18. Jahrgang
Dienstag, den 7. Juli 1891.
M 152
FMerWMW
aber an beiden ohne weiteres als „Dieb" und „Sträfling" abgewiesen worden. Wohin er dann gegangen sei, wußte niemand zu sagen. John Dudley scheute nun auch vor Blackett's Thür nicht zurück. Dieselbe war verschlossen. Blackett habe — das war alles, was er bei seinen werteren Nachfragen in Erfahrung bringen konnte, „gerade heute" seine Wohnung verlassen, ohne über den Ort, wo er dieselbe fernerhin aufzuschlagen gedenke, das^ Geringste zu verrathen.
Wiederholt bestraft.
Die Rechnung David's und die Rechnung des Ge- fängniß - Registers betreffs der Anzahl der ihm zugedachten Bestrafungen stimmten nicht mit einander. David hatte, wie wir wissen, recht darin, daß die letztere falsch sei. Er war zweimal, nicht dreimal, ver- urtheilt worden, jeweils zu drei Monaten. Und daber hatte er das Bewußtsein, daß sein erstes Vergehen durchaus nicht die schwere Strafe verdient habe, die er dafür abzubüßen hatte und welche dazu beitrug, daß die für das zweite so scharf ausfiel. Oder war's denn so schlimm, daß er für den guten Namen seiner Mutter eintrat und daS ihr widerrechtlich Entzogene wieder zu erlangen trachtete? Seine ganze jugendkräftige Natur bäumte sich auf unter dem Gefühle des erlittenen Unrechtes. „Hätt' ich's noch 'mal zu thun, würd' ich'S noch 'mal thun, und wenn alle Richter und Polizisten der ganzen Welt dabei ständen" — so rief er ost in
Im Kamps ums Dasein.
Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.
(31. Fortsetzung.)
Aber Elsbeth mochte dem Gedanken, auf David verzichten zu müssen, nicht Raum geben. Sie durste nicht auf ihn verzichten. Euklid und Elsbeth erriethen wohl mit ziemlicher Sicherheit, in wessen Hände er — leider! — gerathen sein werde. Aber wie ihm in Blackett's Wohnung die Kunde zubringen, wie gute Freunde und welch' glückliches Heim ihn drunten bei den Themse-Docks erwarteten?! Das festliche Mahl war bei ihrer Ankunft bereit, aber mit der festlichen Stimmung war es bei allen vorbei. Nur Frau Sinnet wollte nicht alle Hoffnung, daß die Sache sich noch zum Guten wenden werde, aufgeben. Herr Dudley, meinte sie, werde den Verlorenen schon ausfindig zu machen wissen, ohne durch seine Nachforschungen daS Geheimniß Euklid's dem Blackett preiszugeben. John Dudley kam am Abend, um David zu sehen, und machte sich, als er von dem neuesten Mißgeschick erfuhr, sofort auf die Suche. Elsbeth konnte aus seinem sittlichen Eifer für die Sache die Beruhigung schöpfen, daß alles geschehen werde, um ihrem Bruder auf die Spur zu kommen.
ES geschah freilich alles — aber ohne den gewünschten Erfolg. David war in dem alten Hause gewesen. An zwei Thüren hatte er angeklopft, war
Deutsches Keich.
Berlin, 4. Juli.
* Der Kaiser ließ am 3. Juli, dem 25jährigen Gedenktage der Schlacht bei Königgrätz auf der Grabstätte Kaiser Friedrichs einen Lorbeerkranz mit den preußischen Farben urd der kaiserlichen Ehiffre niederlegen.
* Das deutsche Kaiserpaar ist heute Nachmittag in Schloß Windsor eingetroffen und von der Königin Viktoria und der englischen Königsfamilie begrüßt worden. Am 9. ds. Mts. treffen die kaiserlichen Majestäten zu 4- bis 5tägigem Aufenthalt in London ein. Der Kronprinz und die übrigen kaiserlichen Prinzen folgen morgen nach England nach.
* Der Wiener Weltpostkongreß wurde heute nach Unterzeichnung der festgesetzten Verträge geschlossen. Staatssekrerär Stephan setzte Kaiser Wilhelm von dem Abschluß der Verhandlungen telegraphisch in Kenntniß. ch * Der diesjährige Parteitag der Sozialdemokraten findet am 10. Oktober in Erfurt statt. Auf demselben wird das neue Parteiprogramm berathen. Der Entwurf desselben wird heute in dem Berliner Parteiorgan veröffentlicht. In dem Programm heißt es: Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein. Die sozial-demokratische Partei Deutschands erklärt sich eins mit den klassenbewußten Arbeitern aller übrigen Länder. Das Programm fordert die Entscheidung über Krieg und Frieden durch die Volksvertreter, Errichtung eines internationalen Schiedsgerichts, Abschaffung aller Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln zu kirchlichen und religiösen Zwecken, Weltlichkeit der Schule, Volkswehr an Stelle der stehenden Heere, Unentgeltlichkeit der Rechtspflege, Rechtsprechung durch vom Volke gewählte Richter, Unentgeltlichkeit der ärztlichen Hülfeleistung und der Heilmittel. DaS Partei-Programm schließt mit fünf Forderungen zum Schutze der Arbeiterklasse. (Wortgetreuen Abdruck desselben lassen wir in der morgigen Nummer unseres Blattes folgen. D. R.) Auf dem Parteitage soll auch von Vollmar wegen seiner bekannten Münchener Rede „zur Rechenschaft" gezogen werden. Vielleicht wird sich auf dem Parteitage eine Spaltung vollziehen, wenigstens erklärte gestern Bebel in einer Berliner sozialdemokratischen Versammlung, es müsse auf dem Parteitage bewirkt werden, daß diejenigen, die an der vom Parteitag beschlossenen Taktik unablässig nörgeln und somit den Gegnern Waffen in die Hände spielen, eine eigne Partei zu gründen.
