.V 160 Donnerstag, den 16. Juli 1891 !8.Jahrgang
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Zum Katholikentage in Danzig.
Danzig, im Juli. 1891.
Danzig ist als Ort der Tagung für die 38. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands hauptsächlich deshalb gewählt worden, damit auch im Nordosten des Vaterlandes einmal die Versammlung tage, und so auch die Katholiken der Diaspora, der so mächtigen Wirkung derselben sich erfreuen könnten. Wer von den Katholiken dieser Provinzen bisher einer Generalversammlung beiwohnen wollte, hatte fast immer das Opfer einer weiten, kostspieligen Reise zu machen; denn, von den beiden Breslauer Generalversammlungen abgesehen, fanden die Katholikentage meistens im Westen, zumal in der Rheinprovinz und Westfalen, wiederholt sogar in Süddeutschland statt. Dmnoch haben alle Jahre Katholiken des Ostens, namentlich Geistliche, dies Opfer gebracht und den fernen Katholikentagen beigewohnt. Wenn wir nun die Bitte aussprechen, es möchten auch zahlreiche Katholiken des Westens und Südens unseres Vaterlandes nach Danzig zum Katholikentage kommen, so sind wir uns bewußt, daß wir sie auffordern, ein Opfer zu bringen: ein Opfer an Zeit, Bequemlichkeit und Geld. Aber wir sind der Ansicht, daß erstens dies Opfer gebracht werden sollte, daß es sich zweitens auch reichlich lohnen werde.
Dies Opfer sollte gebracht werden: zunächst weil eS sich für Katholiken überhaupt ziemt, im Interesse der katholischen Sache unseres Vaterlandes Opfer zu bringen. Nun liegt aber ein Katholikentag, namentlich ein so hoch bedeutsamer wie der diesjährige, wahrhaftig im Interesse unserer guten Sache. Handelt es sich doch um die erste große Heeresschau der Katholiken Deutschlands nach dem Tode unseres unvergleichlichen Führers und um die Lösung jener neuen großen Aufgaben, welche der Umschwung der politischen Verhältnisse und die soziale Lage an die Katholiken stellt. Da ist es nothwendig, daß auch der Süden und Westen nach Danzig seine Vertreter entsendet, auf das sich der Katholikentag wirklich als Vertretung des gesammten katholischen Deutschland glanzvoll und wirksam darstelle.
Dies Opfer sollte zweitens gebracht werden, weil es sich für Katholiken, namentlich für solche, die durch Gottes Gnade in glücklicheren Verhältnissen sich befinden, nämlich in katholischen Landen, gesegnet mit katholischen Kirchen und zahlreichen Priestern, mit vielen katholischen Vereinen und Korporationen, mit einer weit verbreiteten und vielfältigen katholischen Presse — daß es sich, sagen wir, für die Katholiken geziemt, ihre in unendlich schwieriger Lage sich befindenden Brüder der Diaspora, die zudem noch durch die Sprache der Nationalität getrennt sind, zu unterstützen, sie empfinden zu laffen, daß sie Kinder eines Glaubens, einer Liebe, einer Kirche, eines Vaterlandes sind, und auch bei ihnen neues Glaubens- und Liebesleben, Katholizismus in mannhafter ausdauernder Arbeit, neu anzuregen.
Endlich drittens scheint es uns Ehrensache speziell der Katholiken des Südens zu sein, dies Opfer zu bringen. Es ist durch die Blätter ja schon vorzeitig
Im Kamps um s Dasein.
Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.
(39. Fortsetzung.)
Es war eine stockfinstere Nacht, als Blackett und David, nachdem sie ihren Plan gehörig überlegt, daran schritten, ihn in's Werk zu setzen. In der stillen Straße angekommen, betrachtete Blackett sich noch einmal die Front des Hauses, in welches sie einzubrechen im Begriffe waren. Die Straßenlaternen verbreiteten eine ziemliche Helle. An der einen Seite des Häuschens befand sich ein hohes Waaren-Packhaus, welches Nachts leer und verschlossen stand; nicht einmal ein Wächter befand sich nach Blacketts Versicherung in demselben. Auch auf der andern Seite hatte Frau Sinnet augenblicklich keine Nachbarn. In den Fenstern des Parterres hing ein schon gelb gewordener Zettel mit der Inschrift: „Zu verkaufen oder zu vermiethen. Bescheid bei Simpson Brothers, hinter St. Paul Nr. 10". Auch sonst war die ganze Straße entlang, die, wie wir wissen, auch nur kurz war, kein Licht in einem Zimmer zu sehen: es wohnten nämlich nur Arbeiter dort, und die gehen nach ihrem harten Tagewerk stütz zu Bett. Um in den Hofraum hinter dem schmalen Häuschen der Frau Sinnet zu kommen — denn dort
bekannt^gegeven worden, daß das Präsidium des Katholikentages, dem hochverdienten Leiter des großen württembergischen Katholikentages zu Ulm, dem Grafen v. Rechberg übertragen werden solle — und dies entsprechend einem von unserem verstorbenen großen Führer ausgesprochenen Wunsche, um dadurch auszusprechen, wie sich das ganze katholische Deutschland gefreut ha über diese großartige Kundgebung des katholischen Lebens in dem großentheils protestantischen Württemberg. Ehre, dem Ehre gebührt! Wir sind aber auch überzeugt, daß nun die Katholiken Württembergs insbesondere es sich nicht nehmen lassen werden, nm ihren edlen Führer in stattlicher Zahl in Danzig sich zu schaaren, um von hier — dem Centralpunkt des katholischen öffentlichen Sebens auf einige Tage — neuen Trost und neue Ermunterung zur Lösung der den Katholiken Württembergs obliegenden hochwichtigen Aufgaben — namentlich in Bezug auf die Schul- und Ordensfrage — mit in ihre schöne Heimath zu nehmen. Wir glauben ferner mittheilen zu dürfen, daß auch aus Baden und Bayern, aus der Rheinprovinz und Westfalen Träger bedeutender Namen ihr Erscheinen in Danzig angekündigt und ganz ausgezeichnete Wortführer aus diesen Sündern Reden für den Katholikentag in DanzigIüber- nommen haben.
