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JW 167

Freitag- den 24. Juli 1891.

18. Jahrgang

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Der Mensch als Dersuchsthier.

Zu gleicher Zeit werden Frankreich und Deutsch­land aufgeregt durch die Kunde, daß medizinische Forscher Krebsknötchen in gesundes Gewebe des menschlichen Körpers verpflanzt haben, um festzustellen, ob sie sich dort entwickeln. Und sie haben sich entwickelt. Aber es hat sich auch ein energischer Protest der öffent­lichen Meinung und in Deutschland ein Einschreiten des preußischen Kultusministers entwickelt.

Kultusminister Graf Zedlitz hat von den betreffen­den Aerzten, Dr. Hahn und Professor v. Bergmann, eine Antwort auf die öffentlich gegen sie erhobene An­schuldigung eingefordert. Die Antworten unterliegen augenblicklich der Prüfung. Inzwischen hat eine Fach­zeitschrift der Berliner Aerzte den Versuch einer Ver- theidigung gemacht, den man beim besten Willen nicht als gelungen bezeichnen kann.

Die Thatsache steht fest, daß in Berlin, ebenso wie in Frankreich, bei einem Krebskranken kranke Theilchen auf gesunde Stellen verpflanzt worden sind, und zwar in dem Bewußtsein, daß aller Wahrscheinlichkeit nach an der Pflanzstelle sich eine neue Krebswucherung ent­wickeln, und zu dem ausschließlichen Zwecke, diese neue Erkrankung als Beweis für die Uebertragbarkeit des Krebses wissenschaftlich zu verwerthen. Es liegt also keineswegs die Absicht vor, dem betreffenden Kranken irgend einen Nutzen der Heilwirkung oder Erleichterung zu bringen; im Gegentheil, seine Krankheit wird aus­gebreitet und also verschlimmert, er spielt dieselbe leidende Rolle, wie sie sonst die medizinische Forschung so häufig dem Thierkörper zuweist.

Zur Rechffertigung des Opfers, das die mensch­lichen Versuchsobjekte haben bringen müssen, wird nun auf die großen Vortheile hingewiesen, welche in Folge des dadurch erlangten wissenschaftlichen Fortschritts den Krebskranken der Zukunft erwachse. Diese Entschuldi­gung ist nicht viel Werth. Durch den Versuch wurde nichts weiter festgestellt, als daß Krebstheilchen, die in gesundes Gewebe verpflanzt sind, weiter wuchern. Das ist eine „Wahrheit", die an sich noch keinen Fingerzeig zu einem Heilmittel gegen den Krebs enthält. Sie kann nur insofern nützen, als sie bei Krebsoperationen den Arzt zur größten Vorsicht behufs Vermeidung von Verschleppung des Giftes in gesunde Gewebe mahnt. Aber der praktische Werth des schädlichen Versuches am

„Alle Wun!"

Skizze von I. v. Dirkink.

(Nachdruck verboten.)

Schulze Hiller und Frau rüsteten sich zu einer Wallfahrt. Die Sommerernte war glücklich unter Dach gebracht. Viele der Emsbauern hatten unlängst bei der Überschwemmung großen Schaden gelitten. Hillerwar verschont geblieben. Er wohnte einsam auf seinem großen Besitzthum in der Nähe des Bruches. Der Wagen, er war fast neu, wurde aus der Remise ge­holt. Die Frau buk Pfannkuchen von Buchweizenmehl, nahm gedörrtes Obst und selbstgebacken Brod und packte Alles zusammen in einen Henkelkorb. Neben dem Kutschersitz lag der Futtersack und nun ging die Reise los. Es waren glückselige Tage in Telgte für das fromme Ehepaar. Die Frömmigkeit war gleichsam wieder in neuen Fluß gebracht. Stundenweit von der Pfarrkirche entfernt, hatte der sonntägliche regelmäßige Kirchgang seine Schwierigkeit, dann setzte sich mit den stürmischen Wintertagen gern ein wenig Rost an die Herzen des andächtigen Bauernvolkes, die Wallfahrt hatte Alles neu aufpolirt. Mit innerer Genugthuung sagte sich der Schulze, daß bei dem schönen Wetter jetzt die Rückkehr ein wahres Vergnügen sei. Er hatte soviel gebetet in den Tagen, daß er sich nun mit Be­hagen dem Genuß der Reise neu hingeben wollte. Es

