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18. Jahrgang

llldaerWZeitlliig

Donnerstag, den 25. Ium 1891.

Deutsches Reich.

Berlin, 23. Ium.

• Der Kaiser hat an den ausscheidenden Minister t>. Maybach.zu dessen Nachfolger der Eisenbahndirektions- Präsident Thielen in Hannover ernannt wurde, folgendes Schreiben erlassen:

„Mein lieber Staatsminister von Maybach. So ungern ich Sie aus Ihrem bisherigen Amt scheiden sehe, in welchem Sie Sich hervorragende und dauernde Verdienste erworben haben, so habe Ich doch im Hinblick auf Ihren leidenden Gesundheits­zustand Mich entschließen müssen, Ihren wiederholten Anträgen auf Dienstentlassung stattzugeben. Es ist Mir Bedürfniß, Ihnen bei dieser Gelegenheit Meinen Königlichen Dank für die lang­jährigen und erfolgreichen Dienste, welche Sie der Krone und dem Baterlande mit voller Hingebung und aufopfernder Treue geleistet haben, noch besonders auszusprechen. Als ein Zeichen Meiner Anerkennung verleihe Ich Ihnen Meine Büste in Marmor und lasse Ihnen dieselbe hierneben zugehen. Ich ver­bleibe Ihr wohlgeneigter und dankbarer König Wilhelm R.'

Der neu ernannte Minister für öffentliche Arbeiten, Thielen, wird voraussichtlich morgen vom Kaiser in Audienz empfangen werden.

* Der Kaiser hält morgen Vormittag im Schlosse zu Berlin eine Sitzung des Kronraths ab.

* Der frühere Kriegsminister, der kommandirende General des 1. Armeekorps, Bronsart v. Schellendorff ist heute früh auf seiner Besitzung Schepminen bei Braunsberg im Alter von 59 Jahren gestorben. Mit ihm verliert die preußische Armee einen ihrer befähigtsten Offfziere, dessen Name mit der vaterländischen Heeres- geschichte untrennbar verbunden sein wird. An der Spitze des preußischen Kriegsministeriums stand er als Nachfolger des Herrn von Kamecke von 1883—1889. Unter seine Amtsthätigkeit fielen die Heeresverstärkungs- gesetze von 1886 und 1887, sowie die Annahme des Repetirgewehrs. Erwähnt sei noch, daß er es war, der als Parlamentair die ersten Verhandlungen mit Napoleon III. nach der Schlacht bei Sedan führte.

* Der Kolonialrath ist gestern auf 3 oder 4 Tage wieder zusammengetreten.

* Wie die,Post' aus einer Quelle erfährt, die den Hofkreisen nahe steht, wäre Graf Waldersee, der kom­mandirende General des 9. Armeekorps, zum Nach­folger des Botschafters in St. Petersburg ausersehen. Graf Wedel, der auch für St. Petersburg genannt wurde, wäre für einen anderen Botschafterposten be­stimmt.

* Prinz Friedrich August von Sachsen, der präsum­tive Thronfolger, hat sich mit Prinzessin Luise von Toskana verlobt.

* Das Urtheil im Bochumer Steuerprozeß wird von der Berliner Presse eingehend erörtert. Einige Blätter, darunter die ,National-Zeitung', hatten aus dem verhängten Strafmaß vorschnell geschlossen, daß der angeschuldiare Redakteur verleumderischer, d. h. wider besseres Wissen ausgesprochener Beleidigungen für überführt erachtet worden sei. Wie das Urtheil selbst ausweist, trifft diese Annahme in keiner Weise zu; im Gegentheil erkennt die Strafkammer ausdrück­lich an, daß der Beschuldigte in gutem Glauben und in Wahrnehmung berechtigter Jnter-

