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Mittwoch, den 22. Juli 1891,

18. Jahrgang

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Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zelle oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender RabM.

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,Rathgeber für Landwirthschäft, Gartenbau und Hauswesen" in

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* Aus den Berichten der Fabrikinspektoren Heilt die C. P. C.-Korrespondenz Folgendes mit:

Die Zahl der in Preußen im Jahre 1890 in Fabriken rc. beschäftigten jugendlichen Arbeiter hat sich bekanntlich gegen 1885 um 21,257 vermehrt, wogegen die Zahl der beschäftigten Kinder nur um 408 zugenommen hat. Mit der Beobachtung der gesetz­lichen Vorschriften über die Beschäftigung von Kindern und jungen Leuten sieht es nach den Berichten der Fabrikinspektoren nicht zum Besten aus. Fast jeder berichtet von Uebertretungen verschiedener Art; und wenn man bedenkt, daß die wenigsten Fabriken besich­tigt werden konnten und vermuthlich dort, wo ein Verstoß beobachtet wurde, hinterher alles beim Alten blieb, so wird das Bild noch viel unerfreulicher. Vor allen wurden die Vorschriften über die Arbeits­zeit übertreten. Nach der bis dahin geltenden Ge­werbeordnung durften bekanntlich Kinder nnter 12 Jahren gar nicht, von 12—14 Jahren höchstens sechs Stunden täglich, junge Leute von 14—16 Jahren höchstens zehn Stunden täglich beschäftigt werden. Von der Beschäftigung von Kindern unter 12 Jahren wird nur ein Fall mitgetheilt: ein Mädchen von 10 Jahren arbeitete 10 Stunden! Desto häufiger ist die Beschäf­tigung in der Hausindustrie, wenn auch nur zwei Gewerberäthe ihrer Erwähnung thun. Der für M i n- ben und Münster berichtet, daß in der Hausin­dustrie nicht weniger als 1335 Kinder unter 12 Jahren und außerdem noch 793 über 12 Jahren, zusammen also 2128 beschäftigt sind, während 2165 Kinder in der Fabrik beschäftigt waren. Da die Arbeitszeit in der Hansindustrie angeblich 7 Stunden (vermuthlich mehr) betrug, wogegen sie in der Fabrik nur bis zu 6 Stunden dauerte, so ist leicht zu ermessen, wie un­gleich nachtheiliger erstere auf die geistige und körper­liche Entwicklung der Kinder wirkte, als die Fabrik­arbeit. Und dabei handelt es sich noch hauptsächlich um Beschäftigung in der Cigarrenfabrikation. Die Arbeitszeit der Kinder von 12—14 Jahren dauerte häufig über das gesetzlich zulässige Maß. Der Gewerberath für Düsseldorf erwähnt 15 Fälle bei 542 besichtigten Anlagen; dabei kam sogar ein Fall vor, daß ein Kind 13 Stund en beschäftigt wurde! Ferner war ein Kind IP/a Stunden, 2 Kinder 11, 3 Kinder lO'/s Stunden beschäftigt. Der Gewerbe­rath für Merseburg und Erfurt berichtet eben­falls von 10'/s- bis llstündiger Kinderarbeit. Be­sonders schlimm steht es mir der Arbeitszeit der jugendlichen Arbeiter. Die meisten Berichte erzählen von Ueberschreitung der zulässigen Arbeitszeit, Nichtinnehaltung der Pausen, Beschäftigung in Nacht­stunden, an Sonntagen rc. Vor allen sind es die Ziegeleien, bei denen die gröbsten Uebertretungen des Gesetzes vorkommen. „Ungemein lang“ nennt ein Gewerberath die Arbeitszeit auf den Ziegeleien, und ein anderer spricht die Ueberzeugung aus, daß die Ueberbeschäftigung in viel zahlreicheren Fällen vor­komme, als er beobachten konnte. Sodann scheinen die gröbsten Verstöße in den Zuckerfabriken vorzu-

Im Kampf ums Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen. (44. Fortsetzung.)

