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Mittwoch, dm 1. Juli 1891

18. Jahrgang

Im Kamps um's Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. t>. Remagen. (27. Fortsetzung.)

In den eingesunkenen, trüben Augen leuchtete jetzt wieder einmal für einige Minuten auf, wie glimmende Sterne. Die ganze Gestalt war ein Bild von Ernst und Entschlossenheit. Die fleischlosen Hände legten sich krampfhaft um die vordere Pultlehne, und sein starrer Blick richtete sich abwechselnd bald auf den Richter bald auf Roger. „Um was ich Euer Gnaden anflehe. Herr Richter," so begann Euklid im Tone nachdrücklichsten Bittens, „ist das: schicken Sie den Jungen nicht in's Gefängniß! Ich verzeih' ihm, und meine witbeschädigte Tochter Viktoria verzeiht ihm auch. Das gestohlene Geld war für ihr Begräbniß bestimmt. Als es aber fort war, da kam's ihr in die Seele, das müßte ein Zeichen sein von Gott, daß er sie noch nicht wolle sterben lassen. Meine Angst war nur, daß sie nun auf öffentliche Kosten müsse beerdigt werden. Auf öffentliche Kosten!" wiederholte er mit schriller Stimme, die durch den ganzen Gerichtssaal drang. . „Das war meine Furcht, sonst würde ich die Polizei gar nicht «mgerufen haben. Niemals! Sehen Sie sich den Knaben an, Euer Gnaden! Wenn Sie ihn bei so

_______Erscheint täglich. Sonn- und N^age ausgmommem — Inserat" rne'nnd Blume i^und^der^le 14*Tage erscheinenden ÄratitbeilaM

Deutsches Deich.

B erlin, 29. Juni.

* Der Kaiser hat, wie aus Konstantinopel ge- meldet'wird, an den Sultan ein in sehr warmen Aus­drücken gehaltenes eigenhändiges Schreiben mit dem Ausdrucke des allerhöchsten Dankes für das Ent­gegenkommen zur schnellen Befreiung der Gefangenen von Tscherkeßköi gerichtet und zugleich den Sultan ge­beten, im Namen des Kaisers auch der hohen Pforte, insbesondere dem Großvezier und dem Minister des Auswärtigen, für ihre Haltung in dieser Angelegenheit zu danken.

* Die kaiserlichen Prinzen folgen am 5. Julr ihren erlauchten Eltern nach England nach und treffen mit ihrer kaiserlichen Mutter auf der Insel Wight zusammen, woselbst ein mehrwöchiger Aufenthalt in Aussicht genommen ist.

* Der ,Reichsanzeiger' schreibt: Eine große Anzahl Zeitungen bespricht die Mittheilung der Hamburger Nachrichten", wonach die deutsche Regierung bei an­deren Bundesregierungen den Wunsch erhoben babe, es möge aus diejenigen Blätter, welche Bismarck in der gegenwärtigen Lage nicht hinreichend als Privat­person behandelten, eine lokale Einwirkung geübt wer­den. Diese Mittheilung der Hamburger Nachrichten' entbehrt jeder Begründung.

* Die mit der zweiten Lesung des Bürgerlichen Gesetzbuchs unter Vorsitz des Staatssekretairs des Reichsjustizamts Dr. Bosse betraute Kommission wird sich vom 1. Juli bis zum 12. Oktober vertagen. Sie wird bis dahin den „Allgemeinen Theil" des ihr über­wiesenen Entwurfs erledigen, mit alleiniger Ausnahme des Abschnittes über „Juristische Personen." Dieser Abschnitt ist von so weittragender Bedeutung, daß man ihn wie einen politischen betrachten kann. Es wird daher schon Miite September eine Subkommission zu­sammentreten, welche die Vorbereitungen für die wei­teren Berathungen treffen soll. An ihren Sitzungen werden die beiden Referenten theilnehmen, sowie Kom- missarien des Bundesraths und der Reichsbehörden. Es ist nothwendig, hierbei auch die Bundesregierungen zu hören, damit nicht später im Bundesrathe selbst noch Einwendungen materieller Art gegen einen ganzen Abschnitt gemacht werden können.

* JnMünchen wurde am Samstag der 5. deutsche Berufsgenossenschaststag unter Theilnahme von neunzig Mitgliedern eröffnet. Unter den Theilnehmern befindet sich auch der Präsident des Reichsversicherungsamts Dr. Bödicker, der die Grüße des am Erscheinen ver­hinderten Staatssekretärs des Innern v. Bötticher über­brachte. Berichtet wurde zunächst über die Einrichtung von Rekonvaleszentenhäusern, sowie über Einrichtung von Pensionskassen für Berufsgenossenschaftsbeamte.

* Der brutsche Bäckergesellen-Kongreß in Altenburg beschloß, einen internationalen Kongreß der Bäckerge­sellen . einzuberufen. Ein derartiger Antrag war von dem Wiener Delegirten Kleedorf, welcher dem Kongreß beiwohnte, gestellt worden.

