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18. Jahrgang

Freitag, den 19. Ium 1891.

TV 138

MlicrWZeitiiiig

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«iertelsLhrlickei A d o n u - m e nt sv re i s ohne Bn-rgerlohn und Bestellgeld mit der belletristisch. Sonntagsbeilage ® t et neu n bä tu m e n unb dec alle 14 Tage erscheinenden <Sratt»beil-M ,Rathgeber für Landwirlhfchast, Gartenbau und Hausrnesen^ in ^utda und auswärts 1 Mart 50 Pfennig.

* Rede Fusangel's im Prozeß Daare. -

Nach der Replik und Duplik der Herren Rechts­anwälte nahm der Angeklagte Fusangel das Wort:

Im Anschlüsse an die letzte Bemerkung des Herrn Dr. Schultz muß ich mich entschieden gegen die An­nahme verwahren, als ob ich Herrn Frielinghaus in jeder Beziehung mit Herrn Baare über einen Kamm scheeren wollte. Herr Frielinghaus existirt für mich bloß soweit, als er im kommunalen Leben Bochum's eine Rolle spielt; politisch ist er niemals besonders her­vorgetreten, und als Arbeitgeber ist sein Benehmen durchaus nicht herausfordernd. Man darf überhaupt nicht vergessen, daß der Mittelpunkt meiner Artikel Baare ist und die übrigen Persönlichkeiten nur in Be­zug auf ihn in Betracht kommen. Baare ist für mich der Typus der Profitwuth, des gewissenlosen Ausbeu- terthums und politischer Tyrannei. Ich bin daher durch das Ausscheiden des Falles Baare aus dieser Verhand­lung in meiner Vertheidigung beschränkt.

Nach den glänzenden und überzeugenden Darlegun­gen meiner Herren Vertheidiger will ich bei der vor­gerückten Stunde nicht näher auf die Behauptungen der Anklage eingehen. Nur eins zu fügen sei mir noch gestattet. Der Herr Rechtsanwalt Tewaag hat auf meine „Unverbesserlichkeit" hingewiesen und behauptet, wegen meiner vielen Vorstrafen müßte ich diesmal ganz exemplarisch gestraft werden. Es ist richtig: Ich bin während meiner 17jährigen journalistischen Thätigkeit nicht weniger als 22 Mal bestraft worden. Meine Strafen vertheilen sich auf zwei Perioden. Die erste derselben erstreckt sich von 1874—1879, wo der Kul­turkampf in feiner Blüthe stand. Ich behaupte, daß ich damals meiner Pflicht als katholischer Redakteur schlecht genügt hätte, wenn ich Preßstrafen aus dem Wege gegangen wäre; ich behaupte aber auch, daß kein preußischer Gerichtshof heutzutage in der Mehrzahl jener Prozesse wegen Bismarck-Beleidigung nebst Zu­behör ein verurtheilendes Erkenntniß fällen würde. In den Jahren 1879—1884 habe ich keine Preßstrafen erlitten. Aber als ich im Jahre 1884 nach Bochum kam, begann ich sofort wieder, mich in die „Verbrecher­laufbahn" hineinzustürzen. Warum? Darum! In Bochum herrschen Zustände, wie vielleicht nirgends sonst in der Welt. Dort sitzt die Korruption auf dem Throne, und wer sich nicht vor ihr beugt, wird mit den schlechtesten Mitteln verfolgt. Es ist ganz unglaub­lich, was Herr Baare und seine Helfershelfer gegen mich in Scene gesetzt haben. Daß ich mich gegen die Gesellschaft mit Händen und Füßen wehre, wird mir Niemand verübeln, charakteristisch jedoch bleibt auf jeden Fall, daß, während man sich mir gegenüber Alles erlaubt, man mich für jede Kleinigkeit verklagt.

Mit sehr deplazirter Entrüstung haben der Rechts­anwalt Schultz und, wenn auch in bei Weitem nicht so maßloser Weise, die Herren Tewaag und Dr. Schwe- ring meine Thätigkeit in der Presse kritisirt. Dr. Schultz hat mich einen schmähsüchtigen Mann genannt, der sich aus blindwüthigem Hasse mit Leuten wie Köh­ler und Lauffs gegen den würdigen Ehrenmann Baare

Im Hamps ums Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.

(17. Fortsetzung.)

„Nun cs wird Dir doch nicht so ganz einsam hier vorkommen, Vater, wenn ich einmal dahin bin," sagte Viktoria eines Tages.

„Wie meinst Du das, liebe Viktoria?" fragte er.

„Du hast jetzt die Elsbeth," antwortete sie mit wehmüthigem Lächeln; „ihr zwei müßt zusammenhalten, um Euch nicht beide verlassen zu fühlen. Die Frau Fell ist nahe ihrem Ende, und ich wohl auch."

„Fühlst Du Dich denn schlimmer, Viktoria?" fragte er besorgt.