und richtigere Einschätzungen vorzunehmen. „Wir haben es," fügt das Blatt hinzu, „immer für einen Fehler erachtet, daß für Einkommensteuer und Klassensteuer besondere Einschätzungs-Kommissionen bestanden. Da­durch ist dem Cliquewefen bei der Einschätzung zur Einkommensteuer von vorn herein Thüre und Thor ge­öffnet. Am nachtheiligsten mußte dies wirken dort, wo nach dem Dreiklassenwahlsystem der Städte-Ordnung ein einzelnes großes Jndustriewerk auf die Wahl der Stadtverordneten und damit auch auf die Magistrats- Mitglieder fo viel Einfluß besitzt, wie es in Bochum der 'Fall war. In Berlin steht die Einschätzung zur Einkommensteuer unter Leitung von Regierungsräthen der königlichen Steuerdirektton. Die Bochumer Ein­schätzung wäre ganz und gar unmöglich gewesen, wenn ein von der Regierung in Arnsberg ressortirender Be­amter, wenn auch nur in der Rolle eines Regierungs- Kommissars oder Staatsanwaltes, Anträge auf Ein­schätzung zu stellen bzw. im Falle der Ablehnug vor die Bezirks-Kommission zu bringen berechtigt gewesen wäre." Ein Kompliment für das neue Einkommen­steuergesetz, welches eine Anzahl staatlich ernannter Mit­glieder der Einschätzungs-Kommission zur Wahrung des fiskalischen Interesses Vorsicht!

Ausland.

* Wien, 22. Juni. Im Csanader Komitate brach gestern eine blutige Bauernrevolte infolge der Nachricht von der Abschaffung der Robotsteuer und Erhöhung der Arbeitslöhne ans. Die Gendarmerie schritt ein; fünf Personen blieben tobt, 7 wurden verwundet. Später stürmte die Bevölkerung das Stadthaus. Militär wurde aus Szegedin requirirt.

* Brüssel, 23. Juni. Der Generalrath der Ar­beiterpartei versandte neuerdings ein Cirkular an die Arbeiter aller Länder, worin dieselben an die Zwecke des am 18. August hier tagenden internationalen sozialistischen Arbeiterkongresses erinnert werden.

* Paris, 23. Juni. Ferdinand de Lesseps und seine Söhne wurden heute von dem Untersuchungsrich­ter verhört.

* Kopenhagen, 22. Juni. Der gemeldete Ersen- bahnunfall stellt sich als unbedeutend heraus. Nur Lokomotive und Tender entgleisten. Kein Menschen­verlust ist zu beklagen.

* Philadelphia, 22. Juni. Eine Petition mit 300,000 Unterschriften geht demnächst von Amerika an den Zaren ab, welche eine beffere Behandlung der politischen Gefangenen erbittet.________________________

Im Kampf um s Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.

(23. Fortsetzung.)

XI.

Ein Dieb wider Willen.

Der Haß und die Rachsucht Blackett's waren keines­wegs leicht zu nehmen, das wußte Euklid, und deßhalb wollten sie ihm nicht aus dem Gedächtnisse. Er war seinem Feinde gegenüber dadurch im Nachtheile, daß er jedesmal, beim Eingang wie beim Ausgang, an dessen Thür vorüber mußte, so daß Blackett ihn wie aus einem Hinterhalte unversehens überfallen konnte. Euklid war eine friedfertige Natur; er hatte sich, um jedem unfreundlichen Zusammenstoß mit seinen Mit­einwohnern im Hause am sichersten vorzubeugen, grund­sätzlich ganz fern von denselben gehalten. Es war ihm daher äußerst peinlich, daß er sich einen so heraus­fordernden und verwegenen Menschen, wie dieser Blackett war, zum Gegner gemacht hatte, und mehr als einmal dachte er daran, ob es nicht rathsam sei, die Wohnung zu wechseln. Wäre nur Viktoria nicht so hinfällig ge­wesen, daß er ihr das Aufregende und Peinliche eines solchen Wechsels hätte zumuchen können! Und dann weiter: ein billiges Dachkämmerchen war in der Nähe auch schwer zu finden. Zu den Ohren Euklid's selber

