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Sonntag, den 21. Juni 1801.
18. Jahrgang
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'13MT Hierzu eine Beilage. MAT
* Die Wahlen in Hollands
die am Dienstag vollzogen wurden, haben einen Umschwung herbeigeführt. Die im Jahre 1888 gewählte Kammer zählte 45 Liberale. 27 Antirevolutionäre oder Orthodox-Protestanten, 26 Katholiken und je einen Konservativen und Sozialdemokraten. Da die Liberalen wegen ihrer Uneinigkeit und Programmlosigkeit in die Minderzahl gedrängt wurden, so mußten sie die Regierung abgeben, die nunmehr von den vereinigten Katholiken und gläubigen Protestanten übernommen wurde. In der Schulfrage gingen beide Hand in Hand, und sie setzten auch durch, daß der Staat jetzt auch die freien, d. h. die kirchlichen Schulen unterstützt, wodurch die bisherige Doppelbesteuerung der Bürger zu Schulzwecken aufgehoben wurde. Die Liberalen hatten sich nun aufgerafft und das Ergebniß der Wahlen ist ihnen günstig. Das Berhältniß der Zahlen in der Kammer war bisher 45 Liberale und 54 Antiliberale; bei den Wahlen am Dienstag sind die Antiliberalen in die Minorität gedrängt worden, denn sie haben 5 Sitze verloren, haben also nur noch über 49 Mandate zu verfügen. Der bisherigen Regierungsmajorität ist also ihre verfassungsmäßige Grundlage, die Majorität in der Kammer, entzogen; sie bat demnach die Regierungsgewalt niederzulegen. Die Liberalen haben ihre Spaltungen überwunden und in einem neuen Programm zu allen Fragen und Forderungen der Gegenwart Stellung genommen. Ihr Bund, die „Liberale Vereinigung", hat ein Programm ausgearbeitet, das folgende Forderungen enthält: 1. Die Ausdehnung des Wahlrechtes auf alle holländischen Staatsbürger, welche volljährig sind und in selbstgeschriebenenl Gesuche an die Behörden um die Verleihung des Wahlrechts nachsuchen; 2. die Einführung einer progressiven Einkommensteuer, Regelung der Patente, Entlastung der ärmeren Steuerklassen auf Kosten der Reichen, gerechtere und gleichmäßigere Vertheilung der Steuerlast im Allgemeinen; 3. Durchführung des persönlichen Heeresdienstes und einer durchgreifenden Landesverthei- digung; 4. Vornahme einer ausgedehnten Sozialgesetzgebung nach deutschem Muster, Einführung der Sonntagsruhe, der Unfall- und Krankenversicherung u. s. w.; 5. Einführung des obligaten Schulunterrichts, und 6. besondere Berücksichtigung des Kolonialbesitzstandes. Die Katholiken waren mit ihren Verbündeten längst unzufrieden, da sie, die doch an Zahl ihrer Vertreter in der Kammer den Orthodvx-Protestanten nahezu gleich standen, doch im Ministerium nur zwei Sitze hatten. Den Hauptzankapfel bildete aber die Reform des Militärwesens. Die Protestanten hatten sich entschlossen, zur Abschaffung der ungerechten Stellvertretung die Hand zu bieten, und die Regierung hatte der Kammer einen Gesetzentwurf vorgelegt, welcher die persönliche Wehrpflicht einführt und auch sonstige Verbesserungen der Landesvertheidigung anbahnt. In der Debatte über diesen Entwurf fanden sich die Protestanten an der Seite der Liberalen; die Katholiken
Im Kamps ums Dasein.
Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.
(Fortsetzung aus der Beilage.)
