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J\@ 153 Mttwoch, den 8. Juli 1891. 18. Jahrgang
FuIdaerMZeituiig
Erscheint täglich, Sonn- unb Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten bie einsvaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. .......
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Das neue Programm der sozialdemokratischen Partei Deutschlands.
* Der Vorwärts veröffentlicht folgenden Aufruf an die Parteigenoffen:
Der Parteitag zu Halle hat den Parteivorstand beauftragt, den Entwurf eines neuen Parteiprogramms auszuarbeiten und diesen spätestens drei Monate vor Zusammentritt des nächsten Parteitages zu veröffentlichen, damit die Partei hinreichende Zeit zur Prüfung habe.
Wir sind diesem Auftrage nachgekommen und bringen untenstehend den Entwurf, wie er nach reiflicher und vielseitiger Berathung festgestellt wurde, zur Kenntniß und Kritik der Genossen. Gleichzeitig theilen wir mit, daß die Gesammtparteileitung in ihrer Sitzung vom 20. Juni einstimmig beschlossen hat, den diesjährigen Parteitag, einem Antrag der Erfurter Genossen entsprechend, nach Erfurt zu berufen, und ist als Eröffnungstag vorläufig Sonnabend, der 10. Oktober 1891, bestimmt worden. Provisorische Tagesordnung und alle übrigen auf den Parteitag bezüglichen Bekanntmachungen werden, den Bestimmungen unserer Parteiorganisation entsprechend, zu gegebener Zeit den Parteigenossen zur Kenntniß gebracht werden. Berlin, den 3. Juli 1891. Der Parteivorstand.
Entwurf eines Programms der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.
Die Trennung der Arbeiter von den Arbeitsmitteln — Grund und Boden, Bergwerke, Gruben, Maschinen und Werkzeuge, Verkehrsmittel — und deren Uebergang in den Alleinbesitz eines Theiles der Gesellschaftsglieder hat zur Spaltung der Gesellschaft in zwei Klassen, die arbeitende und die besitzende, geführt.
In den Händen ihrer Aneigner sind die gesellschaftlichen Arbeitsmittel zu Mitteln der Ausbeutung geworden. Die hierdurch bedingte ökonomische Unterwerfnng der Arbeiter unter die Besitzer der Arbeitsmittel, d. h. der Lebensquellen, ist die Grundlage der Knechtschaft in jeder Gestatt: des gesellschaftlichen Elends, der geistigen Verkümmerung, der politischen Abhängigkeit.
Unter der Herrschaft dieser Ausbeutung nimmt die An- hänfung des durch die Ausgebeuteten erzeugten Reichthums in den Händen der Ausbeuter — der Kapitalisten und Großgrundbesitzer — mit wachsender Geschwindigkeit zu. Immer ungleicher wird die Vertheilnng des Arbeitsprodukts zwischen Ausbenter und Ausgebeuteten, immer größer die Zahl und immer unsicherer die Lebenslage der Proletarier, immer massenhafter die Armee der überschüssigen Arbeiter, immer schroffer der Klassengegensatz, immer erbitterter der Klaffenkampf, welcher die moderne Gesellschaft in zwei feindliche Heerlager trennt und das gemeinsame Merkmal aller Industrieländer ist.
Die im Wesen der kapitalistischen Produktton begründete Planlosigkeit erzeugt jene immer länger andauernden Krisen und Arbeitsstockungen, welche die Lage der Arbeiter noch verschlimmern, durch den Rnin der städtischen und ländlichen Mittelstände — der Kleinbürger und Kleinbauern — den Abgrund zwischen Besitzenden und Besitzlosen erweitern, die allgemeine Unsicherheit zum Normalzustand der Gesellschaft erheben und den Beweis liefern, daß die Klaffe der Aneigner der gesellschaftlichen Arbeitsmittel den Beruf und die Fähigkeit zur wirth- schaftlichen und politischen Führung verloren hat.
Diesem Zustand, der von Tag zu Tag unerträglicher wird, durch Beseitigung seiner Ursachen ein Ende zu machen und die Befreiung der Arbeiterklasse zu erringen, ist das Ziel und die Aufgabe der Sozialdemokratie.
