18, Jahrgang
Freitag, den 3. Juli 1891.
JV 149
citnug
ulbacr
Themse zu.
XIV.
Im Kamps um s Dasein.
Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.
(28. Fortsetzung.)
Während John Dudley überall in diesen Straßen auf Gruppen verkommener, eben so schlecht gekleideter wie schlecht genährter Jungen stieß, konnte . er sich der Erinnerungen aus einem Buche, das er kürzlich gelesen, nicht erwehren. Es war Tom Brown's: „Aus meiner Schulzeit". Die Schule, um die es sich da handelt, ist eine der berühmtesten in England, die zu Rugby in der Grafschaft Warwick; der Rektor einer der mit Recht gefeiertsten Pädagogen. Aber in welche Ungelegenheiten brachten sich seine Schüler, lauter Söhne behäbiger, ja reicher Eltern! — und sie brachten sich auch wieder heraus. „Die Gesetze des Landes" — wie ist das wohlklingend und volltönend! Aber auf der Schule zu Rugby war kaum ein Einziger der nicht gegen die Gesetze des Landes gefehlt hätte. Wenn sie der Strenge der Gerichte überantwortet worden wären, wie dies tagtäglich diesen unüberwachten und unversorgten Straßenjungen für diefelben nur nicht mit demselben Uebermuth begangenen — Vergehen geschieht, wie mancher unserer heutigen Richter und sonstigen ehrsamen Familienväter hätte es nicht so wett gebracht, wie sie es^gebrachr haben, und hätte statt
dessen das Andenken an seinen im Gesängnisse einmal geschorenen Kopf in der Erinnerung zu bewahren! Dudley wußte von Knaben und Mädchen unter 15 Jahren, welche ins Gefängniß geschickt wurden, well sie mit einem Stein geworfen und dabei unabsichtlich ein Fenster getroffen, einen Apsel von einem Marktstande, ein Dreipsennigbrödchen aus einem Bäckerladen oder gar ein paar Äehren auf dem Felde gestohlen hatten Was war das Alles im Vergleich mit den Heldenthaten der Schelme von Rugby! Diese Gentle- men-Söhne wurden zwar auch bestraft, wenn man sie erwischte, aber man wars sie doch nicht tm Namen von Gesetz und Gerechtigkeit in eine Kloake, deren Schmutz im ganzen Leben mcht mehr abzuwaschen ist. Ab und ru schweiften Dudley's Gedanken auch auf den alten Euklid hinüber. Das stand fest: in seiner Dachkammer konnte er jetzt, wo Blackett's Haß aus der ihm auferlegten Kontribution für Roger neue Nahrung schöpfen mußte, nicht bleiben. Aber wohin mit ihm? Sollte wirklich kein besseres Obdach aufzustuden sein für den ehrlich-fleißigen, alten Mann als dieses, innen Mit Mörtel, außen mit Schiefer bekleidete, als Schutzwehr gegen das Schnauben des Winters wie gegen den Sommerbrand gleich ungenügende Svamnwerk? Kem Wunder, daß das Mädchen eher einem Gchenste gleich- sieht, als einem Wesen von Fleisch und Blut. Plotz-
Ein neues Heim.
Als John Dudley den Themsedocks nahe gekommen war, bog er in eine kurze, ruhige Straße ein. Ern
frischer Luftzug wehte vom Wasser her, kühl genug an
diesem Februarabend, aber sicher ganz erquickend an
heißen Sommertagen. An einem klemm Laden, in
dessen kleinscheibigem Bogensenster allerhand Vlltualien und Kurzwaaren sich ausgelegt fanden, machte Dudley Halt. Er öffnete die zugelehnte Thür, und die bannt m Bewegung gesetzte helltönende Klingel rief sofort aus dem hinteren Raume die Eigenthümerin hervor, eine ältliche, untersetzte, aber frische, regsame Frauengestalt. „Lassen Sie sich nicht stürm, Frau Linnet!" rief Dudley ihr freundlich entgegen. „Ich komme nach hinten zu Euch." Das kleine Küchenzimmer hinter dem Ladenraum war einfach, aber bequem möblirt. Außer dem Armsefsel mit sechs Kissen, deren Ueberzug Frau Lmnet sichtlich selber aus kleinen bunten Tuchstücken sym- mettisch zusammengenäht hatte, befanden sich da. zwn einfache hölzeme Lehnstühle, em Tisch und em Küchenschrank, unten mit Schieblaben, oben nut Eem Schüsselbrett. Die Wände waren mit allerhand wohlfellm
Deutsches Keich.
Berlin, 1. Juli.