Alle Nerven und Muskeln seines Körpers bebten in Wuth. „Das ist Marie Fell's Ring," behauptete der Versatzmann hartnäckig zum andernmal. „Die Marie Fell kennt man: Die stiehlt, die säuft, die treibt noch Schlimmeres." Diese ehrenrührigen Worte gegen seine Mutter waren noch nicht ganz ausgesprochen, da saß David dem grauen Sünder auch schon an der Kehle. Die Gefängnißkost hatte ihm Mark in die Knochen gegeben, und so war er seinem Gegner wohl gewachsen. Hieb folgte dem Hieb, Stoß auf Stoß. Der streitige Ring fiel dabei auf den Boden und wurde zertreten. Wie herbeigezaubert umgab sofort eine dichte Zuschauermenge die Kämpfenden. Man sah zu, als handele es sich um einen Sport. Wer von den Umstehenden den Versuch gemacht hätte, das widerliche Schauspiel zu beendigen, der würde von den übrigen scheel angesehen worden sein. Jeder ausgetheilte Puff wurde preisgekrönt, jede momentane Niederlage mit einem ermunternden Zuruf ausgewetzt. Von Parteinahme für den einen oder anderen war dabei kaum die Rede — die Keilerei an und für sich schuf das Plaisir, und
aber, die zuvor Miene gemacht hatten, in ihrer Ge- sammtheit der Reform Widerstand zu leisten, spalteten sich. Der vernünftigere Theil unter Führung Dr. Schaepmans nahm eine wohlwollendere Haltung an, während die Exttemen auf ihrem Widerspruch beharrten. Dr. Schaepman reiste im ganzen Lande herum, um nicht bloß für die Fortdauer des Bündnisses mit den Protestanten zu wirken, sondern auch den Zwist unter seinen eigenen Leuten zu verhüten. Aber es war Alles umsonst.
Und nun haben sie es, wie sie es wollten — die Herrschaft ist dahin! Der persönliche Heeresdienst, der nur eine Forderung der Gerechtigkeit gegen die minder Bemittelten ist, kommt doch, das Stellvertretungssystem wird abgeschafft und jeder Holländer militärpflichtig. Hätten die extremen Katholiken diese vernünftige Forderung zugestanden, so hätten sie ihr Bündniß mit den konservativen Protestanten aufrecht erhalten können und damit wohl auch die Mehrheit in der Kammer behalten. Sie haben es nicht anders gewollt. Möge man sich in Deutschland die Lehre aus diesem Vorgänge merken. Unter den 84 Distrikten sind 79, welche je einen Abgeordneten zu wählen haben, während Amsterdam durch 9, Rotterdam durch 5, Haag durch 3, Utrecht und Groningen durch je 2 Abgeordnete Der« treten werden, in Summa 100. Von diesen 100 Abgeordneten waren bisher 44 liberal, 28 antirevolutionär oder orthodox protestantisch, 26 katholisch, 1 sozialdemokratisch, 1 konservativ. Aus den Neuwahlen sind hervorgegangen 41 liberale, 21 katholische und 12 anti- revolutionäre Abgeordnete, während in 26 Distritten eine engere Wahl nothwendig ist, die am 23 d. M. vollzogen werden wird.
Der Ausfall der Wahl verhindert auch die so sehr nothwendige, aber von den Liberalen beharrlich verhinderte Theilung der großen Städte in einzelne Wahlbezirke. Jetzt haben sämmtliche größere Städte eine liberale Verttetung und die 21 Sitze, worüber sie verfügen, werfen das entscheidende Gewicht in die Wagschale. Die großen katholischen und gläubig-protestantischen Minoritäten in den Hauptstädten bleiben gänzlich ohne Vertretung. Von den 22,025 Wählern der Hauptstadt hat der radikale Abgeordnete Heldt die größte Stimmenzahl, 8721, auf sich vereinigt, der liberale Gleichmann mußte sich mit 6862 begnügen; die 2477 resp. 2702 Stimmen aber, die katholische und antirevolutionäre Kandidaten auf sich vereinigten, verhallten ganz ungehört. Daher erttärt sich auch die geringe Betheiligung an den Wahlen in den größeren Städten, weil die Antiliberalen doch von vorn herein wissen, daß sie nicht zum Ziele gelangen. Wäre die Stadt dagegen in 9 Bezirke vertheilt, wovon jeder einen eigenen Abgeordneten zu wählen hätte, so müßten die Liberalen in Amsterdam wenigstens 3 Sitze abgeben. In Rotterdam würden sie ebenfalls 2, in Haag, Utrecht und Groningen je einen Sitz abgeben müssen. Und diesen Herren hat ein Theil der Katholiken durch eine unbegreifliche Verblendung, durch das unverständige Hinstarren auf einen untergeordneten Punkt den Sieg in die Hände gespielt. Die holländischen Katholiken haben sich bei dieser Wahl als politisch unreif erwiesen.