„Das nicht," war die Antwort, „aber der Winter will ja gar kein Ende nehmen. Es ist kaum Tag ge­worden, da kommt schon wieder die Nacht, und ich liege hier in meinem trüben Sinnen. Wären nicht die Verse und Sprüche der seligen Mutter mir im Ge- dächtniß — ich wüßte nicht, was beginnen. Den einen davon hab ich mir heute wohl schon hundertmal vor­gesagt."

„Dann laß auch mich ihn einmal hören, liebes Kind!"

Viktoria's Stimme nahm eine tiefere und feierliche Klangfarbe an, indem sie begann:

verschworen habe. Er hat mich beschuldigt, unter der Maske der Religion ein frivoles Spiel zu treiben und einen Abgrund von Lieblosigkeit, Haß und Bosheit zu verbergen. Nach Schultz erstrebe ich die moralische Vernichtung meiner Gegner und stürze mich mit ver­brecherischer Absicht in die maßlosesten Angriffe. Ich sei ein schreiender Mißstand, der die friedliche Eintracht stört, und es träufele Schlangengift von meinen Lippen. Herr Rechtsanwalt Tewaag ergeht sich nicht in solchen Maßlosigkeiten, aber er wirft mir doch blinden Partei­haß vor und spricht von Auswürfen der Preßfreiheit, und Herr Rechtsanwalt Schwering kann sich trotz seiner im Ganzen bemerkenswerth ruhigen Sprache nicht ent­halten, mich als die Zuchtruthe Bochum's zu bezeichnen und schließt seine Rede mit dem Stoßseufzer: „Erlöse uns vom Uebel. Amen."

Die Herren Vertreter der Nebenkläger verlangen mit großem Nachdrucke die Sühne der ihren Klienten angeblich zugefügten Beleidigungen. Aber während sie dies thun, häufen sie Beleidigungen so schwerer Art auf mein Haupt, wie sie von mir noch niemals aus­gesprochen worden sind. Gesetzt den Fall, ich ver­wendete alle die Rohheiten, welche Herr Dr. Schultz sich mir gegenüber herausgenommen, in einem Artikel gegen seinen Freund und Parteigenossen Baare. Welche Strafe würde der sicherlich alsdann vor sittlicher Ent­rüstung überschäumende Herr gegen mich beantragen? Die Herren sind ja, als sie mich in der Weise belei­digten, offenbar sehr erregt gewesen; allein diese Ent­schuldigung kann auch ich für mich in Anspruch nehmen; denn ohne schwere und anhaltende Reizung unterliege ich nicht der Versuchung, meine Gegner zu beleidigen.

Der hohe Gerichtshof hat an den maßlosen Aus­fällen des Dr. Schultz, der bedeutend älter, aber noch viel erregter ist, als ich, den Beweis dafür, wie leicht man über die Schnur hauen kann. Sollte er daher auch wirklich zu der Annahme kommen, daß ich wegen formellerBeleidigung inStrafe genommen werden muß, so wird er doch weit hinter dem von der Staatsanwaltschaft beantragten Strafmaße zurückbleiben, als es bewiesen ist, daß ich schreiende Mißstände aufgedeckt und mir da­durch in Staat und Gemeinde ein nicht geringes Ver­dienst erworben habe.

Deutsches Keich.

Berlin, 17. Juni.

* Einen köstlichen Beitrag zur Angst dar Jesuiten und ihren „Affiliirten" liefert die Donau-Zeitung. Derselben wird „Vom Inn" geschrieben: Passau und mit ihm das Deutsche Reich sind unlängst einer großen Gefahr glücklich entronnen. Ein Barmherziger Bruder aus Linz, welcher im benachbarten Inn- Viertel Geschäfte hatte, wollte sich bei dieser Gelegen­heit die Frohnleichnamsprozession in Passau ansehen. An der Grenze wurde er indeß angehalten und einem scharfen Verhör unterzogen. „Sind Sie ein Jesuit?" Und er sprach: „Ich bin keiner." „Oder sind Sie ein Redemptorist?" Und er antwortete: „Nein". „Wer

Was immer Dich mag kränken. Der es geführt heran, Weiß es auch so zu lenken, Daß es ist wohlgethan.

Auf ihn leg' Deine Sorgen, Der auf Dich legt die Last; Wer weiß, ob Du nicht morgen Sie ausgetragen hast.

„Ja, ja!" seufzte Euklid; „ich erinnere mich, diese Verse hat sie oft vor sich hin gesungen, fromm tute ein Gebet."

„Für meine Begräbnißkosten wird's wohl jetzt aus­reichen, Vater?"

„Gewiß, liebes Kind, dafür reicht's; es bleibt, wenn Dir das zum Tröste dient, auch noch übrig für ein bischen schwarzes Zeug für Elsbeth, damit sie Dich als Schwester betrauere."

„Sie ist stärker, als sie aussieht, Vater, und kann sich Dir recht nützlich machen. Ich bin froh in dem Gedanken, daß Du sie zu Dir nimmst, wenn ich dahin bin. Die wäre wohl im Stande, von ihrem Verdienst für Dich so viel zusammen zu sparen, wie Du für mich jetzt erspart hast; das heißt, Vater, wenn Du selber es nicht mehr fertig brächtest."

