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J\S 175

Sonntag, den 2. August 1891.

18. Jahrgang

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Gin Unglücks-Sommer!

n. Berlin, 31. Juli.

Bei den vielen Unglücksbotschaften, welche uns der diesjährige Sommer bringt, will es fast scheinen, als ob in allen Elementen der Geist des Verderbens die Oberhand gewonnen hätte! Am entsetzlichsten wüthet er im Bereich der Eisenbahnschienen. Wer hätte ge­dacht, daß die Schrecken der Mönchensteiner Katastrophe so bald noch übertroffen werden könnten? Aber der Scheiterhaufen auf dem Bahnhofe vor Paris, in dem die zerquetschten Vergnügungszügler den Flammen preisgegeben waren, macht einen noch grausigeren Ein­druck, als das Massengrab in den Fluthen der Birs.

Die Bayern, die unter der Last des Eggolsheimer Unglücks sich unbehaglich fühlen, beschuldigen die Norddeutschen der Ueberhebung und rufen uns zu, wir sollten vor der eigenen Thür fegen. Gewiß, die nord­deutschen Eisenbahnen haben auch ihr Sünden- und Unglückspäckchen zu tragen. Die schreckliche Zermalmung des Circuszuges bei Kirchlengern steht ja noch in frischer Erinnerung, und die brennenden Wagentrümmer von Paris rufen uns in's Gedächtniß, daß vor einigen Jahren auf dem Bahnhof Wannsee bei Berlin Insassen eines verunglückten Zuges lebendig verbrannt sind. Also wir Norddeutsche haben keine Veranlassung, uns pharisäisch in die Brust zu werfen, sondern müssen uns die Kritik der Freunde und Nachbarn gefallen lassen. Aber wir dürfen auch unsere Meinung äußern über das, was auf anderen Bahnen passirt, damit die Ur­sachen der Unfälle möglichst klar gestellt und die Nutz­anwendungen allseitig gezogen werden.

Das Schweizer Unglück weist auf die Gefährlichkeit eiserner Brücken und der Verdoppelung der Lokomotiven hin. Das Unglück in Bayern mahnt zur Beseitigung der „Granitwürfel" und zur rechtzeitigen Erneuerung der Schwellen. Und was bisher über den Pariser Fall bekannt geworden ist, bestätigt die alte Lehre, daß die besten Einrichtungen nichts nutzen, wenn man nicht ein erfahrenes, gewissenhaftes, geistig und körperlich kräf­tiges Beamten-Personal hat. Nebenbei regt der Pariser Fall die Frage wieder an, ob die Gasbeleuch­tung in den Eisenbahnwagen nicht zu feuergefährlich ist.

Der Eisenbahnverkehr an den Abenden von Sonn- und Festtagen ist gang besonders gefährdet wegen des großen Andrangs von Fahrgästen, woraus sich lange und überfüllte Züge und Abweichungen von der plan­mäßigen Fahrzeit ergeben. Der Dienst an solchen Abenden, namentlich im Vorortsverkehr großer Städte, erfordert also eine außerordentliche Umsicht und Ge­wissenhaftigkeit seitens aller Beamten. Nun wollen aber die Zugführer, Stationsvorsteher rc. auch mal ihren freien Sonntag haben; es wird also gerade am ge­fährlichsten Tage am meisten mit Stellvertretern und Aushilfskräften gearbeitet. Der Zug, der das Pariser Unglück anrichtete, wurde von einem aushelfenden Maschinisten geführt, auch der Heizer war ein Lücken­büßer, und beide Personen werden als weniger erfahren bezeichnet. Der Stationsbeamte in Vincennes soll eine ausgenutzte Kraft sein, die schon längst hätte pensionirt werden müssen. Der Letztere machte nun den groben Fehler, den fraglichen Zug nach Paris abdampfen zu lassen, obschon er wußte, daß die nächste Station St. Mando noch nicht frei war. Er gab nur dem Zug­führer die Mahnung mit, langsam zu fahren. Der Aushilfs-Zugführer fuhr aber fest darauf los und achtete trotz der erhaltenen Warnung nicht einmal auf die Stellung des Einfahrtsignals von St. Mando. Also eine unglaublich leichtsinnige Mißachtung zweier Signale! Um die Unaufmerksamkeit des Zugführers zu erklären, weist man darauf hin, daß seine Lokomotive rückwärts gefahren, so daß er die vorliegende Strecke nicht immer im Auge halten konnte. Im Berliner Vorortsverkehr ist das Rückwärtsfahren von Lokomo­tiven auch an der Tagesordnung; man hat ja dort besondere Lokomotiven ohne Tender im Gebrauch, um die zeitraubende Benutzung und die kostspielige Anlage von Drehscheiben zu vermeiden. Aber ein Unglück in Folge des Rückwärtsfahrens ist meines Wissens noch nicht vorgekommen. Auf jeden Fall wird ein ver­ständiger Zugführer bei der Annäherung an eine Station sich nach den Einfahrtszeichen umsehen. Die Schuld des Pariser Unglücks fällt also auf die be- theiligten Personen, und die Bahnverwaltung wird insofern mitgetroffen, als sie nicht in genügender Zahl ausgebildete Beamte angestellt hat, so daß sie an einem

so kritischen Tage zu unzuverlässigen Aushelfern greifen muß.

