JM 141
Dienstaq, den 23. Juni 1891.
18. Jahrgang
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* Der preußische Landtag
ist heute Nachmittag von <S. M. dem Kaiser und König im Weißen Saale des Berliner Residenzschlosses feierlich geschlossen worden. Die Thronrede, welche der Kaiser verlas, lautete:
Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern des Landtags! Am Schluffe einer außergewöhnlich langen und arbeitsreichen Sitzungsperiode des Landtages meiner Monarchie ist es Mir Bedürfniß, Ihnen Meinen Königlichen Dank und Meine hohe Befriedigung über die gewonnenen Ergebnisse unmittelbar auszusprechen. Nicht vergebens habe Ich bei Beginn Ihrer Beratungen der Erwartung Ausdruck gegeben, daß es Ihnen gelingen werde, in vertrauensvollem Zusammenwirken mit Meiner Regierung die hochwichtigen Arbeiten, zu welchen Ich Sie berufen habe, zu einem gedeihlichen Abschluß zu bringen. Wenn auch das Ziel, an welchem Ich sesthalte, nicht in vollem Umfang erreicht werden konnte, fo darf es doch Mch und Mein Volk mit gerechter Genugtuung erfüllen, daß neben einer großen Zahl für die fortschreitende Entwicklung des Staatswesens wichtiger Vorlagen, insbesondere für die Verbesserung unseres Steuersystems nothwendige und werthvolle Grundlagen vereinbart und die Vorbedingungen für die Hebung des kommunalen Lebens in den ländlichen Gemeinden der östlichen Provinzen gesetzlich festgestellt worden sind. Die rückhaltlose Zustimmung, welche die von Mir gebilligten Pläne Meiner Regierung für die Herbeiführung einer gerechten, der Leistungsfähigkeit entsprechenden Bertheilung der öffentlichen Lasten bei Ihnen, geehrte Herren, gefunden haben, bestärkt Mch in dem festen Vertrauen, daß auch der noch rückständige Theil der auf diesem Gebiete zu lösenden Aufgaben einer gleichbefriedigende» Erledigung zugeführt werden wird. Damit wird ein wesentlicher Schritt zur Befestigung der Finanzverwaltung des Staates und der Gemeindeverbände sowie zur Förderung der Zufriedenheit Meines Volkes gethan fein. Die Durchführung der mit Ihnen vereinbarten Landgemeinde-Ordnung wird, hoffe Ich, unter Schonung der bewährten und den Bewohnern des platten Landes lieb gewordenen Einrichtungen eine lebendige Entwicklung des kommunalen Lebens sichern und das Band, welches Mein Volk mit Meinem Hause und mit Meiner Monarchie verbindet, noch fester knüpfen. Mit Freude begrüße Ich, daß durch die Ueberweisung der einbehaltenen Leistungen an die katholische Kirche die Ausgleichung der Gegensätze auf kirchenpolitischem Gebiete wesentlich gefördert worden ist. Der für das Wohl Meines Landes und Volkes unerläßliche Frieden unter den Konfessionen wird um fo sicherer erhalten bleiben, je mehr die Ueberzeugung durchdringt, daß die zu Gunsten der Kirchen erhobenen Ansprüche auf ein mit der Stellung und den Aufgaben des Staats verträgliches Maß beschränkt bleiben müffen. Hat demnach, wie Ich dankbar anerkenne, die beendete Sitzungsperiode reiche Früchte gezeitigt, so darf Ich und mit Mir Mein Volk vertrauen, daß diese Früchte nutzbar werden unter den Segnungen des Friedens, deffen Gefährdung ’U befürchten Ich keinen Anlaß habe, und den zu erhalten M u unablässiges Bemühen ist. Es wird Mich mit Genugthuung erfüllen, wenn die Kenntniß des Werths Ihrer im Verein mil Meiner Regierung geleisteten treuen Arbeit immer weitere Kreise durchdringt, und damit das Vertrauen zu Meinen landesväterlichen Absichten und zu der sorgsamen Wahrnehmung der Interessen des Volks durch seine Vertreter unvermindert erhalten bleibt. Indem Ich Sie, geehrte Herren ent-
Im Kamps um's Dasein.
