176 Dienstag, den 4. August 1891. 18. Jahrgang
FuldaerW Zeitung
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Br. Sozialdemokratische Verkleinerung der päpstl. Encyklika über die Arbeiterfrage. R Das Centralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der berliner .Vorwärts,' brachte seiner Zeit eine Reihe von fünf Artikeln über die päpstliche Encyklika über die Arbeiterfrage. In dem ersten dieser Leitartikel, welche wohl der Feder L i e b k n e ch t s, des geistigen Leiters des .Vorwärts', entstammen, war dem Papste das Zeugniß ausgestellt, daß er durch die Encyklika den Weg zur Lösung der Arbeiterfrage so weit gezeigt habe, als dies unter den gegenwärtigen Verhältnissen möglich sei: „Ja — es ist gewißlich und wahrhaftig wahr, er hat die soziale Frage gelöst, genau so weit, als sie die heute bestehenden Gewalten überhaupt zu lösen vermögen", schrieb der .Vorwärts' am 26. Mai. d. I. Als diese halb ernste und halb ironische Aeußerung sofort von der katholischen Presse, zunächst von der .Germania', aufgegriffen und zu Gunsten der päpstlichen Encyklika verwerthet wurde, beeilte sich der ,Vorwärts' in den folgenden Artikeln dieselbe um so mehr in gewohnter Weise zu schmähen und zu verkleinern. Speziell wurde im vierten Artikel über die päpstliche Encyklika vom 2. Juni d. I. die angeführte Aeußerung der ,Germania' gegenüber in folgender Weise näher erklärt: „Das also ist der soziale Reformplan des Papstes. Er will die Arbeiter in materieller Beziehung hart an den Rand des Hungertuches festgenagelt halten und sie mit der Hoffnung auf ein kleines Eigenthum, ein winziges Gütchen, bis zur Lebensneige über die Fülle an Arbeit, die Nothdürftigkeit des Arbeitsertrages Hinwegtäuschen. So weit in der That können die heute herrschenden Gewalten, wenn sie ihre bevorzugte Stellung nach allen Richtungen hin aufrecht erhalten wollen, die soziale Frage lösen — so weit da von lösen die Rede sein kann —, nicht ein Haar breit weiter." Der ,Vorwärts' hat mit dieser matten Berichtigung entschieden — Pech gehabt, wie man sozialdemokratisch sagen würde. Daß die Encyklika die Arbeiter hart an.den Rand desHungertuches festgenagelt halten will, kann nicht einmal der glauben, welcher die Encyklika auch nur aus den Artikeln des .Vorwärts' kennt, geschweige einer, der sie selbst gelesen hat. Um nur eine Stelle derselben zu erwähnen, so sagt die Encyklika: „Nicht blos muß der private Besitz, will man zu irgend einer wirklichen Lösung der sozialen Frage gelangen, als ein unantastbares Recht gelten, sondern der Staat muß also auch dieses Recht in der Gesetzgebung begünstigen und sollte in seinen Maßregeln dahin zielen, daß möglichst viele aus den Staatsangehörigen irgend ein bescheidenes Eigenthum zu erwerben trachten. Ein solcher Zustand würde von beträchtlichen Vortheilen begleitet sein. Dahin gehört zunächst eine der Billigkeit mehr entsprechende Vertheilung der irdischen Güter." Die ganze Encyklika sieht gerade in der Mehrung der selbstständigen Existenzen und der mittleren Vermögen das Ziel der Lösung der
Aach zehn Jahren.
Eine Skizze von I. v. Dirkink.
(Nachdruck nicht gestattet.)
Die Straßen Kölns wimmelten von Menschenmassen und eine unbeschreibliche Aufregung herrschte in der Stadt; denn die bei Wörth und Weißenburg erfolgte Schlacht hatte auch die gefürchteten afrikanischen Truppen entwaffnet, die nun unterwegs waren, um in den Forts von Ulm und in den Barakenlagern der wahner Haide bei Deutz internirt zu werden.
Während auf dem Centralbahnhofe der Zug einlief, hastete, von einer, alten Dienerin begleitet, eine junge fchlanke Dame durch das Gewühl und spähte, an der langen Wagenreihe entlang eilend, nach einem Zeichen aus, wie es die Anwesenheit der Schwester kundgeben sollte. Die Frau des Hauptmanns v. S. . . wurde heute mit ihrem vierjährigen Knaben bei der jüngeren Schwester zum Besuch erwartet.