essen gehandelt habe. Wenn trotzdem eine so hohe Strafe verhängt worden ist, so erklärt sich dies aus den zahlreichen (22) Vorbestrafungen des HerrnFus- angel wegen Preßvergehen und der beleidigenden Form zahlreicher Aeußernngen. In den Artikeln war beispiels­weise von „blinder Profitwuth und Selbstsucht", „Man­gel des Unterscheidungsvermögens von Mein und Dein", „skandalöse Herumdrückung um die Steuer" die Rede. Man hat bei der Lesung des Urtheils das Gefühl, daß Herr Fusangel ohne feine zahlreichen Vorbestra­fungen mit einer Geldstrafe davongekommen sein würde. In dem Urtheil wird zudem ausdrücklich er­wogen, daß eine Geldbuße nicht ihn, sondern die Aktio­näre treffen würde. Das Urtheil entspricht nach An­sicht der ,Köln. Vztg.' im Allgemeinen dem öffentlichen Rechtsbewußtsein. Die ,Voss. Ztg.' bemerkt bei Be­sprechung des Erkenntnisses: für die O e f f e n t l i ch k e i t habe es nach dem Gange der Verhandlungen nur unter­geordnete Bedeutung, ob der Redakteur Fusangel ver- urtheilt oder freigesprochen sei. „Weit wichtiger," sagt das Blatt, „ist die Frage nach der sachlichen Berech­tigung der Angaben, welche Fusangel gemacht hatte. Der Gerichtshof erkennt an, daß eine große Reihe von Bürgern unrichtig eingefchätzt fei, wenn man darum auch den Mitgliedern der Einschätzungskommission nicht bewußte Pflichtwidrigkeit und Verletzung ihres Eides nachsagen dürfe. An der ganzen Art und Weise der Steuereinschätzung wird von dem Gerichtshof eine Kritik geübt, welche mit derjenigen Fusangcl's, wenn auch nicht in der Form, so doch in der Sache vielfach über­einstimmt. Und wie sollte der Gerichtshof zu einem anderen Ergebnisse kommen, da festgestellt ist, daß bei­spielsweise Herr B a a r e, der nur ein I ; hreseinkommen von rund 30,000 Mark versteuerte, zu.gestehen mußte, daß er über 100,000 Mk. Einkommen hatte? Wenn Fusangel behauptete, Baare nehme jährlich 300,000 M. ein, so ist Fusangel im Unrecht, Herr Baare aber noch nicht im Recht." Und weiter: „Daß ein erheb­licher Theil derjenigen Personen, welche der Einschätzungs­kommission angehörten, selbst um Vieles zu niedrig ge­schätzt worden sind, ist eine erwiesene Thatsache. Wenn eine Kommission, welcher ein im Central-Bureau des Bochumer Vereins beschäftigter Ingenieur angehört, die hohen Tantiemen des Direktors und der Aufsichts- räthe nicht gebührend in Anschlag bringt, so wird Nie­mand diesen Umstand als berechtigt anerkennen." Die .Germania' faßt ihr Urtheil über das Erkenntniß da­hin zusammen: „Hätte Herr Fusangel nicht 22 Vor­strafen wegen Preßvergehen auf seiner Rechnung, und wäre er in den Worten gegenüber den Herren Baare und Gen. immer wählerisch gewesen, zumal es um eine ganze Reihe von Personen in amtlichen ober hervorragenben Stellungen sich hanbelte, so wäre bie wesentliche Bebeutung des Prozesses als eine Enthüllung („über schwere öffentliche Mißstände", wie der Gerichtshof selbst sagt) die einzige Bedeutung des Prozesses ge­blieben." Von der ,Freis. Ztg.' wird hevorgehoben, auch ohne Deklarationspflicht der Steuerpflichtigen sei die Bochumer Kommission nach demjenigen was die Mitglieder wissen mußten, in der Lage gewesen, andere

