". Angewiesen auf die Gnade einer höheren Macht stehen wir da und forschen rings umher: Wie steht's mit der Ernte? Ist Korn genug gewachsen? Gestattet das Wetter die rechtzeitige Einfahrt in gesundem Zustande? — Nun, im Großen und Ganzen geht es ja noch glimpflich ab. Trotz aller Sonderbarkeiten der Witterung und trotz der Verunglückung der Saaten an einzelnen Stellen scheint doch das Nöthige gewachsen zu sein, so daß Ms weder Hunger noch wirkliche Nothstands-Preise drohen. Aber die Kugel der Noth ist uns doch hart am Kopfe vorbeigepfiffen und auch die blöden oder verstockten Geister sind sich der Gefahr bewußt geworden. Der Weltenlenker da droben über den jagenden Wolken und den huschenden Sonnenstrahlen hat uns recht vernehmlich zugerufen: „Was wollt ihr denn, ihr eitlen Menschlein im Ameisenhaufen, den man „Erde" nennt? Was bildet ihr euch ein über die eigene Leistungsfähigkeit und wagt das Schicksal in die Schranken zu fordern? Ihr nennt euch „Herren der Welt" und seid doch nichts anderes als Bettler vor Meiner "Thür, die auf die Brosamen warten, die vom Tisch Meiner Vorsehung fallen. Ihr werft die Saat in die Furchen auf's Gerathewohl; aber wenn Ich sie nicht wachsen und gedeihen lasse und wenn Ich nicht dem Hagel, der Fluth, dem Feuer seine Schranken ziehe, dann verhungert ihr bei all' eurer selbstgefälligen Weisheit."
Wahrlich, es ist ein entsetzlicher Gedanke, was bei einer allgemeinen Mißernte aus der dichtgedrängten
♦) Nachdruck nicht gestattet.
Menschheit in Europa werden sollte! Im Gefolge des Nahrungsmangels würden sich die schrecklichsten Seuchen einstellen; zu dem körperlichen Elend würde die geistige und sittliche Verwirrung kommen: Raub, Aufruhr, Umsturz, Brand und Mord. Eine Art von neuer Sintsluth würde die Menschheit lichten und die Welt umgestalten in ein Ruinen- und Gräberfeld, aus dem langsam und mühsam neues Leben sich ewporarbeiten müßte.
Bei den modernen Verkehrsverhältnissen sei eine Hungersnoth ausgeschlossen, sagen uns beschwichtigende Stimmen. Gewiß, ein kaufkräftiges Land kann feinen Mangel decken, fo lange die anderen Länder etwas übrig haben. Aber wenn nun die andern auch Mange leiden? Eine allgemeine Mißernte gibt man für sehr unwahrscheinlich aus. Aber daß sie möglich ist, haben uns doch die Ereignisse dieses außergewöhnlichen Sommers recht deutlich merken lassen. Es ist nicht so weit her mit den sogen. „Kornkammern der Welt?" Rußland, Nordamerika, Ostindien sind die drei maßgebenden Aushelser. Wenn auch nur zwei von ihnen eine ausgesprochene Mißernte haben, so sitzen wir in der Klemme. Und diese Gefahr lag wahrlich diesen Sommer nahe genug.
Auf einer wisfenschastlichen Versammlung wurde vor etlichen Jahren der fulminante Gedanke ausgesprochen, der Mensch müsse sich unabhängig zu machen suchen von dem Wachsthumsprozeß im Ackerboden und die Herstellung von Nahrungsmitteln auf chemischem Wege anstreben. Ob es überhaupt möglich ist, in den lateinischen Küchen das nachzumachen, was die Sonne in der riesigen Retorte des Ackers besorgt, brauchen wir nicht zu entscheiden. Vorläufig ist diese Kunst noch n i ch t erfunden und auch noch kein Anlauf dazu genommen worden. Ehe sie erfunden wird, können wir Alle längst verhungert sein, falls ein unfruchtbares Jahr zum Weltenplane Gottes gehört. Die Menschheit ist zur Zeit ohnmächtig gegenüber Wind und Wetter.