„Sehen Sie dort, Fräulein Helene!" rief Babet auf ein weißes Spitzentuch deutend, das aus dem Fenster eines Coupees herauswehte. Beide drängen näher an den Zug. Die Thüre des Coupees fliegt auf, Helene schwingt sich aufs Trittbrett und: „Antonie willkommen! Otto, mein Liebling! Helene!" so klingt es in erstickten Lauten im Innern des Wagens durcheinander. Lange hielten sich die Schwestern umschlungen. Als der erste
Arbeiterfrage. UndIda kommt der,Vorwärts' mit dem Vorwurf, daß der Papst die Arbeiter am Hungertuche festnageln wolle. Das heißt doch die Unverfrorenheit auf die Spitze treiben, um uns eines parlamentarischen und nicht eines sozialdemokratischen Ausdruckes zu bedienen. Freilich verspricht die Encyklika nicht gleich der Sozialdemokratie allen Arbeitern ungemessenen Lebensgenuß und Reichthum. Sie würde dann die Arbeiter in der That nur täuschen, was ihr der .Vorwärts' am Schluffe seiner Artikel über dieselbe in folgender Weise vorzuwerfen sich nicht gescheut hat: „Der dritte Theil enthielt nun besagte religiöse Sozialreform. Hier erreicht die Encyklika ihren heikelsten Punkt. Da, wo es sich um die Gewährung eines wenigstens für die nöthigsten Lebensbedürfnisse ausreichenden Lohnes dreht, hören wir die Bourgoisie schon mit der braven Dame im Faust ausrufen: Nachbarin, Euer Fläschchen! Es dürfte unserem guten Herzen alle Ehre machen, wenn wir sie trösten. Wir sind nämlich der festen Ueberzeugung, daß der Minimallohn ebenso wie der Maximal-Arbeitstag und erst recht der kleine Grundbesitz für den fleißigen und sparsamen Arbeiter nur als schöner Zukunftstraum an dem Hoffnungshimmel der ungeheuer überwiegenden Zahl aller Arbeiter gemalt bleiben dürfte, während die rauhe Wirklichkeit nur die Realität des Kapitalzinsgroschens den I Reichen und der Peters- und anderer frommer Pfen- ; nige dem Klerus bringen wird. Und zu diesem gewiß i kapital-erfreulichen Tröste gesellt sich noch ein zweiter. Von der den Kapitalisten unbequemen Sozialreform der deutschen Reichsregierung will diese Encyklika nichts wissen;, da thun ihr die armen Kapitalisten offenbar schon viel zu leid. Die Herren Geistlichen werden also in Zukunft gegen diese Art Sozialreform den Herren Kapitalisten ihren Beistand nicht versagen."
Wir haben hier nicht nur eine duftige sozialdemokratische Stilblüthe vor uns, sondern werden auch überrascht durch die Kunde, daß die Encyklika, welche dem staatlichen Arbeiterschutze so eingehend das Wort redet, von der den Kapitalisten unbequemen Sozialreform der deutschen Reichsregierung nichts wissen wolle. Das kann man doch nur solchen Leuten weiß machen wollen, welche auch nicht im geringsten Kenntniß von der Encyklika genommen haben. Einschneidende Sozialreform predigt der ganze umfangreiche zweite Theil der Encyklika, und zwar eine Sozialreform, welche bei gutem Willen und energischer Mitwirkung aller Betheiligten langsam zwar, aber sicher zu guten Resultaten führen muß, während das sozialdemokratische Paradies sreilich „nur als schönerZukunftstraumandemHoffnungs- himmel der ungeheuer überwiegenden Zahl aller Arbeiter gemalt bleiben dürfte."
Deutsches Keich.
Berlin, 1. August.
* Der Jesuitenorden und mit ihm die ganze kath. Welt beging in diesem Jahre zwei Säkularfeiern. Sturm des Wiedersehens vorüber war, mahnte Helene zum Aufbruch; denn Babet hatte sich mit dem Kleinen bereits entfernt, und der Zug hielt nur 20 Minuten. Allein die junge Frau machte keine Miene, sich zu erheben, und nun erst gewahrte Helene ihr verstörtes Aussehen. „Hast Du vielleicht schlechte Nachrichten vom Kriegsschau- ilatze?" fragte sie leise, während ihre Augen sich mit Thränen füllten. Die Schwester nickte.
