18. Jahrgang
Freitag- den 10. Juli 1891.
.V 155
Fuldaer WZmW
* Das sosialdemokratische Programm.
Das augenblicklich noch geltende Programm der Sozialdemokraten datirt vom Jahre 1875, vom Gothaer „Einigungskongreß" her und trägt den Stempel des Kompromisses deutlich an der Stirne. Dieses wurde trotz einer gerade vernichtenden Kritik von Marx angenommen, um endlich den alten Streit zwischen Lassallianern und Marxisten, zwischen den Eisenachern und Gothaern zu begraben. Kaum war aber das Kompromiß zu Stande gekommen, als auch schon Änderungen verlangt wurden. Bereits vor dem Sozialistengesetz wurde auf den Kongressen eine Revision des Programms beantragt. Das Sozialistengesetz stellte die Partei vor andere, näherliegende Aufgaben. Erst auf dem Kongreß zu St. Gallen, 1887, wurde die Programmfrage wieder aufgeworfen und eine Kommission, bestehend aus Bebel, Auer und Grillenberqer, zur Vornahme einer Revision niedergesetzt. Allein wiederum drängte die politische Gestaltung der Dinge in Deutschland, der Kampf um das Sozialistengesetz, die Frage in den Hintergrund. Nach dem Fortfall des Ausnahmezustandes aber war die Revisionsfrage die erste, die zugleich mit der Frage der Organisation in Angriff genommen wurde. Man hatte an dem alten Programm besonders auszusetzen, daß es nicht „wissenschaftlich genug sei, daß es mit Begriffen operire, welche die Wiffenschaft längst abgethan habe, daß es Forderungen aufstelle, die unsozialistisch und undurchführbar seren. Es sind ausschließlich Lassalle 'sehe Lehrsätze, welche diese Beanstandung erfuhren, nämlich die Doktrin von der Vertheilung des Arbeitsertrages, von der Zer- brechung des ehernen Lohngefetzes und endlich dre Forderung der Errichtung von sozialistischen Produktiv- genossenschasten mit Staatshilfe. Weitere Bedenken richteten sich dagegen, daß das Programm m einen allgemeinen und in einen befonderen Theil getrennt rst. Obgleich Liebknecht auf dem Hallenser Parteitage zugegeben hat, daß diese Trennung künftighin nicht werde aufrecht erhalten werden können, zerfällt auch der neue, für den diesjährigen Parteitag zu Erfurt vorbereitete Programm-Entwurf, den wir vorgestern im Wortlaut mittheilten, wieder in zwei solche Theile. In allen wesentlichen Punkten ist den Marx'scheu Forderungen Rechnung getragen worden. Die „Lassalle'schen Glaubensartikel," um mit Marx zu reden, sind beseitigt. Der Eingangssatz des Gothaer Programms wonach die Arbeit — also nicht auch die Natur — die Quelle alles Reichsthums und aller Kultur sei, und wonach das gesammte Arbeitsprodukt der Gesellschaft, nach gleichem Recht, „Jedem nach seinen vernunftgemäßen Bedürfnissen" gehöre, ist ganz weggefallen. Es wird „die Trennung der Arbeiter von den Arbeitsmitteln" für das gesellschaftliche Elend, die geistige Verkümmerung, die politische Abhängigkeit verantwortlich gemacht. Es wird behauptet, daß „die Klasse der Aneigner der gesellschaftlichen Arbeitsmittel den Beruf und die Fähigkeit zur wirtschaftlichen und politischen Führung verloren hat." „Diesem Zustand (der dauern
gebung mittelst des Vorschlags- und Verwerfungsrechts und die Entscheidung über Krieg und Frieden durch die gewählten Vertreter des Volkes gefordert. Statt der „Rechtsprechung durch das Volk" heißt es setzt „Rechtsprechung durch vom Volk gewählte Richter . Auch die „Erklärung der Religion als Privatsache ist fortgefallen und durch folgende Bestimmung ersetzt wor- jen: „Abschaffung aller Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln zu kirchlichen und religiösen Zwecken. Dre kirchlichen und religiösen Gemeinschaften , sind als Privatvereinigungen zu betrachten." Schließlich werden noch „zum Schutze der Arbeiterklasse" eine Reche von Forderungen aufgestellt, welche etwas spezlstsch „Sozialistisches" ebenso wenig haben, wie die oben erwähnten. Es wird verlangt: ein achtstündiger Normal-Arbeitstag, Verbot der Nachtarbeit, Errichtung von Arbeitsämtern und Arbeitskammern u. s. w. Jedenfalls ist die Annahme dieser Vorschläge des Partei - Vorstandes nicht einstimmig erfolgt, sonst wäre das sicherlich bei Veröffentlichung derselben hervorgehoben worden.
Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.
(34. Fortsetzung.)
