18. Illi'NMg
Dienstag, den 14. Juli 1891-
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& Der Kandidat der Theologie als Fabrikarbeiter.
Im Kamps UMS Dasein.
Erzählung nach Hesba Stretton von H. 6. Remagen.
(37. Fortsetzung.)
„Fast vier Pfund Sterling!" sagte er. „Das hast Du brav gemacht, Roger. Aber, Viktoria, was können wir mit dem (Selbe anfangen? Wozu es einstmals bestimmt war, dazu brauchen wir's nicht mehr" . . . „Die Elsbeth hat's ja schon gesagt," versetzte Roger. „Es ist die Aussteuer zur Heirath mit dem Kapitän Ubjohn." Roger lachte dazu aus vollem Halse, und so thaten, so gut sie's noch konnten, auch Euklid und Frau Sinnet. Viktoria nahm die Sache ernster auf; es war das erste Mal, daß eine sie zunächst angehende Angelegenheit, die sie freilich in weiterer Ferne hatte kommen sehen, so offen und in so bestimmter Weise zur Sprache gebracht wurde. Ubjohn war ja Kapitän einer Schaluppe, die zwischen England und Schweden segelte und hatte vordem unter Thomas Sinnet als Steuermann gedient, obgleich er um viele Jahre jünger war, als dieser. „Die Viktoria ist ein zartes Persönchen," sagte er, „die keine Rohheiten ertragen kann, aber sie soll eS gut bei mir haben, und auch ihr Vater soll, wenn's ihm einmal zu schwer wird, sich selbst zu unterhalten, ein freundliches Heim bei uns finden. Und
ven seiner Arbeitsgenofsen. Er hat in der That keme eitle Spielerei getrieben, sondern gezeigt, daß es ihm heiliger Ernst war mit seinem Streben. E8 fragt sich nur, ob die Erfolge lohnend sind im Verhältniß zu den gebrachten Opfern. Für Herrn Göhre's Person sind sie vielleicht vollständig bestiedigend; denn bei seinen weiteren Arbeiten auf dem sozialen Gebiete wird ihm die dreimonatliche Erfahrung immer eine Oueüe von unmittelbarer Erkmntniß und belebender Anregung bleiben. Aber nach der Lesung feines Buches möchten wir nicht behaupten, daß die übrige Welt aus seinem Abenteuer etwas Neue« von erheblichem Werth lernen könne. Herr Göhre hat eine Fabrik in Chemnitz kennen gelernt, hat die Herbergen, die Vergnü- gunqLlokale, die WohnungSverhältnisie in dieser Industriestadt studirt, und ist dann al« Handwerksbursche noch ein wenig in da« sächsische Vogtland hineingegangen. Das umfaßt nur einen sehr kleinen Theil der Verhälmisie, die ein Sozialpolitiker kennen und berücksichtigen muß.
Herr Göhre warnt selbst in der Vorrede vor einer Verallgemeinerung der von ihm gefundenen Ergebnisie und gibt zu bedenken, daß alles Berichtete nur von den sächsischen Industrie-Arbeitern Geltung habe. Natürlich ist auch jede kleine Einzelforschung, wenn sie verständig und gewisienhast vorgenommen wird, ein schätzbarer Beitrag, ein Stein zum Gebäude der Wahrheit. Aber wie lange würden wir auf die Vollendung dieses Baues warten müßen, wenn erst in allen Industrie-Orten und in Fabriken aller Industriezweige sich opfermuthige Forscher einige Monate zu Arbeitern machen sollten? Ist das möglich und nothwendig? Herr Göhre fordert steilich seine WrerS- und Standesgenosien auf, „es ihm nachzmhun, allein oder zu zweien, aber mit offenem Visir, zu keinem andern Zwecke, als die ärmeren Mitbrüder und chre Lage, ihre Gedanken, ihre Sorgen und ihr Sehnen kennen zu lernen, ihnen durch solche Opfer die Liebe und Achtung zu zeigen, auf die sie einen Anspruch haben und im künftigen Berufe dann vor- urtheilslos und erst da für sie einzutreten, wo immer sie recht haben." Doch wollen wir hoffen, daß diese Mahnung keinen Erfolg hat. Dann werden die Arbeiter erst merken, daß sich „Gebildete" unter sie „einschleichen", um sie in der Werkstatt und im Privatleben zu beobachten, so wird