„Ich werde nicht aussteigen," versicherte sie. „Die Prinzessin Salm ruft mich in einem dringenden Schreiben. Kurz vor meiner Abreise erhielt ich ihren Brief, und nun treibt mich die Sehnsucht mit Allgewalt zu meinem Manne, der schwer verwundet ist und mich zu sehen wünscht. Die Stimme versagte ihr. „Hüte Du unterließ meinen Liebling wie Deinen Augapfel!" fuhr sie fort. „Erfährst Du unseren Tod, — so führe das Kind in den Schutz seiner Großmutter, denn er ist ihr einziger Enkel und sie liebt ihn sehr. Sie wird auch für Dich sorgen. Aber weine nicht so, Du brichst mir das Herz," mahnte die junge Frau, Helenens Hand erfassend. — „Richte Dich an dem Heldenmuts unserer Truppen auf; wer dürfte in dieser bewegten Zeit an sich selber denken?" Sie nahm ein Täschchen von braunem Juchtenleder und reichte es ihr. „Die Zeitungsberichte der letzten Tage," — hauchte sie — „mögen sie Dich trösten und erheben; Gott sei mit Dir!" Der Schaffner unterbrach die Unterhaltung. Helena mußte 'den Wagen verlassen. Noch
Vor wenigen Wochen erst versammelten sich Priester und Volk um die Altäre, um den dreihundertjährigen Todestag des hl. Aloysius, eines Schülers der Jesuiten, zu feiern. Am 31. Juli d. I. gedachten wir des großen Meisters selbst, der den bewunderungswürdigen Orden gegründet, des hl. Ignatius von Loyola. Sein vierhundertjähriger Geburtstag legte wiederum die überaus großen Verdienste nahe, welche sich dieser Heilige um die kath. Kirche und damit um die Menschheit selbst erworben: Millionen Menschen, die in der Nacht des Irr- und Aberglaubens saßen, wurden durch Ignatius und seine Jünger auf den Weg zur Wahrheit und zur ewigen Seligkeit hingewiesen; Kultur, Gesittung und Wissenschaft fanden durch die Jesuiten die sorgsamste Pflege und eifrigste Förderung. Aber trotz aller Verdienste, welche die Väter der Gesellschaft Jesu sich um Familie und Staat erworben, hat es auch an Solchen nicht gefehlt, die ihnen grollten und aller Bosheit und Tücke voll unzählige Verleumdungen gegen sie in Umlauf setzten — Beweise für die ungeregelten Anklagen haben sie freilich bis heute noch nicht erbringen können. Ein Gefühl tiefen Unwillens erfüllt besonders die deutschen Katholiken über die Schmach, welche ihren Söhnen und Brüdern von einer katholikenfeindlichen, aber mächtigenStrömung zugefügt worden, denn noch ist die ohne Fug und Recht ersolgte Ausweisung des Jesuitenordens nicht gesühnt. Die Katholiken werden aber nicht aufhören, immer wieder ihre Stimme nach Rückkehr der hochverdienten Ordensmänner zu erheben, die in Deutschland wahrlich heute nothwendiger sind denn je. Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, daß auch der Bundesrath sich der Mehrheit des Reichstages anschließen und die Stimme der Wahrheit und Gerechtigkeit über Lüge und Verleumdung siegen werde.
* Der Range-Skandal von 1844 soll erneuert werden, d. h. wenn es nach dem Willen einiger sogen, deutsch-katholischen Macher geht. Das .Mainz. Journ.' veröffentlich nämlich die folgenden Rundschreiben: „An die deutsch-katholischen und freireligiösen Gemeinden des südwestdeutschen Verbandes. Werthe Gesinnungsgenossen! Die Sektion für Propaganda erklärte in ihrer Sitzung vom 25. d. M. sich für eine Wiederveröffentlichung des Ronge'schen Briefes an den Bischof von Trier, welcher sammt einem die heutige, zweite Ausstellung des hl. Rockes beleuchtenden Anhänge als Flugblatt in möglichst großer Maffe gratis verbreitet werden soll, vor allem in unseren Gegenden. Ein Versuch zu wecken und ein Lebenszeichen uns selber zum Zeugniß, daß wir wachen! Die Kosten, welche sich auf einige tausend Mark belaufen werden, zu decken, ersuchen wir Sie dringend usw. Der Verbands-Ausschuß: H. I. Jung. Karl Scholz. Joh. Weitzel IV. Rüdes- heim im Juli 1891. — Mainz, Juli 1891. Weither Herr und Gesinnungsgenosse! Die römische Kirche wagt es, die Ausstellung des h. Rockes in Trier zu wiederholen, zuversichtlich voraussetzend, daß sich dagegen Niemand mehr regen werde, ihr das Spiel zu verderben, wie 1844, wo der Brief Ronge's die Ge-
ein schneller, schmerzlicher Abschied von der Schwester, dann flog die Thüre ins Schloß, und der Zug setzte sich in Bewegung. Nur noch ein letztes flüchtiges Grüßen aus dem Fenster, und wie vernichtet blieb Helene zurück. Kaum daß sie sich auf den Füßen erhalten konnte, denn wie die Ahnung eines ihr bevorstehenden Unglücks legte es sich auf ihre Seele. Bleich und verstört begab sie sich auf den Weg nach ihrer Wohnung. Während Babet im Nebenzimmer mit dem Knaben tändelte, verharrte Helene, von traurigen Gedanken erfüllt, in der Dämmerung ihres Gemaches. Wie sehr hatte sie sich auf den Besuch der Schwester gefreut, und nun diese bittere Enttäuschung! Und welchen Gefahren ging die zarte Frau entgegen, bereit Gesundheit seit dem Tode ihres jüngsten Kindes untergraben war. Helene besaß'nur die einzige Schwester, die nach dem frühen Tode der Eltern mütterlich für sie gesorgt hatte. Fast vermögenslos, besuchte das junge Mädchen auf Kosten des Schwagers die Musikschule der rheinischen Metropole, und zwar haupffächlich, weil sie ihre herrliche Altstimme für den Konzertsaal ausbilden sollte. Babet hatte sich als die altbewährte Dienerin des Vaterhauses geradezu Verdienste um die Schwester erworben. Bei einem Brande auf dem elterlichen Gute hatte Babet mit eigener Lebensgefahr Helene aus dem raucherfüllten oberen Stock gerettet, und erhebliche Brandwunden davongetragen. Als Helenes musikalische Ausbildung