Fünf Jahre waren beinahe vorbei, seit Euklid mit Viktoria und Elsbeth bei Frau Sinnet ein neues, ein glückliches Heim gefunden hatten, und obgleich John Dudley alle Mühe aufwendete, David's Wohnstätte zu entdecken, so war ihm dies doch bis jetzt nicht gelungen. An einem heitern Juli-Abend passirte Elsbeth die große „London-Brücke". Die Strahlen der untergehenden Sonne spielten über den Fluß, den eben die beginnende Meerfluth stauete, so daß er, leichte, sich kräuselnde Wellen bildend, von unten nach oben merklich anschwoll. Elsbeth blieb einige Minuten stehen und blickte, von dem Bilde bezaubert, westwärts in den goldenen Abendsonnenschein. Sie war zu einem schöneren Mädchen herangediehen, als selbst ihre Mutter, kotz chrer Hoffnungsseligkeit m diesem Punkte, sich vorzustellen gewagt hatte. Am heutigen Abend strahlte ihr Gesicht noch freudiger, als sonst, und es waren sicher außer dem herrlichen Anblicke vor ihr, geheime Gedanken in ihr, welche ihre Augen so seln leuchten machten und ein so süßes Lächeln um ihre Lippen zauberten. „ . . „ .x
So stand sie in stillem Selbstvergessen einige Zeit, auf die Brustwehr der Brücke gelehnt, ohne die neben
Deutsches Keich.
Berlin, 8. Juli.
* Ueber die Hauptergebnisse des Weltpostkongresses, der kürzlich in Wim getagt hat, ist Folgendes zu verzeichnen : Mit Beziehung auf die Organisation des Weltpostvereins ist das wichtigste Ereigniß der Beitritt Ausstraliens incl. Neuseeland, Queensland und Tasmanien. Unter dm sachlichen Beschlüssen sind die wichtigsten: 1) Die Herabsetzung der Tarife der Postanweifungen, der Nachnahmen und Werthbriefe; 2) die Ausdehnung der Musterdimensionen; 3) Wechselseitiger Schutz gegen Markenfälschungen im internationalen Verkehr; 4) Einheitliche Taxirung und Verrechnung im Nichtvereinsverkehre; 5) Zulassung unfrankirter Korrespondenzkarten für den internationalen Verkehr; 6) Zulassung von Edelstein- und Pretiosen-Sendungen in Werthbriefkartons und 7) Em neues Uebereinkommen wegen der internationalen Vermittelung von Zeitungsabonnements durch die Post, durch welches das bisher nur im Verkehr mit wenigen Staaten bestehende Verfahren auf alle Länder ausgedehnt und vereinfacht und gleichzeitig auch die Abonnementsgebühr verbilligt wird.
* Wie verlautet, foll das Ausspielen der Loose der Afrika-Lotterie in zwei Klaffen erfolgen. Der Preis des Loofes bekägt für jede der beiden Klassen 21 M. Jedes Loos gilt nur für diejenige Klasse, auf welche es lautet. Die Nummern der Loose, welche in der ersten Klasse mit einem Gewinn gezogen sind, fallen in der zweiten Klasse fort. Für die Nummer jedes in der ersten Klasse nicht mit einem Gewinn gezogenen Looses wird in der solgenden Klasse em neues Loos mit derselben Nummer ausgegeben, dessen Entnahme spätestens 14 Tage vor Beginn der Ziehung unter Rückgabe des Looses der vorhergehenden Klasse, bei demjenigen Kollekteur, von welchem letzteres entnommen war, gegen Entrichtung des planmäßigen durch einen weiten Abgrund von dem andern getrennt sei obgleich sie dicht neben einander standen, das eine gut und schuldlos, das andere böse, lasterhaft und schuldbeladen.
Davy", unterbrach endlich Elsbeth die unheimliche" Stille, „Du mußt mit mir nach Hause gehen." Sie brachte den Satz kaum zu Ende, so bebte ihre Stimme. ...
Nein", erwiderte David grämlich; „ich will Dir nicht' schaden, kleine Els'. Es geht Dir gut, wie ich sehe und ich möchte Dir nicht in die Quere laufen. Ich bin froh, daß ich Dich noch einmal wiedergesehen habe so ganz ungesucht. Wenn die Dinge mit mir nicht so erbärmlich ständen, Els, ich könnte stolz auf Dich sein, so gut hast Du Dich gemacht."
„Wie bist Du denn eigentlich jetzt daran?" fragte Elsbeth und legte dabei ihre Hand auf seinen Rockärmel, zog ihn jedoch in mädchenhaftem Ekel augenblicklich wieder zurück, als sie fühlte, wie schmierig diese Unterlage war.
