M 151
Sonntag, den 5. Juli 1891.
18. Jahrgang
MaerMZeitiliig
und der alle 14 Tage erlchemendrn «ratitveWM
Pfennig.
Im Kamps ums Dasein.
Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.
(30. Fortsetzung.)
„Was wir an ihm thun müssen?" wiederholte Frau Sinnet. „Ei, freundlich hier aufnehmen müssen wir rhn für's erste, denk' ich." Der Ton, in welchem die Alte das sagte, war ein so herzlicher und freudiger, daß es der niedergeschlagenen Elsbeth das Herz im Leibe Hüpfen machte. „Wenn Ihr, Euklid, mit ihm in meinem Bette schlafen wollt, so nimmt Elsbeth das Lager in dem Kabinettchen und ich schlafe bei der Viktoria. Wir sollen schon zu liegen kommen. Der Kapitän Upjohn, der Steuermann meines seligen Thoms, sagt: er wolle ihn mitnehmen nach Schweden; die Reise dauere ihre guten sechs Wochen, in der Zeit seien seine Haare wieder gewachsen, und er sehe dann aus wie andere ehrliche Menschenkinder. Vielleicht bekommt er aus dieser Fahrt Freude am Seeleben und dann ist er gut versorgt."
„O, wenn die Mutter das noch erlebt hätte! ju&ette Elsbeth. Am Tage vor David's Entlassung aus dem Gefängnisse herrschte in Frau Linnet's kleinem Hanse eine außerordentliche Geschäftigkeit. Elsbeth scheuerte die Fußböden blank vom Speicher oben bis zum Laden unten. Die Möbel wurden so emsig abgerieben, als
* Der deutsche Kerufsgenossenschaststag und der deutsche Aersietag,
von denen der erstere jüngst in München, der letztere in Weimar abgehalten worden ist, sind von sozialpolitischer Bedeutung, weshalb wir die beiden „Tage" hier kurz besprechen wollen.
Der B erufsgenossenschaftstag, dem auch der verdiente Präsident des Reichsversicherungsamtes, Dr. Bädicker beiwohnte, befaßte sich in erster Linie mit der Errichtung berufsgenossenschaftlicher Krankeu- und Rekonvaleszentenhäuser. Die Angelegenheit ist bereits auf der Ende Mai d. I. in Berlin abgehaltenen Ausschußsitzung des Verbandes der deutschen Berufsgenossenschaften zur Sprache gekommen, und es herrschte damals Uebereinstimmung darüber, daß die Errichtung solcher Rekonvaleszentenhäuser zu empfehlen und zunächst in Berlin mit der Errichtung eines solchen Rekonvaleszentenhauses vorzugehen sei. Die Unzulänglichkeit des jetzigen Heilverfahrens in vielen Fällen ist nicht nur bei der Unfall-, sondern auch bei der Krankenversicherung zu Tage getreten, und es sind besonders dadurch, daß es an einer geeigneten Rekonvaleszentenfürsorge fehlt und die Kranken und Verletzten häufig zu früh wieder in Arbeit treten, was dann häufig Rückfälle mit dauernder Schädigung zur Folge zu haben pflegt, sowohl den Krankenkassen wie auch den Berussgenossenschaften viele Kosten erwachsen. Wenn also jetzt die Berufsgenossenschaften Einrichtungen treffen wollen, welche eine bessere Pflege und Ueberwachung der im Zustande der Rekonvaleszens befindlichen Kranken bezwecken, so geschieht das allerdings in erster Linie aus Rücksicht auf die thunlichste Ersparung dauernder Unfallrenten; eS liegen ober solche Einrichtungen zugleich im Interesse der Verletzten selbst, denen es nur angenehm sein kann, gründlich geheilt zu werden.
Der Plan hat beim Reichsversicherungsamt Zustimmung gefunden. Auf Vorschlag desselben sollen die erforderlichen Mittel zur Errichtung und Ausstattung berufsgenossenschaftlicher Krankenhäuser durch Anleihen der Genossenschaften aufgebracht und bereit Zinsen und Amortisationsraten nebst den durch den Betrieb erwachsenden Kosten jährlich durch Umlagen gedeckt werden. Es ist nun die Errichtung einer solchen Anstalt für jede Provinz, bezw. für einen größeren Landbezirk in Aussicht genommen. Eventuell sollen sich mehrere Berufsgenossenschasten zur gemeinschaftlichen Errichtung von Rekonvaleszentenhäusern ver- einigen.