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die Marianische Bruderschaft wie alljährlich ihr Titular- fest in der Klosterkirche auf dem Frauenberge. Die Festpredigt hielt der hochw. Herr Pater Custos. An die Predigt schloß sich unter zahlreicher Betheiligung der Mitglieder der feierliche Umgang um die Kloster­kirche. Nach dieser Feier wurde die Wahl eines neuen Sekretärs vorgenommen, als welcher an Stelle des Herrn Zimmermanns Schwendner von Sickels Herr Gymnasialpedell Hirschfelder Hierselbst als Ge­wählter hervorging.

* Der Sekundaner des hiesigen Realprogymnasiums, Hermann Bellinger, Sohn des Fabrikbesitzers F. C. Bellinger Hierselbst, hatte am Samstag Abend beim Baden an der Wiesenmühle das Unglück, beim Kopf­sprung auf eine durch das Wasser verdeckte Treppen­stufe zu stoßen, so daß er in bewußtlosem Zustande von zwei Mitschülern aus der Fulda gezogen wurde. Die Beschädigungen des Rückgrats sollen indeß nicht so schlimm sein, als man anfänglich glaubte.

chp Die Königliche Eisenbahndirektion zu Frank­furt hat durch Verfügung vom 24. d. M. genehmigt, daß vom 1. Juli d. I. bis auf weitere Anordnung die von Fulda nach Kerzell und von Fulda nach Eichenzell gelösten Rückfahrkarten nach Belieben der Reisenden zur Rückfahrt nach Fulda über die eine oder andere dieser Strecken benutzt werden können.

* Dem Vernehmen nach beabsichtigt der Inhaber eines auswärtigen Musik - Instituts, in welchem vor­zugsweise Militärmusiker auf Blasinstrumenten ausge­bildet werden, dieses Institut nach Fulda zu verlegen. Die Anzahl der Zöglinge beirägt ungefähr 40. Unsere Stadtbehörde, mit welcher in dieser Angelegenheit Unter­handlungen gepflogen werden, scheint es an Entgegen­kommen nicht fehlen zu lassen. Die Verwirklichung des Projektes wäre ja auch bei der in jüngster Zeit niehr- fach erwähnten „musikalischen Oede" unserer Stadt nur zu wünschen.

* Personalien. Vom 1. Oktober d. I. ab wurde Herr Stations-Assistent Grosse Hierselbst in gleicher Eigenschaft nach Wächtersbach und Herr Stations-Assi­stent Wagner zur hiesigen Güter-Expedition versetzt.

* Wie wir nochmals, und zwar berichtigend, mit­theilen, wurden als Drlegirte zum Fruerwchrtag in Marburg die Herren Möbelhändlcr Franz Kramer und Mühlenbesitzer Joseph (nicht Konrad) Reinhardt gewählt.

|| In der am 27. d. M. in Marburg abgehal­tenen Sitzung der Anwaltskammer des Oberlandes­gerichtsbezirks Kaffel wurden die seitherigen Mitglieder des Vorstandes wieder gewählt und der Hülfskasse für deuffche Rechtsanwälte in Leipzig ein Beitrag von fünfhundert Mark überwiefen.

* Für die im Kronrath beschlossene Antisklavern- Lotterie werden nach dem vorläufigen Plan 400,000 Loose mit Eintheilung in ganze, halbe, viertel und achtel Loose ausgegeben. Der Preis des ganzen Looses ist 20 Mark. Der Hauptgewinn beträgt 600,000 Mk. Die Ziehung erfolgt unter Leitung der von der Re­gierung ernannten Kommisfarien. Die Zeichnungen auf die Loose finden in Berlin bei einer Reihe erster Bank­firmen, sowie gleichzeitig in anderen Städten statt.

wird, findet immer hereitwillige Hörer. Auch das bleiche, magere Gesichtchen Viktoria's, deren Blick mit­leidsvoll auf Roger gerichtet blieb, legte stumme Für­sprache zu dessen Gunsten ein.

Der Knabe, überwälügt von dem, was um ihn her vorging und so mächtig auf alle wirkte, barg das Ge­sicht in die Hände und brach, als Euklid geendet hatte, in lautes Weinen aus. Ein Herr, welcher auf einem Stuhl hinter den Sefseln des Gerichtshofes saß, schrieb flüchtig einige Worte auf einen Streifen Papier und überreichte denselben dem Richter-Präsidenten; dieser, nachdem er einen Blick darauf geworfen, wandte sich mit folgenden Worten an Euklid: „Infolge Ihres An­suchens werde ich das Urtheil über diesen Knaben heute aussetzen und die Sache bis zur nächsten Woche zurück­stellen. Man wird die Vermögensverhältnisse Blackett's einer Prüfung unterziehen, um zu sehen, woher die Mittel zu nehmen sind, daß er in einer Industrieschule untergebracht werden kann, und ob ihm eine solche unter den gegenwärtigen Verhältnissen offen steht. Und nun zu Euch, Blackett!" richtete der Richter sein Wort an diesen: „Wenn Eeuere beiden älteren Söhne Diebe sind, so spricht das sehr gegen Euch, und ich werde die Polizei anweisen, Euch und Euer Treiben im Auge zu behalten. Ihr seid entlassen." So freigesprochen und

Ausland.