es Scenen fetzen, die zu den schönen Worten von Liebe und Achtung schlecht paffen. „Mit offenem Visir" kann man nicht als Arbeiter unter die Arbeiter sich mischen wollen. Derjenige, der wie Herr Göhre mit den Arbeitern in Lebensgemeinschaft treten will, muß sie über seinen Charatter und seine Absicht täuschen. Wer ihnen aber offen sagt, wer er ist und was er will, der braucht keme Blouse ober Schürze anzulegen; die durchschaute Maskerade würde ihm bei seinen Forschungen nichts nützen, sondern nur schaden. Zum Glück ist ja die kunstvolle Spioni- rerei gar nicht nöthig. Die Werkstätten, die Erholungslokale, die Wohnstätten und auch die Herzen der Arbeiter sind keineswegs so verschloßen, daß man nicht auf geradem Wege, und ohne Vermummung dahin gelangen könnte. Herr Göhre ging offenbar von einer irrigen Annahme aus, wenn er glaubte, die Arbeiterschaft habe Geheimniffe, die sie von Niemanden lüften laße, der nicht zur Kaste gehöre. Der schönste Beweis für das Gegentheil ist sein eigenes Buch; denn er hat tatsächlich nichts auSgekund- schaftet, was nicht im Wesentlichen schon vorher bekannt gewesen. Was insbesondere seine Beobachtungen über den Gedankengang in den sozialdemokratischen Köpfen und über die verschiedenen Agitationsformen angebt, so hätte er Alles, was er als Sozialpolitiker und Theologe wißen mußte, ohne die Verkleidung als Arbeiter erfahren können, wenn er mit den Arbeitern selbst sich gelegentlich in Beziehung gefetzt oder bei Leuten, die ihnen nahe stehen, sich erkundigt hätte. Wollte er aber einen realistischen Roman zur Beleuchtung der Arbeiterverhäftniße verfaßen, so war seine Art des Studiums recht zweckmäßig.
In der Vorrede warnt Herr Göhre, wie wir schon erwähnt haben, vor einer Verallgemeinerung der von ihm gefundenen Ergebniße. Er selbst aber geht mit jugendlichem Eifer in der „Verallgemeinerung" so wett, daß er schließlich zur Beseitigung der Gefahr, die er in Chemnitz beobachtet hat, nichts Geringeres al8 eine gründliche Umgestaltung des (evangelischen) Kirchenchums und des Schulunterrichts vorschlägt. Der junge Kandidat der Theologie findet in seinem Protestantismus so wenig positiven Halt, daß die trüben Beobachtungen über die Widerstandsun- fähigkett des „biblffchen" Religionsunterrichts und das Vordringen des materialistischen Unglaubens ihn sofott aus dem Gleichgewicht bringen und auf Egrdy'fche Wege drängen. Seiner langen Rede kurzer Sinn ist der: Weil die Sozialdemokraten nicht mehr an die christlichen Glaubenslehren glauben wollen — deshalb müßen wir die Dogmen fahren laßen. „Wir, die Diener der Kirche", sagte er, „müßen die alten Formen zerbrechen und den trotz alledem sich danach Sehnenden die ganze Herrlichkett und Wahrheit unseres Glaubens in neuen Gedankenkreisen, in neuen Ausprägungen, in Auffassungen, wie sie dem modernen Menschen allein kongenia sein können, übermitteln." Dabei ist „immer anzuknüpfen an die geschicht- liche Person Jesu von Nazareth, vor deren Mer Hoheit auch der Arbefter heute allein sich noch beugt." Der künftige „Diener der Kirche" spricht kalten Blute» die Bankerott-Erklärung der protestantischen Kirche in der jetzigen Gestalt aus gegenüber der modernen Wissenschaft, die nicht bloß die Mittelstände, sondern auch den Arbetter- stand unchristlich gemacht hat. Nicht die Wißenschaft soll umkehren, sondern der christliche Glaube. Eine neue „Reformation" wird in Aussicht genommen, weil das Werk des „Reformators" Luthers nicht mehr zu halten ist.
