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18. Jahrgang

Samstag, d?n 4. Juli 1891.

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* Zur Weltlage.

Der Sommer ist in seine Rechte getreten und heiß brennt die Sonne hernieder; sie bringt die Saaten zur Reife und kocht den Wein, aber in der Politik übt sie eine einschläfernde Wirkung. Die Minister und Diplo­maten gehen in die Sommerfrische, die Parlamente halten Ferien und wenn nicht irgend ein unvermutheter Zwischenfall die Völker aus ihrer sommerlichen Ruhe schreckt, so hält auch der Webstuhl der hohen Politik inne und tritt eine gewisse Pause ein. Der politische Himmel ist momentan auch ziemlich wolkenlos. Vom Balkan, aus diesem Wetterwinkel Europa'-, liegt keine beunruhigende Nachricht vor; Exkönigin Natalie verhält sich seit ihrer gewaltsamen Abführung in's Exil ganz ruhig und im ferbischen Volke scheint die Sehnsucht nach ihr nicht allzu tief zu sein. Es herrscht Ruhe in (Serbien ; in Bulgarien ist äußerlich Alles in schönster Ordnung und selbst auf türkischem Gebiete geht es vor­läufig ruhig zu. Die Eisenbahnräuber erfreuen sich des Lösegeldes, das sie in so „humaner" Weise den Jnsaffen des Orient-Expreßzuges abgelockt haben; Ent­deckung scheinen sie-nicht zn fürchten und die Pforte hat auch bislang keine besonderen Maßregeln in dieser Richtung ergriffen. Die momentane Ruhe auf der Balkan - Halbinsel ist allerdings betreffs ihrer Dauer nur eine problematische, denn es genügt ein kleiner Zwischenfall, um in jenen Ländern sofort ernste Krisen herbeizuführen und die Ruhe der Diplomaten zu stören, zumal auch Rußlands Rubel dafür sorgen, daß die Gemüther stets in einer gewissen Erregung erhalten werden und es an Gährungsstoff nicht fehlt. Momentan hat der Zaarenstaat freilich selbst Beschäftigung; es werden jetzt die Ukase gegen die Juden stramm durch- geführt und finden in Folge dessen Tag für Tag zahl­reiche Ausweisungen statt. In den letzten 3 Wochen haben sich Tausende von russischen Juden nach Oester­reich, aber auch nach Deutschland gewandt, aber nur zum vorübergehenden Aufenthalt. Die meisten der Flüchtigen begaben sich nach England und Amerika.

In den politischen Beziehungen der Mächte hat sich nichts verändert. Der Dreibund wird trotz des Wechsels in den leitenden Persönlichkeiten Deutschlands und Italiens entschieden aufrecht erhalten und bildet nach wie vor den festen Punkt in der auswärtigen Politik. Der neue italienische Premier hat jüngst in der Kammer gegen die Angriffe der Irredentisten die Tripel-Allianz sehr schneidig vertreten und die un­erschütterte Aufrechteichaltung derselben unter dem Bei­fall der Kammer konstatirt. Von Frankreich werden zwar fortgesetzt Versuche gemacht, Italien gegen den Dreibund aufzuhetzen, aber dieselben finden doch nur bei einem Th eile der Bevölkerung Anklang. Erfreulich ist es, daß das neue Kabinet auch in Bezug auf den Kampf gegen das Papstchum lange nicht fo gehässig und schroff wie in der Aera des Freimaurers Crispi vorgeht. Es fehlt zwar auch jetzt nicht an schmerzlichen Akten gegen die Kirche und bestehen all' die feindseligen Gesetze, die mit dem Namen Crispi verbunden sind, immer noch in Kraft, aber die Ausführung hat denn

Im Kampf ums Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.

(29. Fortsetzung.)

Etwas später am Morgen stieg Viktoria, bleich und zitternd, auf Elsbeth's Arm sich stützend, die Treppe herab. Blackxtt's Thür stand offen. Er warf ihnen beim Vorübergehen einen wüthenden Blick zu und rief auch einen kräftigen Fluch in den Hausgang hinaus; ihnen zu folgen aber wagte er nicht, weil er fürchtete, die ihm angedrohte polizeiliche Ueberwachung könnte mit im Spiele sein. So erreichten Viktoria und Elsbeth sicher die nächste Straßenecke, wo eine ge­schlossene Kutsche sie aufnahm, um sie ein halb Stünd­chen später vor Frau Linnet's Thür abzusetzen.