* Graz, 27. Juni. Graf Hartenau hatte heute eine sehr ruhige Nacht. Die Krankheit nimmt einen lang­samen Verlauf und die Aerzte verordnen dem Patienten größte Ruhe. Die Prinzen Heinrich und Franz Joseph von Battenberg sollen nächster Tage hier ankommen. Hervorragende Wiener Aerzte wurden ans Kranken­lager des Battenbergers berufen.

* Konstantinopel, 29. Juni. Im Dorfe Kili (Distrikt Stanin im Vilajet Aleppo) ist durch die Aerzte-Kommission das Vorhandensein der Cholera konstatirt worden.

* Krakau, 27. Juni. Hier herrscht große Auf­regung über folgenden Vorfall. Oesterreichische Deserteure, die nach Rußland geflohen waren, kamen über die Grenze und machten einen Einbruch im Ge­bäude des Korpskommandos. Sie drangen in das Bureau des Korpskommandanten, um sich vertrau­licher Dokumente zu bemächtigen. Die Einbrecher wurden gefangen. Die Untersuchung ergab, daß die Einbrecher nach der Flucht aus dem österreichischen Militärdienste von russischen Offizieren an der rus­sischen Grenze erwartet und mit Kleidern und Ein­bruchswerkzeugen versehen wurden.

* London, 27. Juni. Der Herzog von Cambridge befahl, eine Truppenrevue in Gegenwart des d e u t s ch e n Kaisers am 11. Juli in Wimbledon abzuhalten, woran 20,000 Mann und ein großer Theil der Frei­willigen Londons theilnehmen. Die Königin wird vom Prinzen von Wales und den übrigen Mitgliedern der königlichen Familie begleitet. — Die Civiltrauung des Jrenführers Parnell mit Frau O'Shea, die bekannt­lich wegen Ehebruchs mit Parnell von ihrem Manne geschieden wurde, fand in Steyning bei Brighton statt. Die religiöse Feier erfolgt. in einigen Tagen in London. Parnell ist Protestant.

Provinz und Nachbargebiet.

Fulda, 30: Juni.

(*) Am verflossenen Samstag starb dahier ein seit einer langen Reihe von Jahren in städtischem Dienste thätig gewesener Beamte, der General-Armenkasse- Rechnungsführer a. D., Herr Johann Valentin Müller, im Alter von 78 Jahren. Schon im Jahre 1846 be­kleidete er das Amt eines Bezirksvorstehers und städti­schen Expedienten, ward dann zum städtischen Kontroleur bei der Sparkasse und Verbrauchssteuer bestellt und hatte seit dem Jahre 1864 die Stelle eines Rechnungs- sührers der General-Armenkasse dahier inne, welche er wegen hohen Alrers und körperlichen Leidens am 1. Januar d. I. niederlegte. Mit musterhafter Pünktlich­keit versah der Verblichene die ihm übertragenen Dienste und wurde von Sr. Majestät vor zwei Jahren, nach­dem er über 25 Jahre an der General-Armenkasse thätig gewesen, mit dem kgl. Kronenorden IV. Klasse geschmückt. Nur kurze Zeit jedoch sollte er sein wohl­verdientes Ruhegehalt genießen. Möge ihm die Erde leicht sein; er ruhe in Frieden-

* Am Nachmittag des vorgestrigen Sonntags feierte jungen Jahren in's Gefängniß schicken, wird er sich zu einem ausgemachten Spitzbuben dort auswachsen. Seine zwei Brüder waren im Gesängniß gewesen, und sie sind jetzt ausgemachte Spitzbuben. Versuchen Euer Gnaden es mit Roger anders. Vielleicht thut's besser gut außer dem Gefängniß, nachdem es in dem Gefäng­niß mit seinen Brüdern nicht gut gethan. Mir würde es das Herz abdrücken, wenn ich mir später sagen müßte: Viktoria und ich seien die Veranlassung gewesen, daß er in dem Gefängnisse zu einem gewerbsmäßigen Dieb geworden sei. Die Gefangenhäuser taugen nichts für junge Leute, durchaus nichts. Ich bin ein alter Mann und habe das ost genug beobachten können. Wenn Sie ihn nicht einsperren wollten, Euer Gnaden: — ich verzeih' ihm, und Viktoria verzeiht ihm auch. Thun Sie's uns beiden nicht an, daß wir nachts dran denken müssen, wir seien Schuld, daß er im Gesäng­niß sitzt und dort zum Spitzbuben wird!" Während seiner schnell und mit Nachdruck gesprochenen Rede hatte der zunächst stehende Polizeibeamte mehrfach schwache Versuche gemacht, ihn zum Aufhören zu bringen, Euklid sich jedoch nicht im mindesten hierdurch beirren lassen. Alles, was im Gerichtssaale anwesend war, lauschte mit spannender Aufmerksamkeit: und was aus innerem Drang warm aus dem Herzen gesprochen