Erzählung nach HeSba Stretton von H. v. Remagen.
(21. Fortsetzung.)
„Ihr habt's ja gehört, ins Gefängniß haben sie ihn geführt", antwortete Roger, einen derben Fluch, wie er es von seinem Vater gelernt hatte, hinten drem schickend. „Der in der Nähe stationirte Schutzmann war bei der Hand, bevor ich mich zu David durchgearbeitet und ihn vor ihm gewarnt hatte. Der alte Quirk ließ ihn verhaften, und da haben sie ihn ans die Polizeiwache geführt, wo er brummen muß bis morgen früh. Da rief er laut in die Menge: „Geh' einer zu meiner Mutter und sage ihr, was mir passirt ist!" Mich hat er dabei angesehen und da bin ich sofort her. Vielleicht lasten sie ihn morgen früh wieder los."
Sogar das für solche Dinge nicht scharfe Auge Rogers gewahrte doch die Veränderung bei dieser Nachricht, welche in den bleichen Zügen der Kranken vorging. Kein Laut kam über ihre Lippen. Sie brach zurück auf ihren Strohsack und wandte verzweifelnd das Gesicht gegen die Wand. Elsbeth schickte den Roger fort, löschte leise und sorglich das Taglicht aus und kroch sachte auf den Sack neben sie. Sie legte
lasse, bitte Ich Gott, daß Er auch ferner Meiner und Ihrer Arbeit zum Wohle des Vaterlandes reichen Erfolg sichern wolle.
Der Akt vollzog sich unter den üblichen feierlichen Formen. Hochrufe" auf S. M. den Kaiser und König leiteten denselben ein und schlossen ihn.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Juni.
* Die Thronrede, mit welcher der Landtag heute geschlossen wurde, beschränkt sich auf die Aufgaben, mit denen sich derselbe zu befassen hatte. Dem Kaiser war es, wie man sieht, Bedürfniß, dem Landtage seinen Dank für die gewonnenen Ergebnisse auszusprechen, wenn auch das Ziel, an dem er festhält, nicht in vollem Umfange erreicht werden konnte. Die Thronrede sagt, daß für Verbesserung unseres Steuersystems nothwendige und werthvolle Grundlagen vereinbart und die Vorbedingungen für die Hebung des kommunalen Lebens in den Landgemeinden der Ostprovinzen gesetzlich festgestellt worden sind. Der Kaiser vertraut, daß der auf dem Steuergebiete noch rück-- ständige Theil der Aufgaben einer gleichbefriedigenden Erledigung zugeführt werden wird. Unsere Partei, das Cent rum in Reichstag und Landtag, ist in der glücklichen Lage gewesen,,an dem Zustandekommen aller genannten Gesetze einen hervorragenden und doch entscheidenden Antheil zu nehmen. Das.Centrum hat zum Schluß, wenn auch natürlich oft unter Zurück- drängung mancher Wünsche, allen diesen Gesetzen meist einstimmig oder mit ganz überwiegender Mehrheit und mindestens mit sehr großer Mehrheit zustimmen können. Wir können auch vollständig die Worte unterschreiben, mit welchen der Kaiser insbesondere der Steuergesetze und der Landgemeinde-Ordnung gedenkt und der weiteren Folgen, die er von ihnen hofft. Auch die Worte berühren sympathisch, mit denen der Kaiser einer uns Katholiken speziell angehenden Frage, der Sperrgeldervorlage gedenkt: „Mit Freude begrüße Ich, daß durch die Ueberweisung der einbehaltenen Leistungen an die katholische Kirche die Ausgleichung der Gegensätze auf kirchenpolitischem Gebiete wesentlich gefördert worden ist." Der Kaiser fügt dann zu: „Der für das Wohl Meines Volkes unerläßliche Frieden unter den Konfessionen wird um so sicherer erhalten bleiben, je mehr die Ueberzeugung durchdringt, daß die zu Gunsten der Kirchen erhobenen Ansprüche auf ein mit der Stellung und den Aufgaben des Staates verträgliches Maß beschränkt bleiben müffen." Diese Ueberzeugung, sagt die .Germania', theilen auch wir und werden ihr gemäß stets handeln. Dem Kaiser zu geben, was des Kaisers, und Gott, was Gottes, ist für uns Gewissenspflicht, nach den beiden Seiten, Kirche wie Staat hin, und wir hoffen, auf dieser Grundlage schreiten wir in Deutschland und Preußen fort zu immer gedeihlicherer Entwickelung !