was man fürchtete, war nur, daß das Spektakel durch eine vorzeitige Entscheidung zu früh zu Ende komme. Jetzt lagen die beiden Faustkämpfer am Boden, David oben auf. „Was ist denn los?" fragte ein Schutzmann, der sich mit amtlicher Entschiedenheit durch Ellenbogenstöße den Weg durch die Menge gebahnt hatte und einen Augenblick dem Handgemenge ruhig zusah. David hieb in einem fort auf feinen Feind los, während dieser sich abarbeitete, um wieder auf die Füße zu kommen. Der Schutzmann nahm den Jungm von hinten am Kragen, ohne daß dieser merkte, wer ihn gefaßt halte, und sich, ohne das Gesicht von dem Pfandleiher abzuwenden, durch Schütteln des Oberkörpers frei zu machen suchte. Blind und taub vor Wuth schrie er dem Versatzmann zu: „Den Ring meiner Mutter will ich heraus haben." „Ich verlange seine Verhaftung, Herr Sergeant," rief der Pfandleiher, des Schutzmannes ansichtig werdend und denselben in seiner Seele als Erlöser begrüßend. Bei dem Worte „Sergeant" durchzuckte es David wie ein elektrischer Schlag. Nun war alles verloren, denn daß er zuerst zur Selbsthilfe geschritten war, das konnte David nicht in Abrede stellen, und dieser eine Umstand brach ihm der Polizei gegenüber den Hals. „Ich hab' ihm nichts gethan, Herr Sergeant, aber er ist aus mich losgesprungen wie
Deutsches Deich.
Berlin, 19. Juni.
* In parlamentarischen Kreisen gilt es als wahrscheinlich, daß der Schluß des Landtages für morgen (Sonnabend), Nachm. 3 Uhr, in Aussicht genommen ist. Ob der Att in feierlicher Weise im Weißen Saale des kgl. Schlosses durch den Kaiser, oder in einer gemeinschaftlichen Schlußsitzung beider Häuser im Sitzungs- faale des Abgeordnetenhauses durch den Ministerpräsidenten von Caprivi bezw. den Staatsminister v. Bötticher erfolgen wird, steht noch nicht fest.
* Das Kaiserpaar wird am 28. d. M. in Hamburg eintreffen und sich nach kurzem Aufenthalt daselbst mit dem neuen Schnelldampfer „Fürst Bismarck" nach Helgoland begeben.
