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Samstag^dsn 27. Juni 1891.

18. Jahrgang

uldacrMZeitiing

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* Das Eisenbahn-Unglück bei Mönchenstein, welches mehr Menschenleben kostete, als irgend eines der früheren Bahnunglücke auf dem europäischen Kon­tinent, hat den bisherigen guten Ruf der schweizerischen Verkehrsanstalten auf das Empfindlichste geschädigt. So viel steht außer Zweifel, daß sowohl die Verwal­tung der Jura-Simplon-Bahn, als auch die Aufsichts- Behörde sich unbegreifliche Versäumnisse haben zu Schulden kommen lassen. Unparteiische Fachmänner haben es offen ausgesprochen, daß beim Bau der Brücke geringes Material verwendet worden, daß die Konstruktion mangelhaft gewesen sei. Die innen lie­genden Eisentheile wurden nie angestrichen, so daß dem Roste, dem schlimmsten Feinde der Eisenkonstruktion, Thür und Thor geöffnet war. Die Verwaltung war schon vor längerer Zeit auf die drohende Gefahr auf­merksam gemacht worden; längst hatte man eine Kata­strophe vorausgesagt. Unter Anderem hatte ein Ar­beiter, der vor einigen Wochen an der Brücke kleine Reparaturen vorzunehmen beauftragt war, geäußert, dieselbe werde nicht lange mehr halten. Ein Lokomotiv­führer, der sich jüngst weigerte, die Brücke wieder mit einem Zuge zu befahren, wurde von der Direktion ent­lassen. Roch am Morgen des Unglückstages hatten Kondukteure die Meldung gemacht, die Brücke krache und schwanke und sich geweigert, dieselbe wieder zu passiren; sie wurden aber gezwungen, die Fahrt wieder mitzumachen; jetzt sind sie unter den Tobten. Noch der Zugführer des vorangegangenen Zuges hat vor der Brücke gewarnt. Trotz aller dieser Mahnungen wurde sorglos weiter gewirthschaftet; schwere Züge wurden über die Brücke geführt, und zwar in schnellem Tempo; an dem verunglückten Zuge waren beide Lokomotiven schweren Kalibers vorn, anstatt daß man die eine Hinte« placirte. Der Fahrlässigkeit der Eisenbahn-Verwaltung und der Aufsichts-Behörde vor dem Unglück entsprach das zaudernde, energiellise Benehmen leider nach dem- selben. Die Baseler Regierung, sowie die an die Un­glücksstätte beorderten Pionier- und Infanterie-Mann­schaften nebst ihren Offizieren verdienen für ihre Auf­opferung und ihren Pflichteifer alles Lob. Allein es fehlte an einer einheitlichen, thatkräftigen, sachmännifchen Oberleitung. Daher die Un­zuträglichkeiten, die Verwirrung bei den Aufräumungs- Arbeiten und die zu geringen Erfolge bei der Bergung der Leichen und der Rettiuig der Verwundeten. Hätte man sofort mittelst Durchstichs des Eiseubahndammes die das Rettungswerk so sehr erschwerenden Hochgehen- Wasser der Birs abgeleitet — eine so naheliegende, durchaus nicht zeitraubende Arbeit — so wären ohne Zweifel sämmtliche Leichen geborgen und noch mehrere Menschenleben gerettet worden. Eine große Anzahl von Leichen sind zerfallen und stromabwärts getrieben. Nachdem man 5 Tage lang wacker aufgeräumt, hoffte man endlich den zu Unterst liegenden, mit 80—100 Leichen gefüllten Waggon in Angriff nehmen zu können. Da konstatirte Genie-Hauptmann Lang nach einer küh­nen Sondirung des Flußbettes, daß keine Leichen mehr zu finden seien, ja, die von der Behörde delegirten Ingenieure sind der Ansicht, daß keine Waggons mehr im Wasser seien. Die im Publikum verbreitete Mei-

Im Kamps ums Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.

(25. Fortsetzung.)

Euklid stand aufrecht da, am Kopf und an den Händen zitternd, an allen Gliedern bebend vor Schreck. Fort! Gestohlen? die kümmerlichen Ersparnisse von so vielen Mühen, so peinlichen Entbehrungen, der Gegen­stand aller seiner Sorgen, gestohlen! Das Geld, dessen er vielleicht in einigen Wochen, wenn die rauhen März­winde kamen, so dringend bedurfte, um sein letztes Kind im selbstbeschafften Sarge zu bestatten, gestohlen! Gab's keinen Gott im Himmel, der den Dieb mit seinem Blitze niederschlug, als er sich an einem so heiligen Schatze »ergreifen wollte? Was war nun noch unmöglich, wenn eine solche Schandthat geschehen konnte, ohne im selben Augenblicke vom Allsehenden gerächt zu werden? Das Geschehniß war für den armen Mann so überwältigend, daß er meinte, es nicht überleben zu können. Nicht länger vermögend, sich auf den Beinen zu halten, fetzte er sich wieder nieder auf den alten, zerbrochenen Stuhl und bedeckte das erd­fahle, verwitterte Gesicht mit den runzeligen Händen. All' das Elend, all' die Entbehrung, all'die knausernde

nung, die Direktion der Bahn wisse nicht einmal, wie viele und welche Wagen in den Zug eingestellt gewesen seien, scheint demnach nicht unbegründet. Angesichts dieser Sachlage ist es nicht zu. verwundern, daß neben der allgemeinen tiefen Trauer um die unglücklichen Opfer der Katastrophe in der ganzen Schweiz eine ebenso allgemeine Erbitterung Platz greift.