Die Entzündung der zertrümmerten Wagen, die zu einem so grausigen Brandopfer führte, ist offenbar dem ausströmenden Beleuchtungsgase zuzuschreiben. Möge man ernstlich prüfen, ob die Gasbehälter beibehalten werden können. Diese Behälter werden bei einem Zu­sammenstoß in der Regel zertrümmert. Die Entzün­dung des ausströmenden Gases ist, wie die traurigen Erfahrungen zeigen, sehr leicht herbeigeführt und dann steht bald das trockene Holz der Wagen in Hellen Flammen. Nach meiner Ansicht kann man in den Waggons mit den alten Oel-Lampen ganz gut aus­kommen. Wenn die Reisenden sich des Lesens enthalten, so ist das zugleich ein Vortheil für die Augen, da das Lesen während der Erschütterung des Körpers die Seh­nerven übermäßig angreift. Will man durchaus eine bessere Beleuchtung, dann greife man gleich zur elek­trischen.

Es ist kein Wunder, wenn die zahlreichen und ent­setzlichen Eisenbahnunfälle den Kunden der Eisenbahn ein Schrecken in die Glieder jagen und Mancher das Gefühl hat, als müßte er vor Antritt einer Fahrt sein Testament machen und sich zum Tode vorbereiten. Nun kann es freilich gar nichts schaden, wenn man recht­zeitig sein Testament macht und sich immer auf den Tod vorbereitet hält. Aber sich von der Benutzung der Eisenbahn abhalten zu lassen oder während der Fahrt sich der Angst hinzugeben, wäre unvernünftig. Denn trotz der traurigen Ausnahmefälle, die sich jetzt zufällig häufen, ist die Wahrscheinlichkeit, auf der Eisenbahn zu verunglücken, sehr gering. Meines Wissens ist es noch keiner Versicherungsgesellschaft eingefallen, die Prämie für die Versicherung gegen Reise-Unfälle zu erhöhen. Zu meiner Verwunderung erhebt ein Berliner Blatt, das in der Politik fortschrittlich fein will, den Ruf nach einer rückschrittlichen Bewegung im Eisenbahn­betriebe. Angesichts der Unglücke verlangt es, daß langsamer gefahren, keine Extrazüge eingelegt und keine Herabsetzung der Fahrpreise eingeführt werden sollen. Auf diesem Wege kann man auch noch zur Wiedereinführung der alten Postkutschen kommen, obschon es Thatsache ist, daß ein größerer Procentsatz von den Kutschreisenden, als von den Bahnreisenden zu Schaden kommt.

Nein, das geht nicht. Die Weltuhr läßt sich nicht rückwärts drehen. Das Heil liegt in dem Kampfe gegen die Unglücksmächte, nicht in dem zaghaften Zurück­weichen. Was würde uns die Verlangsamung der Schnellzüge nützen? Die neueren Unglücksfälle haben nicht die Schnellzüge getroffen, die große Entfernungen im Eilschritt durchlaufen, sondern Personenzüge für den Nachbarschaftsverkehr oder Extrazüge. Die Be­schleunigung der Fahrt auf offener Strecke ist nicht gefährlich. Die fahrplanmäßigen Schnellzüge beherr­schen gewissermaßen den Betrieb; auf sie wird überall die sorgsamste Rücksicht genommen. Dem Blitzzug Berlin-Köln vertraue ich mich noch lieber an, als einem Sonntags-Bummelzug in der Nachbarschaft Berlins. Die Erfahrung zeigt, daß Die Eisenbahn den Raum bis zum Betrage von 60 bis 70 Kilometer in der Stunde zu überwinden vermag, und seit wir das wissen, ist diese Schnelligkeit zu einem unabweisbaren Bedürf- niß geworden. Ich vermuthe, wir werden in Zukunft noch schnellere Züge haben, und zwar ohne Er­höhung der Gefahr, weil gerade diese „Luxuszüge" zur Verbesserung des Bahnbaues und zur Vervollkommnung der sachlichen und persönlichen Sicherheitsvorkehrungen drängen. Eine Verminderung der Fahrgeschwindigkeit würde nur dazu führen, daß die Besitzer der Bahnen noch mehr zu sparen suchen und die Beamten lässiger werden, weil man sich sagt, daß es ja nun nicht mehr so genau darauf ankomme.