* Dem ,Hamb. Korresp.' zusolge hat der Kaiser bei seinem Besuch in Hamburg an Bord der „Kobra das Dokument über die Erneuerung des TrelbundeS unterzeichnet. „ , t
* Der.Reichsanzeiger' veröffentlicht dieKmennung des Staatsministers a. D. v. Puttkamer tum Oberpräsidenten von Pommern an Stelle des Grafen.Vehr- Neqendank, der unter Verleihung des Charakters als Wirklicher Geheimer Rath mir dem Prädikat Excellmz die nachgesuchte Entlassung erhalten hat.
* Die .Nordd. Allgem. Ztg.' konstatirt, daß von allen auf preußischen Bahnen während der letzten drei Jahre vorgekommenen Eisenbahn - Unsallen nur einer auf dm Bruch einer Schiene zurückzuführen war unb auch dieser nur indirekt, insofern zunächst em Radreifenbruch erfolgte, welcher dann als Wirkung den Schienenbruch herbeiführte. _ . . .... ,
* Der Partei-Vorstand der Sozialdemokratie erklärt im Vorwärts', die Rede v. Vollmar's über die innere und äußere Politik des Reiches sei nur der Ausdruck der persönlichen Ansicht des Redners. Politische Kundgebungen seien für die Partei nur maßgebend, wenn sie von berufenen Vertretern gemeinsam gefaßt und publizirt würden. .
* Hebet das Urtheil im Bochumer Steuerprozeß sagt Herr Fusaugel in der ,Wests. Volksztg.'
9 Untere Sleuerarlikel haben weiter behauptet und die gerichtliche Verhandlung hat uns auch in dieser Beziehung Recht gegeben erstens, daß die Handwerker und die Gewerbetreibenden durchweg bis zum letzten Groschen ihres kleinen Einkommens besteuert sind; zweitens daß die Beamten des „Bochumer Vereins" fast ausnahmslos bedeutend unterschätzt sind; drittens, daß der „Bochumer Verein" selbst nach ;ehr wohl anfechtbaren Grundsätzen und zweifellos bedeutend zu niedrig zu den Kom- munalsteüern herangezogen worden ist., linsere^steuerartikel babe-i ichließkich behcmpiet, «nd c.»df di«se Schlußfolgerung hat nicht widerleg! werden können, daß die in Bochum vorgekom« menen, theilweise himmelschreienden Unterschätzungen einen ganz bedemenden Einfluß auf die Höhe der kommunalen Umlage auS- üben mußten, daß wir daher vollkommen un Rechte waren, wenn wir sagten, die nur mit einem mehr oder Minder geringen Theile ihrer großen Einkommen zu den Steuern herangezogenen nationalliberalen Krösusse hätten einen großen Theil der von ihnen zu lragenden Lasten auf die Schultern des .leinen Mannes "'^Meses Alles ist vom Gerichtshöfe als erwiesen angenommen worden und es hätte Freisprechung erfolgen müssen, wenn nicht Beleidigungen in der Form vorhanden gewesen waren. Ein rheinisches Blatt hat mit Rücksicht hierauf sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß wir nicht etwas wählerischer >n unseren Ausdrücken gewesen seien. Demgegenüber möchten wir betonen, daß wir es aus verschiedenen Gründen für noth- wendiq gehalten haben, die Bochumer Steuerverhaltnisse und Alles ^Das, was wir kurz als das System Baare beschneien, gerichtlich klarstellen zu lassen. Rein iach 11che Darleg- unaen so scharf sie gehalten sem mochten und so schwere Anschuldigungen sie vorbrachten, h ab en die Bochumer -Ratto« nalliberalen noch niemals bewegen können de Gerichte um Hilfe anzurufen. Dagegen hat man auf den Koder einer formellen Beleidigung noch jedesmal angebistem Nur dadurch daß wir hin und wieder eine formelle Beleidigung mit unterlaufen ließen, sind wir in die Lage versetzt worden, gertcht- ttch Klarstellungen von hervorragender Wichtigkeit zu^errmgen Wir erinnern nur an die Festnagelung der nam onall.be-
verstossenen Sommers statt und nahm mehrere Tage inAnspru». S:/ ergab, daß nichts entdeckt werden konnte, was Mit den uralten Traditionen der Trierischen Kirche in Widerspruch sich be-