* Ueber die Handwerker-Konferenz, — schreibt man der .Köln. Volksztg.' —, welche vor kurzem im Reichsamt des Innern tagte, sind alsbald nach Schluß derselben von den liberalen Blättern sehr ungünstige Nachrichten verbreitet worden, wiewohl allen Theilnehmern Stillschweigen auferlegt war. Die Konferenz tollte vollständig ergebnißlos verlaufen sein und die Handwerker sehr entmuthigt haben. Dagegen stellte sich auf dem
am Sonntag und Montag in Bonn abgehaltenen 11. rheinischen Handwerker-Delegirtentage heraus, daß die Teilnehmer den Eindruck von den besten Absichten der Regierung gewonnen haben und bestimmt auf gesetzgeberische Maßregeln hoffen. Näheres erfahren wir allerdings nicht. Angeblich wollten die Regierungs- Vertreter nichts versprechen, unter Berufung auf die Entscheidung des Kaisers. Die Hauptfrage, um welche die Berathung sich drehte, war der Befähigungs- Nachweis. Schon 1889 hat sich im Reichstag eine, wenn auch schwache Mehrheit (121 gegen 114 Stimmen) für den Befähigungs-Nachweis ausgesprochen, wie ihn das Centrum und die Konservativen beantragt hatten. Anfangs 1890 fand ein gleicher Antrag mit 130 gegen 92 Stimmen Annahme. Die Mehrheit des neuen Reichstages würde ohne Zweifel auch dafür sein. Die Regierung hat damals keine Stellung genommen; es war ja die Bismarck'sche. Wie für den Arbeiterschutz, so wird auch für deu Handwerkerschutz die jetzige Regierung mehr Verständniß haben. Ob aber der Befähigungs-Nachweis für so zahlreiche Gewerbe von ihr vorgeschlagen werden wird, wie der Antrag will, steht zu bezweifeln. Man hat sich auf der Konferenz eingehend mit dem Befähigungs-Nachweis in Oesterreich beschäftigt. Dort hat derselbe zu manchen unerquicklichen Streitigkeiten geführt, namentlich weil die Abgrenzung einzelner Handwerke so schwierig, wenn nicht unmöglich ist. Diese Ersahrung lehrt, daß man bei Ausstellung des Befähigungs-Zeugnisses nicht zu sehr spezialisiren darf, vielmehr für verwandte Handwerke vielfach zugleich wird prüfen und reif befinden müssen. Namentlich wenn man den Befähigungs-Nachweis nicht auf den selbständigen Gewerbebetrieb in den Städten beschränken will, muß man unter Berücksichtigung der ländlichen Verhältnisse Tischler und Zimmermann, Schlosser und Schmied u. s. w. unter ein Handwerk fassen. Warnen möchten wir aber überhaupt davor, sich von dem Befähigungs-Nachweis allzu viel zu versprechen. Dem Pfuscherthum kann ja einigermaßen das Geschäft gelegt werden; aber die Hauptgefahr liegt doch in dem Großbetrieb und in der Fabrik. Diese Konkurrenz kann man durch keinen Befähigungs-Nachweis beseitigen. Vorzugsweise wird der Befähigungs-Nachweis den Handwerkern in kleinen Orten und auf dem Lande nützen. So viel bekannt, hat sich die Handwerker-Konferenz auch mit der Stärkung des Jnnungswesen s beschäftigt. Auf diesem Wege wird eher etwas für den ganzen Stand zu erreichen sein. Seine Hauptschwäche liegt doch darin, daß der Einzelne gegen die mächtige Konkurrenz des Kapitals nicht aufkommen kann. Hier ist Hülfe nur zu schaffen durch feste korporative Gliederung des Standes, welche die genossenschaftliche Ausbildung des Betriebes mit den vom Großkapital angewandten Mitteln ermöglicht, also den Einzelnen in den Stand setzt, sich aller Maschinen, Erfindungen u. s. w. ebenso zu bedienen wie der Fabrikant. Berechtigt ist auch das Verlangen nach Errichtung von
Handwerkerkammern, damit die wahren Interessen und Wünsche des Standes durch diese direkt in amtlicher Form zum Ausdruck kommen, und nicht erst durch den Mund der Handelskammern; denn das Interesse des Handelsstandes deckt sich keineswegs immer mit dem des Handwerkerstandes.