* Der Bundesrath hat in seiner heutigen Sitzung folgenden Beschluß gefaßt: 1) Die den Brennereien, zärtlich den Arm um das Haupt der Mutter und sprach ihr Hoffnung zu: David könne ja gar nicht im Gefängniß zurückbehalten und Quirk unbestraft bleiben, wenn die Polizei den wahren Sachverhalt erfahre. — Als Elsbeth erwachte, lag ihre Mutter noch schlaflos da und stumm, so daß sie es nicht wagte, sie allein zu lassen; fürs erste Mal seit langer Zeit trat Euklid seinen Marktgang allein an, ohne sie. Da Elsbeth Niemand hatte, den sie um Beistand hätte angehen können, so begann sie ihre kleinen Tagesgeschäfte damit, Feuer zu machen und eine Hasse Thee für die Mutter zu bereiten. Aber alles Zureden half nicht, das wohlgemeinte Labsal blieb unberührt. Es war ein dunkler, trüber Wintermorgen, und es war in dem Zimmer kaum etwas Heller geworden, als der Nachmittag auch schon wieder in den Abend überging. Im Laufe des Nachmittags kam ein Priester, der sich lange mit der Kranken beschäftigte und ihr die Tröstungen der Kirche reichte. Eine zweite kummer- und schmerzensvolle Nacht lag vor ihnen. Da kam im Zwielicht Roger verstohlen herein und schlich, sachte auftretend, an die Seite der Bettstatt, worauf Davids Mutter lag. Elsbeth saß daneben und hielt die linke Hand der Kranken sest in der ihrigen. Es war, als hätte sie gefühlt, wohin es mit der Mutter ging, und sie habe dieselbe
welche Materialsteuer oder statt dieser den Zuschlag zur Verbrauchsabgabe entrichten, durch den Beschluß vom 27. September 1887 gewährte Vergünstigung, ihr gesummtes Erzeugniß zu dem Verbrauchsabgabesatze von 50 Pf. für das Liter reinen Alkohols herzustellen, wird, soweit diese Betriebsanstalten Hefenbrühe oder Brouereiabfälle verarbeiten, vom 1. Okt. 1891 ab auf diejenigen Brennereien beschränkt, welche in einem Betriebsjahr insgesammt nicht mehr als zehn Hektoliter reinen Alkohols herstellen. 2) Die Veranlagung derjenigen Hefenbrühe oder Brauereiabfälle verarbeitenden Brennereien, welche in einem Betriebsjahre insgesammt mehr als zehn Hektoliter reinen Alkohols erzeugen, hat nach den (angeschlossenen) Bestimmungen zu erfolgen.
