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Freitag, den 26. Juni 1891

18. Jahrgang

nlimcrWZkitiliig

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* „Unersättlichkeit der Ultramontanen."

Das ist, fo schreibt ein Mitarbeiter der ,Köln. Volksztg.', so recht ein Schlagwort geworden für nationalliberale und andere Kulturkämpfer, wenn es ihnen darum geht, irgend eine Forderung der Katho­liken abzulehnen. „Gibt man den Ultramontanen den Finger, so verlangen sie die ganze Hand, sie werden nie zufrieden sein"; solche und ähnliche Redensarten werden immer wieder aufgetischt.

Neu sind diese Einreden keineswegs mehr, man hört sie schon seit 1880, seit der ersten kirchenpoli­tischen Novelle. Die ganze Kulturkampfsgesetzgebung war ein System, aber Fürst Bismarck liebte es, statt aus einmal das Gebäude in Trümmer zu legen, einen Stein nach dem andern daraus loszureißen. Immer, wem? eine solche Abbröckelung erfolgte, empfahl uns eine gewisse Presse, „jetzt aber" ruhig zu sein und das Uebrige achtungsvoll unangetastet zu lassen. Waren wir damit nicht einverstanden, so hieß es: „Seht ihr, die Leute sind schon wieder nicht zufrieden."

Sind wir denn wirklich „unersättlich" ? Wir meinen, es wäre von Windthorst bei mehrern Gelegenheiten doch deutlich genug gesagt worden, es brauche bloß der frühere Zustand hergestellt zu werden, dann seien wir zufrieden. Als man den Kulturkampf be­gann, fing man an mit dem Jesuitengesetz, der Auf­lösung der katholischen Abtheilung im Kultusministerium und dem Schulaufsichtsgesetz und — merkwürdig ge­nug ! — diese drei Maßregeln sollten, wohl aus Respekt vor ihrem „Alter", am längsten erhalten wer­den. Die spätern Gesetze hat man am ehesten wieder fallen lasten, aber in dec Jesuitenfrage und Schul­frage war es anders. Wenn wir nun damals diese Gesetze und Verordnungen bekämpften, warum sollten wir jetzt unfern Widerspruch dagegen fallen lasten?

Im Kampf ums Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.

(24. Fortsetzung.)

Eine Viertelstunde etwa nach dem Weggänge der beiden Kresfenverkäufer trieb Blackett den Roger unter Drohungen mit der Faust mit halbunterdrückten Flüchen die Treppe hinauf, still an den Thüreu der Mitein­wohner vorüber bis zu dem Gemache Euklids. Hier zögerte der Knabe einige Augenblicke wie unschlüssig, ob er in dem unternommenen Wagniß weiter vorgehen oder davon ablassen solle; aber er gewahrte, wie die dunkle Gestalt seines Vaters, der in der Mitte der obersten Stiegenflucht stehen geblieben war, ihn mit aufgehobener Hand zur Vollendung des Werkes an­eiferte. Roger drückte leise wider Euklids Thür; er fühlte, daß sie von innen mittels einer Schlinge fest­gehängt war. Letztere erwies sich jedoch so lose, daß er ohne alle Mühe seine Hand durch die Spalte hin­durchbringen und das Hemmniß beseitigen konnte. Nun war er im Zimmer. Das Feuer, woran Elsbeth den dünnen Morgenthee bereitet hatte, war herabge­brannt, nur noch ein schmaler Streifen von der Glut der verlöschenden Kohlen drang zwischen den beiden untersten Roststäbchen durch und ließ einen röthlichen

Thäten wir es, so würde man vielleicht unsexn dama­ligen Widerstand noch nachträglich als „Heuchelei" oder gar von „reichsfeindlicher" Gesinnung eingegeben brandmarken.

Ist es „unersättlich", wenn wir verlangen, durch die Kulturkampfgesetzgebung der letzten zwanzig Jahre, welche unser Vaterland doch schwer geschädigt, solle einfach ein Strich gezogen werden? Haben die So­zialdemokraten etwa eine Abänderung oder theil- weise Aufgabe des Sozialistengesetzes gefordert? Waren sie nicht so „unersättlich", die einfache Streichung des Gesetzes zu verlangen? Nun, das Gesetz ist gefallen. Warum will man halbe Arbeit gegenüber dem Cen­trum thun, welches der Krone und dem Vaterlande doch fo manche werthvolle Dienste geleistet hat? Das gestand selbst Fürst Bismarck am Abend seiner Minister­schaft ein. Nachdem er das Centrum anderthalb Jahrzehnte als „reichsfeindlich" bekämpft hatte, sagte er feierlich im Reichstag, das Centrum rechne er zu den Parteien, welche das Reich schützen und festigen wollten „nicht nur an sich, sondern auch angebrachter­maßen."