menschlichen Körper verschwindet vollständig angesichts der Erwägung, daß schon bisher kein vernünftiger Arzt an der in Rede stehenden Uebertragbarkeit des Krebs­keimes zweifeln konnte. Es fehlte weiter nichts, als der formelle Versuchs-Beweis. Diese Lücke im wissenschaft­lichen System sollte ausgefüllt werden, weiter nichts. Konnte man die Ergänzung des schönen Lehrgebäudes nicht von der fortgesetzten Beobachtung der von der Natur selbst herbeigeführten Krankheitsfälle erwarten? Gewiß, denn es lag gar keine Gefahr im Verzüge. Der gewissenhafte Operateur konnte inzwischen seine Werkzeuge immer schon so wählen und führen, als ob die fragliche Uebertragbarkeit nicht bloß wahrscheinlich, sondern streng erwiesen sei. Die Medizin steht ja in hundert anderen Fällen vor Fragen, die noch viel offener sind, als es die Krebsverpflanzungs-Frage war; sie hilft sich da einfach durch die vorsichtige Rücksicht­nahme auf die schlimmsten Wahrscheinlichkeiten und er­wartet ruhig die weitere Aufklärung theils von Thier­versuchen, theils von Beobachtungen an den Kranken­betten.

Es liegt also eine Ausschreitung des Forschungs­triebes vor, die mehr der grauen Theorie, als der wohlmeinenden Praxis angehört. Ganz anders erscheint das Verfahren, das Dr. Koch bei der ersten Erprobung seines Tuberkulin einschlug. Er hatte den praktischen Zweck der Erfindung eines Heilmittels im Auge. Als das Thierexperiment mit befriedigendem Resultate er­schöpft war, mußte der erste gefährliche Versuch am menschlichen Körper gewagt werden. Man hätte es ihm nicht verargen können, wenn er einen urtheilsfähigen und willensfreien Patienten unter Darlegung des Sach­verhalts zur Duldung dieses ersten Versuchs bewogen hätte. Er zog aber vor, das Risiko ganz auf seine eigenen Schultern zu nehmen und seinen Körper zum ersten Versuchsobjekt zu machen, was ihm beinahe schlecht bekommen wäre. Wir wollen nun keineswegs den Krebs­forschern zumuthen, daß sie Krebspartikel in ihr eigenes Fleisch verpflanzen sollen; das dürften sie auch gar nicht. Aber jedenfalls gilt auch hier der Spruch: Was Du nicht willst rc.

Die Leute, mit denen experimentirt wurde, waren ja schon krank — lautet da die Entgegnung. In dieser Hinsicht muß zugestanden werden, daß die deutschen Forscher nichr ganz so barbarisch vorgegangen sind, als die französischen. Letztere hatten Leute vor fich, die noch zum Zwecke der Heilung operirt wurden, also noch nicht zu den unrettbaren Todeskandidaten geworfen wurden. Einer Person, die an der einen Seite der Brust mit Hoffnung auf eine wenigstens zeitweilige Heilwirkung operirt wird, die andere Seite der Brust künstlich krebskrank zu machen — das ist kein Ver­gehen mehr, sondern ein Verbrechen. Auf deutscher Seite soll es sich um eine ganz hoffnungslose Er­krankung mit zahlreichen Krebsknoten in den verschieden­sten Körperteilen gehandelt haben; die Operation sei nur deshalb vorgenommen, um der kranken Person, die durchaus operirt werden wollte, durch Aufrecht­erhaltung ihrer Hoffnung die letzten Lebenslage zu er- ftörte ihn, daß die Frau wieder ihren Rosenkranz hervorzog, gerade jetzt, da er seinen forschenden'Blick über die Fluren und Stoppelfelder der nachbarlichen Güter schweifen ließ. Kurz vor dem Dorfe Dovig setzte er sich zu dem Kutscher auf den Bock. Er nahm die Zügel und peiffchte schnalzend auf die munteren Rößlein ein. Da (es ging den Doviger Berg hinunter) spielte das Schicksal unfern Schulzen einen Schaber- nak. Er hatte nicht schnell genug die Mechanik ge­handhabt, welche am neuen Wagen die alten Hemm­schuhe ersetzte. Der Wagen schießt nun jäh in rasen­der Eile den steilen Abhang hinunter. Die Pferde rennen wie toll vorwärts. Der Kutscher verliert das Gleichgewicht; er stürzt vom Bock. Kreidebleich sitzt der Schulze da; biex Frau jammert und ringt die Hände; sie erwartet jeden Augenblick aus dem Wagen geschleudert zu werden. Ein Fehltritt der Rosse und sie stürzen kopfüber in die Tiefe, an deren Saum sie dahinrasen. Da, in der höchsten Gefahr, sendet Gott einen Retter in einem simplen Bäuerlein, das des Weges kam. Entschlossen streckt er seinen Knotenstock den wilden schäumenden Rossen entgegen. Sie bäumen sich auf. Er greift mit beiden Fäusten in ihre Nüstern und der Schulze zieht nun die Zügel an. Die Thiere stehen wie Lämmer und zittern. „Gottlob und Dank!" ächzt die Frau. „Ja, das war ein gutes Stück Arbeit. Vergelte Euch Gott, tausendmal!" ruft der Schulze

leichtern; die Einpflanzung eines weiteren Knötchens zu den zahlreich vorhandenen habe ihr nicht schaden ( können.