Die sozialdemokratische Partei Deutschlands erstrebt demgemäß die Umwandlung der Arbeitsmittel — Grund und Boden, Bergwerke, Gruben, Maschinen und Werkzeuge,' Verkehrsmittel
Im Kampf ums Dasein.
Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.
(32. Fortsetzung.)
Wie hatte in ihren Kindertagen der Wechsel der Jahreszeiten bezaubernd gewirkt auf ihn und Elsbeth, selbst in ihrer schmutzigen Straße — wohin waren solche Regungen jetzt? Er schlenderte vorwärts, nicht heimwärts — denn er fühlte ja, daß es kein Heim mehr für ihn auf der Welt gebe, — aber doch in der Richtung der alten Wohnung zu. Das war ja der einzige Ort, der ihm wohl bekannt war, der Ort, wo er nicht lauter fremde Gesichter sah, wenn sie ihn auch wohl jetzt nicht mehr freundlich begrüßen würden, der Ort endlich, wo er einzig einige Nachricht über Elsbeth zu bekommen hoffen durfte. Aber er beeilte sich nicht, er ging zögernden Schrittes — es erwartete ihn ja keine Mutter mehr, die, wie vor drei Monaten, trotz ihres untilgbaren Hungers mehr nach seinem Anblicke schmachtete, als nach Brod. Und doch, als er das Haus erreicht hatte, ging er geradewegs durch den Flur zu „seiner Mutter Thür" und klopfte. Eine Fremde öffnete und blickte ihm mißtrauisch ins Gesicht. Frau Fell ... sie habe niemals eine Person dieses Namens auch nur nennen hören. Sie wohne erst seit drei Wochen da und habe genug mit sich selber zu
— in Gemeineigettthnm der Gesellschaft, und die Umwandlung der kapitalistischen Produktion in sozialistische Produktion: eine Umwandlung, für welche die kapitalistische Gesellschaft selbst die materiellen und geistigen Bedingungen geschaffen hat und weiter schafft und durch welche allein die Befreiung der Arbeiterklasse und mit ihr die Befreiung aller Gesellschaftsglieder ohne Aus nähme verwirklicht wird.
Die sozialdemokratische Partei hat nichts gemein mit dem sogenannten Staatssozialismus, dem System der Verstaatlichung zu fiskalischen Zwecken, das den Staat an die Stelle des Privatunternehmers setzt und damit die Macht der ökonomischen Ans- beutung und der politischen Unterdrückung des Arbeiters in einer Hand Bereinigt.
Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein, weil alle übrigen Klassen und Parteien auf dem Boden des Kapitalismus stehen und trotz der Jnteressenstreitigkeiten unter sich doch die Erhaltung und Stärkung der Grundlagen der heutigen Gesellschaft zum gemeinsamen Ziel haben.
Die Interessen der Arbeiterklasse sind in allen Ländern mit kapitalistischer Produktionsweise die gleichen; mit der Ausdehnung des Weltverkehrs und der Produktion für den Weltmarkt wird die Lage der Arbeiter eines jeden Landes immer abhängiger von der Sage der Arbeiter in den andern Ländern; die Befreiung der Arbeiterklasse ist daher nicht eine nationale, sondern eine soziale Aufgabe, an der die Arbeiter aller Kulturländer gleichmäßig betheiligt sind. In dieser Erkenntniß fühlt und erklärt die sozialdemokratische Partei Deutschlands sich eins mit den klassenbewußten Arbeitern aller Übrigen Länder.
Die sozialdemokratische Partei kämpft nicht für neue Klassenprivilegien und Vorrechte, sondern für die Abschaffung der Klassenherrschaft und der Klassen selbst, und für gleiche Rechte und gleiche Pflichten Aller ohne Unterschied des Geschlechts und der Abstammung. In diesem Befreiungskampf verficht die Sozialdemokratie, als die Vertreterin nicht blos der Lohnarbeiter, sondern der Ausgebeuteten nud Unterdrückten insgesammt, alle .Forderungen, Maßregeln und Einrichtungen, welche die Sage des Volkes im Allgemeinen unb der Arbeiterklasse im Besonderen zu verbessern geeignet sind.