An einem Sonntag-Morgen, als er von dem vor­geschriebenen Gottesdienste aus dem Betsaale zurück­kehrte, fand er in seiner Zelle wieder einen Brief liegen. Zwölf Monate war er jetzt wieder in Haft; dreimal hatte Elsbeth ihm in dieser Zeit geschrieben; der vierte Brief war fällig und von ihm erwartet. Wie ein Verdursteter nach einer labenden Frucht, so griff David nach dem Schreiben. Diesmal kam das­selbe nicht von Elsbeth. Er las:

„Lieber David! Ich bin nun Matrose und habe guten Lohn. An zwanzig Pfund Sterling habe ich mir bereits erspart. Herr Dudley sagt, wenn ich im Navi­gationsunterricht gut vorwä ts komme, werde ich bald Steuermann werden. Und somit hab' ich die Elsbeth gefragt, ob sie meine Frau werden wolle. O David! Ich kann es keinem Menschen sagen, wie gern ich die Elsbeth habe. Wenn ich auf See bin, denk' ich Tag und Nacht an sie, und wenn ich hier bin, mein' ich, ich müßt jeden Augenblick bei ihr sein. Und so oft ich sie wieder seh', so kommt sie mir jedesmals hübscher nnd lieber vor. Sie gibt mir aber keine rechte Antwort und sagt immer: „Ich bin schon vergeben; ich gehör'

kommen. Sonstige Verletzungen der Gewerbeordnung scheinen noch recht häufig vorzukommen. Vielfach fehlten Verzeichnisse über die jugendlichen Arbeiter, die Arbeitsbücher waren nicht in Ordnung, ärztliche Atteste fehlten, die Arbeitskarten für Kinder fehlten, Kinder wurden ohne Genehmigung der Schulaufsichts­behörde beschäftigt, die Art der Beschäftigung war un­gesetzlich, jugendliche Arbeiter beiderlei Geschlechts arbeiteten zusammen rc. Der Gewerberath für Düssel­dorf erzählt, daß in 28 Anlagen 37 Arbeitsbücher mit abgeänderten Altersangaben gefunden wurden; in 15 Fällen wurden die Arbeiter als Thäter ermittelt. Weiter behauptet er, formelle Verstöße betreffend die Aushänge in den Fabriken wurden zuweilen absichtlich gemacht, um gröbere Uebertretungen bezüglich der Arbeitszeit und der Pausen zu verschleiern. In einer Stadt waren in sämmtlichen gewerblichen Anlagen die gesetzlichen Bestimmungen bezüglich der jugendlichen Arbeiter nicht beobachtet. Allein aus den 3 letzten Jahren wurden 31 für Kinder unter 14 Jahren aus­gestellte Arbeitsbücher vorgefunden. Die Arbeit­geber reden sich gewöhnlich damit aus, sie hätten ge­glaubt, alle mit Arbeitsbüchern versehenen jugendlichen Arbeiter gleich lange beschäftigen zu dürfen. Der Ge­werberath für Frankfurt a. O. und Potsdam berichtet, daß sich in einigen Spinnereien, die jugend­liche Arbeiter länger als 11 Stunden beschäftigen, He Leiter auf unsachgemäß ausgestellte ärztlicheAtteste beriefen, welche dahin lauteten, daß der betreffende Arbeiter ohne Nachtheil für seine Gesundheit 12 Stun­den oder „länger als 10 Stunden“ Arbeitszeit aus­halten könne. Daß die Ortspolizeibehörde schärfer auf die Innehaltung der gesetzlichen Vorschriften achten möge, ist eine oft in den Berichten wiederkehrende Forderung. Wenn Unternehmer zur gerichtlichen An­zeige gebracht wurden, so kamen sie mit 2, 5, 10, auch 30 oder 40 M. davon, nur das eine oder andere Mal werden Strafen von 100 oder 200 M. erwähnt. Die niedrige Strafe schreckt natürlich nicht im mindesten ab, denn sie steht nicht im Verhältniß zu dem Gewinn. Bei hohen Strafen mag allerdings zutreffen, was der Gewerberath für Aachen und Trier meint, daß sie nämlich für längere Zeit einen heilsamen Einfluß auch auf die benachbarten Fabriken ausübten. Gründliche Beseitigung der herrschenden Uebelstände ist erst zu er­warten, wenn die Zahl der Fabrikinspektoren so vergrößert ist, daß jede gewerbliche Anlage mehr­mals im Jahre gründlich besichtigt werden tarnt Die Polizei freilich könnte jetzt schon mehr thnn.

