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Beilage zu Nr. 151 der „Fuldaer Zeitung".

Glücksjägerei.

Berlin, 25. Juni.

Ein Kaufmann schreibt mir, ich möchte doch mal das Thema behandeln: „Kaufmann zu werden, ist keine Kunst, wohl aber, es zu bleiben." Der Mann beklagt nämlich die Unzahl von lebensunfähigen Geschäften, die von ungeschulten Leuten ohne aus­reichende Mittel in Gang gesetzt sind und einem Ende mit Schrecken entgegengeführt werden. „Kolonial- und Delikateßwaaren- und Cigarren-Handlungen" — führt mein Gewährsmann aus — „schießen wie Pilze aus der Erde. Handwerker, die mit dem Ertrage ihrer Profession nicht zufrieden sind, Leute jeden Standes, die nach einem Nebenverdienst verlangen, und sonstige aller Art, die einen neuen Broderwerb suchen, glauben hinter dem neuen Ladentische eine Goldquelle zu finden. Daß zu dem kaufmännischen Geschäft Kenntnisse, Fähigkeiten und ein entsprechendes Kapital gehören, leuchtet ihnen nicht ein. An provisionswüthigen Geschäftsreisenden, die ihnen die Kasten und Regale füllen lasfen, fehlt es ja nicht. So wird denn mit geschwellten Segeln in das Meer des Handels hinein­gefahren, bis sich allmählich die Stürme einstellen in Gestalt von unbequemen Wechseln, zu deren Bezah­lung die Ladenkasse nicht immer reichen will. Die eigenen und der Angehörigen Ersparnisse sollen das Loch stopfen; aber auf die Dauer wollen sie auch nicht ausreichen. In der Noth greift nun Mancher zur Verschleuderung der Maaren, um sich für den Augen­blick Geld zu verschaffen, schädigt damit seine soliden Geschäftsgenossen und besiegelt sein eigenes Verderben."

Von anderer Seite wird mir bestätigt, daß in der That an manchen Orten leichtsinnige Unternehmungen der bezeichneten Art entstanden sind, die zum Theil schon zusammengekracht sind, zum Theil nahe vor den Bankerott stehen. In Folge dessen halte ich eine War­nung vor uubesonnenen Gründungen von Handelsge­schäften für angebracht.

Von vorn herein möchte ich einem Einwand be­gegnen, der gewiß hier oder da erhoben werden wird. Man wird sagen: „Du schreibst bloß im Interesse der alten, großen Geschäfte. Die wollen keine Kon­kurrenten aufkommen lassen, um den schönen Profit allein weiter zu schlucken. Der kleine Mann will doch auch leben. Das Gesetz gibt Jedem die Freiheit, Han­del zu treiben. Wenn ein strebsamer Monn die Ge­werbesteuer bezahlt, so darf Niemand ihn hindern, sein Glück zu versuchen." Schön gesagt, aber doch daneben gehauen! Mir stehen alle großen und kleinen, alten und neuen Material-, Kolonial-, Eß- und Nikotin- waaren-Geschäfte der ganzen Welt gleich oder vielmehr gleich entfernt; ich bin bei keinem einzigen Handels­betrieb oder Kramladen irgendwie interessirt. Ick bin auch grundsätzlich kein Gegner der „freien Konkurrenz" auf diesem Gebiete. Im Gegentheil halte ich es für gefährlich, wenn an einem Orte Jemand eine M o n o - pol-Stellung erlangt, so daß die Leute gezwungen sind, sich seine Maaren und seine Preise gefallen, zu lassen. Also wenn ein Kaufmann über eine ehrliche und vernünftige Konkurrenz fchelten wollte, so würde er bei mir keinen Anklang finden. Aber hier handelt es sich um unvernünftige und unfolide Kon­kurrenz-Versuche, und die Hauptsache ist, daß der leicht­fertige Unternehmer sich selbst schädigt.

Wenn ein Mann, der nicht schwimmen kann, in ein tiefes Wasser gehen will, so rufe ich ihm ein freundschaftliches „Halt" zu. Sollte er darauf er­widern, ich sei sein Feind, weil ich ihm verwehren wolle, sich in die schönen kühlen Wellen zu stürzen, worin schon eine Reihe von Schwimmern vergnügt sich tummelte, so würde ich den Mann für „brustkrank im Kopfe" halten müssen. Ja, lieber Freund, geh' in's Wasser, wenn Du schwimmen gelernt hast und kräftig genug bist; wirf Dich auf den Handel, wenn Du die nöthigen Kenntnisse und Fähigkeiten hast und Betriebs-Kapital genug besitzest. Sonst nicht — denn dann würde die Sache nur zu Deinem Ver­derben ausschlagen. Das bischen Vermögen, was Du besitzest, geht verloren und das verkrachte Geschäft hin­terläßt Dir nur Schande und Schulden. Da wäre es noch bester gewesen, Du hättest in der Zeit Dich dem Spazierengehen gewidmet und Deine Ersparnisse auf­gezehrt, dann würdest Du wenigstens nicht von Ge­wissensbissen und unbefriedigten Gläubigern gequält sein.