Diese Lage braucht aber nicht zur Verzweiflung, fondern bloß zu etwas Bescheidenheit zu treiben. Die Menschheit muß von ihrem Eigendünkel zurückkommen und anerkennen, daß es eine Macht über ihr gibt, mit der nicht zu fpassen ist. Das gehört auch zur „Sozialreform", daß man allseitig sich wieder bewußt wird, was der Bittspruch zu bedeuten hat: „Unser tägliches Brod gib uns heute!" Es wird uns gegeben — aus freier Güte, ohne daß wir einen Rechtsanspruch haben. Und wenn uns das Almosen des täglichen Brodes verweigert wird — so müssen wir uns geduldig fügen, denn wir können es dem Himmel nicht abtrotzen.
Wo man das Vaterunser recht versteht und den Gang der Welt ohne selbstsüchtige Verblendung betrachtet, da wird bei der Erntefeier nicht bloß an Trinken und Tanzen und sonstigen Uebermuth, sondern vor Allem an die Dankbarkeit gegen.den Spender alles Guten gedacht werden, auch wenn nicht alle Hoffnungen erfüllt worden sind. Denn auch der kleinste Ertrag ist ein Geschenk der Güte.
Das gilt nicht bloß für die Landwirthe, welche die Mittel für ihren Lebensunterhalt in Garben einholen, fondern für Alle; denn sammt und sonders sind wir auf den Segen angewiesen, den Gott auf die Saat unserer Arbeit legt. Wir arbeiten alle für das tägliche Brod, jeder in seinem Berufe; aber was wir errungen zu haben scheinen, ist uns in Wirklichkeit gegeben worden vom Höchsten; denn wenn er feine segnende Hand zurückzieht, dann verhungert der Fabrikherr zwischen seinen Produkten, der Millionär neben seinem Goldhaufen, der Kaufmann in seinem reichgefüllten Laden.
Wie alt und wie bekannt ist diese Wahrheit! Aber wie oft wird sie vergesfen, auch von den Christen, und wie oft wird sie in Wort oder That bestritten! Da steckt die Wurzel der U nzufriedenh eit. Wenn es uns gut geht, so bilden wir uns ein, wir seien selbst die Ursache unseres Glücks. Aber wenn es uns schlecht geht, da suchen wir die Ursache nicht in uns, sondern in den Mitmenschen, den schlechten Zeiten oder den mißliebigen Einrichtungen. Wir bilden uns ein, daß die Welt speziell für uns gemacht sei und daß der Schöpfer seine ewige Weltordnung nach unseren persönlichen Wünschen hätte zuschneiden müssen. Und was ist denn der einzelne Mensch im Verhältniß zur Erde oder gar zum ganzen Weltall? Noch viel weniger,
als eins Tröpfchen im Verhältniß zum Weltmeer. Seien wir froh und dankbar, wenn wir so viel Gnade finden, daß wir das Dasein bewahren und den Pilgergang zur Ewigkeit uns weiterschleppen können. Leben heißt Streben, aber Streben heißt nicht anmaßend, begehrlich, undankbar sein.
Es ist dieselbe Weisheit, die sich in manchem trefflichen Spruch ausdrückt. „Genieße froh, was Dir beschieden; entbehre gern, was Du nicht hast." ^Viel ernster und packender ist das unvergeßliche Wort^des Dulderkaisers: „Lerne leiden, ohne zu klagen." Die Menschheit muß sich wieder bewußt werden, daß Entbehrungen und Leiden zum irdischen Dasein gehören, daß nicht bloß die Tugend, sondern auch die Klugheit gebietet, leiden zu lernen. Denn wer diese Kunst nicht versteht, für den verschärft sich das unvermeidliche Leid.