Deutsches Keich.

Berlin, 20 Juli.

* Der Kaiser hat heute seine Nordlandsfahrt von Bodö nach Tromsö fortgesetzt.

* Der Kaiser hat nach Entgegennahme der Vor­schläge der internationalen Preisjury mittelst Ordre, gegeben zu Windsor Caste, 8. Juli, 19 große und 73 kleine goldene Medaillen an diejenigen Künstler ver­liehen, die sich auf der Berliner Jubiläumsausstellung dem David — der hat Niemand außer mir.“ Hütt' sie statt dessen gesagt, sie könne keine Lieb' zu mir fühlen, so würd' ich Dir gar nicht geschrieben haben. Ich bitte Dich nun, schreib' ihr und sag' ihr, daß Du es gerne siehst, wenn sie mich nimmt; Du sollst damit die Schwester nicht verlieren, sondern in mir noch einen Bruder dazu bekommen. Es muß Dir ja auch lieber sein, daß i ch die Elsbeth heirathe, als ein Anderer, von dem Du fürchten müßtest, daß er sich Deiner schämt. So was kann mir nicht in den Sinn kommen, denn mein leiblicher Vater und meine eigenen Brüder sind allesammt Diebe. Wenn sie einen anderen nimmt, der könnte ihr eines Tages Dein Malheur vorwerfen; ich könnte das nicht, ohne mich selber zu beschimpfen. Ich hoffe also, daß Du mir nicht im Wege stehen wirst, lieber, alter David, und ich versprech' Dir hier­mit, der Elsbeth ein guter Ehemann und Dir ein guter Schwager zu sein; ihr sollt beide nicht zu klagen haben. Ernähren kann ich sie, wie gesagt, auch; wenn das Glück mir günstig ist, kann ich's wohl noch zum Kapitän bringen, und dann mag sich die Elsbeth mit jeder anderen sehen lassen. Nur mußt Du ihr schreiben und ihr sagen, daß Du mich zum Schwager haben willst, und Du sollst es nicht bereuen. Von Deinem Dich liebenden Freunde, Roger Blackett.“

David saß lange Zeit regungslos, den Brief in

der Berliner Künstler besonders ausgezeichnet haben. Die große goldene Medaille erhielten 1 Amerikaner, 2 Belgier, 1 Däne, 3 Engländer, 1 Italiener, 4 Oester- reicher, 1 Russe, 2 Spanier und 4 Deutsche; die kleine goldene Medaille: 3 Amerikaner, 7 Belgier, 3 Dänen, 4 Engländer, 3 Holländer, 4 Italiener, 5 Oesterreicher, 7 Russen, 2 Norweger, 8 Spanier, 3 Ungarn und 24 Deutsche.

* Offiziös wird bestätigt, daß die Ernennung des Grafen Udo ZU Stolberg-Wernigerode zum Oberpräsi­denten für Ostpreußen und des früheren Kultusministers Dr. v. Goßler zum Oberpräsidenten von Westprenßen bevorsteht. Nach der ,Kreuzztg.' ist die Ernennung des Herrn v. Goßler bereits erfolgt.

* Für die bevorstehenden Handelsvertragsverhand­lungen Italiens mit Deutschland und Oesterreich werden bereits die erforderlichen Vorbereitungen in Rom ge­troffen. Der italienische Ministerrath hat die In­struktionen für die italienischen Bevollmächtigten fest­gestellt, welche sich zum Zwecke der Verhandlungen nach Bern begeben werden.

