Einzelbild herunterladen
 

V 172

Donnerstag, den 30. Juli 1891.

18. Jahrgang

FllldaerSZkitlliig

Erscheint täalich, Sonn- und Feiertage ausgenommen — Inserate kosten btt emwaltige Zeile ober deren Raum 15 Pf., btt Wteberholungen entsprechender Rabatt.

»«rteljährltcher Ab o n n e m entsp ret s otne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristische SonmaaSbeüage ,Sterne und Blumen und bei alle 14 Tage e richt tuenden wcatt»e«wp ,Rathgeber für Lanbwirthjchast, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig ________________________

Deutsches Keich.

Berlin, 28. Juli.

■ * Zwei Reichstagswahlen haben gestern stattgefunden, beide von erheblichem Interesse. In Kassel-Mel» sungen war Stichwahl zwischen dem Sozialdemokra­ten Pfannkuch mit 7872 und dem Nationalliberalm Endemann mit 4528 Stimmen. Trotz seiner starken Mehrheit war der Sieg des Sozialdemokraten sehr frag­lich, da im letzten Augenblicke der nächst starken anti­semitischen Partei die Weisung ertheilt worden war, für Endemann zu stimmen. Die Schlußziffern liegen noch nicht vor, doch ist zweifelsohne Endemann gewählt. Die Sozialdemokraten haben keinen Grund, mit dem Verlauf der Ersatzwahl zufrieden zu sein, da sie im ersten Wahlgange einen Ausfall von weit über 1000 Stimmen zu beklagen hatten, während für die gegne­rischen Kandidaten zusammen noch einige Hundert Stim­men mehr abgegeben wurden als im vorigen Jahre. Die eigentlich Geschlagenen aber sind die Konser­vativen, welche 1890 mit Unterstützung der Natio­nalliberalen noch zur Stichwahl und dann mit Unter­stützung aller anti - sozialdemokratischen Parteien zum Siege kamen, diesmal aber, auf die eigene Kraft an­gewiesen, nur noch 1359 Stimmen aufbrachten. Mit vollem Recht haben konservative Blätter über dieses Ergebniß sich entsetzt, und die Wahl in Memel- Heydekrug dürfte ihnen dazu erst recht Gelegenheit geben. Es handelt sich um eine konservative Hochburg, um den alten Sitz des Feldmarfchalls Moltke, der dort 1887 mit 11,833 gegen 2249 freisinnige, 1890 aller­dings nur mehr mit 8476 gegen 3490 freisinnige und 278 sozialdemokratische Stimmen gewählt wurde. Daß sich jetzt, nach dem Tode des auch bei seinen Gegnern hochverehrten Grafen, das Berhältniß noch erheblich schlechter gestalten würde, war vorauszusehen, aber trotzdem tonten die ersten Ziffern verblüffend: für den Konservativen, Schlick, sind nur 705, für den Frei­sinnigen, Scheu, 1151, für den Sozialdemokraten so­gar 1478 Stimmen gezählt. Außer Zweifel steht schon jetzt das gewaltige Anschwellen der Sozialdemokraten, die bisher in ganz Ostpreußen, abgesehm von Königs­berg-Stadt, das sie 1890 in der Stichwahl eroberten, nur inKönigsberg-Land einigermaßen in Betracht kommen.

* Der Staatsminister für Landwirthfchaft, Domänen und Forsten, von Heyden, hat gestern Abend Berlin verlassen, um sich zur Besichtigung in die Reblaus­gebiete am Rhein zu begeben.

* Der Ausschuß der Antisklavereilotterie, der dieser Tage in Koblenz tagte, bewilligte, von der Ansicht aus­gehend, daß eine wirksame Bekämpfung der Sklaven­jagden in unmittelbarem Zusammenhang stehe mit der Dampferfrage auf den Seen, für Dayipser und Schnell­segler 700,000 Mark und zur Ermittelung der Schiff­barkeit und der Hafenverhältnisse des Viktoria Nyanza 100,000 Mk.

