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166 Donnerstag, den 23. Juli 1891. 18. Jahrgang

FuldakrWZeitllllg

Weneiwntajer ^oonne, v Mthgeber für L-nLwirthfch-ft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark SO Pfennig.

Deutsches Keich.

Berlin, 21. Juli.

* Zur Kasseler Ersatzwahl liest man in der Cen­trums-Parlaments-Korrespondenz u. a.: Die Kasseler Ersatzwahl ist ein Menetekel für die K o n s e r v a t i v e n, klagt der orthodoxe Reichsbote. Der Wahlkreis gehört allerdings nicht zu den Hochburgen des Konservatis­mus, da er bis 1884 zuerst nationalliberal, dann frei­sinnig wählte und es auch bei den jüngsten drei Wahlen mit dem konservativen Siege nicht so „zweifelsohne", dieser wenigstens 1887 und 1890 nur einem Kartell­mischmasch zu verdanken war. Der Rückgang der kon­servativen Stimmen ist aber diesmal so stark, daß er sich aus dem Abspringen der Nationalliberalen allein nicht erkllärt. Mindestens 2000 verloren gegangene Stimmen kommen sicher auf den eigenen Besitz der Konservativen; davon sind gut 1000 den Antisemiten zugefallen: außerdem stammen vermuthlich die 1300 Stimmen der neu aufgetauchten hessischen Rechtspartei aus derselben Konkursmasse. Den sehlenden Rest darf man auf Rechnung der Minderbetheiligung schreiben, wobei zu beachten ist, daß unter den konservativen Stimmen auch noch Stimmen der Centrumspartei stecken. Die konservative Presse hat gehofft Hrn. v. Alvensle- ben in die Stichwahl mit den Sozialdemokraten zu bringen und ihn hier mit Hülfe der andern Parteien durchzusetzen. Jetzt ist die Frage: warum sind ehe­malige Gesinnungsgenossen der Partei untreu geworden? Der ,Reichsbote' wiederholt seine neulich schon erwähn­ten Klagen über die Erschlaffung der Partei-Prinzipien und der Rückgang in der frühen Berührung mit dem lebendigen Volksleben. Weil ihr, so sagt das Blatt der Konservativen, nicht für die soziale Gesun- dung des städtischen und bäuerlichen Mittelstandes gebührend eintretet, gehen die Wähler von euch zu den Antisemiten über. Der ,Reichsbote' sieht sehr, schwarz in die Zukunft. Es ist hohe Zeit, sich aufzuraffen und sich mit dem lebendigen Geist zu erfüllen, jammert er. Das ist allerdings eine ziemlich inhaltsleere Redensart, mit welcher die gemahnten nicht viel anzufangen werden wissen; doch hat er ihnen neulich schon eine Reihe von Aufgaben zur Hebung des Mittelstandes in Stadt und Land im einzelnen vorgezeichnet. Das Pro­gramm deckt sich vielfach mit dem der aufstrebenden, aber noch stark in den Flegeljahren steckenden „deutschen sozialen Partei" und kann vielfach auch vom Cen­trum unterschrieben werden. Die Konservativen werden aber wohl zunächst versuchen, das schwindende Ansehen durch den an der Seite des Fürsten Bismarck geführ­ten Kampf gegen die Handelsvertrags-Politik der Re­gierung zu befestigen. Das Ergebniß läßt sich mit ziemlicher Sicherheit voraussehen: Niederlagen im Reichs­tage, Erweiterung des innern Zwiespalts, Sinken des Ansehens nach außen.

* Die Vorarbeiten für ein Reichsgksetz über das Auswandernngswesen dürften den,Pol. Nachr.' zufolge ihrem Abschlüsse nahe sein. Kommissarische Berathungen sind zwischen den betheiligten Ressorts des Reichs und Preußens längere Zeit gepflogen worden. Es ist dabei

Im Kamps ums Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.

(Schluß.)

