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Mittwoch, den 24. Juni 1891.
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1 M ,Rathgeber für Landwirthfchaft, Gartenbau und Hauswesen m Fulda und auswärts 1 Mar! SO Pfennig.
* Lesseps aus der Anklagebank.
Die Nachricht von einer Klage gegen Ferdinand de Lesseps wird für Viele eine Neberraschung sein. Der Erbauer des Suez-Kanals ist 86 Jahre alt, hat seinem Lande Ehren gebracht und der ganzen civilisirten Welt große Dienste geleistet. Auf den Blättern der Geschichte wird der Name Lesseps immer in glänzenden Lettern verzeichnet bleiben. Denn der kühne Ingenieur har ein Werk, den Suez-Kanal, vollendet, an dessen Durchführbarkeit selbst bedeutende Köpfe zweifelten. Er war es, der den Seeweg nach Indien um Wochen abkürzte und von manchen Gefahren befreite. Schon an der Schwelle des biblischen Alters, wälzte er neue Pläne in seinem Haupte. Hatte er Afrika von Asien getrennt, weshalb sollte er nicht die neue Welt durchschneiden und dem Kiel, der sonst dem Kap Horn zustreben muß, um in langer Fahrt den Westen Amerikas zu erreichen, eine schnelle und sichere Fahrt durch den Isthmus von Panama zusichern. Ohne den schnöden Mammon ist aber manche geniale Idee unfruchtbar. Ohne Geld, ohne Millionen, ohne viele Hunderte von Millionen war der Panama-Kanal nicht zu schaffen. Ferdinand Lesseps war wenig darauf »erpicht, einen Eiertanz zwischen Strafparagraphen aufzuführen. Aber für die Polizei kommt es nicht darauf an, ob er die Absicht, die Aktionäre zu betrügen, sondern nur, ob er das Bewußtsein gehabt habe, durch Schönfärberei oder Hinterhältigkeit das Vermögen der Gläubiger zu schädigen. Daß die Verwaltung der Panama-Gesellschaft viel zu wünschen übrig ließ, ist über jeden Zweifel erhaben. Am 23. März 1866, als Lesseps in Frankreich angelangt war, schilderte er in einer feierlichen Ansprache den Kanal als „das Werk Frankreichs." Eine neue Anleihe stand auf der Tagesordnung. Zwei Jahre später, und er versicherte in Lyon, der Kanal werde im Juli 1890 eröffnet werden. Lesseps beruhigte die Aktionäre brieflich am 1. Dezember 1888, sie könnten ganz unbesorgt sein, er habe sein ganzes Leben zwei großen Werken geweiht, die als unmöglich bezeichnet worden waren, dem Suez- Kanal und dem Panama-Kanal; der Suez-Kanal sei vollendet und habe Frankreich bereichert, nun möge man auch zur Vollendung des Panama-Kanals beitragen. Indessen zwei Wochen später konnte die Panamagesellschaft, da der Versuch einer neuen Anleihe fehlgeschlagen war, ihre fälligen Zinsscheine nicht einlösen und ihre ausgeloosten Antheile nicht zahlen, und als die französische Regierung bei der Kammer beantragte, der Gesellschaft eine Stundung auf drei Monate zu gewähren, da sagte die Volksvertretung nein und der Gerichtshof der Seine setzte drei Verwalter für das Unternehmen ein, nachdem Herr v. Lesseps und seine Genossen ihre Aemter niedergelegt hatten. Die Zahl der kleinen Leute, welche ihre Ersparnisse bei der Panama-Gesellschaft angelegt hatten, wurde auf 870,000 beziffert. Am 15. März 1889 wurden die Arbeiten am Kanal, nachdem 55 Millionen Raummeter Erde ausgehoben waren, eingestellt: die Konzession wurde hinfällig und Alles ist verloren.
Der General-Staatsanwalthat nun die gerichtliche
Im Kampf ums Dasein.
Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.
(22. Fortsetzung.)