* Zum Reichskommissar für die Antisklavrrei- Lotterie wurde der Leiter der Kolonialabtheilung des Auswärtigen Amts, Geh. Rath Dr. Kayser bestimmt. In den Ausschuß zur Verwendung der Gelder delegirt der Reichskanzler folgende Mitglieder des Kolonial­raths: Fürst von Hohenlohe-Langenburg, Prof. Dr. Schweinfurt, Staatssekretär a. D. Dr. v. Jacobi, Ehrendomherr Dr. Hespers-Köln und Banquier v. d. Heydt-Elberfeld.

* Meppen, 18. Juli. Die Absicht, unserm hoch­verehrten Windthorst hier ein Denkmal zu errichten, hat den Bildhauer H. Pohlmann in Berlin an­geregt, einen Entwurf zu einem solchen zu bilden: das daraus entftanbene kleine Gypsmodell hat derselbe aus freiem Antriebe hierher zur Prüfung und Begutachtung gesendet und wir nehmen davon Veranlassung, unsere Meinung darüber zu äußern. Das Modell Pohlmann's zeigt ein quadratisches Postament von einigen Stufen, auf dem sich ein massiver Granitblock erhebt, den vorne eine weibliche Idealfigur ziert, welche eben den Namen „Windthorst“ darauf geschrieben hat und die Ver­fasserin der Geschichte versinnbildlichen soll, lieber dem Granitsockel ist Windthorst dargestellt, auf einem Sessel sitzend, die Linke, welche eine Papierrolle hält, aufstützend, während die Rechte docirend erhoben ist und das Haupt vornübergeneigt, zu dem unten stehend gedachten Beschauer Das Ganze macht einen guten anziehenden Eindruck und imponirt, weil es im großen Stil echt künstlerisch gedacht und dargestellt ist, an der Gestaltung der Figuren und der edlen Modellirung ihrer Einzelheiten erkennt man klar die Liebe und Be­geisterung des Künstlers für fein Werk und doch drängen sich gewichtige Einwendungen und Bedenken gegen dasselbe auf. Die schöne Idealfigur vorn am Sockel tritt so sehr hervor und fesselt derartig den Beschauer, daß sie die Hauptfigur oben verdunkelt. Ver­hüllt man sie, so sehen wir eine allerdings edle Por­trätfigur, die aber in der fast immer unschönen Körper­haltung beim Sitzen wohl einen freundlich lehrenden seiner fiebernden Hand achtlos zerknitternd. Zu arbeiten brauchte er ja heute nicht, und so hatte er Muße zum Grübeln, mehr als gut war. Roger Blackett! Lie gut konnte er sich diesen scheuen, murrköpfigen, ausge­hungerten Jungen vorstellen, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend keinen Augenblick davor sicher war, von seinem Vater in trunkener Wuth todtge- schlagen zu werden. Und dieser armselige, schwache, müssiggängerische, von allen Kameraden in der Straße geringgeschätzte Junge, der Sohn eines ausgemachten Schurken, der Bruder zweier in ganz London berüch­tigter Diebe, trat nun vor ihn und warb um seine Schwester! Man hatte ihn von dem Irrwege, auf ben fein eigener Vater ihn verlockt, weggenommen und hingethan, wo er was lernen konnte. Jetzt war er Seemann, auf dem Wege Steuermann, vielleicht gar Kapitän zu werden und dachte daran, zu Heiratheu, die schöne Elsbeth zu heirathen! Roger — Kapitän Blackett!

David Fell — ein vielbestrafter Züchtling, ein Auswürfling, ein Einbrecher, ein verabscheuungswürdiger Missethäter! Wie um ihm diesen, vom launischen Ge­schick zusammengesündigten Kontrast um so fühlbarer zu machen, zauberte ihm feine Phantasie im Traume die beiderseitige Zukunft vor. Er erbliche Elsbeth in ihrem eigenen Haushalte, hübsch, liebenswürdig und