Das Gesetz kann wohl für Handwerker, aber nicht für Kaufleute den Befähigungs-Nachweis for­dern. Aber es wäre ein arger Jrrthum, zu glauben, daß zu dem kaufmännischen Gewerbe-Betriebe Jeder befähigt sei, der Lust zum Handelsverdieust spürt. Der Kaufmann muß die Güte der Maaren beurtheilen kön­nen, über die Bezugsquellen orientirt fein, die Behand­lung feiner Vorräthe kennen, die Bedürfniste des Publi­kums und die rechte Behandlung desselben verstehen, unter Berücksichtigung des Risiko s, der Konkurrenz und aller anderen Umstände den richtigen Verkaufspreis 6e»

Sonntag, den 5. Juli 1891.

rechnen können, sich fortwährend eine genaue Uebersicht über sein Soll und Haben zu bewahren und daraus jeweilig die rechten Folgerungen zu ziehen wissen. Wer all' die Kämpfe nicht versteht, der kann in dem Wett­kampf mit den geschulten und geschickten Konkurrenten nicht bestehen.

Auch ein finanzieller Rückhalt, der im richtigen Verhältniß zu dem Umfange des Geschäftes steht, ist unbedingt erforderlich. Auch in dem besten Geschäfte kommen gelegentlich kritische Zeiten, wo die Einnahmen stocken, aber die Ausgaben doch ihre Deckung verlangen. Wer dann nichts in Reserve hat, muß zu kostspie­ligen und gefährlichen Auskunftsmitteln greifen, die nicht selten der Anfang vom Ende sind. Wer vortheil- haft verkaufen will, muß billig und gut einkaufen; aber je mehr man auf den Kredit angewiesen ist, desto schlechter steht man sich beim Einkauf. Man wird ab­hängig von einem bestimmten Lieferanten und muß ihm das abnehmen, was er anderswo nicht los werden kann, oder für die gute Waare erhöhte Preise zahlen, weil der Mann sich Zinsen und Risiko-Pämien sichern will.

Für ordentliche Christen kommt nun auch die ernste Gewissens-Frage in's Spiel. Kannst du vor Gott ver­antworten, durch dein leichtfertiges Unternehmen andere Leute in Schaden gebracht zu haben? Der Gewisten- lose geht nach regelrechter Erledigung seiner „Pleite" ruhig von dannen und sucht Gelegenheit, um das alte Spiel von Neuem zu beginnen. Aber wer das wahre Recht-, Pflicht- und Ehrgefühl hat, behält eine Last auf dem Herzen, wenn auch der Gerichtsvollzieher seine Schwelle verlassen hat.

Also doppelt und dreifach sollte man es sich über­legen, ehe man seine, oder gar seiner Verwandten und Freunde Spargroschen in ein verwegenes Geschäft steckt. Die Zahl der Bankerotteure ist wahrlich schon groß genug; hüte dich, sie zu vermehren.

Von Seite der Geschäftstreibenden, die zu den Kaufleuten im Sinne des Handelsgesetzbuches gehören, wird hervorgehoben, daß die Gefetzgebung ihnen be­sondere Vorschriften über Buchführung rc. mache, und über sie befondere Strafen für einen fahrlässigen Ban­kerott verhänge, aber gewisse k l e i n e Handelsleute von diesen Vorschriften ausnehme, so daß die leichtfertigen Konkursmacher dieser Art unbehelligt bleiben. Es ist angeregt worden, daß auch für die sog. Höker eine Bestrafung angeordnet werden solle, wenn sie mit eigener Verschuldung in Bankerott gerathen. Das ist eine Frage, bei der die Juristen, die Fachmänner des Handels, die Volkswirthe und die Sozialpolitiker mit­zusprechen haben. Gegen den Grundsatz, daß derjenige strafbar ist, der durch fein Verschulden anderen Leuten einen Vermögensnachtheil zufügt, ist gewiß nichts ein­zuwenden. Aber es kommt darauf an, eine Fassung zu finden, welche bloß die wirklich Schuldigen trifft, nicht aber arme Teufel, die in ihrer Beschränkung eher als verführt durch gewissenlose Agenten und ver­wegene Creditgeber zu erachten sind.

