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JM 161

Freitag, den 17. Juli 1891.

18. Jahrgang

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Deutsches Keich.

Berlin, 15. Juli.

*FDer Empfang, den unser Kaiserpaar in England gefunden, war über Erwarten schön. Den Gipfelpunkt bildeteZdas Fest in der Guild hall, das die Kor­poration der City, der alten stolzen Kernstadt von L o n d o n, den hohen Gästen gab. Bei dem Frühstück antwortete der Kaiser auf den Trinkspruch des Lord- Mayors (Oberbürgermeister) mit einer Rede von ganz hervorragender politischer Bedeutung. Der Kaiser ist bekanntlich ein guter Redner und spricht gern in freiem Vortrag, Diesmal las er die Rede ab. Einestheils wird er dabei Rücksicht genommen haben auf die eng­lische Sitte, solche feierlichen Ansprachen, die im Wort­laut veröffentlicht werden sollen, erst schriftlich festzu­stellen und der Sicherheit oder auch der Bequemlichkeit halber das Manuskript in die Hand zu nehmen; aber andererseits, meint das ,Wests. Vbl/, erforderte auch die Natur dieser bedeutsamen, gewissermaßen program­matischen Kundgebung so sehr die Abwägung jedes ein­zelnen Ausdruckes und Wortes, daß das Ab les en, wie bei einer Thronrede, angezeigt erschien. Durch diesen äußerlichen Umstand wird die Bedeutung der Rede nicht vermindert, sondern im Gegentheil erhöht; denn es wird dadurch außer Zweifel gestellt, daß es sich um eine wohl überlegte, mit dem ganzen Gewicht der kaiserlichen Autorität beschwerte Kundgebung han­delt. Der Kaiser hob mit großer Wärme die verwandt­schaftlichen und historischen Beziehungen zwischen den beiden Dynastien und Völkern hervor, ohne jedoch auf die Einzelheiten der augenblicklichen Tagesfragen ein­zugehen. Er stellte sich die Aufgabe, ein neues feier­liches und für alle Wohldenkenden überzeugendes Zeugniß feiner Friedensliebe zu geben und ging deshalb über die gewöhnlichen Erörterungen über „Dreibund" oder „Vierbund" hinaus, indem er als Ziel seines Strebens bezeichnete, Deutschland mit Eng­land und „den anderen Nationen", d. h. mit allen friedliebenden und gesitteten Vökern, zu vereinen „in einer gemeinsamen Arbeit für friedlichen Fortschritt, reundschaftlichen Verkehr und Förderung der Civili- ation". Die Rede des Kaisers läßt recht klar und charf den Gegensatz hervortreten zwischen den beiden großen Lagern in Europa: auf der einen Seite will man nichts Anderes, als den Frieden und den Fort­schritt der Kultur zum allgemeinen Besten der Mensch­heit, auf der andern Seite verfolgt man Zwecke der Herrschsucht, Rachsucht und Habsucht, obschon man weiß, daß sie nur durch eine schreckliche Störung des Friedens und die schwerste Gefährdung der Wohlfahrt und Gesittung zu erreichen sind. Die Rede hält den sranzösifch-russischen Jntriguen einen Spiegel vor, und das Bild, das darin erscheint, muß nament­lich auf die edlen Naturen in Frankreich beschämend wirken, da es ihnen den kulturfeindlichen Charakter des Bündnisses mit dem Knutenreiche so klar vor Augen führt. Aber die Gegner können keinerlei Vorwurf er­heben wegen der Lektion, die ihnen die kaiserliche An­sprache gibt; denn sie verschwendet kein Wort der Kritik über die Friedensstörer, sondern wirst nur durch die Kennzeichnung der edlen Ziele, die Deutschland und

Im Kampf ums Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.

(40. Fortsetzung.)