Einer der alten Matrosen von Thom Sinnet’8 „Jacpbine" hatte den oberen Vorderraum mit einer Rosen-Tapete ausgeklebt und an dem Fenster die Ranken einer ausländischen Bohnenart, die scharlach- rothe Blüthen bekommen sollte, guirlandenartig hinauf­geleitet. Die Messingtheile am Kamin waren frifch ge­putzt und glänzten wie Gold. In der einen Ecke stand Biktoria's Bett, fertig gemacht, ebenso das Eullid's in dem dahinterliegenden kleinen Kabinett, in welches man von der obersten Stiege der schmalen Treppe direkt eintrat, lieber dem Kamin hing ein ovaler Spiegel,

doch an Gehässigkeit verloren, wenn auch freilich ein gänzlicher Friede in weiter Ferne steht, weil die Män­ner Neu-Italiens ihr Unrecht nicht eingestehen wollen. Dagegen haben sich in jüngster Zeit die Beziehungen zwischen dem Vatikan und Frankreich sehr erheblich gebeffert. Die jetzigen Machthaber der Republik scheinen einzusehen, daß es für dieselbe weit günstiger ist, sich mit der Kirche auf guten Fuß zu stellen, als dieselbe zu befciegen. Präsident Carnot bemüht sich sichtlich auf seinen Reisen und bei offiziellen Empfängen, den Klerus zu kaptiviren und für die Republik geneigt zu machen. Es gelingt ihm dies um so leichter, als gegen­wärtig die monarchistische Propaganda int Franzosen­lande sehr darnieder liegt und unter den Thronpräten­denten keine Persönlichkeit vorhanden ist, welche die Mafien begeistern und für sich gewinnen könnte. Die Republik hat in den zwei Dezennien ihres Bestandes zwar sehr viele Sünden und Fehler aufgehäuft und es gab eine Zeit, wo es ein Leichtes gewesen wäre, sie zu beseitigen, heute aber steht sie anscheinend ziemlich fest da und ein großer Theil des ftanzösischen Volkes hat sich an die bestehende Regierungsform gewöhnt.

Von Frankreich ist es nicht weit nach Belgien und Holland. Im ersteren Staate gestaltet sich die soziale Frage immer ernster, weil die sehr starke sozialistische Partei sichtlich auf eine gewaltsame Lö­sung der schwebenden Fragen drangt und eS offenbar auf ein Revolutiöncheu abgesehen hat. Allein die jetzige konservative Regierung führt ein ebenso kluges, als festes Regiment und so vermochten die Sozialisten, trotzdem sie auf die Unterstützung der Liberalen rechnen können, bisher ihre Pläne nicht durchzuführen, zumal das Gros der bürgerlichen und bäuerlichen Bevölke­rung den sozialistischen Agitationen ganz entschieden widerstrebt. In Holland hat die Uneinigkeit der Katholiken leider ein ungünstiges Resultat bei den Kammerwahlen zur Folge gehabt und es wird jetzt voraussichtlich auch zu einem liberalen Kabinete kommen. Die holländischen Katholiken haben wegen Kleinig­keiten leider die Einigkeit auf dar Spiel gesetzt und müffen dies nun mit einer folgenschweren Niederlage büßen. Bezeichnend ist, daß der bisherige Führer, Monsignore Shaepmann nicht wiedergewählt wurde. Der Liberalismus wird sich nun in den Niederlanden wiederum in der Regierung häuslich einrichten, aber die nächste Folge wird eine neuerliche Zunahme der Sozialdemokratie sein, die schon jetzt mit großer Unverfrorenheit auftritt. In England ist die öffent­liche Meinung über den Baccaratprozeß und die dabei zu Tage getretene sittliche Fäulniß der höheren Ge­sellschaftsschichten noch immer nicht zur Ruhe gekommen und hat das monarchische Prestige dadurch einen sehr empfindlichen Stoß erhalten. Der leichtlebige Thron­folger könnte wirklich nichts Befferes thun, als der öffentlichen Meinung eine Sühne durch feine Ab­dankung zu geben. Die in England ohnehin sehr bedenkliche soziale Gährung erhält durch solche Blößen, die sich fürstliche Personen geben, nur neue Nahrung. In unserer Zeit sollten die sozial Hochstehenden in ihrem eigensten Interesse alles vermeiden, was üblen

offenbar aus einer Schiffskabine herstammend. Erhalte einen Riß quer durch und wohl aus diesem Anlaß den Weg in Frau Linnet's Häuschen gefunden. Rechts und links davon waren zwei Bilder in schwarzen Rahmen angebracht. Viktoria blieb, als sich die Thür zu dieser „kostbaren" Wohnung vor ihr aufthat, auf der Schwelle steif stehen und starrte mit staunendem Auge vor sich hin. Plötzlich brach sie in Thränen aus. „O, das ist viel zu vornehm," feufzte sie. „Wo sollen wir die Miethe hernehmen für eine solche Prachtwohnung?! Nein, das können wir nicht bezahlen."

„Gewiß könnt ihr das bezahlen," beruhigte Frau Sinnet. „Und mit der Zeit werdet ihr noch mehr bei mir verdienen» als zur Bezahlung der Miethe nöthig ist. Sie werden bald kräftig genug fein, um mir im Laden zu helfen, mein liebes Mamsellchen. Wir haben gute, frische Lust hier drunten vorn Wasser her, die stärkt. Was die dann nicht fertig bringt, das wird wohl meine Pflege fertig bringen, armes Kind. Die Mutter-Pflege die hat bis jetzt gefehlt und hat, wie ich zu meinem Leidwesen hören mußt', gefehlt von Anfang an."