* Das Herrenhaus nahm heute das Wildschadengesetz unverändert in der vom Abgeordnetenhause beschlossenen Fassung an. Eine Anzahl von der Kommission vorgeschlagene Amendements wurden mit 65 gegen 53 Stimmen abgelehnt, nachdem Ministerpräsident v. Caprivi die Annahme der Abgeordnetenhausfassung dringend befürwortet und ausgeführt hatte, daß die Regierung gegenüber den Umsturzbestrebungen der Gegenwart bemüht sein müsse, alle diejenigen Punkte zu beseitigen, welche angreifbar seien. Dazu gehöre die Wildschadensfrage. Nur so könne sie ihre Position derart befestigen, um übertriebene Anforderungen entschieden zurückzuweisen. Von anderen Rednern wurde darauf hingewiesen, daß es sich darum handele, das Einvernehmen des Klein- und Großgrundbesitzes aufrecht zu erhalten und daß um eines so wichtigen Prinzips willen man wohl Opfer bringen müsse. Die Vertreter der Kommissions-Beschlüsse bezw. die Gegner der Vorlage machten dagegen geltend, daß durch das Gesetz die Agitation nicht beseitigt, wohl aber Vexation in's Land getragen werden würde. Nachdem der Präsident den üblichen Geschäftsbericht über den Verlauf der Session erstattet hatte, verlas Ministerpräsident v. Caprivi eine königliche Kabinetsordre, welche den feierlichen Schluß der Session auf Nachmittag 4 Uhr festsetzt. Mit einem vom Präsidenten, Herzog von Ratibor, ausgebrachten, begeistert aufgenommenen, dreimaligen Hoch auf Se. Maj. den Kaiser und König schloß die Sitzung.
• In der heutigen Sitzung des Abgeardnetenhauses verlas vor Eintritt in die Tagesordnung Minister v. Bötticher ein kgl. Schreiben, welches die Mitglieder des Hauses zum Erscheinen im Schloß zu Berlin, Nachm. 4 Uhr, behufs Schlusses der Landtagssession einladet. Sodann erledigt das Haus eine Reihe von Petitionen. Abg. Reichensperger (Ctr.) spendet dem Präsidenten den Dank des Hauses, nachdem Jener die übliche Geschäftsübersicht gegeben. Präsident schließt die Sitzung mit Zmaligem Hoch auf den König. Das Haus stimmt ein. Schluß 21/« Uhr.
♦ Reichskommissar, Major v. Wißman» ist von Lauterberg a. H. wieder in Berlin eingetroffen.
* Aus Essen, 20. Juni, schreibt man der ,Frkf. Ztg.': Das Fr.-Telegramm der ,Frks. Ztg.' hat hier nicht geringe Verwunderung erregt. Ich bin in der Lage, Ihnen folgende Richtigstellung zu übermitteln. Herr Fr. machte gestern hier die Bekanntschaft des mit Gewalt bei sich halten wollen. Seit Rogers Schreckenskunde am Abend vorher hatte sie noch, außer mit dem Geistlichen, kein Wort gesprochen, ja sich noch kaum eben geregt. Jetzt vernahm sie den Ton semer leisen, von ehrfürchtiger Scheu bewegten (Stimme; sie schlug die Augen nnf und richtete dieselben fest auf den Knaben. Derselbe beugte sich zu ihr nieder und lispelte ihr zu mit bebender Stimme: „Er hat wieder drei Monate bekommen. Nehmts Euch nicht allzusehr zu Herzen, Frau Fell! Wer kommt nicht einmal eine Zeitlang ins Gefängniß in seinem Leben?"
Die Lippen der Sterbenden bewegten sich in krampfhaftem Zucken, während die Lider sich langsam über die gläsernen Augen herabsenkten. Noch einmal thaten diese sich groß auf, aber starr, wie ins Leere gerichtet, als Elsbeth sich über die Kranke hinbeugte und ihr laut den Mutternamen zuries. „Er wär gewiß ein rechtschaffener Mann — geworden--gleich seinem
---Vater." Dann folgte ein letztes röchelndes Ausathmen, und die Arme hatte den Kampf ums Dasein ausgekämpft.
Fluch und Segen.
Fünf Bretter und zwei Brettchen, dazu vier Schuh Erde war alles, was das reiche England der armen