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Mittwoch, den 5. August 1891.

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* Ium Gage des hl. Ignatius, dem 31. Juli d. I., dessen Bedeutung wir bereits kurz gewürdigt haben, brachte die.Deutsche Reichsztg/ nach­stehenden größeren Artikel:

Tausende und abermals Tausende von Katholiken werden heute fragen: Was wird das Schicksal des Centrums-Antrages auf Aufhebung des Jesuitengesetzes sein? Werden wir im kommenden Jahre die Freude haben, unsere Söhne und Brüder, die in die Gesell­schaft Jesu eingetreten sind, bei uns das Fest ihres Ordensstifters feiern zu sehen, oder wird vielleicht gegen dieselben noch immer das Gesetz aufrecht erhalten wer­den, durch welches sie vor fast 20 Jahren, ohne daß auch nur ein Mitglied der Gesellschaft sich eines Ver­brechens schuldig gemacht hatte, vom vaterländischen Boden verwiesen worden sind?

Ich glaube auf die Frage antworten zu können: Da der Reichstag nicht geschlossen, sondern nur vertagt ist, so wird der Antrag, den das Centrum gestellt hat, nach Wiederaufnahme der Sitzungen zur Verhandlung kommen; die Mehrheit des Reichstages wird sich für die Aufhebung des Gesetzes aussprechen und der Bun­desrath dem Beschluß des Reichstages seine Zustimmung geben; ich hoffe zuversichtlich, daß, wenn im nächsten Jahre der 31. Juli wiederkehrt, an vielen Orten unseres Vaterlandes das Fest des hl. Ignatius von seinen geist­lichen Söhnen wird gefeiert werden.

Allerdings sind von protestantischer Seite dem Reichs­tage viele Petitionen gegen die Wiederzulassung der Jesuiten zugesandt worden; es sind aber zur Unter­stützung des Centrums-Antrages beim Reichstage auch viele Petitionen für die Wiederzulassung der Jesuiten eingegangen, und letztere tragen im Ganzen 1,081,006 Unterschriften, während erstere im Ganzen 1,125,140, also nur 44134 mehr Unterschriften tragen, wiewohl im D-ueschsn SR 01(4)0 hie Qnbl her ßnih^ifor, bei­der Protestanten sich ungefähr verhält wie 1 zu 2'/,. Es ergibt sich daraus, daß das Verlangen nach Auf­hebung des Jesuitengesetzes bei den Katholiken weit allgemeiner ist, als bei den Protestanten der Wider­spruch gegen die Aufhebung desselben, daß viel mehr Protestanten sich gleichgiltig verhalten gegenüber der Wiederzulassung der Jesuiten, als Katholiken gegenüber der ferneren Ausschließung derselben. Hab' ich Unrecht, wenn ich annehme, daß, soweit es auf die Petitionen ankommt, Reichstag und Bundesrath sich eher für als gegen den Centrums-Antrag entscheiden werden?

Weder den Mitgliedern deS Reichstages, noch den Mitgliedern des Bundesrathes kann es unbekannt sein, daß es bloße Furcht ist, was einen Theil unserer prote­stantischen Mitbürger veranlaßt hat, Petitionen gegen die Wiederzulassung der Jesuiten zu unterschreiben. Sie fürchten nämlich, daß die Jesuiten, wenn sie in's Reich zurückkehren, den Protestantismus vernichten und die Anhänger desselben zur katholischen Kirche zurückführen werden. Für so schwach fundirt halten sie die Sache des Protestantismus: eine kleine Anzahl von Männern, die nichts besitzen als Rock und Stock und dazu ihr Brevier, soll im Stande sein, den Protestantismus auf deutschem Boden auszurotten. Der Ansicht sind nun

Aach zehn Jahren.

Eine Skizze von I. v. Dirkink.

(1. Fortsetzung.)

„Weißt Du, wer der Held ist, Babel?" fragte Helene mit überströmendem Gesicht. Die Alte schluchzt und fährt sich mit dem Rücken der runzeligen Hand über die braunen Wangen, welche von heißen Thränen be- -thaut sind. „Unser Hauptmann von S.!?" Helene nickte. Das Abendbrod blieb unberührt. Nach einer Weile trat Helene, die brennende Kerze in der Linken, in das Schlafgemach, wo der Kleine gebettet lag, dessen zartes, rosiges Gesichtchen wie eine frischgefallene Apfel- blüthe zwischen den Kissen hervorschimmerte. Das füße Kinderantlitz war Zug um Zug das Ebenbild feines Heldenvaters. Auch hier liefen die Spitzen der dunkeln Augenbrauen auf der Nasenwurzel m ein« xutber.