„Das werd' ich, mit Gottes Hilfe, selber noch leisten können, und dann habe ich mein Tagewerk er­füllt, wie ich es Deiner Mutter gelobte, und bin

sind Sie denn, wenn Sie weder ein Jesuit noch ein Redemptorist sind?" Und er antwortete: „Ich bin nur ein Barmherziger Bruder aus Linz." Erst auf diese beruhigende Zusicherung hin durfte er seine Straße weiter ziehen.

* Fürst Bismarck leidet in Folge der schlechten Witterung wieder an einem Anfall des in früheren Jahren häufiger als jetzt auftretenden Uebels des Hexen­schusses, der den Fürsten in der körperlichen Bewegung zwar etwas behindert, im Uebrigen aber seine Gesund­heit in keiner We se affizirt.

* Das Herrenhaus nahm heute die Gesetzentwürfe betr. den Privathandel mit Staatslotterieloosen, die Ergänzung und Erweiterung des Staatseisenbahnnetzes (Sekundärbahnvorlage) und die rheinischen Gewerbe­gerichte an. Dem Staatsminister v. Maybach, welcher der Verhandlung beiwohnte, wurden anläßlich des be­vorstehenden Ausscheidens aus seinem Amte vom Grafen Frankenberg und anderen Rednern Anerkennung für seine Verdienste ausgesprochen. — Morgen Etat.

* Heute nahm das Abgeordnetenhaus in nament­licher Abstimmung mit 175 gegen 97 Stimmen das Wildschadengesetz an. Sodann wird durch Akklamation an Stelle des Abg. Dr. Weber der Abg. Dr. Sattler (ntl.) zum Mitglied der Staatsschuldenkommission er­nannt und das vom Herrenhause zurückgelangte Gesetz über die außerordentliche Armenlast in der Herrenhaus­fassung angenommen. Bezüglich des Gesetzentwurfs betr. die Verlegung des Buß- und Bettags beantragt die Kommission Ablehnung des Gesetzentwurfs und Anheimstellen der Regierung mit den kirchlichen Be­hörden beider christlichen Konfessionen in Unterhand­lung wegen eines gemeinschaftlichen auf einen Mittwoch am Ende des Jahres fallenden Buß- und Bettag zu treten. Das Haus nimmt den Kommissionsantrag an. Sodann werden Petitionen erledigt. Nächste Sitzung Donnerstag. Tagesordnung: Vorausleistungen bei Wegebauten rc. Schluß 21/2 Uhr.

* Zur Erinnerung an den Besuch des Kaisers in Konstantinopel im November 1889 hat der Sultan 500 Stück bronzirte Kupfermedaillen mit dem deutschen Wappen schlagen lassen. Alle Personen, welche bei jener Begegnung anwesend waren, werden eine solche Medaille erhalten, so auch das damalige Gefolge des Kaisers.

* Nach einer Kabinetsordre haben die an Kaiser- manövern theilnehmenden Kürassier-Regimenter zu den bei dieser Gelegenheit stattfindenden Paraden fortan ohne Kürasse zu erscheinen.

• Das .Deutsche Kolonialblatt' veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung vom 3. Juni, betr. das straf­gerichtliche Verfahren gegen die zur Kaisers. Schutz­truppe für Deutsch-Ostafrika abkommandirten Militär­personen.

* Die Stadt Mannheim befaßt 1872 40 Gast­häuser und 91 Schanklokale; nach 10 Jahren, im Jahre 1882, unter der Einwirkung des Gewerbe­gesetzes 34 Gasthäuser und 204 Schanklokale. Jetzt Ende 1890 befanden sich dort neben 56 Gasthäusern 406 Schanklokale, es haben sich somit die konzessio-

bereit, auch abzufahren. Es ist eine arge, elende Welt, diese Welt!"

VIII.

Der geschorene „Züchtlingskopf".

Drei Kalendermonate, nachdem David Fell dem Gefängnisse übergeben worden war, wurde er entlassen in die alte Freiheit. Es waren drei Monate regel­rechter Zucht und Pflege. Er hatte hinreichende Nahrung erhalten, war geschützt gewesen gegen die winterliche Kälte bei Tag und Nacht und zu allen für Geist und Körper zuträglichen Uebungen angehalten worden. Drei Monate solcher förderlicher Sorge für sein leibliches Befinden hatte er vordem noch nicht gehabt, er war in der kurzen Zeit sichtlich gewachsen an Kräften. Auch der Schulunterricht, den er genossen, war nicht zu unterschätzen; er konnte jetzt viel besser lesen und schreiben, denn er war ruhiger und gesammelter ge­worden, seit er seiner Mutter sein Schicksal erzählt hatte. Ebenso hatte er es mit seinen Schuhflickstudien so weit gebracht, daß er ein Paar Stiefel sauber aus- besfern konnte. Der Gefängnißdirektor zählte ihm alle diefe Errungenschaften auf, als er chn zur Abschieds­ermahnung vor sich stehen hatte. „Und nnn, Bursch," fuhr er fort, „sorge, daß wir hier so bald nichts mehr von Dir sehen und hören müssen! Es ist dies das