„Ab und zu bin ich mit Blackett zusammen,' war die Antwort. „@men andern, an den ich mich halten könnt', hab' ich nicht, und manchmal ist er auch ziemlich gut gegen mich, manchmal aber auch sehr wild. Elsbeth", hier dämpfte er seine Stimme zum Geflüster — „ich bin den letzten Winter wieder im Ge- fängniß gewesen."
den Krisen, Arbeitsstockungen u. s. w.) durch Besettl- qung seiner Ursachen ein Ende zu machen und dre Befreiung der Arbeiterklasse zu erringen, ist das Ziel und die Aufgabe der Sozialdemokratie." Sie erskebe demgemäß die Umwandlung der Arbeitsmittel — Grund und Boden, Bergwerke, Gruben, Maschinen und Werkzeuge, Verkehrsmittel — in Gemeineigenthum derGe- sellschaft, und die Umwandlung der kapktaüstlschen Produktion in sozialistische Produktion." Die „sozialistischen Produktiv-Genossenschaften" sind fortgefallen, aber ein anderes Mittel zur Ueberführung der alten Ordnung in die neue ist auch nicht angegeben. Man kann aber vielleicht die Verwerfung der gewaltsamen Umänderung und die Idee des Hineinwachsens aus >em Satze herauslesen, daß die kapitalistische Gesellschaft felbst die materiellen und geistigen Bedingungen für die Umwandlung geschaffen hat und weiter schafft. Es folgt dann eine Absage an den sogen. Staats-Sozialismus" und die Versicherung, daß die Befreiung der Arbeiterklasie nur das Werk 5er Arbeiterklasie selbst sein kann, weil alle übrigen Klassen und Parteien auf dem Boden des Kapitalismus tehen und kotz der Jnterefsen-Skeitigkeiten unter sich, doch die Erhaltung und Stärkung der Grundlagen der heutigen Gesellschaft zum gemeinsamen Ziel baben. Durch diese Worte wird die plumpe Behauptung des Gothaer Programms ersetzt, daß der Arbeiterklasse gegenüber alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse seien. Auch der Passus, der von der „Jnter- nationalität" der Arbeiter-Beskebungen handelt, hat eine sorgfältigere Fassung erhalten. Das Schlagwort von der „Verbrüderung aller Menschen" ist fortgefallen Es wird nur betont, daß an der Befreiung der Arbeiterklasie die Arbeiter aller Kulturländer gleichmäßig betheiligt seien, und daß sich die Sozialdemokatie Deutschlands in dieser Erkenntniß mit den klassenbewußten Arbeitern aller übrigen Länder eins fühle und erkläre. Wk fehen also, daß der allgemeine Theil des Programms eine wenn auch wissenschaftlich entschiedenere, so doch im Allgemeinen vorsichtigere Gestalt bekommen hat. Freilich tritt die größere wissenschaftliche Präzision des neuen Programms rein äußerlich nicht hervor. Das alte Gothaer Programm ist kürzer und durch seine drastischen Ausdrücke vielleicht eindrucksvoller als das neue, mehr dockende.
Auch der zweite Theil des Programms, die speziellen Forderungen, welche die Sozialdemokratie „gegenwärtig" an den Staat stellt, weist, wie wir bereits hervorgehoben haben, eine Reihe von Abschwächungen und Milderungen auf neben einer Reihe von Ergänzungen. Während in dem Gothaer Programm das Wahlrecht für alle Staatsangehörigen vom 20. Lebensjahre an gefordert wird, soll jetzt das Recht an ein Alter über 21 Jahre geknüpft werden; die damalige Forderung obligatorischer Stimmabgabe ist fortgefallen. Während früher die „direkte Gesetzgebung durch das Volk" und ebenso die „Entscheidung über Krieg und Frieden durch das Volk" verlangt wurde, wird jetzt nur eine „Antheilnahme" des Volkes an der Gesetz- ihr hin- und wiedergehenden Passanten oder die Schaulustigen, die in ihrer nächsten Nähe standen, zu beachten. Plötzlich brach sie ihre mädchenhaften Träumereien ab — sie mochte der vorgerückten Tageszeit inne geworden sein — und wandte sich zum Gehen; da legte sich eine Hand auf ihren Arm, und an ihr Ohr drang von dicht neben ihr der leise Laut ihres Namens. Bei dem Namen „Elsbeth" durchsuhr sie ein Zittern der Freude und Hoffnung — das war David's Stimme David's Stimme, aber nicht das Bild des David, den sie nun schon so lange suchte, als sie ihn verloren hatte. Die srohglänzenden Augen, die zum Lächeln gelösten Lippen machten, als Elsbeth kaum den Kopf herumgewandt hatte, sofort einem andern Ausdrucke Platz. Ihr David sollte so herunter gekommen Jem? In David's Gesicht dagegen zeigte sich die umgekehrte Wandlung: die harten Züge um die verbissen auseinander geklemmten Lippen nahmen einen weicheren Ausdruck an, in die gerötheten, blauumränderten Augen kehrte ein Strahl der früher dort wohnenden Zärtlichkeit gegen die Schwester zurück — die kleine Elsbeth war ja einst neben der Mutter sein Bestes gewesen.
„Davy!" rief Elsbeth erschüttert.
„Ja, der bin ich," versetzte er ... . Dann trat ein peinliches Schweigen ein. Was konnten sie sich einander sagen? Jede« der Geschwister fühlte, daß es
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage °usg-n°mm-m- Ins-r-t-poftenBlumenhändler alle 14 Tage erscheinenden Statt tbeSe»