„O, lieber Davy!" grüßte Euklid und blickte mit unaussprechlichem Mitleid zu ihm nieder. So beru­higend, wie dies eine Wort des alten Mannes, war ihm außer der Stimme seiner Mutter und seiner Schwester noch keines anderen Menschen Stimme ins Ohr geklungen. Und als er, wie zum Danke für diesen Gruß, Euklid nun näher anschaute — so mild, so freundlich, so friedlich meinte er die Züge des sonst so finster und mürrisch dreinblickenden Alten noch nie ge­sehen zu haben. Es war eben der Euklid von vor fünf Jahren, der in seiner Vorstellung lebte. „Ich sterbe, Euklid," stöhnte er leise, . . . „im Gefängniß." Euklid nickte schweigend mit dem Kopfe, während Elsbeth die erkaltete Hand aufhob und zärtlich küßte. „Auf meinem Leben hat der Fluch gelegen, aber ... es ist ja nun bald überstanden," ächzte David weiter. „O Davy", tröstete Elsbeth, „wenn Du wieder gesund und frei bist, dann ziehen wir beide weit, weit weg von hier, wo Du als ehrlicher Mensch leben und noch glücklich werden kannst." „'s bleibt besser so, wie es ist," er­widerte er sanft und strich mit seiner weißen, knöchernen Hand zärtlich über die Wange der Schwester. „Nach

gelungen, die in der Materie liegenden Schwierigkeiten so weit zu überwinden, daß der Entwurf eines Reichs­auswanderungsgesetzes vereinbart werden konnte. Es ist daher wahrscheinlich, daß der Bundesrath nach seinem Wiederznsammentritt mit einer entsprechenden Vorlage befaßt werden wird.

* Die kaiserliche Verordnung zur Ausführung des neuen Patent- und Gebrauchsmusterschutzgesetzes, welche heute amtlich veröffentlicht wird, schreibt die Bildung von vier Abtheilungen für die Patentanmeldungen und von zwei Befchwerdeabtheilungcn, sowie einer beson­deren Anmeldestelle für Gebrauchsmuster vor. Ferner wird u. a. bestimmt, daß das Patentamt nach feinem Ermessen von den bei ihm beruhenden Eingaben und Verhandlungen, soweit die Einsicht in dieselben gesetz­lich nicht beschränkt ist, an Jedermann Abschriften und Auszüge gegen Einzahlung der Kosten ertheilen kann.

* Die Landgemeindeordnung hat bereits die Sanktion des Königs erhalten; ihre amtliche Veröffentlichung ist noch im Laufe dieser Tage zu erwarten.

* Ueber die in Aussicht genommene Regelung des Eisenbahn-Verkehrs während der Dauer der Ausstellung des hl. Rockes in Trier veröffentlicht das kgl. Eisen­bahnbetriebsamt zu Trier einige Mittheilungen, denen wir Folgendes entnehmen: Die Eisenbahn-Verwaltung wird zur Bewältigung des Pilgerverkehrs besondere Bedarfs-(Pilger-)Züge einlegen, deren Fahrplan recht­zeitig bekannt gemacht wird. Mit diesen Zügen werden alle diejenigen Prozessionen befördert werden, welche von der Vergünstigung der Fahrpreisermäßigung für Reisen größerer Gesellschaften Gebrauch machen. Die Pilgerzüge führen nur Wagen 3. Klaffe. Die Fahr­preisermäßigung besteht darin, daß bei einer Theil- nehmerzahl von mindestens 30 Personen oder der Lösung von mindestens 30 Fahrkarten, die Hin- und Rückfahrt zum Preise der Einzelfahrt, wenn aber nur eine Reise, etwa von Trier zur Heimath, ausgeführt wird, zum halben Preise erfolgt. Anträge auf Bewilli­gung der Fahrpreisermäßigung sind mindestens 10 Tage vor Antritt der Pilgerfahrt bei dem kgl. Eisenbahn- Betriebsamte Trier anzubringen. In dem Anträge ist die Anzahl der zu befördernden Personen, ferner der Zug anzugeben, mit welchem, und die Abgangsstation, von welcher aus die Fahrt angetreten werden soll, und es müssen zur Reise stets diejenigen Züge benutzt werden, welche von dem Eisenbahn-Betriebsamte dem Antragsteller werden bezeichnet werden. Letzteres ist er­forderlich, damit die Züge gleichmäßig belastet werden. Die Vertheilung der angemeldeten Pilgerschaaren auf die einzelnen Züge findet im Einverständnisse mit dem bischöflichen General-Vikariate statt. Anträge auf Be­stellung von Extrazügen zur Beförderung von Pilgern sind an das kgl. Eisenbahn-Betriebsamt Trier zu richten, doch werden solche Züge innerhalb des Bezirks desselben nicht bewilligt werden, sind vielmehr für die aus entfernten Gegenden in größerer Anzahl zusammen kommenden Pilger bestimmt.