Fort, fort! Sie will jeden anrufen, der möglicher­weise Hilfe bringen kann, denjenigen, der ihr etwa auf verspätetem Heimweg begriffen, in der Straße begegnet, wie den, durch dessen Fenster sie noch Licht gewahrt. Nichts soll sie schrecken auf ihrem Wege, nichts hindern. Jede Minute Verzögerung kann einen unschätzbaren Preis fordern. Es gilt die Rettung des alten Euklid, der nach des Tages rastlosen Wanderungen so fest im Schlafe liegt, daß ihn der Mörder fchon am Halse haben wird, ehe er ihn noch gewahrt; es gilt die Rettung der guten Frau Sinnet, die in ihrer zittern­den Furcht keinen Widerstand wird leisten können; es gilt die Rettung der Habe so vieler Seeleute in der Ferne und darunter auch Roger's! O, arme Elsbeth, wenn Du wüßtest, wer der ist, der in eure friedliche Behausung als Dieb und Räuber eingebrochen ist und gegen den Du den Arm der Gerechtigkeit anzurufen im Begriffe bist, — Du würdest umkehren und zeigen, daß Du noch schneller laufen kannst, als Du eben läufst. Du würdest denjenigen, der Dir jetzt als der böseste

seine Freunde verfolgen. In Folge desim sehen sich auch die franzosenfreundlichenBlätter inEng- laud gezwungen, der Rede Anerkennung zu zollen. Sogar ein französisches Blatt rühmt die Offenheit, die Klarheit und den friedlichen Werth der kaiserlichen Erklärungen. — Einige fanatische Französlinge und deutschfeindliche Querköpfe im englischen Parla­ment hatten in den jüngsten Tagen sich fort und fort Mühe gegeben, die Regierung durch Anfragen bezüglich der hochpolitischen „Verträge" und sonstige Quertreibereien in Verlegenheit zu setzen und womöglich Mißtrauen und Mißstimmung im Volke zu erwecken. Sie hatten weder im Parlament noch im Lande Erfolg. Die sehr ge­schickte und höchst wirksame Fassung der kaiserlichen Rede hat ihnen das Geschäft vollends verdorben; sie bietet nicht den mindesten Anhaltspunkt für weitere Hetzversuche und Jntriguen. Wohl aber wird die Rede erobernd auf die Gemüther der Engländer wirken, indem sie als Früchte der Friedenspolitik auch die den Engländern sehr sympathische Handels- und Verkehrs­freiheit, sowie die sozialen Reformarbeiten hervorhebt und mit der „Förderung der Civilisation" auch auf die gemeinsame Aufgabe in Afrika anspielt. In letzterer Hinsicht ist bekanntlich zwischen England und Deutsch­land ein besonders inniges Einvernehmen erzielt, wäh­rend die französische Deputirtenkammer durch die blindeifrige (hoffentlich nicht endgiltige) Beanstandung der Antisklaverei-Akte wieder einmal gezeigt hat, wie sehr Frankreich die Fühlung mit der Gesammtheit der Kulturmächte zu verlieren droht. Kurz vor dem Frie­dens- und Freundschaftsfeste in London ist in Venedig bei dem Besuche Königs Humbert auf der dort gastiren- den englischen Flotte das Einvernehmen zwischen Eng­land und Italien recht kräftig bekundet worden. In Fiume, Venedig und London hat England mit jedem einzelnen der Dreibundmächte herzliche Freund­schafts - Versicherungen ansgetauscht. Der diesjährige Sommer wird beherrscht von der hochwichtigen That- sache dieser Annäherung Englands. Dieselbe steht im schroffen Gegensatz zu dem sonderbaren Rath­schlag von Friedrichsruh, wonach man aus ängstlicher Liebedienerei gegen Rußland in die werthvolle Hand Englands nicht einschlagen sollte. Ein wahres Glück, daß der Kaiser und Herr v. Caprivi sich besser aus die Behandlung Rußlands verstehen. Die ftanzösisch- russischen Friedensfeinde müssen möglichst isolirt werden, sowohl politisch als moralisch, und dazu trägt der Beitritt der sechsten Großmacht zum Friedensbunde, wenn auch nicht zu dem formellen Dreibunde, in ent­scheidender Weise bei. Wenn die Dinge sich in der bisherigen Weise weiter entwickeln, so möchten wir so­gar wagen, die Hoffnung auszusprechen, daß Frank­reich gegen Ende dieses Jahrhunderts reif fein wird zur Entgegennahme eines Besuches des Kaisers Wilhelm.