Die .Hamburger Nachrichten' verfahren sehr will­kürlich, indem sie uns die Forderung einer „Aus­lieferung der Schule an die Kirche" unter­schieben. Wenn wir etwas verlangten, so haben wir uns noch nie genirt, unsere Forderung klar und deut­lich auszusprechen. Die in dem Hamburger Blatte er­wähnte Forderung haben wir nie gestellt und werden wir nie stellen. So lange die Staatsschule besteht, wäre es ein Unsinn, die Forderung zu erheben, daß der Staat keine Rechte an der Schule haben solle. Außer dem Rechte des Staates und der Kirche gibt es sogar noch Gerechtsame der Familie und der Gemeinde, die wir ebenfalls nicht vernichten wollen. Bei allseitig gutem Willen läßt sich auch leicht eine Verständigung erzielen, welche allen hier erwähnten Anforderungen gerecht wird. Erst das Schulaufsichts-Gesetz schuf eine neue Ordnung. Die Zustände, welche vorher bestanden, genügten vollständig den staatlichen Interessen. Die Zöglinge dieser Schulen haben die Schlachten von 1864, 1866 und 1870/71 geschlagen, und sich auch nach andern Richtungen so erprobt, daß man den „preußischen Schulmeistern" das höchste Lob dafür spendete. Die konfessionelle Schule und die geistliche Schulaufsicht müssen also doch nicht so schlecht gewirkt haben, sonst hätte der „preußische Schulmeister" in ihr und unter ihr nicht so Hervorragendes leisten können. Wenn man also, nachdem die preußische Volksschule sich so glänzend bewährt hatte, in so einschneidender Weise daran herumkurirte, so war das ein großer Fehler.

Die Sozialdemokratie und die Propaganda, des Unglaubens erschüttern, besonders in den großen Städten, immer mehr den Sinn unserer Jugend, selbst sogar der schulpflichtigen. Es ist durchaus nothwendig, daß diesen Einflüssen durch einen ernsten und gründlichen Religionsunterricht in den Schulen begegnet wird. In militärischen Kreisen versichert man, daß gerade die religiöse Erziehung die beste Grundlage nach der mili­tärischen Disziplin ist, und man hört dort wohl sagen,

Schein fallen auf das blasse Gesicht der wieder einge­schlafenen Viktoria. Noch einmal trat er einen Schritt zurück, vor seiner That scheuend, aber da erschien das Bild des zürnenden Anstifters aufs Neue vor seiner Seele. Wenn er unverrichteter Sache wieder nach unten kam — das konnte sein Tod sein. Aber die Viktoria bestehlen, die sich ihm allezeit so lieb und freundlich erwiesen hatte? Ja, wenns Jemand anders wäre, aber sie! ... . In diesem Schwanken gab ihm ein an sich leises, ihm selber aber wie eine schreck­liche Drohung ins gespannte Ohr dringendes Geräusch plötzlich den Muth der That. Er streckte sich flach auf den Boden und schlich auf Händen und Knieen an die Seite des Bettes. Vorsichtig griff er dann von unten her, leise tastend, unter Viktorias Kissen, wo er wußte, daß der Schatz lag. Sachte zog er das Bündel hervor. Viktoria hatte bei dieser Berührung ihrer Unterlage wohl eine Bewegung im Schlafe ge­macht, indem sie sich den Arm unter den Kopf hob, aber die Augen nicht aufgeschlagen. Als er das Ge­suchte in der Faust hatte, schlich er, ohne sich wieder erst auf die Füße zu stellen, behutsam der Thür zu. Als diese beim Zuüehen von außen ein wenig knarrte in ihren rostigen Angeln, blieb Roger einen Augenblick auf dem dunklen Treppenabsatz stehen, um sich zuüber-

roenn die Dinge in der bisherigen Weise weiter gingen, könne die Manneszucht in der Armee vielleicht die Probe viel weniger gut bestehen, als vor zwanzig Jahren. Ans diesem Grunde kann ich versichern, daß man in hohen militärischen Kreisen den Schulbestre­bungen des Centrums — natürlich ganz im Allge­meinen — keineswegs so abgeneigt gegenübersteht, wie sonst hier und da.