Die Extrazüge sind freilich gefährlicher, als die fahrplanmäßigen Züge. Aber es ist unmöglich, gänz­lich auf Extrazüge zu verzichten. Als in Berlin die Schulferien begangen, waren unbedingt Extrazüge nöthig, um den plötzlichen Andrang der Masse von Sommer­frischlern zu bewältigen. Es war nur ein Fehler, daß vom Anhalter Bahnhof drei Extrazüge in fehr kurzen Zwischenräumen hinter einander abgelassen wurden; man hätte wenigstens einige Stunden Zwischenraum lassen sollen. Ferner sollte man darauf sehen, daß die Extrazüge nicht zu lang und zu schwer werden. Wenn ich Eisenbahnminister wäre, würde ich die Anlegung von zwei Lokomotiven überhaupt verbieten. Das, was eine kräftige Lokomotive fchleppen kann, ist für

den Bahnkörper schon schwer genug und für die Aus' merksamkeit der Beamten schon umfangreich genug.$

Nun sagt man, bei der Verbilligung der Fahrpreise würde der Andrang noch größer und also die Gefahren erhöht. Das ist auch nicht zutreffend. Die vernünf­tigen Tarifreformer erstreben bekanntlich die Verbilligung des Fernverkehrs im Allgemeinen und des Vororts­verkehrs besonders zu Gunsten der regelmäßigen Ver­bindung zwischen Wohnsitz und Arbeitsstätte. Auf den Massenverkehr an Festtagen im Umkreis der Städte hat man es u'.cht abgesehen. Glaubt die Bahnverwal­tung eine töd'tere Steigerung desselben nicht ertragen zu "können, so mag sie für die Ausflügler die alten Preise zunächst ruhig bestehen lassen.

Also lernen wollen wir aus den Unglücken, aber nicht uns bange machen lassen. Möge nur das wählende Volk so klug sein, seinen Vertretern die Wei­sung mitzugeben: Spart an allen Ecken des Staats­haushalts, aber hütet euch vor der gefährlichen Spar­samkeit auf dem Eisenbahngebiete! Denn was ihr bei dem Bau des Bahnkörpers und der Brücken, sowie an den Beamtenkräften in Löffeln spart, das und noch mehr geht bei dem nächsten Unfall in Scheffeln ver- loren.

Deutsches Keich.

Berlin, 31. Juli.

* Der Kaiser weilt augenblicklich in Drontheim, der alten Krönungsstadt der norwegischen Könige; er hat sich von dem Unfall, der ihn am 23. Juli Abends durch Ausgleiten auf dem glatten Boden auf Deck seiner Jacht betroffen und wodurch sein Knie leicht beschädigt wurde, soweit wieder erholt, daß er in der Dauer seiner Reise auch nicht die geringste Aenderung eintreten zu lassen beabsichtigt. Gegen den 8. August wird der Kaiser wieder in Berlin, bezw. Potsdam er­wartet, woselbst ihn die Kaiserin, die zu diesem Zwecke schon einige Tage vorher von Felixtow in Potsdam eintrifft, empfangen wird.

• Das gestern mitgetheilte Programm zur Danziger Katholikenversammlung unterscheidet sich im Wesent­lichen nicht von den Programmen der früheren Katho­likentage. Der einzige bemerkenswerte Unterschied ist der, daß am zweiten Tage der Generalversammlung auch für die polnisch redenden Theilnehmer der Katholikenversammlung eine eigene öffentliche General­versammlung abgehalten werden wird. Dies ist um so gerechtfertigter, als wohl mit Grund auch auf eine zahlreiche Betheiligung der einen großen Theil der Bevölkerung Westpreußens bildenden polnisch sprechen­den Katholiken gehofft werden kann. Die meiste Zeit ist naturgemäß den ernsten Berathungen in den öffent­lichen und geschlossenen Versammlungen, sowie in den Berathungen der Ausschüsse gewidmet. Die Morgen­stunden sind dem Gottesdienst geweiht, die Abend­stunden werden die Feste der katholischen Vereine Danzigs und die Kommerse der katholischen Studenten in erhebender und angenehmer Weise ausfüllen. Der übrige Tag ist der nöthigen Erholung Vorbehalten. Der letzteren dienen vor allem die herrlichen Park­anlagen des Schützenhauses, in welchen Promenaden- concerte abgehalten werden sollen, ihr ist besonders auch die geplante Rhedefahrt nach Zoppot gewidmet.

* Am Sonntag Abend wird die amerikanische Welt- ausstellungskommisfion in Berlin eintreffen. Es ist für diefelbe im Hotel Kaiserhof Wohnung (1 Salon, 9 Zimmer) bestellt worden.

* Für die Handelsvertragsverhandlungen mit Italien sind deutscherseits die Herren Generalkonsul Jordan, Geh. Oberregierungsrath v. Huber, Geh. Oberregierungsrath Mosler, Geh. Finanzrath Schmidt und Legationsrath Pritsch zu Delegirten ernannt worden.

* Das Komitee zur Errichtung eines „Kaisersteins" auf Helgoland empfing die Mittheilung, der Kaiser gedenke persönlich am 10. August die Enthüllung des Denkmals öorzunehmen. —Wie die ,Post' von zuver­lässiger Seite hört, ist für Helgoland bereits die An­wendung des § 35 des Gesetzes betreffend die Be­schränkungen des Grundeigenthums in der Um­gebung von Festungen vom 21. Dezember 1871, be­stimmt in Aussicht genommen.

* Der Reichshaushalt des Etatsjahres 1890/91 schließt mit einem Ueberschuß von 15,148,201 Mk. ab, obgleich die Ausgaben für das Reichsheer 13,7 Mill., die für die Marineverwaltung 2,3 Millionen mehr als