* Von der Münchener Vereinsbäckerei, einer sozial­demokratischen Gründung, war bekanntlich behauptet worden, daß sie für ihre Gehilfen keineswegs den acht- der Mutter Tod war's besser, daß wir geschieden blieben, liebe Els', ich würde Dich sonst mit mir in mein Unglück hineingezogen haben. Der Roger wird Dir ein guter Gatte werden, und besser für Dich sorgen können, als es mir möglich gewesen wäre. Dann denkt zuweilen an mich. Ich hab's schlimm gehabt in der Welt — schlimmer kann's in der Hölle nicht werden für mich." „Davy, Davy!" weinte Elsbeth, „sag' nicht, daß Du in die Hölle müssest!" „Du bist nur unglücklich gewesen, Davy, schlecht bist Du nicht, schlecht kannst Du gar nicht sein," tröstete Elsbeth. „Ja, wenn ich's so gut getroffen hätt', wie der Roger," murmelte er, „es hätt' wohl ein rechtschaffner Mann aus mir werden können; jetzt aber ist alles vorbei." „Der liebe Gott weiß, daß Du nicht Schuld hast an Deinem Verderben," schluchzte Elsbeth. „Und Gott wird Dir vergeben, Davy", nahm Euklid das Wort. „Hat nicht der Erlöser bei seiner Kreuzigung dem reuigen Missethäter verziehen, der zu seiner Rechten hing? Du bist nicht ferner vom Paradies, als dieser reuige Sünder war, David."

Es war, als ob ein Retter ihm winkte, so leuchtete es bei diesen Worten hoffnungsvoll in David's Blick; er drückte die Hand der Elsbeth fester mit seinen zitternden Fingern. Euklid gewahrte mit Freuden den günstigen Eindruck seines Zuredens, und so nahm er

oder zehnstündigen Maximalarbeitstag eingeführt habe, sondern ihre Gehilfen gleichfalls 12—14 Stunden be­schäftige. Der Aufsichtsrath veröffentlicht nun in der ,Münch. Post' folgenden Beschluß:

Die Bereinsbäckerei München (eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht) hat weder die Aufgabe, noch weniger die Pflicht, die Existenzgrundlagen der hiesigen Bäckergehilfen- schast zu verändern, dies ist ausschließlich Recht und Pflicht der Bäckergehilfenschaft selbst, welche durch fremde Bevormundung nur noch mehr versumpfen und verdummen würde. Die Vereins* bäckerei München hat ausschließlich nur den Zweck, ihren Mit­gliedern gutes und billiges Brod zu liefern. Selbstverständlich ist es Pflicht, daß den dort beschäftigten Gehilfen möglichst gute Existenzbedingungen geboten werden.

Trotz des kräftigen Tones, der nach bewährten Mustern in dieser Erklärung angeschlagen wird, be­stätigt sich doch nur, daß auch die Sozialdemokraten, sobald sie Unternehmer werden, mit den bestehen­den Verhältnissen rechnen müssen. Damm sollten sie aber auch nicht dasjenige, was sie selbst unter gleichen Verhältnissen nicht durchzuführen im Stande sind. Anderen zumuthen.