„Was hab' ich zu thun?" — diese Frage wiederholte er sich wohl hundertmal des Tages. Eine neue Last auf seine ohnehin schon überbürdeten Schultern zu nehmen, der Gedanke erfüllte ihn mit Schrecken, besonders, da er sein Ende doch langsam herannahen fühlte. In den letzten zwei Jahren spürte er die Gebrechlichkeit des Alters sehr merklich, und in Folge dessen bemächtigte sich mehr und mehr die Furcht seiner Seele: es möge mit ihm zum Sterben kommen, bevor er das Nöthige für sein „anständiges" Begräbniß zu- scmmengespart habe. Hätte er sehen können, daß Viktoria so fortgeschafft werde, wie die arme Frau Fell? Aus einer dunklen Ecke des oberen Treppen- Podestes hatte er's mit angeschaut, in welcher rohen Weise die elende rauhe Kiste — einen Sarg konnte man das Ding kaum nennen — aus dem Hause und die Straße hinabgeschafft wurde, als ganzes Trauergefolge nur Elsbeth hintendrein. Sein ohnehin besorgtes Herz fühlte durch diesen Anblick eine neue Anstachelung, Alles aufzubieten, um seines Schicksals Herr zu bleiben bis ins Grab. Aber, wenn er das
Verfolgung der Verwaltungsräthe der Panama- Gesell schäft angeordnet. Er that dies in Folge zahlreicher Klagen von Aktionären und Obligationen» Inhabern der Gesellschaft, die alle ihre Erwartungen getäuscht sehen und darauf bringen, daß die Gerichte endlich einschreiten. Selbstverständlich erregt der Handel ungeheures Aufsehen; denn wie sehr auch die öffentliche Meinung das ganze Panama-Geschäft verdammt, so erfreut sich doch der Name Lesseps einer Popularität, von der man glaubte, sie würde von dem Greise das Aeußerste abwenden. Durch das Verfahren will man zunächst der Verjährung zuvorkommen, die in den nächsten Tagen eintreten würde, da die als straffällig betrachteten Handlungen um nahezu drei Jahre zurückliegen. Es heißt, man möchte vor allem dem Ingenieur Eiffel, nach dem sich der bekannte, 300 Meter hohe Thurm nennt, auf die Finger klopfen. Derselbe soll mittelst verschiedener Kombinationen, die zum Mindesten ungewöhnlich waren, einen Nutzen von 25 Millionen aus dem Panama-Handel gezogen haben. Den Klägern wäre darum zu thun, die Revision der Verträge und die Rückerstattung eines Theils dieser Millionen zu erlangen. Gerüchtweise verlautet, der Credit Foncier sei geneigt, auf die Vorschläge seines Gouverneurs einzugehen und dem Panama-Geschäft wieder aufzuhelfen.
Deutsches Keich.
Berl in, 22. Juni.
* Daß die protestantischen Geueralsuperintendeuten von jetzt ab im Amte ein goldene? Brustkreuz tragen werden, ähnlich wie die kath. Bischöfe, wird in den Kreisen, die Herrn Stöcker nahestehen mit Befriedigung gesehen werden. Aber, was hilft das äußere Zeichen, wenn die innere Würde, wenn die Macht fehlt? Wir brauchen, so schrieb Herr Stöcker vor einiger Zeit in seiner Kirchenzeitung, Ausbildung unserer Kirchenverfassung nach episkopaler Seite hin, wir brauchen einen geistlichen Summepiskopus. Die Reformatoren, so sagt er, haben keineswegs die Abschaffung deS bischöflichen Regimentes gewollt; es kann nur als eine bedauerliche sachliche Unrichtigkeit betrachtet werden, wenn auf der letzten Provinzialsynode der Provinz Brandenburg das Wort gefallen ist, und zwar von Seiten eines hervorragenden positiven Laim, bie Abschaffung des bischöflichen Regimentes sei die wichtigste Errungenschaft der Reformation. Bischöfe also verlangt Herr 'Stöcker, geistliche Oberhirten, wie die kath. Kirche sie hat an Stelle des Landesherrn als obersten Bischofs. Wird er sie bekommen? Wir glauben schwerlich. Der König von Preußen wird auf den Summepiskopat so leicht nicht verzichten und wollte er es, so würden Millionen mit dem Oberpräsidenten v. Achenbach eher aus der Landeskirche austreten, als sich einem geistlich-bischöflichen Regimmte unterwerfen.
* Die Berathung der Handwerker-Konferenz unter Vorsitz des Unterstaatssekretärs Dr. v. Rottenburg ist Ende voriger Woche geschlossen worden. Ueber den Verlauf derselben wurde bekanntlich Stillschweigen verabredet, um den einzelnen Mitgliedern umsomehr Gewollte, wie konnte er sich bann mit bet Sorge für Elsbeth belasten? Eine anbere Sache wäre es schon gewesen, wenn es sich nur mehr um ihn selber gehandelt hätte, unb Viktoria bereits glücklich im eigenen Sarge begraben gewesen wäre, wie seine voraufgegangenen Lieben alle. Viktoria aber befanb sich jetzt nicht schlimmer als zu Ansang bes Winters; ihr Be- finben, ober vielmehr ihr Hebet, worin dasselbe auch bestehen mochte, blieb auf demselben Standpunkte, so daß das Kränkeln sich möglicherweise noch lange hinziehen konnte. Nein: er durfte das „anständige" Begräbniß der ihm im Grunde doch fremden Waise nicht zum Opfer bringen.
Die arme Elsbeth! Als sie bei wachsendem Dunkel so allein dasaß in dem ausgestorbenen und ausgeplün- derten Gemach, brütend über der verwirrenden Sorge um ihre nächste Zukunft, da öffnete sich sachte die Thür unb eben so sachte schloß sie sich roieber. Als bann Elsbeth bas Gesicht umwanbte, sah sie Viktoria im Zimmer stehen. Dieselbe war bie hohen Stiegen heruntergekommen — was ihres Erinnerns das letzte Mal vor vier Monaten, im Herbste, geschehen war — um Elsbeth zu trösten. Sie konnte aber nicht sofort sprechen, sondern setzte sich zuerst, um zu Athem zu kommen, schweigend neben Elsbeth nieder. Es war
legenheit zu geben, die einzelnen Wünsche offen auszusprechen. Die Vertreter der Regierungen sollen zu diesen Wünschen in der Weise Stellung genommen haben, daß die Einführung des Jmmngszwangs seitens der verbündeten Regierungen keine Aussicht auf Verwirklichung habe.