* Die amtlichen Verordnungsblätter publiziren die neue Landgrmeindeordnung. Dieselbe ist unterm 3. Zuli vom Kaiser in Amsterdam vollzogen worden.

Verirrt und wiedergesunden.

Eine Studentengeschichte.

Nach dem Leben erzählt von Erich Krafft.

(Fortsetzung.)

Unter solchen Umständen gestaltete sich das Scheiden Heinrichs zur Universität nach dem Ablaufe der Ferien zu einem sehr trüben. Die Eltern waren befangener und besorgter um des Sohnes Zukunft als je zuvor, und der junge Mediziner selber fühlte instinktmäßig, daß Vieles bei ihm nicht in Ordnung sei, und sagte deshalb recht schweren Herzens seiner Heimath und seinen Lieben Ade. Ja, er nahm sich vor, Manches in seinem bisherigen Leben zu ändern und seinen braven Eltern mehr zu Gefallen zu leben.

Allein seine guten Vorsätze hielten nicht lang Stand. In 3E. lachte man ihn darob aus, und seine Rheuanen- brüder spöttelten in ausgelassenster Weise über seinen Rückfall in bäuerliche Meinungen und über seine klein­liche Lebensauffassung.

Obendrein packte der Strom der obwaltenden Ver­hältnisse den jungen Mann gerade jetzt mit unwider­stehlicher Macht und riß ihn in reißendem Wirbel mit sich fort. Die vielen Festlichkeiten, die der Beginn eines studentischen Wintersemesters mit sich bringt, die Masse von neuen Bekanntschaften, die gemacht werden, ließen Heinrich keine Zeit übrig zu grüblerischen Idem.

* Am 16. d. M. hat im Ministerium der öffent­lichen Arbeiten eine Berathung mit Vertretem des Vereins für die bergbaulichen Interessen im Oberberg­amtsbezirk Dortmund über Maßnahmen stattgefunden, durch welche auf eine Beschleunigung des Wagenum­laufs und eine pünktliche Befriedigung des Wagenbe­darfs im bevorstehenden Herbst und Winter hingewirkt werden könne. Insbesondere ist die Frage erörtert, ob nicht die Massenfmdungen nach den Hafenplätzen, sowie anderen wichtigen inländischen und ausländischen Absatz­punkten an bestimmten Tagen und womöglich in be­stimmt geordneten Zügen aufgegeben werden könnten, um auf diese Weise eine Verminderung der Rangir- leistungen der Eisenbahnen und damit eine Beschleu­nigung der Beförderung herbeizuführen. Zu gleichem Zwecke wird, wie der ,Reichsanzeiger' vernimmt, dem­nächst auch eine Anhörung von Vertretern des schle­sischen Bergbaues stattsinden.

* Tanten, 26. Juli. Ueber einen geheimnißvollen Knabenmord, welcher Anfangs d. M. in hiesiger Stadt verübt worden ist, schwebt noch immer ein geheimnißvolles Dunkel, obwohl hierhergesandte Geheim­polizisten sich alle erdenkliche Mühe geben, dasselbe aufzuhellen. Der Knabe wurde in einer Scheuer auf- gesunden, zu welcher man nur durch einen stets ver­schlossen gehaltenen Thorweg gelangen konnte. Da dieser Thorweg an die Wohnung eines jüdischen Metz­gers stößt, die Leiche völlig blutleer war und die Wunde angeblich auf eine im 'Blutabzapfen geübte Hand schließen ließ, bildete sich das Gerücht von einem rituellen Morde heraus, welches nicht allein die Bewohner Xantens, sondern auch die meist katholische Bevölkerung der ganzen Gegend in große Erregung versetzte. Tagelang wurden die Häuser der israelitischen Bürger von einer drohenden Menschenmenge umlagert, und nur dem Einschreitm der katholischen Geist­lichkeit ist es zu danken, daß es nicht zu traurigen Ausschreitungen kam. Trotzdem aber sind die jüdischen Geschäftsleute fast vollständig kalt gestellt, ihre Läden verödet, denn die Bevölkerung glaubt starr und fest daran, die Juden hätten einen rituellen Mord verübt, dem der Knabe zum Opfer gefallen ist. Hoffentlich gelingt es bald, den Thäter, der wahrscheinlich über die nahe holländische Grenze geflohen ist, zu entdecken.