erheischt aber auch die Frömmigkeit, der geistige Nutzen für das christliche Volk, an diesem Klemod unserer Kirche festzuhalten. Im Spätsommer des Jahres 1844 bot die alte Trierer st adt ein merkwürdiges Schauspiel. Mehr als eine Million Menschen aller Stände und Länder pugerten in gedrängten Schaaren zum Dom, um das ungenahte Hb Gewand unseres Heilandes zu verehren; sie batten weder die ~ange: 6er Heile noch die Beschwerden des Weges gescheut und glaubten sich auch sür alle ihre Mühen reichlich, enychadigl 'wenn sie mährend einiger Augenblicke betend ihr Auge auf die hl. Reliquie heften konnten. Welches war denn der wunderbare Magnet, der so mächtig diese Menge herbeizog? War es blos menschliche Neuaierde 9 Bei einigen mag es vielleicht der Fall gewesen fein, aber ttne Neugierde erfaßt nicht ein ganzes Volk in allen fernen jnööen und Tiefen, ergreift nicht gleichmäßig Reich und .Irm, Männer von hoher Bildung wie fchlichte A-beiter und ^audleute. Irdische Gewinnsucht war noch weui^r der Beweggrund welcher die zahlreichen Pilger herbeiführte. Das zu jener Zett von den großen Verkehrsstraßen abgelegene Trier konnte 'bneu keinen solchen Vortheil bieten. Es war ein höherer Gedanke bg Alle beseelte, ein wundersamer geistiger Zug, dem sie folgten. Eswar die unwiderstehliche Krast des Glaubens und durch den Anblick des hl. Gewandes wurde dieser Glaube von Neuem belebt. Thränen flössen von Aller Augen", so erzählen Augenzeugen, "Jeder hielt diesen Tag sür den glücklichsten seines ^ebens. Die Andacht war allgemein und «roß. Alle warentief geruht, bäufia stossen Zähren bei dem Anblick des Heiligthum-. bockckettaer Vorgänger Bischof Arnoldi verkündete es im Dom vor 'allem Volk, und die glaubwürdigsten Zeugnisse bestätigen es daß Gott selbst durch zahlreiche wunderbare He,lui^en welche an die Verehrung des hl. Rockes sich knüpften, der Welt zu erkennen geben wollte, wie sehr diese Andacht des christlichen "“SriSS "to 3-..W
Diözesanen, diese Reliquie als das ungenähte Gewand des Herrn zu verehren und es ist mir ein Trost, getreu dem _ Beispiel meiner Vorgänger auf dem Stuhle des hl. Eucharius «ne Feier veranstalten zu können, welche unserer Diözese schon so Mel ee8e$elcbe§^ott aber die Frucht dieser Feier sein, in welcher Absicht sollen wir dieselbe begehen? Wir haben kemen anderen Zweck als die B«4^bu n g des Glaumcns »nutz d.er—. eb e zum göttlichen Heiland, als die '^s^^ung ; in einem christlichen Lebenswandel. Wie sehr thun bieje Güter des Glaubens uns noth, gerade in unserer Zett. Wie sehr bedürsen wir eines himmlischen Arztes, der bte kranke
Bischof führt dann aus, wie das hl. Gewand laut die unendliche Liebe des Erlösers verkünde, der für uns Mensch geworden, wie es mit dem hl. Paulus sagt: „Erschienen ist die Güte und Menschenliebe unseres Heilandes, wie es mahne, der Gottlosigkeit und den weltlichen Lüsten zu entsagen und nüchtern, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben; denn der Aerr hat uns erkauft, damit wir uns heiligen durch gute Werke. Alsdann weist der hochw. Herr Bifchos darauf hm wie der un- genähte Rock Christi stets als Symbol der Einheit der katho- lifchen Kirche aufgefaßt und betrachtet wmden und knüpft daran die Mahnung, die Gläubigen sollen sich bestreben m der engsten Geistes- und Herzens-Einheit mit der Kirche zu bleiben. . . . Die Ausstellung des hl. Rockes wird gegen Ende August beginnen und etwa sechs Wochen dauern. Die sechs Wochen der Ausstellung sollen eine Gnadenzett werden sur die ganze Diözese, und diese Gnade müssen wir uns von Gott erbitten durch eifriges Gebet und Werke christlicher Bußgesinnung ^ch verordne daher, daß an den drei Tagen vor der Eröffnung der Feier eine Andacht vor dem ausgesetzten hochwurdigften Gute stattfindet, und der letzte Tag vor Beginn der Ausstellung m der ganzen Diözese als ein Fast- und Abstinenz-Tag gehalten werde. ______
sich leuchtete, es in Dudleys Gesicht aus wie Sonnenschein. Er wendete sich um und schritt südwärts, der
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Bestellungen auf die,Fuldaer Zeitung' werden noch fottwährend! entgegengenommen.__
* Dem Hirtenbrief des AilchofsZ von Trier über die Ausstellung des hi. Rockes
entnehmen wir folgende Stellen:
Ihr werdet mich vielleicht fragen, ob die Verehrung für die hl. Reliquie unserer Domkirche begründet sei, ob wir bteielbe für das ungenähte Gewand des Herrn halten müssen.