* lieber die Zukunft des Ceutrums äußerte sich der Abg. Dr. Lieber auf der oberhessischen Katholiken- Berfammlung in Friedberg wie folgt: „Wenn man uns heute Alles auf dem Präsentirteller bringen würde, was man uns an Rechten und Freiheiten vorenchält, dann dürfen wir erst recht nicht auseinander gehen. Denn an dem Tage, wo wir uns wieder unter die anderen Parteien verkrümelten, würde Alles verloren sein. Die Aussichten hängen von unserer Einsicht ab, je mächtiger die Einsicht, daß wir zusammenstehen müssen, desto besser sind die Aussichten für die Zukunft." Gleichzeitig behandelt auch das Münchener Fremden- btatt' in mehreren Artikeln das Centrum als politische Partei. Wir entnehmen demselben folgende beachtenswerthe Stelle:
„Föderalismus und strengster Monarchismus sind die Grundlagen des Deutschen R«ches und seiner Einzelstaaten. DasCen- trum hat diese großen politischen Grundprinzipien schon bei der Gründung zu Ecksteinen seines Programms gemacht und war darum aus die breiteste politische Grundlage gleich bei seinem Entstehen gestellt; die Zukunft mit ihren Wirrnissen wird wie die Vergangenheit zeigen, daß das Centrum auf diesem Boden alle seine Kräfte anstrengen muß, um das Recht zur Geltung zu bringen. Und darin liegt auch eine sichere Gewähr festen Bestandes des Centrums. Auf den anderen politischen Gebieten hat das Centrum mehr oder weniger Berührungspunkte mit den anderen politischen Parteien, aber ersetzt werden kann es durch keine. Wenn wir vom Schutzzoll reden, so wissen wir, daß das Centrum allein die Einführung des Schutzzoll-Systems und dessen Durchführung ermöglichte. Sprechen wir von der Arbeiterversicherung, so muß immer wieder anerkannt werden, daß die grundlegenden Gesetze nur durch die Zustimmung des Centrums möglich wurden und durch Forderungen desselben ihre Formen erhielten. Wird der Arbeiterschutz erörtert, so muß eingeräumt werden, daß hier das Centrum das treibende Element unter den bürgerlichen Parteien war u. s. w. Das Centrum steht auf dem Boden des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts, es läßt die verfassungsmäßige Mitwirkung des Volkes bei der Regierung nicht schmälern, es vertritt die bürgerliche Freiheit in allen Lagen und das gleiche Recht für Alle. Das ist liberale Methode; die Konservativen erkennen äußerlich diese Dinge nur mißmuthig an, und daß sie, wo es nur angeht, der absolutistischen Zeit wieder die Hinterthüren öffnen, ist ja bekannt. So ist das Centrum allerdings eine Partei, welche eine feste politische Grundlage und einen so eigenartigen politischen Charakter hat, daß sie sich sehr wesentlich auch politisch von den übrigen Parteien unterscheidet. Und als solche müssen wir sie zu erhalten suchen. Auch wenn die Kirche absolut frei sein wird, wenn das letzte Mißtrauen, daß die beseitigten Zustände wiederkehren könnten, entfernt ist, müssen wir das Centrum hoch halten, denn es hat neben seiner kirchenpolitischen Mission die wichtigsten rein politischen Aufgaben zu erfüllen und dem Staate wie
ein Tiger," klagte der gewiffenäreine Versatzmann. „So ist es," rief ein in der Thür des Hauses stehendes Weib. „Ich hab' von Anfang an zugefehen. — Der junge Galgenvogel ist eben erst aus dem Käfig gekommen — seht nur den geschorenen Kopf!" Dieser Hinweis erregte ein allgemeines Halloh der Buben, mit denen die Menge gemischt war und unter welcher mehr als einer sich befand, der es hundertmal eher verdient hätte, mit einem geschorenen Kopfe gekennzeichnet zu werden, als David. Bleich, mit hängendem Kopfe, wie ein begossener Pudel, stand David da, unter der Faust des ihn zwei Schuh überragenden Schutzmannes. Ein beim Vorübergehen stehen gebliebener, wohlgekleideter Handwerker drängte sich nun facht heran und fragte David: „Was hast Du mit dem Manne? Wenn ich recht gehört, handelt es sich um einen Ring? . . ." David wollte antworten, aber der Schutzmann wehrte das ab. „Das sind meine Sachen nicht," sagte er scharf; dann, zu dem Pfandleiher sich wendend: „Sie verlangen die Verhaftung dieses Jungen?" „Ich bin Hausbesitzer und Steuerzahler — ich fordere seine Verhaftung." „Vor dem Polizeigerichte magst Du Dich Deiner Haut wehren," sagte der Schutzmann zu David. „Wenn Du recht hast, wird Dir Recht werden, aber jetzt mußt Du mit mir.“