„Das ist ein böses Zeichen," hatte Babet gesagt, solche Leute sind vom Schicksal gezeichnet." „Ah, bah, wer wird so abergläubisch sein?" sagte Helene, während sie dem schlummernden Liebling das Stirnhaar sanft von den Schläfen zurückstrich, und das braune anker­förmige Mal suchte, das ihrer Schwester so viel Kum­mer bereitet, für dessen Verschwinden sie vergebens alle ausgezeichneten Mittel angewandt hatte.

sicher nicht die Mitglieder der Reichstages und des Bundesrathes, welche recht gut wissen, daß die Jesuiten in anderen Ländern, z. B. England, Holland, in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, trotz der Frei­heit, deren sie sich dort erfreuen, daß sie auch in Preußen, wo sie 24 Jahre lang vor ihrer Vertreibung eine weit ausgebreitete Thätigkeit ausgeübt, den Prote­stantismus nicht vernichtet, ja nicht einmal seine Stel­lung erschüttert haben. Reichstag und Bundesralh ken­nen diese Furcht nicht, werden deshalb durch solche Furcht sich auch nicht bestimmen lassen, wenn es sich um die Frage handelt, ob die Jesuiten in das Vater­land sollen zurückkehren dürfen. Sie haben eben einen weiteren Blick, als die Herren vom Evangelischen Bunde, welche der Thätigkeit der Jesuiten eine Wirkung bei­legen, die heutzutage, menschlich gesprochen, als durch­aus unmöglich erscheinen muß.

Zudem dürften wohl wenige Mitglieder des Reichs­tags — und von den verbündeten Regierungen glaube ich dasselbe annehmen zu sollen — der Ansicht sein, daß ein Gesetz noch ferner aufrecht erhalten werden könne, welches vor 19 Jahren gegeben worden ist, ohne daß seitens der von demselben betroffenen Gesellschaft, ja auch nur seitens eines Mitgliedes der Gesellschaft eine Handlung vorlag, welche in irgend einer Weise verdient hätte geahndet zu werden. Als das Gesetz ge­geben wurde, beherrschte in den weitesten Kreisen die Gemüther eine Aufgeregtheit, die manches entschuldigen läßt; heute ist die Ruhe zurückgekehrt. Wäre das Ge­setz damals nicht gegeben, heute würde es nicht gegeben. Das wird Niemand in Abrede stellen, selbst, glaube ich, der feurigste Bruder nicht vom Evangelischen Bunde. Mit demselben Rechte aber werde ich auch be­haupten dürfen, daß, nachdem die Fraktion des Cen­trums die Anregung gegeben und zahlreiche Katholiken

L-h Bundesralh dem Cenlrumsantrage gemäß sich entscheiden und ein Gesetz aufheben werden, welches nur einer zur Zeil seiner Entstehung herrschenden Aufgeregtheit sein Dasein verdankt.

Der Jesuilenpater Viktor Kalhrein hat eine Schrift herausgegeben, die den Titel: „Der Sozialismus, eine Untersuchung seiner Grundlage und seiner Durchführ­barkeit" führt. Dieselbe fand vor einigen Monaten eine in hohem Grade anerkennende Beurtheilung in dem .Deut­schen Reichs- und Preußischen Staatsanzeiger'. Sollte es denkbar sein, daß in einer Zeit, wo man alle zur Bekämpfung der sozialistischen Umsturzpläne geeigneten Kräfte glaubt sammeln zu müssen, eine kirchliche Ge­nossenschaft noch ferner werde vom Valerlande ausge­schlossen bleiben, aus welcher Schriftstücke hervorgehen, deren Bedeutung für die gegenwärtigen Zeitverhältnisse in einem den höchsten Verwaltungskreisen so nahe stehenden Blatte anerkannt wird? Ich halte es für un­denkbar, für unmöglich.

Die nächste Reichstags-Sessionrichtiger die Fortsetzung der unterbrochenen Session — wird uns die Entscheidung bringen über das Schicksal des von dem Centrum gestellten Antrages auf Aufhebung des

Doch einen Knaben entstellt ja solch ein Muttermal qar nicht. Plötzlich fiel aus Helenens Augen ein heißer Tropfen auf das Antlitz des kleinen Schläfers nieder. Er verzog das Gesicht wie im Traum; schnell beugte sie sich über ihn, hauchte einen Kuß auf seine Stirn und sank betend vor seinem Lager in die Knie. Am folgenden Morgen beschäftigte sie sich vorzugs­weise mit dem Kinde, dem sie die Eltern zu ersetzen suchte. Und sein fröhliches Geplauder vertrieb die Wolken von ihrer Stirne.

Aber auch die Sorge ums tägliche Brod schlich all­mählich in die kleine Behausung ein; denn wer gedachte in dieser politisch bewegten kriegerischen Zett ihrer Alltagsnoth? Die Geldangelegenheit, welche Helene in den Stand setzte, ihre Studien nachzuhängen, lag einzig in den Händen ihres Schwagers. Jetzt trat bte Existenzfrage zum ersten Mal in ihrem Leben an ba§ junge Mädchen heran, doch wieder sollte sich Babettens Treue bewähren.