Die Stürmer und Dränger, die sich vergebens bemühen, mit Frevlerhand das Glück vom Himmel zu reißen, sind noch mehr zu beklagen, als zu tadeln. Glücklich werden sie nicht. Wohl aber kehrt das Glück bei denen ein, die sich dankbar begnügen mit dem, was Gott znm Lohn ihres Fleißes bestimmt hat, und die bei schlechter wie bei guter Ernte mit Dankbarkeit und Vertrauen sagen: „Unser tägliches Brod gib uns heute!"
Deutsches Deich.
Berlin, 7. August.
* Nach der ,Voss. Ztg.' wird die Ministerialver- ordnung betr. Ausführung des Einkommensteuergesetzes in 14 Tagen publizirt.
* An der Flottendemonstration der Mächte in China anläßlich der dortigen Ehristenberfolgungen sind deutscherseits die Kanonenboote „Iltis" und „Wolf" betheiligt.
* Tie Eisenbahngesellschaft für Deutsch-Lstafrika (Usambara-Linie) hat sich heute konstituirt. Das Grundkapital beträgt 2 Millionen; dasselbe ist voll gezeichnet.
* Eine Broschüre „Gib uns Brod, Kaiser", von Florian Geyer, dem bekannten Konservativen, wurde in sämmtlichen Buchhandlungen konfiszirt.
* Fürst Bismarck, welcher vom „Verein deutscher Studenten' eingeladen war, an der Grundsteinlegung des Kyffhäuser-Denkmals theilzunehmen, hat sein Ausbleiben in folgendem Schreiben entschuldigt: „Ihrer gefälligen Einladung zum Kyffhäuser-Feste bedaure ich nicht folgen zu können, weil mein Gesundheitszustand und meine Kur die Theilnahme an Festen im Freien nicht gestatten. Mit verbindlichstem Danke für Ihr freundliches Schreiben, v. Bismarck.
* In der gestrigen Konferenz der Ehigagoer Welt- ausstellungs-Kommi'ssark mit dem Reichskommissar, Geh. Reg.-Rath Wermuth wurde nach einem Bericht des ,5ß. T. B.' der wesentliche Theil aller einschlägigen Fragen erledigt. Nachdem vom Reichskommissar der ungefähre Raumanfpruch Deutschlands auf der Ausstellung festgestellt worden war, erklärten die Kommissare, daß die sür Deutschland in Aussicht genommenen Gebäude den mitgetheilten Ansprüchen vollauf genügten, daß aber auch einem etwa sich herausstellenden Mehr- erforderniß gegenüber entsprochen werden würde. Die übrigen Fragen betrafen den Transport der Ausstellungsgüter sowie deren Versicherung, ferner den Patentschutz, das Mitbringen deutscher Arbeiter, die Einrichtung besonderer Räumlichkeiten für Gebäude nationalen Charakters und für den Getränkeausschank; alle wprden eingehend besprochen und in befriedigender Weise geregelt. Was die Vertretung der Kunst auf der Chicagoer Ausstellung angeht, so sind besondere Verabredungen Vorbehalten, da ein für diese Angelegenheit bestimmter besonderer Delegirter von Chicago nach Berlin unterwegs ist. Die Chicagoer Kommission begibt sich von hier nach Frankfurt a. M., dann nach Oesterreich-Ungarn, Schweden, Norwegen, Dänemark uno der Schweiz zum Zweck ähnlicher Vorbe- prechungen, wie sie hier stattgefunden haben.
* Zum Katholikentage in Danzig schreibt das ,Westpr. Volksbl.:
Nur nach Tagen7zählen wir noch die Zeit bis zum Beginn der in diesem Jahre so bedeutsamen Tagung. Das Lokalkomitee ist bereits in die spezielleren Arbeiten zum Empfange der Gäste eingetreten. Die Wohnungs-, Lrdnungs-, , Ausschmiickungs-, Begrüßungs- und' Vergnügungskommission sind in lebhaftester Thätigkeit, die Vereine treffen ihre letzten Vorbereitungen. Die Anmeldungen mehren sich bereits von Tag zu Tage. Da ist es