Deutsches Keich.

Berlin, 25. Juni.

* Im gestrigen Kronrathe wurde eine Lotterie im Betrage von 8 Millionen Mark für Zwecke zur Bekämpfung der Sklaverei genehmigt. Für Gewinne werden 6 Millionen, für den angegebenen Zweck 2 Millionen, darunter 400,000 Mk. für den Wißmann'- schen Dampfer verwendet. Außerdem wird über die Kronraths - Sitzung noch berichtet: Der gestrige vom Kaiser abgehaltene Kronrath hatte eine unge­wöhnlich lange Dauer. Es wurden im Hinblick auf die bevorstehende längere Abwesenheit des Kaisers und auf die demnächst beginnenden Urlaubsreisen der Minister die gesammte politische Lage, die innere, wie die aus­wärtige, und die wichtigeren schwebenden Einzelfragen besprochen. Die für die Hebung der östlichen Grenz­provinzen, speziell Ostpreußens zu ergreifenden beson- beren Maßnahmen, zu deren Erörterung mit den Be­hörden und Vertrauensmännern der Bevölkerung die Minister Dr. Miquel und v. Berlepsch sich Anfangs des nächsten Monats nach Ostpreußen begeben werden, waren keineswegs, wie behauptet worden, der Haupt- gegenftanb und Anlaß des Kronraths, sondern nur einer der Gegenstände der Berathung. Ueber die Be­setzung der drei vakanten Oberpräsidien ist auch gestern «och nicht endgiltig entschieden worden; nur die Er­nennung des Herrn v. Puttkamer zum Oberpräsidenten von Pommern steht bis jetzt fest.

* Der neue Eisenbahnminister tritt unter sehr schwierigen Verhältnissen sein Amt an. Sein Vor­gänger ist bei allen seinen Operationen von den gün­stigen Zeitverhältnissen unterstützt worden, er konnte sich damit begnügen, die zahlreichen SBebenten, welche gegen bie Verstaatlichungsprozebur erhoben worden waren, durch ein vorsichtiges, planmäßiges Handeln zu entkräften. Für seinen Nachfolger liegt die Sache durchaus anders. Er wird nicht darauf rechnen können, von der Gunst der Zeitverhältnisse unterstützt zu werden; wohl aber drängt sich bereits eine Menge von Fragen, bie hinter ber Frage ber Verstaatlichung hatten zurück­treten müffen, ungestüm vor. Die Kehrseite ber Ver­staatlichungsmedaille präsentirt sich dem neuen Eisen­bahnminister und stellt an seine Geschicklichkeit nicht nur in technischer, sondern auch in finanzieller Bezie­hung eine ganze Reihe schwerer Forderungen. Alles, was ein Jahrzehnt lang zurückgestellt worden ist, be­darf jetzt dringend der Lösung. Die Frage der Per- sonen-Tarife wird sich durch so kleine Mittelchen, wie sie Herr von Maybach plante, nicht aus der Welt schaffen lassen; und auch die Gütertarife werden ent­sprechend ber Revision unserer Handelsverträge einer planmäßigen Umgestaltung unterzogen werden müssen. Und dabei steht Herr Miquel vor dem Paradiese der

Armuth seines sechzigjährigen Lebens schien sich in diesem Augenblick, zu einem ganzen Meere des Leides zusammengefaßt, über bie niebergebeugte Seele zu er­gießen. Wie hatte er sich gemüht, vom nächtigen Morgen an bis zum Abenb tagtäglich, um sich bie Nothwendig- keit, öffentliche Unterstützung sich gefallen lassen zu müssen, vom Leibe zu halten, und nun stand er doch vor dieser Nothwendigkeit, wenn auch noch nicht heute oder morgen, dann doch sicher in einigen Monaten! Wozu aber sich diese paar Monate noch abplagen — war's da nicht bes-er, ,etzt gleich die Arme sinken zu lassen, da er doch nicht hoffen konnte, noch etwas Rechtschaffenes aufs Neue zusammenzusparen? Und bie arme Viktoria! Wenn sie nur bettlägerig, ja nur ein wenig schlimmer wurde, mußte er sie wegholen und ins Spital des Arbeitshauses bringen lassen, damit sie dort, unter fremden wüsten Weibsleuten, ohne liebende Pflege sterbe! Die letzten Thräuen auf ein Spitalskiffen ausweinen — welches Loos für seinen Liebling! Und sein graues Haupt lag bann wohl in einem anberen Flügel desselben Spitals! . . .