Ich hebe nochmals hervor, daß hohe Offiziere sich auf Prüfung der Einzelheiten in solchen Dingen selbst­redend nicht einlassen können, daß es also falsch wäre zu sagen, sie seien z. B. für die Windthorst'schen Schulanträge; aber dem Kern der Centrumsbestre- .bungen steht man sympathisch gegenüber. In der Armee hat man an dem Geiste, welcher die Mann­schaften beseelt, auch ein Kennzeichen für den Einfluß der Schulen, und weiß den Schaden, welchen Sozial­demokratie und Unglauben unter der männlichen Jugend unserer Großstädte und Jndustriebezirke anrichten, wohl abzuwägen. In Preußen ist aber der Einfluß der militärischen Autoritäten ein so großer, daß wir auch aus diesem Grunde fürs erste noch nicht bange sind, unsere Schulpolitik werde Fiasko machen. Wenn es sich darum handeln sollte, die geordneten früheren Schulzustände wieder eintreten zu lassen, so wird in der betreffenden Sitzung des Staatsministeriums sicher nicht der derzeitige Kriegsminister es sein — mag er nun heißen wie er will — der Widerspruch erhebt.

Aus diesen Erwägungen erhellt, daß das Centrum keine Ursache hat, seine noch ausstehenden kirchlichen und Schulforderungen als „unerhältlich" in den Schorn­stein zu schreiben. Es kann noch eine Reihe von Jahren vergehen, bis alle Löcher wieder verstopft sind, welche der Kulturkampfswind in unser vaterländisches Haus gerissen hat, aber kommen wird endlich die Zeit, wo Recht und Gerechtigkeit auf allen Punkten zum Siege gelangen. In der politischen Arbeit sind Tapferkeit und Entschiedenheit große Tugenden, aber werthvoller und erfolgreicher sind noch Geduld und Ausdauer. Rom ist nicht an einem Tage erbaut worden und der Kulturkampfsbaum ist auch nicht auf den ersten Streich gefallen. Da wir gewiß sind, daß das katholische Volk dem Centrum treu bleibt, so halten wir es auch für gewiß, daß es uns schließlich gelingen wird, einen vollen kirchenpolitischen Frieden zu erlangen. Diejenigen aber, die uns vorwerfen, wir seren „uner­sättlich", wollen gerade verhindern, daß Deutschland zu diesem von uns ersehnten und dem Vaterlande zum Heil gereichenden kirchenpolitischen Friedenszustande ge­langen soll. ______________________________________________

Deutsches Keich.

Berlin, 24. Juni.

* Die Gesellschaft des serbische» Rothe» Kreuzes beschloß einstimmig, zur Errichtung des Denkmals für weiland Kaiserin Augusta in Ansehung der großen Verdienste der verewigten Herrscherin um die Gründung des Vereins vom Rothen Kreuze, sowie deren Wohl- thätigkeits - Akte für serbische Verwundete 250 Dinars in Gold beizusteuern.

zeugen, ob Viktoria trotz des Geräusches noch schlafe. Er vernahm nichts, als den schläfrigen Ruf: „Adieu, Vater!" Offenbar hatte das Knarren der Thür den Traum von dem Weggehen ihres Vaters in der Schlum­mernden hervorgerufen.

Es war schon Mittag vorbei, als Viktoria sich von ihrem Lager erhob. Weshalb hätte sie auch früher aufstehen sollen? Im Bette quälten sie weder der Hunger noch die Kälte, und die Heizung wurde gespart. Sie hatte den Tag vorher den Roger gebeten, am Morgen heraufzukommen, um ihr Spähne und Kohlen zu kaufen, auch seine bereitwillige Zusage erhalten, aber der Junge ließ sich nicht sehen. Zum Glücke reichten die ihr von beidem noch verbliebenen Restchen hin, das Feuer anzumachen und zu unterhalten bis Elsbeth oder ihr Vater nach Hause kommen würden. Schreien und wimmern hatte sie da unten im Hause heute noch nicht gehört, aber es war ihres Meinens sicher eine neue Mißhandlung seitens des Alten die Ursache, daß der Knabe sein Versprechen nicht erfüllte, zum ersten- male! Mit ängstlicher Sorge sah sie, während sie hierüber nachsann, den züngelnden Flämmchen zu und rückte an den Spähnchen hin und her, damit sie sich nicht verzehren möchten, bevor sie die Kohlen in Brand gesetzt hätten. Im Übrigen fühlte sie sich aufgeräumt