So vereinigen sich die verschiedensten Momente, um auch die in der Ferne wohnenden Katholiken zu bewegen, die mit Opfern verbundene Reise nach dem Ostseestrande zu unternehmen. Aber dieses Opfer soll auch nicht umsonst gebracht werden. Von Gottes reichem Lohne gar nicht zu reden, welcher jedes ihm zu Ehren gebrachte Opfer zu lohnen pflegt, wird die Reise nach Danzig und der Katholikentag daselbst eine Quelle der wohlthuendsten Eindrücke sein. Dem Katholikentag liegen hochwichtige Fragen zur Behandlung und Lösung ob; es werden sich in Danzig so ziemlich alle die bedeutendsten Führer und Vertreter des katholischen Volkes, Männer in ganz hervorragenden Stellungen einfinden, und Redner sind gewonnen, wie vielleicht kein Katholikentag sie bisher aufweisen konnte. Dazu kommt noch für die Gäste aus dem Westen und Süden die hochinteressante Reise selbst, die wohl die meisten über Berlin führen dürfte. Wie mancher hat bisher die weite Reise dorthin, blos um des Vergnügens willen, gescheut, ttotz der Sehnsucht, die Reichshauptstadt einmal besuchen und bewundern zu können. Nun ist die durch einen wichtigen und höheren Zweck geheiligte Gelegenheit geboten, dem Wunsche Folge zu geben. Und von Berlin führt die Reife nach Danzig selbst. Wer im Süden oder Westen kennt eigentlich Danzig? Wer ahnt auch nur, daß es eine der schönst gelegenen Städte Deutschlands ist. daß seine Architektur eine ganz einzig originelle, die der sogenannten DanzigerReuaissance, ist, daß sich in Danzig herrliche, einst alle katholische, nun der Mehrzahl nach leider evangelische Kirchen mit stolzen Thürmen, die in den reinen blauen Aether ern- porragen, befinden, welche mit den sonstigen an Thürmen und Thürmchen reichen öffentlichen Gebäuden alter und neuerer Zeit, eng umgürtet von den in frischem Grün prangenden Wällen, Danzig als eine malerisch reizvolle Stadt erscheinen lassen, namentlich wenn die Strahlen hatte Blackett sich den bequemsten Angriffspunkt für seinen Einbruch ausersehen — brauchte man nur durch einen schmalen Durchlaß um das gerade unbewohnte Haus herumzubiegen und dort die Mauer zu übersteigen, denn eine Thür hatte letztere nicht.
Das Uebersteigen bot aber keine Schwierigkeit, selbst nicht für Blackeit; David war im Nu hinüber. Im Hofraume angekommen, merkten die Diebe aber, daß gerade der Umstand, welcher ihr Unternehmen begünstigen sollte, der von Gewölk schwarz umzogene Himmel, auch wieder sein Uebles hatte: die Dunkelheit war hier, zwischen den hohen Mauern der nebenstehenden Gebäude, so undurchdringlich, daß man keine Hand vor den Augen sehen konnte. „Es ist so dunkel, wie im „schwarzen Loch", wisperte David, und gleich darauf stolperte er auch schon über einen Eimer, dessen eiferner Bügel ein ganz widerwärtiges Geräusch verursachte. Athemlos blieb er stille stehen und lauschte, ob das Rasseln weitere Folgen nach sich ziehe, während Blackett bereits wieder die Hände zum Mauerfirste emporreifte, um beim geringsten Anzeichen von Gefahr den Weg, den er gekommen war, zurückzumachen. Aber es regte sich nichts, weder im Häuschen selbst, noch in den Nebengebäuden. Es herrschte Totenstille allnm; auch nicht aus weitester Ferne drang einer der Töne herüber,
der Sonne sich in den die hochgiebligen, schmalfrontigen Patricierhäuser bedeckenden Fenstern und den goldschimmernden Firsten des Zeughauses sich wiederspiegeln.