Dabei wird sich denn auch die Frage einstellen, ob unsere jetzige Gesetzgebung zur Verhütung und Bestra­fung der Konkurse für die großen Pleitemacher aus­reicht. Bei den kleinen Leuten muß natürlich das Rechts- und Ehrgefühl gefährdet werden, wenn sie sehen, daß vielfach das Bankerottmachen mit verlocken­dem Erfolge betrieben wird. Kaum haben die Gläu­biger nach beendetem „Verfahren" durch ihre Forde­rungen den Strich gemacht, da erscheint der erlöste „Gemeinschuldner" wieder stolz auf der Bildfläche als Inhaber eines neuen Geschäfts; er hat wieder Mittel, als wenn sie ihm in den Schooß geregnet wären; er findet wieder so viel Kredit, daß ihn mancher Geschäfts­mann von tadellosem Ruf darum beneiden muß. Auch das ist ein Krebsschaden an der Solidität der Geschäftswelt. Das Bewußtsein von der Schande eines Bankerotts ist nicht mehr überall in der gehörigen Stärke vorhanden. Bei jedem Bankerott müßte eine Jury ihr Urtheil abgeben, ob derselbe durch unabwend­bare Unglücksfälle herbeigeführt ist, oder ob und in wieweit dem Geschäftsmanne leichtfertige oder bös­willige Handlungen oder Unterlassungen zur Last fallen.

Die Wurzel des Uebels steckt in der überhand­nehmenden Glücksjägerei. Man sollte den Ge­schäftsbetrieb als einen e d l e n B e r u f auffaffen, indem man neben dem standesgemäßen Arbeitserträge die sitt­liche Befriedigung und die Ehre des Namens sucht. Aber vielfach hat man jetzt nur Sinn dafür, möglichst schnell reich zu werden, ohne in der Wahl der Mittel scrupulös zu sein. Was heißt „innere Befriedigung" und „Ehre"? Wenn ich mehr Geld habe, als die an­deren, dann werden sie mich schon ehren und dann kann ich stolz und zufrieden sein; — So sagen die Großen und so zwitschern die Kleinen.

Diese Glücksjägerei — das möchte ich zum Schluß noch bemerken — wird durch das Lotteriespiel genährt. Den Erwerb, der die langsam reifende Frucht ehrlicher und nützlicher Arbeit sein soll, sucht man im

Handumdrehen aus anderer Leute Taschen zu angeln! Die unerquickliche Erscheinung der Berliner „Schloß- freiheits-Lotterie" haben wir noch in frischem Andenken. Bei Gelegenheit der Landtagsverhandlungen ist neulich wieder geklagt worden über das Wachsen der Spielleidenschaft. Soeben ist ein Gesetz ange­nommen worden, das die Absicht verfolgt, das Treiben der Looshändler einzuschränken. Und nun muß man hören, daß wieder eine große Lotterie mit einem Umschlag von 8 Millionen genehmigt ist, deren Reinertrag von 21/2 Millionen in den Kolonien ver­wendet werden soll unter dem Titel „Bekämpfung der Sklaverei". Der Zweck heiligt das Mittel nicht. Wenn die Anregung zu diesem neuen Riesen-Glücksspiel von Köln ausgegangen sein sollte, so möchten wir die Kölner bitten, auf den Lorbeer» ihrer zahlreichen Dom­bau-Lotterien auszuruhen und keine neuen Hazardspiel- Pläne nach Berlin zu tragen.

Unser ganzer Handel und Wandel wird schließlich vergiftet, wenn die Sucht, schnell und mühelos reich zu werden, immer von Neuem erweitert und angestachelt wird. Jede solche neue Lotterie ist viel schlimmer, als eine weitere Ziehung der Staatslotterie. Denn letztere hält sich im Großen nnd Ganzen an ihren alten Kunden­kreis, bei dem nicht viel mehr zu verderben ist. Aber die neue Lotterie sucht mit allen Mitteln der Reklame neue Abnehmer zu finden und trägt also die Glücks­jägerei in weitere Kreise.

Wenn Alles dem Glücksspiel zugetrieben wird, wie sollen dann die Freude an der ehrlichen Arbeit, der Stolz auf den mühsamen Erwerb, die Gewissenhaftig­keit und Genügsamkeit im geschäftlichen Streben ihren alten Platz behaupten können!

* Gine Kauernrede.