Die sozialdemokratische Partei Deutschlands tritt deshalb gegenwärtig für folgende Forderungen ein:
1. Allgemeines, gleiches, direktes Wahl- und Stimmrecht mit geheimer Stimmabgabe aller über 21 Jahre alten Reichsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechts für alle Wahlen und Abstimmungen. Einführung des Proporttonal-Wahl- fystems. Festsetzung der Wahlen und Abstimmungen auf einen Sonn- oder Feiertag. Entschädigung für die gewählten Vertreter.
2. Direkte Antheilnahme des Volks an der Gesetzgebung mittelst des Vorschlags- und Berwersungsrechtes. Selbstverwaltung des Volks in Reich, Staat, Provinz und Gemeinde. Jährliche Steuerbewilligung, Recht der Steuer- Verweigerung.
3. Entscheidung über Krieg und Frieden dnrch die gewählten Vertreter des Volks. Errichtung eines internationalen Schiedsgerichts.
4. Abschaffung aller Gesetze, welche die freie Meinungsäußerung und das Recht der Vereinigung und Versammlung ein» schränken oder unterdrücken.
5. Abschaffung aller Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln zu kirchlichen und religiösen Zwecken. Die kirchlichen und religiösen Gemeinschaften sind als Privatvereinigungen zu betrachten.
6. Weltlichkeit der Schule. Obligatorischer Besuch der öffentlichen Volksschulen. Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Sehrmittel in allen öffentlichen Bildungsanstalten.
7. Erziehung zu allgemeiner Wehrhaftigkeit. Volkswehr an Stelle der stehenden Heere.
8. Unentbehrlichkeit der Rechtspflege und der Rechtshilfe. Rechtsprechung durch vom Volk gewählte Richter.
9. Unentgeltlichkeit der ärztlichen Hilfeleistung und der Heilmittel.
10. Stufenweis steigende Einkommen-, Kapital- und Erbschaftssteuer für die Bestreitung aller öffentlichen Ausgaben, sv-
thun, um sich ehrlich durchzubringen, als daß sie sich um die übrigen Leute im Hause bekümmern könne.
Sie warf dann dem Jungen die Thür vor der Nase zu, und dieser hörte, wie zum Ueberfluß drinnen auch noch der Riegel vorgeschoben wurde. So konnte David nicht einmal sagen, er habe das elende, dunkle Zimmer seiner Mutter noch einmal wiedergesehen. „Ich werde hinaufgehen und die Viktoria um Bescheid fragen", sagte sich David. Langsam und geräuschlos stieg er die Treppe hinauf, die er sonst, wie Knaben zu thun pflegen, halb hinaufgeflogen war, immer einige Stiegen überspringend. Jetzt war er ein Verbrecher, und Verbrecher schleichen. Er scheute sich, dem alten Euklid und der Viktoria unter die Augen zu treten — auch sie lassen ihn wohl gar nicht bei sich ein. Am Fuße der letzten Treppenflucht, die gerade vor Euklids Thür führte, angekommen, sah er, daß letztere offen stand und beschleunigte nun seine Schritte. Ja, die Thür stand offen und wurde festgehalten durch einen davorgelegten Ziegelstein, damit sie nicht durch den Wind in den Angeln auf- und abjage. Aber die Dachkammer selbst war leer, keine Spur von ihren früheren Bewohnern zurückgeblieben, außer den Holzschnitten, welche Viktoria über dem Kamin aufgeklebt hatte. Alles war fort: der zerbrochene Stuhl, das wackelige Eckschränkchen, das Wollenflockenlager auf
weit diese durch Steuern zu decken sind. Abschaffung aHer indirekten Steuern, Zölle und sonstigen witthschastspoli- tischen Maßnahmen, welche die Interessen der Allgemeinheit den Jntereffen einer bevorzugten Minderheit unterordnen.
Zum Schutze der Arbeiterklasse fordert die sozialdemokrattsche Partei Deutschlands:
1. Eine wirksame nationale und internationale Arbeiterschutzgesetzgebung auf folgender Grundlage:
a) Festsetzung eines höchstens acht Stunden Betragenben Normal-Arbeitstags.
b) Verbot ber gewerblichen Arbeit für Kinber unter 14 Jahren;
c) Verbot ber Nachtarbeit, außer für solche Jnbustrie- zweige, bie ihrer Natur nach, aus technischen Grünben ober aus Gründen der öffentlichen Wohlfahrt Nachtarbeit erheischen;
d) eine ununterbrochene Ruhepause vvn mindestens 36 Stunden in jeder Woche für jeden Arbeiter;
e) Verbot des Trucksystems.