Von Danzig selbst führt die Bahn in 20 Minuten alle Stunden nach Oliva mit seiner altehrwürdigen Cistercienser-Abtei und -Kirche, mit seiner romantischen Umgebung von Wald und Berg, mit seinen wundervollen Ausblicken in die Ebene und über die spiegelnde Fläche der Ostsee. Von Oliva sind nur noch einige Minuten Eisenbahnfahrt nothwendig, um nach Z o p p o t, dem freundlichen, trauten Badeorte mit feinen Wäldern und seinem einzig schönen Sttande, und dem sich von Jahr zu Jahr hebenden Glanz und Komfort, dem immer mehr sich entwickelnden reizvollen, dabei ver- hältnißmäßig billigen Badeleben. Bahn und Dampfer führen von Danzig die Gäste auch rasch zum Danziger Hafen Neufahrwasser mit seiner Westerplatte, seinem prachtvollen Park und Kurhaus, mit seiner gewaltigen Mole und seinem ragenden Leuchtthurm. Die Pferdebahn befördert sie nach Langfuhr, einem im Schmucke lieblicher Billen und Gärten prangenden Vororte, mit dem einzig schönen Jäschkenthal, dem Lieblingsausflugsorte der Jugend und der Stätte großartiger Volksfeste, und dessen wunderschönen bewaldeten Höhen und Fernsichtpunkten. Wer schon längst nach einer Ostsee- bade-Knr verlangte, vor und nach dem Katholikentage stehen ihm Zoppot, Neufahrwasser, Broesen und andere Bäder mehr nach Wahl zur Verfügung.
Fügen wir noch hinzu, daß das Lokalkomitee keine Mühe scheuen wird für gute Quartiere und angenehmen Aufenthalt zu forgen — so dürfen wir wohl sagen: Wir sind überzeugt, daß jeder Besucher der Katholiken- Versammlung mit dem Bewußtsein in die Heimath zurückkehren wird, das Opfer der zu Gottes Ehre unternommenen Reise nach Danzig nicht umsonst gebracht zu haben. Mögen also auch aus dem Westen und Süden recht Viele zu dieser Reise sich entschließen.
Deutsches Keich.
Berlin, 14. Juli.
* Die Londoner Kaiserreise steht im Vordergrund der politischen Erörterungen. Sehr verstimmt ist man über dieselbe in Rußland. Die dortige Presse ist einstimmig in dem Ausdruck ihres Mißfallens über den Besuch des deutschen Kaisers. Mehrere Blätter schlagen sogar vor, Rußland und Frankreich sollten sich in Beantwortung desselben zu einem Protest gegen die englische Occupation Egyptens vereinigen. Noch weiter geht ein französischer Diplomat, der im .Gaulois" für den formellen Abschluß eines Bündnisses zwischen Rußland und Frankreich eintritt, das die Antwort auf die Erneuerung des Dreibundes sei. Nach der Ansicht jenes Diplomaten, der als ein Mann bezeichnet wird, „der eine wichtige Rolle gespielt hat", müsse Frankreich den Russen etwas bieten, und das könne nur Konstantinopel fein. Sehr „freigebig" von dem Herrn Diplomaten, nur sollte er auch wissen, daß mau Beute nicht vertheilt, bevor man sie hat. UebrigenS wird der Sturm im Westen und Osten voraussichtlich noch größer werden, wenn sich die Nachricht der römi-
)eren tausendfaches Durcheinander und Zusammenwirken iene§ betäubende Getöse zuwege bringt, wie es von dem Getriebe reitender, fahrender, schaffender ober schreiender Menschen unzertrennlich ist. Allmählich gewöhnte sich David's Auge auch an das Dunkel; er sah jetzt wenigstens, wie die Umrisse der Nebenhäuser von dem Nachthimmel über ihm sich abhoben. Das Häuschen >er Frau Sinnet war älter, als die höheren Nachbar- 'jäuser, aber es machte mit seinem Fachwerk und dem jochgestochenen, spitzen, nur durch eine einzige Luke durchbrochenen Dachgiebel den Eindruck, als ob es erst nachträglich dazwischen gezwängt worden wäre. Furcht jatte David nicht im geringsten; wenn sich etwas Ber- dächttges hören ließ, so konnten sie beide in weniger als drei Minuten sich in Sicherheit gebracht haben. Aber es war still und blieb still. Blackett drängte, als David trotzdem noch immer regungslos dastand, als fürchte er immer noch, durch die Berührung des Eimers einen Schläfer wach und ihrem Unternehmen bedrohlich gemacht zu haben. Das war cs aber nicht, was den David noch zurückhielt, das Begonnene fortzusetzen. Er wußte ja, daß ein alter Mann und eine alte Frau, die einzigen Wesen im Hause, ihnen nicht sehr gefährlich werden könnten. Was er angesichts des stillen Friedens in dem Häuschen fürchtete, das war