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Sden 12. Juli 1891.

18. Jahrgang

FutdaerMZeituiig

♦ Eine katholische Regierung.

In unserer ernsten Zeit, die durch die sozialen Wirren so kritisch geworden ist, kann man eS nur mit aufrichtiger Freude begrüßen, wenn in einem Parla­mente vom Regierungstische aus offen die hohe soziale Wirksamkeit der kath. Kirche gewürdigt und die Be­strebungen des hl. Vaters auf diesem eminent wichtigen Gebiete offiziell anerkannt werden. Dies ist vor Kurzem in den spanischen Cortes geschehen, wo der Minister des Innern, Marquis Silvala, die be­deutsame Erklärung abgab, die Regierung wolle sich bei allen künftig von ihr einzubringenden Gesetzent- würfm die Encyklika des hl. Vaters über die Arbeiter- ftage stets vor Augen halten und nichts in die Gesetz­entwürfe aufnehmen, was nicht in voller Ueberein- stimmung mit dieser Encyklika stehe. Als sodann drei Tage später in der Deputirtenkammer die Diskussion über die Sonntagsruhe begann, ergriff Ministerpräsi- dent Canovas del Castillo das Wort zu einer bedeut­samen Rede, die überall bei gläubigen Katholiken freudiges Echo fand. Er bestätigte nämlich nicht nur vollinhaltlich die Worte des Ministers des Innern, sondern fügte auch den Wunsch hinzu, es möchten die in der Encyklika niedergelegten Lehren und Ermah­nungen von allen Völkern und Individuen beherziget werden, denn dann sei die Arbeiterfrage friedlich gelöst, ohne daß es zu gefährlichen Krisen zu kommen brauchte. Wenn auch für den Augenblick eine solche Lösung nicht zu erwarten sei, so müßten doch alle gutgesinnten und staatserhaltenden Elemente zusammenwirken, um den Geist der Encyklika so recht im Volke zu verbreiten; auch der Staat habe ein Interesse daran. Der Minister­präsident schloß sodann seine Rede mit folgendem wirk­lich herrlichen Satze: „Wir sind nicht blos Minister der Königin und Minister eines katholischen Staates, sondern wir haben das Glück, auch gleich­zeitig Katholiken zu sein, und wir beeilen uns darum, zu erklären, daß wir in unserem Denken, in unseren Ansichten, indem, was unseren s ämmt- lichen Handlungen und unseren sämmtlichen Ge­setzen zu Grunde liegen muß, vollständig über­ein stimm en mit den wesentlichen und grundlegenden Ideen der Encyklika des hl. Vaters."

Wahrlich, das sind goldene Worte, wie man sie heutzutage leider sehr selten aus dem Munde von Ministern und Excellenzen vernimmt; sie gereichen dem Chef des spanischen Kabinets zur größten Ehre und zeigen, daß die Pyrenäenhalbinsel noch eine echt katho­lische Regierung besitzt, wie auch andere kath. Staaten sie haben könnten. Wenn wir so weit wären, daß in allen Reichen unseres Kontinentes die soziale Encyklika unseres hl. Vaters die Grundlage der Gesetze und Regierungsenlschließungen bilden würde, da stünde es wahrlich bald anders in Europa und brauchten Fürsten und Völker mit weniger Besorgniß in die Zukunst zu blicken. Aber eben weil dies n i ch t der Fall ist, sondern im Gegentheile so viele Regierungen sich von liberal-kapi­talistischen Grundsätzen so lange leiten ließen, die im

Gegensätze zu jenen der Encyklika stehen, hat die soziale Frage eine so bedenkliche Verschärfung erhalten und weckt so viele Besorgnisse für die Zukunft. Die libe­ralen Regierungen der letzten drei Dezennien, schreibt ein Mitarbeiter des ,Frk. Vbl.', dem wir diese poli­tischen Betrachtungen entnehmen, mit Recht, sind von der Mitschuld an den herrschenden Zuständen nicht ftei- zusprechen. Sie waren es, die dazu beitrugen, daß den arbeitenden Klassen, wie nicht minder so vielen der Arbeitgeber das religiöse Gefühl abhanden kam, und daß der so wohlthätige Einfluß der Kirche gehemmt und unterbunden wurde. Zu Anfang der 70er Jahre gab es in fast allen Staaten Europas einen „Kultur­kampf". Statt sich mit der Arbeiterfrage zu beschäf­tigen, soziale Reformen anzubahnen und damit dem Umsichgreifen der Umsturz-Parteien vorzubeugen, wuß­ten die damaligen Minister mit wenigen Ausnahmen nichts Besseres zu thun, als die katholische Kirche zu bedrängen, die Wirksamkeit des Klerus lahm zu legen und den religiösen Jndifferentismus zu fördern. Die liberale Kurzsichtigkeit von damals hat sich schwer ge­rächt und die Kulturpaukereien sind den Staaten theuer zu stehen gekommen. Das Anwachsen der Sozialdemo­kratie ist wohl der sprechendste Beleg dafür.