Was Herr Göhre über die materialistische Geschichtsauffassung und Weltanschauung der „aufgeklärten" Arbeiterwelt sagt, ist recht lesenswerth, wenngleich er zur Beschaffung der Grundlagen dieser Ausführungen nicht die mühselige wenn er jetzt ein Eselswägelchen haben will, um bei seinen Kunden vorzufahren, so will ich's ihm anschaffen." Kapitän Ubjohn war ein Mann, dem etwas Höheres als die Tochter eines Brunnenkresse - Verkäufers zum Altäre gefolgt wäre, aber er hatte ihr mildsinniges Wesen in Frau Sinnet's Hause so hochschätzen gelernt, daß er ihres Vaters niederen Stand ganz darüber vergaß. Der alte Euklid war, als er sein jüngstes und einzig übriges Kind, anstatt ihm zur Grube zu folgen, noch an den Traualtar geleiten konnte, glücklich über alle Maßen. Das Begräbniß - Ceremoniell war ihm leider bekannt genug geworden in seinen Tagen. Das Trauungs - Ceremoniell war ihm etwas Neues, denn nur dunkel konnte er sich noch des Vorganges erinnern, als er Viktoria's Mutter ewige Treue gelobte. Als er nun hörte, wie Kapitän Ubjohn und Viktoria sich dieselben Gelöbnisse machten, da meinte er 6ei sich, nun könne er jeden Augenblick beruhigt sterben. „Nur ihre Mutter hätt' es noch erleben müssen," wiederholte er oft während des kleinen Mahles, welches Frau Sinnet dem Paare zu Ehren in ihrem Küchenzimmer hergerichtet hatte. Nach dem Mahle wurde ein Ausflug gemacht den Fluß hinunter nach Greenwich. Was war das aber auch ein prächtiger Tag! Der alte Euklid erklärte, seiner Sebtag habe die Sonne noch nicht so
LPaul Göhre, ein protestantischer Kandidat der Theologie, jetzt Generalsekretär des evangelisch-smialen Kongreßes in Berlin, hat im vorigen Jahre 3 Monate lang als Fabrikarbeiter und Handwerksbursche sich unter die arbeitende Bevölkerung gemßcht, um unmittelbar ihr Fühlen, Denken und Streben kennen zu lernen. In einem Buche von 222 Seiten („Drei Monate Fabrikarbeiter re.", Leipzig bei Fr. W. Grünow, Preis 2 Mark) erstattet er Bericht über seine Erlebniße. Leider ist der Bericht etwas weitschweifig abgefaßt und mit viel zu subjektiven Zuthaten versehen. Die interessanteste Sette des Buches ist zweifellos die, wo Herr Göhre einfach die Handlungen und Worte seiner Arbeitsgenoffen erzählt; die kritifche Verarbeitung und systematische Verwerthung der Thatsachen hätte mehr zurücktreten können.
ES war ein eigenartiges, kühnes, ja abenteuerliches Unternehmen, sich 3 Monate lang als Arbeiter unter die Arbeiter zu mischen. Jedenfalls verdient die Entfchloffen- heit und Ausdauer Anerkennung, die Herr Göhre bewährte, als er gut 2 Monate lang die anstrengende, täglich 11 Stunden währende Arbeit in einer Maschinenfabrik durch- fübrte, die für feinen Körper ungleich schwerer war, als
' solche Thätigkeit gewöhnten Muskeln und Ner- llrbeitsgenoffen. Er hat in der That keine eitle
Fabrikarbeit hätte auf sich zu laden brauchen. In der That ist diese Untergrabung der christlichen Weltanschauung in viel höherem Grade, als alle Lohn- und Emancipations- kämpfe des vierten Stande», das kritische Zeichen der Zeft. Besonders beachtenswerth ist seine Bemerkung, daß die Kirche als eine Staats-Einrichtung und Polizeianstalt zur Beherrschung des Volkes ansehen und gerade deshalb mit Mißttauen und Haß betrachten. Diese traurige Erscheinung ist bekanntlich der „^Reformation" zu danken, die aus der einen Gotteskirche eine Reihe von Fürstenkirchen und aus den Nachfolgern der Apostel Beamte gemacht hat. »4
Was Herr Göhre aus dem Munde seiner Arbeitsgenoffen an Tadel und Schimpfworten über die „Pfaffen" anführt, ist in der fast rein Protest. Gegend natürlich auf die Protest. Prediger gemünzt; es paßt aber auch auf die Tätigkeit der Prediger in viel höherem Grade, als auf das weitergreifende und mühselige Wirken der katholischen Geistlichkeit. Kein unbefangener Beobachter kann sich der Wahrheit verschließen, daß die Abwendung der Arbeiterschaft vom Christenthum in den katholischen Gemeinden längst nicht soweit gediehen ist, als in den protestantischen. Das hindett aber Herrn Göhre nicht, gelegentlich in dem Buche seine Abneigung gegen den Katholizismus durchleuchten zu lassen. Wir könnten uns billige Revanche verschaffen, wenn wir die Zugeständniffe Göhre's über den „biblischen" Unterricht in den protestantischen Schulen benutzen wollten, um zu zeigen, wohin das protestantische Prinzip von der „alleinigen" Glaubensquelle und die protestantische Praxis, den Kindern und den übrigen Forschungsunfähigen die ganze hl. Schrift ohne Weiteres an die Hand zu geben, führen muß. Aber derartige Auseinandersetzungen können bei Seite bleiben, wenn es sich um die große Frage handelt ob der Protestanttsmus zu Ehren der skepttschen Wiffen- schast den ganzen Schatz der christlichen Glaubenslehre in die Schanze schlagen soll.