* Sozialdemokratie und Kleingewerbe. In einem Artikel des ,Vorwärts' wird die Frage erörtert: Soll ein Sozialdemokrat als Käufer die sozialdemokrati- fchen Kleinhändler unterstützen? Vielfach erheben die „Genossen", welche kleine Kaufleute, kleine Gastwirthe u. s. w. sind, den Anspruch, von den Sozialdemokraten vor den meist besser und billiger verkaufenden großen Geschäften, sowie vor den Inhabern großer Restaurants und Vergnügungs-Lokale bevorzugt zu werden. Auch in sozialdemokratischen Versammlungen hat dieser Standpunkt öfters Ausdruck gefunden. Der Artikel im 'Vorwärts' nimmt im entgegengesetzten Sinne Stellung. Der Verfasser führt aus, einerseits, daß dem Arbeiter die Außerachtlassung geschäftlicher Vortheile nicht abverlangt werden könne, andererseits, daß die Konzentration des Handels zur Beschleunigung der Entwickelung diene, wie die Sozialdemokraten sie verstehen. Als den Verfasser dieses Artikels nennt man den Abg. Singer. Ob Letzteres wahr ist, hat für den Augenblick wenig Belang. Dagegen muß darauf hingewiesen werden, daß diese Vorschläge vom sozialdemokratischen Standpunkte aus nur folgerichtig sind. Es muß der Mittelstand, sei es nun der Kleinbauer, der Kleinhändler oder der kleine Händler, erst sich selbst opfern, ehe die Sozialdemokratie ihm Hilfe auch nur verspricht.
* Für bie sozialdemokratischen Arbeiterschulen in Berlin ist ber Monatsbetrag jetzt auf 50 Pfennig erhöht worben. Die Ausgaben für bie vorhandenen 6 Schulen betragen insgesammt monatlich 2000 bis 3000 Mark. Der Verein zählt 5000 Mitglieder, von denen 2745 am Unterricht theilnahmen. Davon entfielen auf die erste Nordschule 437 Schüler, auf die zweite Nord- fchule 276, auf die Ostschule 558, auf die Westschule 290, auf die Südschule 516 und auf die Südostschule 668 Schüler. Der verhältnißmäßig größte Andrang sei zu der Stenographie zu verzeichnen, es folgten dann der Reihe nach Deutsch, Schreiben, Nationalökonomie, Geschichte, Naturwissenschaft.
* Die .Post' erklärt die Nachricht einzelner Blätter, daß der Gouverneur v. Soden eine Vermehrung der Schutztrupe verlangt habe, für falsch. Die bisher ein» gelaufenen Berichte des Frhrn. v. Soden enthalten zumeist Bestellungen für den Bau der Regierungsgebäude und Aehnliches, Berichte über Versuche mit dem an ber Küste erwarteten Emin Pascha Fühlung zu gewinnen, kurz sie sind, wie auch natürlich ist, auf das Nächstliegende gerichtet, da der Gouverneur erst Anfang April seine Thätigkeit angetreten hat. Besondere Sorgfalt wird den Vorarbeiten für die Uebernahme der Zollverwaltung seitens des Reiches gewidmet, welche definitiv am 1. Juli vor sich gehen wird, nachdem der Termin bereits einmal hinausgeschoben war.
* Bei ber am 19. b. M. stattgehabten Ersatzwahl im Landdrosteibezirk Osnabrück wurde Reichstagsab- eine grausige Stille in dem Gemach, während von draußen her das Getöse des Straßengewirres dumpf herübertönte.
Ich bin heruntergekommen, um Dich zu uns heraufzuholen", sagte Viktoria fteundlich. „Wenn Du einmal bei uns bist, wird's dem Vater schon recht fein. Du kannst ihm lieb und gut werden wie eine Tochter, wenn ich einmal dahin bin, und das kann bald kommen. Er ist augenblicklich ein wenig nachdenklich und verdrießlich; aber das wird sich geben, wenn einmal alles in Ordnung ist. Hilf mir jetzt die Trepp' hinauf, Elsbeth; unb wenn ber Vater heimkommt, wird sich schon Jemand finden, der ihm Hilst, die Bettstatt nach oben schaffen zum Lager für Dich unb mich; ich werbe bann bester ausruhen, als auf dem platten Boden."
Als Euklid eine Stunde später heimkehrte, hielt er einen Moment stille vor Frau Fells Thür, wie noch unentschlossen, was er thun solle. Dann klopfte er an. Keine Antwort. Er versuchte zu öffnen, aber die Thür war verschlossen. Wo konnte Elsbeth sein — von dem Begräbniß ber Mutter war sie boch sicher zurückgekehrt? Sollte sie möglicherweise bei Blackett Unterkunft gesucht haben? Das verwitterte Gesicht bes Alten zuckte in allen Falten, unb bie ganze Gestalt schüttelte sich w'e im Fieber, als biefer Gedanke