„Ich muß mich aufmachen," sagte er endlich, steif und mit Mühe sich erhebend, denn er spürte in der That die Schwäche des Alters, wie an keinem Tage

Finanzen mit dem feurigen Schwerte bewaffnet und sorgt dafür, daß ihm kein Pfennig der Einnahmen, deren er zur weiteren Steuerreform bedarf, verloren geht. Die Staatsfinanzen sind nun einmal mehr, als es selbst Herrn Miquel gut dünkt, mit den Erträgen der Eisenbahnverwaltung verquickt. Hoffen wir, daß Herr Thielen als Nachfolger des Herrn v. Maybach mehr sein wird als dessen Nachtreter, und daß es ihm gelingen wird, zwischen den widerstrebenden In­teressen bie richtige Mitte zu treffen.

* Das Projekt einer Theilung des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten gilt als vorläufig aufgegeben, wie bies eine Aeußerung des früheren Ministers v. Maybach bei seiner Verabschiebung von ben Direktoren unb Räthen durchblicken ließ.

* Der Direktionsrath der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft hielt gestern eine Sitzung ab, um die letz­ten vorbereitenden Schritte für Sanirung des Pro­spektes der Usambara - Eisenbahn - Gesellschaft zu thun, welche eine Eisenbahn von Tanga nach Korogwe bauen will.

• Zur 38. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands schreibt das ,Wpr. V.-Bl.': „Anfangs nächster Woche wird in den katholischen Blättern Deutschlands, Oesterreichs, der Schweiz, Luxemburgs, Hollands und Belgiens die offizielle Einladung zur 38. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands ver­öffentlicht werden. Dieselbe findet in den Tagen vom 30. August bis 3. September in Danzig statt. Es ist hocherfteulich, daß sich von allen Seiten ein recht reges Interesse für den Katholikentag bekundet; eine Reihe der hervorragendsten katholischen Männer Deutschlands haben bereits ihr Erscheinen in Aussicht gestellt, ganz ausgezeichnete Redner sind gewonnen. Viele Gäste werden auch erscheinen, welche die Gelegenheit benutzen werden, um vorher oder anschließend an den Katholiken­tag in Danzig eines ber nahen Ostseebäder (Zoppot, Reufahrwasser u. s. w. ) zu besuchen. Für die Abhal­tung der Versammlungen und Feste sind die beiden größten hier zur Verfügung stehenden Lokale, das Wil- helmstheater und bie sämmtlichen Räume unb Gärten bes Schützenhauses fest gemiethet. Das Programm ist in Vorbereitung unb wird Ende nächsten Monats definitiv festgestellt unb veröffentlicht werben. Der Umstanb, baß bie nächste General - Versammlung ber Katholiken Deutschlands zum ersten Male im Norbosten bes Baterlanbes tagt unb bie erste ist nach bem Ab­leben Winbthorst's, unseres langjährigen Führers, daß ferner in Anbetracht ber Zeitlage ber nächste Katholiken­tag von hervorragenber Wichtigkeit ist, finbet allgemeine Würbignng. Möge ber Besuch bem entsprechend ein recht zahlreicher werben!"

* Köln, 24. Juni. Karbinal Ant.Jos.Grüscha, Fürsterzbischof von Wien, wirb ber in ber zweiten Hälfte bes Monats August Hierselbst stattfindenben Generalversammlung ber Präsides ber katholischen Ge­sellenvereine beitöohnen. (Kardinal Gruscha ist seit langen Jahren Generalpräses ber österreichischen Ge­sellenvereine.)

* Würzburg, 24. Juni. Eine Anzahl Katholiken aus Bayern haben kürzlich eine Pilgerfahrt nach dem Gnadenort Lourdes unternommen. Nach einem von

vorher. „Ich muß die Polizei holen, Viktoria!" Es dauerte nicht lange, und der herbeigemfene Beamte der öffentlichen Sicherheit stieg bie Treppe zu Euklid's Dachkammer hinauf, um sich ben Thatort anzusehen unb ben Hergang von Viktoria erzählen zu lassen. Er erkundigte sich, wer von den Mitbewohnern des Hauses am vertrautesten in ihrem Zimmer sei, sah sich in den übrigen Wohnräumen der Reihe nach um und sprach sich dann ans, daß gegen Roger und seinen Vater die Verdachtsgründe am schwersten wögen. Eine Stunde später befand sich Roger denn auch bereits in ber Ge- fangenen-Zelle ber nächsten Polizei-Wache, während auf Blackett an,allen ben Orten, bie er zu besuchen pflegte, mit ber nöthigen Vigilanz gefahndet wurde.

XII.

Ein Kresse-Händler als Advokat.

Blackett war nirgendwo zu finden. Er hatte sein Glaser-Geräth mit zwei oder drei großen und einigen kleinen Scheiben auf den Rücken genommen und war aufs Land gezogen, wie als wenn es ihm darum zu thun fei, im Repariren gebrochener Glasfenster einigen Verdienst zu suchen. In seinem Wohnraum war nach dem vermißten Gelde amtliche Nachsuche gehalten, aber nichts gefunden worden. Roger hatte im ersten Schrecken