MS die oberste soziale Aufgabe der evangelischen Kirche bezeichnet der General-Sekretär des evangelisch-sozialen Kongreßes wörtlich: „den modernenArbeitern einm oderneS Christenthum zu bieten." Im Lichte des letzterenAus- drucke» begreift man auch seinen „Grundsatz": „daß auch ein Sozialdemokrat Christ und ein Christ Sozialdemokrat sein kann." Er will freilich der sozialdemokratischen Weltanschauung ihr materialistisches Rückgrat auS- brechen; aber wenn da» Christenthum gemäß der Un- gläubigteit der modernen Arbeiter sich modernisiren soll, so scheint uns eher der christlichen Weltanschauung ihr idealistisches Rückgrat ausgebrochen »u werden. Nach Herrn Göhre würde nicht das Christenthum die Sozial- demokratte, sondern die Sozialdemokratte das Eigenthum verschlingen.
So erfteulich der Eifer und die Energie zu Lösung der sozialen Frage ist, die Herr Göhre durch sein kühnes und schweres Experiment bekundet hat, so traurig ist e8 anderseits, daß selbst solche, zum geistlichen Amt berufene Kräfte auf protestantischer Seite bereits an dem Triumphe der Offenbarungswahrheit verzweifeln und in das Egrdy'sche Hom stoßen. Wenn das Salz schal wird, womit soll denn gesalzen werden?
Deutsches Keich.
Berlin, 11. Juli.
• Die amtlichen Verordnungsblätter publiziren das neue Gewerbesteuergesetz. Dasselbe ist am 24. Juni vom Kaiser vollzogen worden.__
freundlich geschienen. Elsbeth und Roger gaben zu, daß der Tag schön sei, aber der, an welchem das Fest auf der „Kleopatra" stattgefunden, sei mindestens eben so schön gewesen. Darin wurde ihnen aber von den übrigen Drei auf's entschiedenste widersprochen, und der Streit schließlich dadurch beendigt, daß Kapitän Ubjohn erklärte: es könne gar keine Frage sein, welchem von den beiden der Preis gebühre.
So viel steht fest: eine glücklichere Partie, als die kleine Hochzeits-Gesellschaft hatte sich noch selten oder nie unter den spielenden Schatten der spanischen Kastanien- bäume in dem Parke von Greenwich vergnügt. Der alte Euklid lief trotz seiner wackeligen Füße in der Reihe mit die grünen Wiesenabhänge hinunter, daß seine langen, weißen Haare im Winde flatterten, wie Wimpel auf einer Flaggenstange. Und erst die Heimfahrt den Fluß hinauf in der erfrischenden Abendkühle! Euklid saß stillselig, Viktoria mit ihrem Gatten zur Rechten, die ihm kaum weniger theuere Elsbeth mit Roger zur Sinken. Er war nun aller Sorgen ledig. Morgen früh gedachte er um 4 Uhr zum Marktgange aufzubrechen wie alle Tage, aber die Arbeit war ihm nun mehr eine zerstreuende Beschäftigung, als eine ermüdende Soft. Sie landeten im Dunkeln und sttichen beim Weggange von der Brücke an einem Müssiggän-
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