* Im .Staatsanzeiger' wird amtlich mitgetheilt, daß der Regierungs- und Baurath Schulze mit der Ausarbeitung der speziellen Entwürfe und Kostenanschläge, sowie mit den weiteren Vorbereitungen zu dem Neubau eines Geschästsgebäudes für beide Häuser deS Landtags beauftragt worden ist.
• Die Abend-Nummer der,Nationalztg.' vom 16. Mai war beschlagnahmt worden, weil in Folge eines Versehens der Druckerei die Angabe des Druckers auf dem Blatte fehlte. Jetzt hat nun das Amtsgericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft wegen des erwähnten Versehens eine Geldstrafe von 6 Mark festgesetzt. Aus diesem geringen Strafmaß ergibt sich wie unbedeutend im vorliegenden Falle das Vergehen war; gleichzeitig enthält aber die Strafverfügung indirekt eine scharfe Kritik der Befchlagnahme. Wegen eines solchen geringfügigen Vergehens die schärfsten Maßnahmen zu ergreifen — denn eine schärfere Maßnahme, als die Beschlagnahme kann es in diesem Falle nicht geben — ist durchaus unangebracht. Die Beschlagnahme rechtfertigt sich nur dann, wenn es durch Weglassung der vorgeschriebenen Angaben der Behörde unmöglich gemacht werden soll, eine für die Druckschrift verantwortliche Persönlichkeit zu eruiren. Davon konnte im vorliegenden Falle auch nicht im Entferntesten die Rede sein. Sollten sich Fälle, wie der hier in Frage stehende, wiederholen, was indeß schwerlich der Fall sein dürfte, so würde dadurch die Nothwendigkeit einer Revision des Preßgesetzes noch näher gerückt werden.
♦ AnS Schlesien, 2. Juli. Die Ernte um Sprottau wurde gestern durch Hagelschlag total vernichtet
* Hildesheim, 2. Juli. . . Grausiger stellt sich aber das Bild der Verwüstung, welche das kaum viertelstündige Unwetter draußen angerichtet hat. WaS Tausende fleißiger Hände im Herbst und Frühjahr geschafft, die Saat, welche der Landmann vertrauensvoll dem Schooß der Erde übergab, all' dieses ist im Verlaufe weniger Minuten vernichtet. . ; . Wahre Hiobs- posten kommen aus Borsum. . . . Die in Aussicht stehende Obsternte ist vernichtet, unbarmherzig hat der Hagel die kleinen Früchte von den Bäumen geschlagen, ja sogar Aeste bis zu Armesstärke zur Erde geschleudert, . . Und nun erst das Bild der Verwüstung auf den Feldern. Mit gleicher Wuth hat das Unwetter seinen Weg genommen über Rautenberg nach Hohenhameln zu. Womöglich noch schlimmer hat eS in und um Harsum gewüthet. Man sieht den einzelnen Feldern kaum an, was auf ihnen für eine Frucht gestanden.
* Hameln, 2. Juli. Trostlos sieht es in der Feldmark der Stadt nach Norden und Osten hin aus, während die südliche und südwestliche Gegend ziemlich sich hinein, wenn er über seine Lage gebrütet hatte. Warum sollte er seine Mutter um ihr Eigenthmn betrügen lassen und noch dazu um ihr theuerstes? Und wie hätte er das ruhig anhören dürfen, was dieser Herr Quirk von ihr gesagt hatte?! Seine Mutter war eine Frau, wie es keine bravere in ganz London gab, und er war bereit, anf's Neue gegen Jeden vorzugehen, der es wagen sollte, ihren Namen zu besudeln. Er war nur erst ein Knabe. In manchen vornehmen Häusern würde man ihn noch zu den Kindern gerechnet, für seine allenfallsigen Vergehen der kindischen Unreife Schuld gegeben und deshalb nur gelinde bestraft haben. Nun saß er da int Gefängmß, weil er mit seinem ritterlichen Kindessinn etwas ungestüm vorgegangen war! Die meisten Väter — und gerade die besten! — würden ihren Söhnen für eine solch' wackere That die Hand segnend anf's Haupt gelegt haben — David aß für dieselbe That drei Monate lang im Gefängnisse! Allzu viel Arbeit hatte er der irdischen Gerechtigkeitspflege mit seinem Vergehen nicht gemacht — die Sache war das erste wie das zweite Mal in je fünf Minuten abgethan. Die Polizeigerichte arbeiten schnell, denn sie arbeiten stets unter dem Drucke zahlreicher Fälle, die in bestimmter Zeit abgeurtheilt »erben müssen, und ein Polizeirichter hat nicht Muße genug, alle Behauptungen der ihnen vorgeführten Knaben zu prüfen, die ja ohnehin in zehn Fällen neunmal erlogen sind, zu de« Zwecke, eine Bestrafung hintenan-
Erscbeint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommei^ — Inserate kosten die emspattige^d^" ^lum 15 Diederholun^n ^et^inenl)en StaHtbeStfl