Von den 64 gewerblichen Berufsgenossenschaften, welche sich auf Grund der Unfallversicherung gebildet haben, gehören jetzt 45 dem Verbände an. Daß dieser Verband seinen Einfluß thunlichst zu vermehren sucht, ist natürlich. Er hat z. B. Schritte gethan, damit in dem Arbeiterschutzgesetz die Rechte der Berufsgenossm- schaften erweitert würden. Es war der Abg. Hitze,
welcher in der Arbeiterschutzkommission des Reichstags vergeblich den Berufsgenossenschaften das Recht zu verschaffen suchte, neben den anderen Organen Vorschriften über Anlage und Einrichtungen der Fabrik zum Schutz von Gesundheit, Leben und Sittlichkeit erlassen zu dürfen. Man hat aber den Berufsgenossenschasten das Recht der Begutachtung solcher Vorschriften emge- rüumt. , „ _
Der Präsident des Reichsversicherungsamtes, Dr. Bädicker, hat in München u. A. mitgetheilt, daß seit dem letzten Berufsgenossenschaftstag in Straßburg von verschiedenen auswärtigen Regierungen Delegirte nach Deutschland gesandt worden seien, um von den Einrichtungen unseres Unfallversicherungswesens Kenntniß zu nehmen. Einige derselben hätten zahlreiche Berufsgenossenschasten besucht, an den Verhandlungen der Schiedsgerichte theilgenommen und ihrer Meinung dahin Ausdruck gegeben, daß sie sich einer mustergiltigen Organisation gegenüber befunden hätten. Das Münch. Frdbl.' kann diese Mittheilung dahin ergänzen, daß in der letzten Zeit die Herren Dr. Kinkelin aus Basel, Sekretär des Industrie-Departements Dr. Kaufmann und Dr. Moser aus Bern sowohl in Baiern als auch in Oesterreich im Auftrage der schweizerischen Regierung Studien über die Unfallversicherung gemacht haben, da in der Schweiz bekanntlich die Kranken- und Unfallversicherung eingesührt werden soll.
Was nun den deutschen Aerztetag betrifft, o hat sich derselbe u. A. auch mit der Novelle zum Krankenversicherungsgesetz befaßt, welche nächsten Winter im Reichstage zur Einzelberathung kommen soll. Es wurde eine Eingabe an den Reichstag beschlossen, die im Wesentlichen folgende Forderungen enthalten soll: 1. Der Aerztestand soll künftig im Reichsversichemngs- amt vertreten sein; 2. die Mitglieder der Krankenkassen sollen nur von „approbirten" Aerzten behandelt werden, also nicht auch von sogen. Naturheilärzten; 3. den Wöchnerinnen soll nicht nur Krankengeld, sondern im Erkrankungsfalle auch freie ärztliche Behandlung und Arznei gewährt werden. Im Reichstag dürfte em großer Kampf darüber entbrennen, ob auch Naturärzte zuge- laffen werden sollen. Die betreffende Reichstagskommission hat beschlossen, auch nicht approbirte Aerzte zur Behandlung von Kassenkranken zuzulassen.
Deutsches Keich.
Berlin, 3. Juli.
* Se. Eminenz Herr Kardinal Melchers hat, wie die ,Germania' erfährt, der Fraktion des Centrums des preußischen Abgeordnetenhauses für die von derselben zur Feier seines 50jährigen Priesterjubiläums an ihn gerichteten Glückwünsche seinen Dank in einem überaus gnädigen Schreiben ausgesprochen, welches er an den Vorsitzenden der Fraktion, Dr. Kiew. Frhr. v. Heerernan, hat gelangen lassen. Der greise Kirchenfürst gibt seiner Freude über die ihm zu diesem Feste bezeugte Theiluahme und die ihm dar- gebrachteu Wünsche einen sehr liebenswürdigen Ausdruck und lehnt in seiner bescheidenen Weise persönliche Verdienste von sich ab. Zugleich hebt er dann aber könnten sie dem David gar nicht genug entgegenglänzen. Unter dieser Arbeit zog der glücklichen Elsbeth Alles durch die Seele, was sie dem Bruder Alles zu erzählen hatte: der Diebstahl Roger's, Blackett's gehässiges Betragen, der Besuch des Herrn John Dudley, die Auswanderung in Frau Linnet's Haus und wie es nun hier so friedlich und gemüthlich zugehe.
Der lebensfreudigen Frau Sinnet war von Zeit zu Zeit ein Anlaß zu einer kleinen Festlichkeit gar.Nicht unwillkommen, und so sollte denn auch das Mittagessen am folgenden Tage der freudigen Stimmung Ausdruck geben helfen und über das Maß des Alltagsmahles hinausgehen. Viktoria half ihr Kormthen und große Rosinen waschen für einen. Pudding. Gesprochen wurde über das bevorstehende Ereigniß nicht viel, wenn auch alle das Herz voll davon hatten; es war eben ein Ereigniß, welches unter seiner freudigen Oberfläche doch einen recht bitteren Bodensatz barg; bet dem einen bestand die herbe Bitterkeit in dem Verdruß über das Vergangene, bei dem andern in dem Bangen um die ungewisse Zukunft Davids.