„Der Vater wird sich königlich freuen, wenn ich einmal Stofen auf die bleichen Backen da gebracht habe, fo frische, rothe Rosen, wie die Rosen hier an der Wand. Und die Elsbeth da — die wird mir erst

Eindruck nach unten wachrufen könnte oder den dema­gogischen Strömungen Vorschub zu leisten im Stande ift.__(Frk- Bbl.)

Deutsches Keich.

Berlin, 2. Juli.

* Nachdem durch eine Aeußerung des Kaisers in Hamburg die Verlängerung des Dreibundes auf 6 Jahre — es ist nicht ganz klar, von welchem Zeit­punkte ab gerechnet — feststeht, beschäftigen sich fast sämmtliche hiesige Zeitungen mit biefem Ereigniß und geben übereinstimmend dem Gefühl der Genugthuuug Ausdruck. Die .Germania^ schreibt: Unsere Stellung zum Dreibund ist stets eine klar umschriebene gewesen und hat niemals geschwankt. Wir halten den Dreibund für einen Bund des Friedens und für die unter den jetzigen europäischen Verhältnissen bestmögliche Garantie des Friedens. Er bedroht Niemanden, der nicht den Frieden bedroht, und die unverkennbare Annäherung Englands an den Dreibund, wenn auch ohne Eintritt in denfelben und ohne Uebernahme seiner gesammten Aufgaben und Pflichten, ist uns an sich sympathisch und bedeutet allgemein eine moralische und bezüglich gewisser Einzelfragen eine materielle Verstärkung der Friedens-Garantien. Wir bedauern jedoch die trotz dieses Bundes fortdauernde Steigerung der Stiftungen, deren wirthschaftliche und soziale Wirkung sich überall, namentlich aber in Italien, geltend macht, sowie das ungesühnte Unrecht der Vergewaltigung des päpstlichen Stuhles.

* Das Ministerium der öffentlichen Arbeiten ver­öffentlicht die bereits erwähnte Statistik über Eisen- bahnunfälle, bei denen Schienenbrüche stattgefunden haben. Es kommen solcher Unfälle auf das Jahr 1885/86 fünf, 1886/87 —, 1887/88 acht, 1888/89 zwei, 1889/90 zwei und 1890/91 einer, bei einer Gesammtzahl der verlegten Schienen, die von 10,400,000 int Jahre 1885/86 auf etwa 12 Millionen im Jahre 1890/91 gestiegen ist. Dabei hat durch die stattgehabten be­hördlichen Untersuchungen keineswegs mit Sicherheit festgestellt werden können» daß die Schienenbrüche in allen Fällen die Ursache der betteffenden Unfälle ge­wesen und nicht etwa erst in Folge derselben einge­treten sind. Außerdem sind es weder ausschließlich noch auch nur ausnahmsweise Fehler der Walztechnik» welche durch das sogenannte Flicken der Schienen un­sichtbar gemacht werden sollen, sondern sonstige Ur­sachen mannigfachster Art, auf welche die vorkommen­den Schienenbrüche zurückzuführen sind. In wieweit das Verfahren bei Abnahme von Schienen und anderem Eisenbahnmaterial etwa künftig zur möglichsten Wah­rung der Eisenbahninteressen anderweitig geregelt werden kann, unterliegt gegenwärtig der näheren Erwägung.

* Die Kommission für die zweite Lesung des bür­gerlichen Gesetzbuches hat sich heute bis zum 12. Ok­tober vertagt.

* Generallieutenant v. Werder ist an Stelle des verstorbenen Generals Bronsart v. Schellendorf zum kommandirenden General des 1. Armeekorps ernannt worden.

ein rechter Schatz fein, das seh' ich im Voraus. Die wird mir's möglich machen, meine alten Knochen zu schonen! Es ist auch näher zum Markte von hier aus, wohl um eine Viertelstunde, und da wird die Elsbeth mir morgens Aepfel einlaufen gehen und Orangen und Grünkraut, kurz alles, was ich derart im Laden nöthig hab'. Die Brunnenkreff aber, die Euklid tagsüber bei feinen Kunden nicht anbringt, die werden wir noch quitt Abends im Laden. Sie sehen Mamsellchen, daß wir's noch weiter bringen werden, als zum Bezahlen der Miethe."

XV.

Um eine Stunde zu früh

Für Euklid war es täglich ein neues Wunder, wie Viktoria schon gleich in den ersten Wochen zunahm an Kräften, wie an gutem Aussehen. Ihre früher fo bleichen Wangen hatten schon eine frische Farbe, ja man gewahrte an denselben bereits mehr Fülle und Rundung; ihre Augen blickten lebhafter, ihr Gang war weniger schleppend. Gegen das früher ihr manch­mal so peinliche Gefühl der Vereinsamung stand ihr jetzt ein Mittel zu Gebote: eine von beiden, entweder Frau Sinnet oder Elsbeth, waren auf ihren Ruf immer zur Hand. Ohne daß Euklid etwas davon erfuhr, be­schaffte Herr John Dudley für die Kranke eine kräf- ttgendere Nahrung, Singe, welche Viktoria bis dahin