2. Ueberwachung aller gewerblichen Betriebe unb Regelung ber Arbeitsverhältniffe in Stadt unb Sanb durch ein Reichs- Arbeitsamt, Bezirks-Arbeitsämter und Arbeitskammern.
3. Gleichstellung der landwirthschastlichen Arbeiter unb Dienstboten mit ben gewerblichen Arbeitern. Beseitigung bet Gesinbe-Orbnungen.
4. Sicherstellung des Coalittousrechts.
5. Uebernahme der gesummt en Arbeiterversicherung durch das Reich, mit maßgebender Mitwirkung der Arbeiter an ber Verwaltung.
Vorstehendes Parteiprogramm, weist, wie man sieht, gegenüber dem alten Gothaer Programm eine Reihe von Abschwächungen und Milderungen auf, neben einer Reihe von Ergänzungen. Das eherne Lohngesetz und die Produktivgenossenschaften sind aus dem Programm verschwunden. Während ferner in dem Gothaer Programm das Wahlrecht für alle Staatsangehörigen vom 20. Lebensjahre an gefordert wird, soll jetzt das Recht an ein Alter über 21 Jahre verknüpft werden; die damalige Forderung obligatorischer Stimmabgabe ist fortgefalleu. Während früher die „direkte Gesetzgebung durch das Volk" und ebenso die „Entscheidung über Krieg und Frieden durch das Volk" verlangt wurde, wird jetzt nur eine „Antheilnahme" des Volkes an der Gesetzgebung mittelst des Vorschlags- und Verwerfungsrechts und die Entscheidung über Krieg und Frieden durch die gewählten Vertreter des Volkes gefordert. Statt der „Rechtsprechung durch das Volk" heißt es jetzt „Rechtsprechung durch vom Volk gewählte Richter". Auch die „Erklärung der Religion zur Privatsache" ist fortgefallen und durch folgende Bestimmung ersetzt worden: „Abschaffung aller Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln zu kirchlichen und religiösen Zwecken. Die kirchlichen und religiösen Gemeinschaften sind als Privatvereinigungen zu betrachten." So die Vorschläge des Parteivorstandes. Mit welcher Mehrheit der Entwurf zur Annahme gelangt ist, ist im .Vorwärts' nicht angedeutet. Jedenfalls ist die Annahme nicht einstimmig erfolgt, sonst wäre das sicherlich hervorgehoben worden. Es wird abzuwarten sein, welche Aufnahme der Entwurf in der Partei finden wird. Sicherlich wird es an Solchen nicht fehlen, welchen das Programm nicht entschieden genug ist.
dem Boden, das schwarze Kesselchen, der gebräunte Theetopf. David hockte sich in den Winkel, in welchem sich Viktorias Bett befunden hatte und legte das Gesicht in die Hände. Wenn ihm bisher noch ein schwacher Hoffnungsstrahl geleuchtet, hier befreundete Herzen und für die erste Nacht wenigstens eine Zuflucht zu finden, — jetzt schwand auch dieser letzte Strahl und es war Nacht um ihn, — schwarze Nacht. Möglich, daß er in aufdringlichem Schlafe für einige Zeit Vergessenheit fand vor seinen Sorgen, denn erst nach einer guten Weile, als der Abend schon hereindunkelte, raffte er sich wieder auf und stieg leise die Treppe hinab.
Auf dem zweiten Stock tastete er mit zitternder Hand,an eine geschlossene Thür und griff nach der Klinke. Er kannte den dort wohnenden Arbeitsmann. Derselbe saß mit Frau und Kindern gerade beim Abendbrod.
Mit dem Rufe: „Wer ist da?" schaute der Mann auf, als David eben seinen Kopf durch die Thüre steckte.
„Ich suche meine Mutter", sagte er mit unsicherer Stimme.
„Deine Mutter suchst Du? . . . ich weiß besser, was Du suchst, Spitzbube!" schrie der Mann erbost.