* Trier, 28. Juli. Wie das ,Echo d. Gegenw.' aus zuverlässiger Quelle vernimmt, hat der Papst, der sich über die den heiligen Rock betreffenden Unter­suchungen eingehend hat berichten lassen, die Ausstel­lung dieser Reliquie gebilligt und unseren Oberhirten wegen seines Eifers durch besonders warme Lobsprüche ausgezeichnet. Auch hat er die für die Pilger erbetenen Ablässe bewilligt. Die betreffenden Schreiben sind in voriger Woche durch einen römischen Prälaten nach Trier überbracht worden. Aus Amerika sind schon 3 Dampfer mit je 900 Pilgern, die Trier besuchen wol­len, angekündigt. Sicherem Vernehmen nach kommen annähernd 20 Extrazüge linkes Moselufer während der Ausstellung des hl. Rockes von Morgens 7 Uhr bis Im Zeiträume von einer einzigen Woche war er wieder völlig int alten tollen Fahrwasser. Nach Herzenslust wurde getrunken, gebummelt, sich amüsirt. Dazu kam noch, daß er als „Fuchs im zweiten Semester" auch schon Mensuren ausfechten mußte. Er ward von feinen Vereins-Vorgesetzten angehalten, irgend einen Mit­studenten durch auffallendes Benehmen oder kränkende Worte aufzureizen und sich dann mit ihm zu duelliren. In Kürze war sein männlich schönes Gesicht mit mehreren sogenannten „Schmissen" geziert, die sich nach Ansicht seiner Genossen „verteufelt schneidig" ausnahmen, in Wahrheit aber nichts anders waren als eine Ver­höhnung des gesunden Menschenverstandes und eine Verletzung - jedes ästhetischen Gefühles.

Alle diese Umstände aber, so mißlich sie auch sein mochten, wirkten nicht so schädigend auf Heinrich ein, als die geistige und seelische Beeinflussung, die er gerade in jenen Tagen erfuhr. Im Kreise seiner Verbindungs­brüder wurden nämlich außerordentlich lose und leicht­sinnige Ansichten über Glauben und Sittlichkeit, über Moral und das Berhältniß der Menschen zu einander zum Besten gegeben. Leben und leben lassen war der vornehmste Grundsatz dieser jungen Leute, und wenn Heinrich auch noch so viel inneren Halt besaß, daß er sich nicht in allem au jene Ansichten einließ, so gingen dieselben doch auch nicht spurlos an chm vorüber.

Um das Unglück voll zu machen, litt der junge

Nachts 12 Uhr an und werden von 5 Uhr Morgens bis nach 9 Uhr Abends abfahren.

* Nunmehr ist auch für Württemberg durch königliches Dekret eine „Kommission zur Landesgeschichte" konstituirt worden. Die Kommission tritt alsbald mit den Geschichts- und Alterthumsvereinen des Landes in Verbindung. Den Vorsitz in den Sitzungen führt der Kultusminister oder ein von demselben bestellter Ver­treter und werden die Mittel für die Kommission im Staatshaushaltsetat verabschiedet. Zum Geschäftsführer der Kommission wurde Professor Dr. Julius Hart­mann ernannt.

Ausland.