* Kultusminister Graf v. Zedlitz-Trützschler hat an die Geheimräthe Dr. Hahn und v. Bergmann die Aufforderung gerichtet, ihm binnen 24 Stunden eine Antwort aus die gegen sie öffentlich erhobenen Anklagen des Assessors Leidig zu ertheileu. Assessor Leidig hatte die Genannten beschuldigt, Krebs-Impfungen auf ge­sunde Körpertheile von Patienten vorgenommen zu haben.

* Der österreichisch - deutsche Handelsvertrag wird

Feind erscheint, um den Hals fassen, als wäret ihr zwei herzige Kinder; Du würdest ihm die süßesten Worte ins Ohr flüstern und ihn damit vielleicht retten noch im letzten, allerletzten Augenblick!

Blackett warf einen Blick durch den kleinen Laden über verschiedene Waaren hin wie rund in die Küche umher und war sofort im klaren, daß hier nichts zu holen sei. Also ohne Säumen hinauf in die Schlaf­kammern, wo sich Euklid's Schatz und die wohlgefüllten Schifierkisten befinden müssen! Euklid schlief diesmal nicht in dem Kabinet, da Viktoria abwesend war. Die Thür des vorderen Zimmers war die erste, auf welche die Diebe stießen, als sie die gewundene Treppe heraus­kamen. Sie öffneten dieselbe und das Licht ihrer Laterne fiel voll auf das Gesicht des alten Mannes. „O je!" rief David leidvoll überrascht, „es ist der alte Euklid!"

„Hm . . . ist's schon Zeit zum Aufstehen?" fragte der so plötzlich Geweiste in schleppendem Tone, indem er sich aufsetzte und seine Augen durch Reiben mit der Rückfläche der Hände zu ermuntern suchte. David schaute verwirrt um sich. Euklid war indessen schon aus dem Bette gesprungen und ging nun, indem er Frau Sinnet zurief, sich in ihrem Zimmer einzuschließen, feiner geringen Kräfte vergessend, mit verzweifeltem

Anfangs Oktober dem österreichischen Reichsrath vor­gelegt. Man hofft, ihn gleichzeitig mit dem schweize­rischen und dem italienischen Handelsvertrag verhan­deln zu können.