* In Nördlingen scheint sich in neuester Zeit eine Richtung des „evangelischen Bundes" geltend zu machen. Seit vielen Jahren hatten Protest. Schulmädchen nach dem Wunsche ihrer Eltern während den Herbstferien in dem Kloster der Franziskanerinnen Unterricht in den weiblichen Handarbeiten genommen und aus der von Jahr zu Jahr zunehmenden Anzahl der Schülerinnen ist zu schließen, daß dieselben etwas Tüchtiges lernten und auch sehr gerne in die Arbeitsschule des Klosters gingen. Das ärgerte wohl manche „Bundesbrüder". Bereits vor zwei Jahren und ebenso im vorigen wurde beim Jahresschlüsse den Schülerinnen erklärt, daß es sich für sie nicht schicke, ja daß es eine „Schande" sei, wenn sie als Protestantinnen in die katholische Klosterschule gingen. Doch ließen sich durch diese Er- klärung die Mädchen noch nicht zurückhalten, die lieb gewonnene Arbeitsschule zu besuchen. Heuer wurden jedoch sehr ernste Drohungen von einem Pfarrer und ein paar Lehrern den staunenden Schülerinnen vor dem Schluffe des Schulunterrichts verkündet: Jede, welche die Kloster-Arbeitsschule in den Ferien besuche, werde die schlechtesten Noten in der Schule erhalten, ja es soll sogar die Verweigerung der Konfirmation ausge- sprochen worden sein, da es für protestantische Mädchen geradezu eine „Schande" sei, in die Klosterschule zu gehen. — Ist das nicht bissige Gehässigkeit? Wird hier nicht mit offener Ungerechtigkeit gedroht? Also eine „Schande" ist es für ein evangelisches Mäd­chen, in eine Arbeitsschule zu gehen, wo nichts von Konfession gelehrt wird, nur weil sie von Katholiken geleitet wird? Das ist „evangelische" Toleranz auch gegenüber den eigenen Konfessions-Genossen!? Es ist doch gemüthlich in Nördlingen, das exklusiv protestan­tisch regiert wird, wo der Katholik es nicht bis zum Gemeindediener bringen kann, wo für die protestantische Töchter- und Fortbildungsschule aus der Kommunal- kaffe übermäßig viel Geld ausgegeben wird, während der Klosterfchule keinerlei Subvention zukommt, viel­mehr ihre Existenz unmöglich gemacht werden möchtee bloß weil sie — katholisch ist!

all' seine geistige Kraft zusammen, um das begonnene Werk zu einem guten Ende zu führen. Dicke Thränen rollten da dem alten Euklid die tief gefurchten Wangen herab, als er sah, wie David mit durstendem Blicke ihm jedes seiner Trostesworte gleichsam vom Munde wegnahm. David machte den Versuch, zu sprechen, aber die Zunge wollte ihm versagen. „O, daß dem so wäre, wie Ihr sagt, Euklid" — das war alles, was er stammelnd hervorbrachte. „Es ist gewiß so, David", rief Elsbeth mit Innigkeit. „So wahr ich Dich liebe, fo wahr liebt Dich der Herr, und er wird Dich nicht ewig zu Grunde gehen lasten!" In diesem Augenblicke klopfte der Wächter von draußen an die Thür und rief dann durch das Guckfensterchen herein: die den Besuchern zugestandenc Frist sei nahezu abgelaufen; sie hätten nur noch wenige Minuten zur Verabschie­dung. Elsbeth legte ihr anmuthiges Gesichtchen neben die von kaltem Schweiß bedeckte Stirn des sterbenden Bruders, und ihre Hand auf dessen bleiche Wange. Zu sagen hatten sie sich nichts mehr, und die letzten Augenblicke verflogen schnell. „Leb' wohl, David", schluchzte der alte Euklid, ihm die Hand segnend aufs Haupt legend. „Gott schenk' Dir seine Gnade! Söhn' Dich mit ihm aus!" „Lebt wohl!" hauchte David schwach. „Es war mein Wille nicht, daß ich zum Dieb geworden bin . . . Leb' wohl, kleine, gute Els'!" Es