Ob die Ausdehnung der krebsigen Wucherungen nicht doch zur Verminderung der Widerstandsfähigkeit des Körpers etwas beiträgt, scheint uns doch noch eine offene Frage zu sein. Immerhin läßt sich die Mög­lichkeit einer ungünstigen Beeinflussung des Gesund­heitszustandes und also einer Verkürzung der Lehens­dauer nicht unbedingt bestreiten. Eine solche Möglich­keit darf aber nur dann riskirt werden, wenn mit genügender Wahrscheinlichkeit eine Heilwirkung in Aus­sicht steht. An eine Heilwirkung wurde hier aber gar nicht gedacht. Der Arzt handelte seinem Berufe, zu heilen, geradezu entgegen, indem er die Krankheit steigerte, um auf Kosten der Kranken seine Erkenntniß ein wenig zu erweitern.

In der Fachzeitschrift, die sich zum Advokaten der fraglichen Aerzte macht, ist von einer Einwilligung des Kranken in das Experiment gar keine Rede. Man muß annehmen, daß der Kranke ohne sein Wissen und Wollen zum Versuchsthier gemacht worden ist. Denn es wird dort hervorgehoben, daß man sich bemüht habe, dem Kranken seine Unheilbarkeit zu verheimlichen. Hätte man ihn um die Erlaubniß zu dem Ueber- tragungs-Experiment ersuchen wollen, so hätte man ihm doch sagen müssen, es sei an seinem Körper nichts mehr zu verderben.

Also zweifellos liegt eine Vergewaltigung des Kranken vor. Das erhöht die Schuld der betreffenden Aerzte und kann der Frage einen strafrechtlichen Charakter geben. Aber wenn das unglückselige Ver­suchsobjekt seine Einwilligung gegeben hätte — würde dann der Versuch gerechtfertigt fein?

Darauf kann ein christliches Gewisfen nur mit Nein antworten. Abgesehen von dem zweifelhaften Werthe einer Zustimmung, die einem verzweifelnden Todeskandidaten entlockt wird, sind hier die Grenzen des Verfügungsrechtes des Menschen über seine Gesund­heit und sein Leben zu ermessen. Wir haben unfern Körper nicht geschaffen, wir dürfen ihn nicht ver­nichten. Wir haben nur das Nutzungsrecht gemäß den Absichten des Schöpfers, verbunden mit der Unter­haltungspflicht. Der natürliche Trieb der Selbster­haltung ist zugleich eine sittliche Pflicht. Dieser Trieb ist ein wesentlicher Träger der Entwickelung der Mensch­heit. Wäre es erlaubt, zur Erlangung eines Vor- theils für sich oder Andere einen Theil des Körpers oder seiner Lebenskraft eigenmächtig preiszugeben, so würde man folgerichtig den Selbstmord unter Um­ständen für zulässig erachten müssen. Dürfte der Mensch , im Interesse der Wissenschaft sich krank machen oder die vorhandene Krankheit verschlimmern lassen, so dürfte er auch im Namen der Menschlichkeit bei einem unheilbaren schmerzlichen Leiden den „Gnadenstoß" ver­langen oder sich selbst geben. Wer das Gefühl für die Heiligkeit des menschlichen Lebens irgendwie er­schüttert, der betritt eine schiefe Ebene, die zurückführt auf die Kulturstufen der Menschenopfer.

und reicht dem Helfer in der Noch die Hand. Dieser zieht alsbald seines Weges weiter. Der Kutscher hinkt mit blutender Stirn heran. Gottdank, daß alles noch so glatt abgelaufen ist. Weiter geht es jetzt heimwärts. „So Anne-Marie," sagt der Bauer am Abend zu seinem Weib, dem noch der Schrecken in allen Gliedern nachzittert, „ich habe ein Gelöbniß gethan, der erste Bettler, der morgen auf den Hof kommt, soll haben was er nur von mir begehrt." „Recht so," erwidert die Frau.

Am folgenden Tag um die Vesperzeit erscheint der Dorfpfarrer auf dem Schulzenhofe. Der Bauer er­zählt ihm von feinem gestrigen Erlebniß. „Da waren Sie ja in großer Lebensgefahr", lächelte der würdige Herr.

Die Bäuerin mischt sich ein und berichtet von dem Gelöbniß ihres Mannes.

„Und war schon ein Armer da?" fragte der geist­liche Herr.

„Nein, leider nein," meint der Bauer.

„So, das trifft sich ja gut," ruft der Pfarrer, „mich schickt jetzt der liebe Gott."

Der Schulze stutzt und kratzt sich hinter den Ohren. Wenn der Pfarrer an den Kirchenbau denken sollte, so kostet sein Gelübde gleich hundert, ja vielleicht tau­send Mark. O, der geistliche Herr kennt seine Leute.

„Wißt Ihr was, Herr Schulze, ich bringe Euch