Heute hat sich unter dem Drucke der Ereignisse wohl eine gewisse Wendung vollzogen. Selbst liberalen Staatsmännern dämmert allgemach die Erkenntniß, daß man mit den doktrinären Rezepten eines kapitalistischen Liberalismus soziale Gefahren nicht beschwören kann, aber noch immer vermögen gar viele Regierungen nicht einen Schritt weiter zu gehen und sich die Mithilfe der Kirche bei dem sozialen Reformwerke zu sichern. Kaiser Wilhelm hat in dieser Beziehung das Eis ge­brochen und damit sogar katholische Monarchen und ihre Regierungen beschämt, welche der Mitwirkung der Kirche entrathen zu können glauben. Um so größere Ehre und Anerkennung verdient deshalb der Minister- Präsident Spaniens, daß er so offen und entschieden sich als gläubiger Katholik bekannte und die Encyklrka des heil. Vaters als Richtschnur für die sozialen Re­form-Bestrebungen ausdrücklich erklärte. Spanien wird mit diesem Regierungs-Programm, das der sozialen Bewegung den schärfsten Stachel nimmt und sie voll und ganz auf katholische Basis stellt, zweifelsohne gut fahren. Wir haben im Laufe der letzten Jahrzehnte wiederholt gesehen, wie gefährlich für die Ruhe Spa­niens soziale Wirren sind, denn es besteht dort ein sehr heißer, revolutionärer Boden und nur die Auto­rität der Kirche vermag daselbst noch die Leidenschaften im Zaume zu halten. Es ist ein Glück für das Land, daß es eine Regierung besitzt, die nicht bloß dem Namen nach, sondern auch in der That katholisch ist und die den Muth besitzt, diese ihre Gesinnung auch offen zu bekennen. Mögen sich andere Regierungen daran ein Muster nehmen!

Im Kamps um s Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.

(Fortsetzung aus der Beilage.)

XIX.

Hochzeit anstatt Begräbniß.

Es vergingen Monate, ehe Dudley etwas über David in Erfahrung bringen konnte, und was er dann hörte, war nicht erfreulich; er befand sich wieder in Haft und zwar diesmal wegen eines Diebstahls ern­sterer Natur. Dudley erlangte die Erlaubniß, den Ge­fangenen zu besuchen. Er hatte eine lange Unterredung mit ihm und gab ihm das Versprechen, sein Freund sein zu wollen. Als die Sttafzeit um war, verschaffte Dudley ihm ein Unterkommen und that sein Möglich­stes, auch eine Beschäftigung für ihn ausfindig zu machen: aber das wollte nicht gelingen.. Harte Arbeit und schlechte Bezahlung war zudem nicht mehr nach David's Geschmack. Seit er zuerst im Gefängnisse ge- toefen, waren jetzt fünf Jahre vergangen, und in diesen fünf Jahren hatte er das eine gelernt, daß man auch ohne übermäßige Ansttengung sich vor dem Hungern bewahren könne. In der Ausübung des Diebesgewerbes hatte er nichts zu ristiren, als feine Freiheit und was

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lief stürmisch, endete aber ^gleichfalls mit einem Siege der Fraktion über die Berliner Opposition. Als Delegirte wurden nur Anhänger der Fraktion gewählt, darunter eine Genossin. Bebel erklärte u. A.: Die jetzige Opposition könne nur dahin führen, daß wir in einigen Monaten ein neues Sozialistengesetz bekommen.

* Wie die ,Pos. Ztg.' erfährt, werden gegenroürtig die erforderlichen Anordnungen getroffen, um die Aus­führung des Sperrgeldergesetzes alsbald in die Wege zu leiten. In Einzelheiten werden dabei mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden sein, da das neue Gesetz abweichend von der ursprünglichen Vorlage, eine Kon- trole der kirchlichen Organe durch die staatlichen Ver­waltungsbehörden vorschreibt. Auch die Vorarbeiten für den Gesetzentwurf, betreffend die Ablehnung der Stolgebühren für die evangelische Geistlichkeit, sind im Gange, aber noch nicht abgeschlossen. Es kommt zunächst darauf an, ein begründetes Urtheil über die finanzielle Tragweite der beabsichtigten Neuregelung zu gewinnen. Die Erhebungen hierüber sind für die ver- fchiedenen Landestheile nicht immer auf gleicher Grund­lage möglich. Ferner schreibt man dem Blatte: Ob der neue Kultusminister schon in der Wintersession des Landtages einen selbstständigen Schulresorm-Ent- wurf wird einbringen können, wird von unterrich­teter Seite bezweifelt. Hat man so lange auf ein Schulgesetz warten können, so würde es um so weniger verschlagen, noch ein weiteres Jahr zu warten, als bei den Grundsätzen, die im Kultusministerium auch jetzt noch maßgebend sind, ein von wahrhaft freiheitlichem (Soll natürlich freiheitlich im Sinne unseres Liberalis­mus heißen.) Geiste erfülltes Gesetz unter gar keinen Umständen erhofft werden darf. Von der angeblich ge­planten Erweiterung der Kompetenzen des Ober- kirchenrathes ist es wieder völlig still geworden.