Unaufgefordert, als ob es sich ganz von selbst ver­stehe griff sie ihre eigenen Ersparnisse an und bestritt die Kosten des Haushaltes, damit nur Alles im ge­wohnten Geleise bliebe. Aber Helenens scharfem Auge entging diese Einmischung nicht; rathlos, tiefbelümmert stand sie ihr gegenüber. Auch von Gravelolle liefen die trostlosesten Nachrichten ein, nur mit Mühe konnte

Gesetzes, durch welches im Jahre 1872 es den Mit­gliedern der Gesellschaft Jesu unmöglich gemacht wurde, zum Wohle der deutschen Katholiken ihre reichen Kräfte zu verwenden. Ich hoffe, der Reichstag nimmt ben Antrag an, der Bundesrath stimmt zu, das Gesetz wird aufgehoben, und die Väter der Gesellschaft Jesu kehren zu uns zurück, halten wieder, wie früher, Missionen und Vorträge unter uns, nicht, um die Protestanten katholisch zu machen, was sie auch früher nicht gethan, sondern um die Katholiken in dem katholischen Glauben und in den Tugenden des Chriftenthums zu befestigen und dadurch am Kampfe gegen die Sozialdemokratie in wirksamster Weise sich zu betheiligen.

Deutsches Keich.

Berlin, 3. August.

* Die sozialdemokratischen Führer haben bekanntlich vor längerer Zeit die Parole ausgegeben, in den großen Jndustrieeentren möchten sich lands­mannschaftliche Bereine bilden, um die Agitation in den Heimathorten zu unterstützen und zu pflegen; die persönlichen Beziehungen seien gerade bei der Agitation von allergrößtem Werth. Ein Verein der hier leben­den Ost- und Westpreußen Hal sich bereits gebildet und seinem Wirken wollen die Sozialdemokraten es zum Theil zu verdanken haben, daß im Wahlkreis Memel die sozialdemokratischen Stimmen so rapid an­wuchsen; die Thatsache ist um so bemerkenswerlher, weil die Sozialdemokratie bei allen Nachwahlen zum Reichstage (Kassel, Geestemünde) einen bedeutenden Rückgang ihrer Stimmen zu verzeichnen hatten. Durch persönliche Beziehungen haben die hier lebenden Sozial­demokraten aus Ost- und Westpreußen Zeitungen und Broschüren dorthin senden können, wohin sonst die sozialdemokratische Agitation nicht gelangen konnte. Die (DÜßllUUCUlUlrtUCU |»vyi VIVVI , »»> VW> ~-3—

wirb bereits ein solcher für die Wahlkreise Wittenberg, Schweidnitz, Torgau hier ins Leben gerufen werden; für Pommern, Schlesien, Rheinland, Westfalen u. s. w. sollen ebenfalls landsmannschaftliche Vereine gegründet werden, die natürlich in erster Linie ben Zweck haben, die Agitation in bet Heimalh zu pflegen und auszu­bauen. Von den zahlreichen Wegen der sozialdemo­kratischen Agitation ist der damit eingeschlagene jeden­falls neu und eigenartig.

* Die Vorarbeiten für die Fortführung der Steuer­reform sind in vollem Gange. Es handelt sich um den endgültigen Abschluß der Einkommenbesteuerung durch die Sonderung der Steuer von sundirtem und unsun- dirlem Einkommen und um die Kommunalsteuerreform.

* Jrn Auftrage des Kaisers begibt sich der General­arzt der Armee Dr. v. Coler anfangs September nach England, um dem in London stallsindenden Aerztekongreß beizuwohnen.

• Der altkatholische Bischof Dr. Reinkens hegt in Thun in der Schweiz fast hoffnungslos krank darnieder.

* Der Erzbischof von Köln Hal mit Rücksicht auf das schlechte Erntewetter Gebet um günstigeres Wetter angeordnet.

Helene dem Kleinen ihre Thränen verbergen. Täglich führte Babel das Kind ins Freie hinaus in den ent­legenen Sladtgarlen, oder sie spazierten das Rheinufer entlang, damit Helene ungestört ihren Singübungen nachhängen konnte, wozu sie durchaus der Ruhe be­durfte. , , .

So nahte Helenens Geburtstag heran, zu dem Babel auch jetzt wie früher ihre geheimen Vorberei­tungen traf. Blumenspenden, das Zimmer zu schmücken, fehlten nie, aber mußte sie jetzt nicht ihre Aufmerk­samkeit verdoppeln, da ja von Helenens Schwester kein Glückwunsch zu erwarten war? Seitdem die Aermste, selber kränkelnd und mitten im Feindesland am Sterbelager des Gallen weilte, würde sie außer an ihn wohl keinen anderen Gedanken Raum geben.

„Komm Otto!" rief Babel, am Tage vor dem häuslichen 'Feste dem Knaben zu, um ihn ins Freie hinauszulocken. Dieser aber konnte sich heute von seinen ausmarschierten Truppen nicht trennen. „Komm, gehst Du mit?" mahnte sie wieder und wieder. Endlich schien er sich zu besinnen. Babet führte ihn feit Kurzem oft in einen großen Blumengarten, wo es jedoch keine Leckerbissen sür ihn gab; das Soldaten­spiel verlockte zum Dableiben. Während Babet ihre Ueberredungskünste versuchte, trat Helene an ihn heran und streichelte ihm die schmalen Wangen. Eine seltsame