Wie wir wiffen, hatte Herr Dudley die Stunde ausgekundschaftet und Euklid mitgetheilt, um welche die Gefangenen ordnungsgemäß entlassen wurden. Euklid und Elsbeth machtm nun unter sich ab, daß sie sich auf des ersteren Heimweg treffen und dann ge-
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««telj-hrlicher Abaanemtntspre.s «nb 1 Mark 50 Pfennig.
besonders hervor, daß der Widerstand gegen die Ge- ähren und Versuchungen des Kulturkampfes und der ?ampf für die Hauptziele des Centrums, Wahrheit, Freiheit und Recht in Staat und Kirche, zu fördern, mit Gottes Gnade durch die Einheit und Einmüthig- ■eit der Katholiken ein siegreicher gewesen sei, wenn auch zur Zeit noch manche gerechte Ansprüche der Erfüllung harrten. Die Bestrebungen der Katholiken Deutschlands, bezw. des Centtums werde er, rote der Herr Kardinal ferner ausführt, bei der täglichen Feier des hl. Opfers dem göttlichen Heilande inständigst anempfehlen, und er spendet, indem er für das Anliegen der hl. Kirche und ihres Oberhauptes zum eifrigen Gebete, welches eine so mächtige Kraft besitze, auffordert, den Mitgliedern der Fraktton seinen bischöflichen Segen. , , , , . ■
* Die Handwerkerkonferenz soll resultatlos verlaufen sein, da die Forderungen der Delegirten bei der Regierung wenig Entgegenkommen fanden. —
* Gestern Nacht, von Mitternacht bis gegen 3 Uhr, tagte in dem Saal der Arminhallen eine große, von Socialdemokraten einberufene Kellnerinnen - Versammlung. Es hatten sich zahlreiche Personen, auch Wirthe und Kommissionäre und solche eingefunden, denen an Ulk und Skandal gelegen war. Unter den Kellnerinnen waren alle Klassen vertreten. Ein Schriftsteller Reich- ling sprach über die Ausbeutung der Kellnerinnen durch die Wirthe und durch die Kommissionäre, und über die Verleitung der Kellnerinnen zur Unzucht. Etwas drastischer schilderte die Sage die bekannte Rednerin Fräulein Wabnitz, und einzelne Kellnerinnen entwarfen von dem Treiben in den Lokalen mit Damenbedienung so realistische Bilder, daß sie sich nicht wiedergeben lassen. Dazwischen tarn es zu lärmenden Austtitten, die regelmäßig damit endeten, daß einige Personen, Wirthe oder Komissionäre, hinausgeworfen würben. Schließlich wurde beschlossen, eine Organisation der Berliner Kellnerinnen auf Grund der allgemeinen modernen Arbeiterbewegung in's Leben zu rufen.
* Das Gesetz, betreffend die Erweiterung des Staatsschuldbuchs ist am 1. Juli d. I. in Kraft getreten. Die Erweiterung ist eine zweifache. Es können erstens fortan auch dreiprozentige preußische Kousols zur Umwandlung in Buchschulden bei dem Schuldbuch- büreau der Hauptverwaltung der Staatsschulden ein= geliefert werden. Die früher erlassenen Bestimmungen über die vier- und dreieinhalbprozentigen Buchforderungen, die Art der Zinsenzahlung, die Anträge u. s. w. finden für die dreiprozentigen Kousols entsprechende Anwendung. Den vor dem 1. Oktober d. I. bei dem Schuldbuchbüreau eingehenden dreiprozentigen Schuldverschreibungen des Jahrgangs 1890 ist der am 1. Oktober d. I. fällige Zinsschein nicht beizufügen. — Die zweite Erweiterung bezieht sich auf „Vermögensmassen ohne juristische Persönlichkeit." Für eine solche Masse durfte bisher ein Konto im Staatsschuldbuch nur angelegt werden, wenn die Verwaltung der Masse innerhalb des deutschen Reichs von einer öffentlichen Behörde oder unter deren Aufsicht geführt wird. Nach dem neuen Gesetz findet die Anlegung eines Kontos meinsam am Gefängnißthore David in Empfang nehmen wollten. Elsbeth war am Morgen lange vor der gewöhnlichen Zeit von ihrem Lager. Es war em Avriltag; sechs volle Kalender-Monate waren verflossen, seit David im Herbste für seine Mutter aus den Bettel hinauszog. Es blieb Euklid Zeit genug, feine erste Runde zu machen und den Arbeitern die Kresse für ihr Frühstück zu bringen; der Rest des Tages sollte dann Feiertag für ihn sein, Elsbeth traf ihn verabredetermaßen, wo er mit seinem Geschäft den Schluß machte, und dann setzten sie zusammen ihren Weg fort, dem City-Gefängnisse zu. Sie sühlten sich beide aufgeräumter, als an irgend einem anderen Tage, feit David aus ihrer Mitte weg war; ganz besonders glücklich und munter aber war Elsbeth. Trotz allem Leid, daß sie in ihren jungen Jahren schon getroffen hatte, trotz aller Sorge für die Zukunft — heute wurde ihr der Bruder wiedergegeben, der ihr auf fo schmerzliche Weise, auf so lange Zeit entrissene, chr so anhängliche, von ihr so geliebte Bruder.
Als sie bei dem Gefängnisse anlangten, fehlten noch wenige Minuten an der ihnen bezeichneten Stunde. Sie gingen unter den düsteren, von Staub und Rauch geschwärzten Mauern auf und ab. Noch regte sich nichts hinter dem geschlossenen schweren Thore; aber nun mußte die neben demselben angebrachte kleine Em-