* Den ,Berl. Pol. Nachr.' zufolge wären die Kosten für die Arbeiten zur Befestigung Helgolands auf Grund eines noch von Moltke erstatteten Gutachtens auf nicht ganz den dritten Theil der ursprünglich veranschlagten Summe herabgemindert, so daß ein Betrag von 6 Mil­lionen Mark zur Ausführung der Bauten ausreichen werde.

• Der neue Eisenbahnminister Thielen bemerkte auf einem ihm zu Ehren vor seinem Scheiden zu Han­nover gegebenen Festmahle u. A. Folgendes: „Mit großem Bedenken habe ich das Amt aus der Hand meines bedeutenden Vorgängers übernommen. Die Bedeutung des Amtes wird am besten gekennzeichnet durch das Wort Sr. Majestät: „ Die Zeit steht unter dem Zeiche n des Verkehrs." Diese Entwickelung hängt aber nicht allein von der Entwickelung der Eisenbahn, sondern auch von der ebenbürtigen Schwester, der Wasser­straße, ab. An der Ausbildung der Aufgaben der Verkehrswege arbeitet nicht allein die Eisenbahn-Ver­waltung, auch die Organe der wirthschaftlichen Inter­essen."

* Zu dem „medizinischen Verbrechen", dessen Regie­rungsassessor Leidig kürzlich die Professoren Hahn und Bergmann in der Mtional-Zeitung' beschuldigte, er­fährt das Kleine Journal/ daß die von Dr. Leidig intriminirten Experimente (Impfung und Hervorrufung von Krebs auf gesunden Körpertheilen) t h a t s ä ch l i ch, Herzen fortglimmende Unmuth über schuldlos erlittene Schmach züngelte mit einemmale wieder empor, trock­nete die Thränen und legte ihm das Wort der Ver­zweiflung auf die Lippen. Dudley fühlte die wunde Stelle selbst zu tief, als daß er etwas hätte darauf erwidern können. Für Elsbeth war es zum Heil, daß Herr Dudley David's Geheimniß bewahrte und ihr von seinem mißglückten Versuche, den Bruder aus seiner sittlichen Versumpfung herauszuheben, nichts mittheilte.

Roger war als Matrose auf ein Kauffahrteischiff gegangen und machte auf diesem ferne Reisen, so daß er nur selten und auf kurze Zeit sich in den Docks zu London aufhielt. War dies aber der Fall, so hatte er sein Heim im Hause der Frau Linnet. Der alte Euklid war ganz stolz auf ihn, als einen, den er durch seine Vermittelung vor fast gewissem Untergange ge­rettet hatte. So sehr er sich aber aus und über seine zeitweilige Anwesenheit freute — diese Freude war immer mit einer gewissen Augst gemischt: Blackett könnte seines Sohnes ansichtig werden und auf dessen Spuren dann dahinter kommen, wo er selber mit Viktoria und Elsbeth vor feinem Hasse und seiner Rache Zuflucht und Schutz gefunden habe. Unter den Marktfrauen,

Deutsches Deich.

Berlin, 10. Juli.

* Die gestrige sozialdemokratische Volksversamm­lung, welche über die Beschickung des internationalen Arbeiter-Kongresses in Brüssel Beschluß faßte, ver- nützte ihm die Freiheit, wenn er doch arbeiten sollte wie ein Sklave?! Sein einziger Ehrgeiz war jetzt, geschickt zu stehlen, so daß er die Wachsamkeit seines Fein­des — der Polizei — zu Schanden machte. Trotz allem aber — ein guter Funke war doch noch in ihm; er wollte von Dudley nicht wissen, wo Elsbeth wohne, und bat ihn, ihr von seiner schlimmen Lage keine Mit­theilung zu machen.

,Laßt mich," sagte er, „allein ins Verderben gehen, aber die kleine Elsbeth will ich doch davor behütet wissen."

Alle Vorstellungen Dudley's: er möge es doch noch einmal mit einer rechtschaffenen Hantirung versuchen, wollten nicht verschlagen. Versucht, sagte er, habe er es oft genug, sei ober dabei immer wieder daran er­innert worden, daß er „gesessen" habe. Sein Name stehe nun einmal im schwarzen Buch der rückfälligen Verbrecher, und jeder Polizist habe ein Auge auf ihn. „Es ist eine verfluchte Welt", sagte er eines Tages zu Dudley, nachdem dieser sich lange mit ihm unterhalten und absichtlich die Rede auf Davids verstorbene Mutter und Schwester geleitet hatte. Dem Jungen waren zu­letzt die Augen feucht geworden; aber plötzlich war es mit dieser weichen Stimmung wieder vorbei; der im