* Ein neuer Gesetzentwurf über den BerkehrZ'mit Wein soll, wie es heißt, für die nächste Reichstags­session in der Vorbereitung sein. Der Reichstag hat sich zum letzten Mal im Frühjahr 1888 mit der An­gelegenheit beschäftigt. Damals lag ein Gesetzentwurf vor, welcher sich auf die Regelung der Frage nach der gesuudheitspolizeilichen Seite beschränkte. Er zählte eine Anzahl Stoffe auf, welche von der Weinbereitung wegen der gesundheitsschädlichen Wirkung unter allen Um­ständen ausgeschlossen sein sollen, und verbot das Feil­halten und den Verkauf von Weinen, denen jene Stoffe zugesetzt sind. Für eine Feststellung des Begriffs der Weinverfälschung und Weinverbesserung ohne gesund­heitliche Nachtheile und für Vorschläge über die gesetz­geberische Behandlung dieser Seite der Frage schien dem Bundesrath damals noch zu viel Unklarheit und und Widerstreit der Meinungen zu herrschen. Im Reichstag und in der zur Berathung des Gegenstandes eingesetzten Kommission überwog aber die Ansicht, daß eine gesetzliche Regelung des Weinverkehrs über die Bestimmungen des Nahrungsmittelgesetzes hinaus auch nach der verkehrspolizeilichen Richtung erwünscht sei, da auch nach dieser Seite das genannte Gesetz nicht ausreiche, in der Rechtsprechung und der polizeilichen Handhabung verschiedene Auslegungen erfahren und dadurch Unsicherheit im Verkehr hervorgerufen habe. Man hielt es für eine Aufgabe des Gesetzes, der Un­gewißheit darüber ein Ende zu machen, wie weit und unter welchen Voraussetzungen eine künstliche Ver­besserung des Weines gestattet sei. Es gaben sich aber dabei sehr entschiedene Gegensätze kund, hauptsächlich in der Frage der Verzuckerung und des Deklarations­zwangs. In der Kommission siegte nach langen Kämpfen der Deklarationszwang bei Verzuckerung. Es wurde ein Gesetzentwurf angenommen, welcher die gesundheits- polizeilichen Bestimmungen der Regierungs-Vorlage im Wesentlichen wiederholte, aber auch folgende Vorschrift enthielt: „Werden Zucker, Wasser, Alkohol, Rosinen und andere nicht unter Verbot gestellte Stoffe zugesetzt, so darf der Wein nur unter einer Bezeichnung, welche das Vorhandensein eines Zusatzes erkennbar macht, z. B. verbesserter Wein, verzuckerter Mein, Schaum­wein, Fayonwein und dergleichen gewerbsmäßig feil­gehalten oder verkauft werden." Zu einer zweiten Be­rathung im Plenum ist es dann nicht gekommen, und die Angelegenheit hat seitdem geruht. Man darf ge­spannt sein, ans welcher Grundlage sie jetzt wieder ausgenommen werden soll. Sie bietet außerordentliche Schwierigkeiten dar, und es stehen sich wichtige und berechtigte Interessen schroff gegenüber.

* Die Einfuhr von lebenden Schweinen aus Bie- litz-Biala und Steinbruch in Oesterreich-Ungarn in das öffentliche, polizeilich überwachte Schlachthaus zu Frankfurt a. O. ist widerruflich genehmigt worden.

* Für den Neubau von Eisenbahnbrücken soll nach der ,Voff. Ztg.' die preußische Regierung beabsichtigen, von dem nächsten Sand tag die Bewilligung einer namhaften Geldsumme zu verlangen, welche dazu ver- Muthe gegen Blackett los. Blackett schüttelte seinen Angriff mit Leichtigkeit ab, faßte ihn am Halse, zog ihn auf den Boden und kniete ihm, wilde Grausamkeit in den Augen, auf die Brust.

„Weg!" rief David und zog Blackett an den Schultern; „augenblicklich laßt ihn los! Ihr sollt den Alten nicht umbringen unter meinen Augen! Jch leid's nicht, daß Ihr ihn mißhandelt."

„Wenigstens halb muß er hin sein," keuchte Blackett wüthend. „Ich will meine Rache haben."

Nun begann ein ernstliches Ringen zwischen Blackett und David. Auch Euklid thctt, sobald Blackett die Hand von seinem Halse hatte wegziehen müssen, sein Bestes dabei. Der' Stuhl, auf welchen David die Laterne niedergefetzt hatte, wurde umgeworfen; das Licht ver­löschte. Der Kamps währte fort im Dunkeln. Keiner wollte den Andern loslaffen, und so wälzten sie sich aus einer Ecke des Zimmers in die andere. Dazwischen Flüche und Drohungen zwischen den zwei Diebs- Kumpanen, und das wehklagende Seufzen Euklid's, der von den Stößen und Püffen der über ihm sich balgen­den Komplizen fein redlich Theil mitbekam. Vergeblich versuchte er, David zu Hilfe zu kommen; feine Schwäche, die Dunkelheit, das Ungestüm der Ringenden hinderten