* Die in Betteff des Eisenbahn - Unglütks^bei Mönchenstein durch verschiedene Zeitungen gegangene Notiz, es seien beim Einsturz der Taybrücke, welches Unglück allein die Mönchensteiner Katasttophe an Zahl der Opfer übertreffe, 200 Menschenleben ver­loren gegangen, wird von der ,Bauzeitung' berichtigt. Der Taybrücken - Einsturz hat ungefähr 90 Todte ge­fordert, indem sämmtliche Insassen des verunglückten Zuges von den Wogen verschlungen wurden. Das Mönchensteiner Unglück kommt allerdings gleich nach dem Einsturz der Taybrücke, welches das größte Eisen­bahn-Unglück in Europa ist. Das größte Eisen- bahn-Üngläck aller Zeiten ist ein am 24.Juni 1881 vorgekommener Brücken-Einsturz auf der mexika- nischen Morelos-Bahn, welches 210 Todte gefordert hat.

* Kronstadt, 27. Juli. Bei dem Diner, welches der Kronstädter Kommandant, Admiral Schwarz, den französischen Offizieren gab, hielt Gervais folgende Ansprache: Seit gestern meine ich, in einer verzauberten Welt zu leben, so überzeugend sind die Beweise der Sympathie und der Aufmerksamkeit, welche uns hier zu Theil werden. Dieselben müssen uns mit Stolz und Freude erfüllen, denn sie gelten nicht uns, sondern dem theuern Frankreich. Empfangen Sie den Gruß Frankreichs an das große ruhmreiche russische Reich.

„ * Paris, 27. Juli. An dem heute eröffneten Kon­greß über Tuberkulose nehmen 400 französische und auswärtige Aerzte Theil. Professor Lanclongue stellte 40 Fälle von mit Zinkchlor behandelten Tuber­kulosen vor. Professor Arloing-Lyon sprach über das Köchin. — Die Aufregung in den östlichen Stadt- theilen und Vororten anläßlich der Eisenbahnkata­strophe bei Saint Mande ift immer noch groß. Tau­fende harren vor dem Bahnhof von Saint Mande auf Nachrichten. Im Spital in Saint Antoine starben weitere 5 Verwundete.

* H. Kardinal Melchers hat R o m, wie von dort geschrieben wird, verlassen und ist zum Sommeraufent­halt nach Povo bei Trient abgereist. Er wohnt dort in der Villa de Monte! und gedenkt bis Ende Sep­tember dort zu verweilen.

* London, 27. Juli. Der Gründer der Heilsarmee, General B o o t h, hat sich zu einer Reise nach Afrika, Australien und Neuseeland eingeschifft. Eine Flotte von acht Dampfern, die von der Heilsarmee gemiethet Kroner auch noch theilweisen Schiffbruch an seinem Glauben. Lässigkeit und Lauheit in der Ausübung seiner Christenpflichten waren ja bei ihm, wie wir ge- fehen, schon zu Tage getreten; aber vollkommene, über­zeugte Ungläubigkeit hatte sich noch nicht in seine Seele eingeschlichen. Nun hörte er in diesen Tagen bei ei­nem namhaften Professor „Physiologie". Diese „Leuchte der Wissenschaft" aber ließ es sich nicht nehmen, den Schülern das Gift des Unglaubens Tropfen für Trop­fen ins Herz zu träufeln. Für ihn unterlag es keinem Zweifel, daß die Lehre von der Seele und einem Fort­leben nach dem Tode ein Ammenmärchen sei; für ihn war Christus nicht der Gottmensch, der sich in uner­meßlicher Liebe zu dem armen Menschengeschlechte zu dem göttlichen Versöhnungswerke berbeiließ, sondern ein hochbegabter, edler Mensch, ein Humanist und Welt­beglücker ersten Ranges. Nichts bestrickt aber mehr einen jungen, unreifen Menschen, der noch auf die Worte seines Lehrers Eide schwört, als die Maske un- ttüglicher Wissenschaftlichkeit und fester Ueberzeugung. So schlugen denn die verderblichen Samenkeime, die der gewissenlose Universitätslehrer als Körner reiner, unwiderleglicher Wahrheit und als Resultate lang­jähriger Forschung, wie er sich gleißnerisch ausdrückte, in die Seelen seiner Zuhörer ftreute, auch Wurzeln im Innern Heinrichs und wuchfen bald zu einer an­sehnlichen Pflanze zweifelnden Grübelns und fchwan-