Vor Allem müssen wir festhalten, datz hier nicht von einem Glaubenssätze die Rede sein kann. Allerdings darf kein Katholik, ohne im Glauben Schiffbruch zu leiden, daran zweifeln, daß wir den Reliquien des Herrn und ber Heiligen Ehrfurcht schulben und ihnen mit Fug und Recht die,e Verehrung erweisen. Wenn es sich aber im Einzelnen um die Echtheit einer bestimmten Reliquie handelt, so ist es Jedem unbenommen nach vernünftigen Gründen sein Urtheil zu bilden, sollte auch Jemand leichtfertig ohne zwingenden Beweis die Echtheit einer Reliquie in Zweifel ziehen oder fogor verwerfen so wurde er dadurch vielleicht anmaßend und pietätlos handeln, abm noch nicht gegen den Glauben selbst sich versündigen. Die Echtheit einer Reliquie stützt sich, wie jede andere geschichtliche Thayache auf das Zeuqniß der Menschen: die Authenttcität keiner Reliquie, auch nicht der vornehmsten in den ältesten Kirchen der Christenheit fällt unter irgend eine Vorschrift des katholychen Glaubens.
Die Wahrheit erheischt, daß wir der altehrwürdigen, beständigen Ue'berlieferung unserer Kirche vertrauen, daß wir Nicht ohne überzeugende Beweise unsere Vorfahren der Leichtglaiibigkett oder gar des Betruges bezichtigen Und solche Beweise stnd noch nicht erbracht worden. Wie könnte ich annehmen, daß meine Vorfahren auf dem Stuhle des hl. Eucharius in einer so hochwichtigen, heiligen Sache bei der Prüfung der Ec^gett einer solchen Reliquie es trotz der wiederholten feierlichen Bortchrrften der Kirche an der nöthigen Sorgfalt und Wachsamkeit fehlen ließen ober zu einem bewußten Betrug geidjroiegen hatten. Gerade in den Zeiten, wo diese Reliquie wieder mehr die AM- merksamkeit auf sich zog, zierten die Kirche Triers durchweg ausgezeichnete Kirchenfürsten, Männer wie Egbert Poppo, Eberhard, Udo Bruno, Söhne ber ebelsten Familien, fromme w heilig- mäßige Erzbischöfe, ebenso hervorragend durch hohe Bildung wie durch wahrhaft priesterliche Tugenden. Und diese hatten bei Verehrung der vornehmsten Reliquie ihrer Domkirche alle kirchlichen Vorschriften bei Seite gelassen und wären leichtsinnig und gewissenlos gewesen! Nein, die Pietät, die einfache Billigkeit, welche wir dem makellosen Andenken dieser Kirchensürsten schulden, sträubt sich gegen'einen solchen Verdacht.
Ich bin mir bewußt, und Ihr möget mir verzeihen, wenn ich dies betheuere, daß ich um keinen Preis in der Welt zu einem solchen Betrug, zu einer so Ich e n Täuschung derAndacht meinesVolkes mitwirkenwurde. und diese meine Vorfahren und Brüder im bischöflichen Amte ich darf es ohne falsche Demuth und mit gerechtem Stolze sagen — waren besser als ich. Als Wächter der uralten Traditionen meiner Kathedralkirche und die Ehre ihrer Oberhirten mutz ich an der Ueberzeugung festhalten, daß diese Ueberlieferungen auf Wahrheit beruhen, daß die Erzbischöfe Trier's weder sich getauscht haben, noch auch sich täuschen ließen. Wahrlich, ich müßte furch - ten, mich an der Kirche Trier's zu versündigen wenn ich brefe Reliquie, welche die Vorfahren als ihr höchstes Kleinod betrachtet haben, wie eine werthlose Sache preisgäbe. Denn meine Ueberzeugung, geliebte Diözesanen, glaube ich rückhalllos aus- sprechen zu müssen, ohne sie Jemanden ausdrängen zu wollen.
Um aber allen billigen Forderungen nachzukommen und etwaige Zweifel zu zerstreuen, habe ich eine sorgfältige Untersuchung des hl. Gewandes vor der feierlichen Ausstellung veranlaßt. Im Beisein des hochwürdigsten Domkapitels und einiger Sachverständigen fand diese Prüfung im Lause des