Im österreichischen Abgeordnetenhause sitzen noch Bolksver- treter, die von der Leber weg sprechen. So besprach unlängst Abgeordneter Kaltenegger, Bauer aus der Steiermark, das Dienstbotenelend auf dem Lande und sagte: Heutzutage sagt ein junger Mann, nachdem er so unendlich viel gelernt hat: „Was? Ich will kein Ochsenknecht werden! Fällt mir gar nicht ein 1“ Und die Maderl sagen: „Ich will nicht in den Schweinstall, da stinkt's ja!" (Lebhafte Heiterkeit). Sie will nobel, Köchin, Lehrerin, alles Mögliche werden, nur keine Bauerndirne. (Lebhafte Heiterkeit.) Bor lauter Gelahrtheit und Einbildung will kein Mensch mehr in den Stall hinein. (Heiterkeit.) Nimmt der Lehrer einen Buben her und will ihn verdientermaßen durch­karbatschen, so verbietet ihm das die Unterrichtsordnung, das Strafgesetz, der Schulrath, die Humanität und wie das andere moderne Gelump noch heißt (Gelächter, Glocke des Präsidenten.) und das Ende ist: der Lehrer wird gestraft. Drei Umstände seien es, die die heutige Zeit charakterisiren. Die große Zahl von Selbstmorden, das auffallende Anwachsen der Irr­sinnigen, und Zuchthäusler und die Zunahme der soge­nannten Revolutionspartei. Alles dies hänge mit den ganzen öffentlichen Einrichtungen zusammen. Wir arme Menschen — fuhr Redner fort — sind nämlich von drei Dingen beherrscht. Wir Katholiken nennen sie Teufel, Sie nennen sie wahrscheinlich, weil Sie es nobler geben, Leidenschaften. (Heiterkeit.) Diese drei fatalen „Dinger" sind: die Hoffart, die Augenlust und die Fleischeslust und zur letzteren gehört auch der Saufteufel. (Gelächter.) Und nun vergegenwärtigen Sie sich, meine Herren, wir, die wir schon graue Haare haben und Biele gar keine Haare mehr (Heiterkeit), wir sind manchmal noch verteufelt schlecht daran, wenn es sich darum handelt, daß man brav bleiben soll. (Große Heiterkeit.) Sehen Sie bei einer Buchhandlung hinein, nichts als lauter Liebesgeschichten, Romane, wie die Liebe beschaffen ist, wie das Zeug ausschaut, wie sie sich abküsfen rc. und wie die interessanten Schweiniglkrankheiten zu behandeln sind. (Gelächter.) Ich bin ein recht schlechter Theater­besucher und war in Wien nur zweimal im Theater. Aber einmal war ich drinn und da muß ich gestehen, was ich da ge­sehen habe, ist doch ein bissel zu weit gegangen. (Rufe: was war denn das?) „Das Weib des Teufels" war es. Da ist der Ehebruch so köstlich, so pikant hingestellt (Schallendes Ge­lächter), daß man fast Lust kriegt, die Sache nachzumachen. (Lautes Gelächter). Und da haben Mütter ihre unschul­digen Maderln mit gehabt, die haben ungeheuer neugierig hingeschaut, sie haben's wohl wahrscheinlich im ersten Augenblick nicht verstanden, aber mit der Zeit werden sie's verstehen. Ich muß wahrhaftig unserem aufgeklärten, geistreichen Zeitalter mein Bedauern aussprechen, daß unsere Dichter jetzt nichts Anderes mehr zu Wege bringen, als Mord, Ehebruch und lauter solche Geschichten.

Solche Dinge tragen dazu bei, daß jene traurigen Erschei­nungen zu Tage treten, daß dann kein anderer Ausweg bleibt, als die Kugel in den Kopf, oder in das Irrenhaus oder ins Zuchthaus. Das Parlament hätte die Aufgabe, diese Sache in die Hand zu nehmen und wenn die Regierung nicht weiß, was ihre Pflicht ist, diese dazu zu zwingen. Aber da keine Regierung für die Bauern etwas Ordentliches thut, so lange sie vom Parlament alles bewilligt bekommt, so bewillige ich überhaupt einer solchen Regierung nicht einmal einen Papier­gulden! Ich bin ein katholischer Bauer, der die Augen offen hat, und darum mach' ich den Beutel zu. Wir Bauern kriegen dds Geflunker wie das Zahlen satt. (Bravo und Heiterkeit.)

Vermischtes.

* Das Möncheusteiner Eisenbahn-Unglück. Die „Neue Züricher Ztg.", also eine einwandsfreie Beurtheilerin schweize­rischer Angelegenheiten im Allgemeinen, veröffentlicht einen Ar­tikel über jene entsetzliche Katastrophe an der Birs, in welchem nachgewiesen wird, daß die Schuld an der absolut verwerflichen Konstruktion der Quer- und Längsträger in der Anwendung viel zu hoher und viel zu dünner Stehbieche, welche die senk­rechten Wendungen dieser Träger zweiter Ordnung bildeten, ge­legen habe. Denn Bleche, welche bei einer Höhe von 60 bis 85 Zentimetern nur eine Stärke von 7 Millimetern aufweisen,