war es zwar noch nicht gedrungen, noch zu denen Vik- toria's — aber seit einiger Zeit ging das Gerücht durch das Haus: der alte Euklid, der Kressen-Verkäufer sei ein Geizhals und zwar ein Geizhals nach der alten Mode, indem er sein Geld in harter Münze bei sich versteckt halte, anstatt dasselbe irgendwo nutzbringend anzulegen. Einige der Nachbarn sagten: er trage un­gezählte Reichthümer mit sich herum, eingenähet in die alte Jacke, welche man seit Jahren, Sommer und Winter, unter seiner leinenen Blouse auf seinem Leibe sah. Andere meinten, jede Ritze und Spalte in den Wänden der Dachkammer sei mit Banknoten und Gold­stücken vollgestopft und Vittoria's angebliche Krankheit sei weiter nichts, als ein Deckmantel für ihr stetes Zuhausebleiben, nicht weil sie krank sei, sondern weil sie die heimlichen Schätze hüten müsse, vermeide sie jeden Ausgang. Beide, Euklid und Äittoria, wurden nach und nach der Gegenstand ungewöhnlicher Beach­tung seitens der übrigen Miethsleute. Besonders Vik­toria wurde des Tages über, während des Geschäfts­ganges ihres Vaters, auffallend häufig mit Besuchen beehrt und zwar oft zum Nachtheil ihres friedlichen Behagens. Man war allerfeits auf einmal außer­ordentlich zuvorkommend gegen sie geworden: der eine kam, ihr diesen, bie anbere, ihr jenen Dienst anzu­bieten.

Nochmals die Eisenbahn - Katastrophe von Mönchenstein.

Das Birs-Bett ist nunmehr mit Ausnahme der Stelle, wo die zweite Lokomotive liegt, überall bis aus den Grund sondirt und keine Leiche mehr vorhanden. Dessen ungeachtet wird das linke Ufer, um Gewißheit zu erlangen, abgegraben, um den Spiegel zu senken. An den Brücken-Untersuchungen, die für die Jura-Simplonbahn angeordnet worden sind, betheckigen sich die Ingenieure des Eisenbahn-Departements, die Professoren Ritter und Vetmayer. Die Taucherarbeiten und eine genaue Unter­suchung des aufgefundenen Wagenmaterials ergeben, daß kern

^uch sonst lebte Viktoria jetzt wie eine Prinzessin; Elsbeth räumte das Bett auf, fegte und wusch den Boden, besorgte die kleinen Einkäufe und die Bereitung des Thees, gönnte, mit einem Worte, der Kranken völlige Ruhe und bediente sie mit einer Sorgfalt, wie ihr eine solche bisher noch gar nicht hatte zu Theil werden können. Ohne Zweifel war Elsbeth es selbst gewesen, welche bie Sage von Euklid's Reichthum unb Geiz in Umlauf gebracht hatte. Entweber hatte sie einmal etwas darüber fallen taffen in vertrauterZwiesprache mit Roger, ober eine lauschende Nachbarin hatte im Hausflur einige Worte aufgeschnappt, als Elsbeth ihrer Mutter bie burch Euklid's Thürfvalte gemachte glän­zende Wahrnehmung brühwarm erzählte. Elsbeth war zu geschäftig bei ihrer Arbeit, um von dem Gerede der Nachbarn etwas zu erfahren; gleich wenig Gelegenheit gab's, daß etwas davon zu den Ohren Euklid's und Viktoria's kam. Von diesen zweien wurde der im Bett versteckte Schatz in Gegenwart der Elsbeth nie erwähnt und Viktoria wußte ihn immer vorher unter ihrem Kissen wegzuschaffen, bevor Elsbeth sich an dem Bette zu thun machte. Hinzugekommen war zu den Erspar- niffen seit Frau Fell's Begräbnißtage nichts mehr; im Gegentheil: es hatte einmal zur Berichtigung der Monats- miethe ein verhältnißmäßig nicht unbeträchtliches Sümm­chen davon genommen werden müssen. Aber dennoch

Erscheint täglich, Sonn- und F-iettage ausgenommen — Inserate kokten bmn Saum In Pf., bei Wiederholungen ^vrechend^R-bE.