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Donnerstag, den 18. Juni 1891.

18. Jahrgang

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Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Ionntagsbeilage .Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Srohtoeuagi .Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

der 1. Kavallerie-Brigade, Generalmajor v. Nagel- Stichberg kommandiren.

Ausland.

* Zum Eisenbahn-Unglück bei Mönchenstein meldet Wolffs Bureau vom 16. d.: Bis heute 10 Uhr Vor­mittags waren 60 Leichen geborgen. Die Regierung von Basel beschäftigt sich mit der Frage einer gemein­schaftlichen feierlichen Beisetzung der Verunglückten. In die Haftpflicht sollen sich außer der Jurabahn, auf welche ein Drittel entfallen dürfte, die St. Gotthard- bahn, die Centralbahn, die Nordostbahn und die Ver­einigten Schweizerbahnen auf Grund des Vertrages von 1885 theilen. Zu Gunsten der Verwundeten und der Hinterbliebenen der Verunglückten haben Sammlungen von Geldspenden begonnen. — Aus Basel verlautet amtlich, daß noch 100 Leichen unter den Trümmern liegen. Dann betrüge die Totalziffer ca. 200 Todte.

— Nach Mittheilung der Direktion der Jura- Simplon-Bahn datirt die Brücke, welche eine Oeffnung von 41 Meter hat, aus der Mitte der 1870er Jahre. Die Eisenkonstruktion wurde von Eiffel in Paris ge­liefert. In Folge der großen Ueberschwemmung von 1881 wurde ein unterwühltes Widerlager durch Holz­mann & Co. in Frankfurt pneumatisch neu fundirt. Schon seit längerer Zeit fanden Revisionen der Eisen­konstruktion statt, deren Querträger dann voriges Jahr nach vom Eisenbahn-Departement genehmigten Plänen verstärkt wurden; die Hauptträger hatten sich nach Rech­nung als stark genug erwiesen.

* In Zürich hat sich ein „Sozialdemokratischer Verein zur Bekämpfung des gewohnheitsmäßigen Alko- holgenusies" gebildet, dessen Mitglieder, weil die mo­dernen Trinksitten und das Wirthshausleben sowohl der Entwickelung des Einzelnen schädlich, als auch „dem Fortschritt der sozialdemokratischen Bewegung" hinderlich sind, auf den regelmäßig wiederkehrenden Genuß berauschender Getränke verzichten. Darunter rechnen sie den Genuß alkoholischer Getränke bei den täglich üblichen Mahlzeiten, die Früh- und Abend­schoppen u. s. w.

* Die Meraner Zeitung', welche seit Jahren un­ablässig für Aufforstung und Wildbachverbauung kämpft, bringt eine Anzahl eklatanter Beispiele der tröst- und kopflosen Waldwirthschaft in Tirol. In Martell und Schnals ist der Wald bis auf kärgliche Ueberreste in Form von Faßdauben nach Italien gewandert. Das letzte Stückchen Lärchenwald unterhalb von Karthaus, welches eine sehr gefährliche Stelle der brüchigen Lehnen schützt, hätte auf Erlaubniß der Forstbehörde abgeholzt werden sollen, allein die Gemeinde protestirte dagegen. In Trafoi müssen die Bewohner mehrerer Höfe jedes Frühjahr zur Zeit, wenn die Lawinen ab­gehen, ihre Häuser verlassen und im Freien lagern, bis die Gefahr vorüber ist. Noch vor wenig Jahren waren diese Höfe durch große Felsblöcke gedeckt und vollkommen sicher, allein man verwendete die Steine zum Bau des Forts Gomagoi und die Bewohner wurden dadurch selbst den Lawinen preisgegeben. In Ampezzo wird jetzt sogar der Bestand an Legföhren, die große Schotterhalden in den Dolomiten bedecken,

Deutsches Keich.

B erlin, 16. Juni.

* Der Kaiser hat dem Präsidenten des Abgeord­netenhauses, Herrn v. Köller, aus Anlaß des 25- jährigen Jubiläums, welches derselbe als Vertreter desselben Wahlkreises begeht, mit einem eigen­händigen Glückwunschschreiben sein Bildniß — Kupfer­stich in prächtigem Goldrahmen — überreichen lassen. — Der .Reichsanzeiger' theilt mit, daß der Kaiser gestern dem Minister des Innern sein lebensgroßes Bildniß mit einer gnädigen, die erfolgreichen Bemüh­ungen um das Zustandekommen der Landgemeinde­ordnung anerkennenden Kabinetsordre überreichen ließ. — Der Kaiser hat aus seiner Privatschatulle 200,000 M. zum Bau des vierten Thurmes am Dom zu Naumburg bewilligt und dabei den Wunsch aus­gesprochen, daß mit den Vorbereitungen sofort begonnen werde und dieselben so weit gefördert werden, daß der Monarch bis zu seinem Eintreffen in Naumburg im Herbst d. I. persönlich die letzten Entscheidungen treffen kann.

* Eine Petition, welche kürzlich an den Kaiser von 70 preußischen Städten mit nur je einer höheren Schule gerichtet worden ist, enthält die Bitte, es möchte die Reform des höheren Schulwesens auf der Grundlage eines einheitlichen Unterbaues für alle höheren Schulen erfolgen.

* Das Herrenhaus nahm den Antrag des Herrn v. Woyrsch auf Anrechnung der Militärdienstzeit bei den Assessoren an. Staatsminister v. Bötticher erklärte dabei, daß sich die Regierung bereits mit der Sache beschäftigt und beschlossen habe, daß die Ausgleichung bei Feststellung des Dienstalters erwünscht sei. Die Grundsätze hierfür sollen in kommissarischen Verhand­lungen der betheiligten Ressorts festgestellt werden. Angenommen wurden ferner die Gesetzentwürfe, betr. die Vorausleistungen für Wegebauten und betreffend die Beförderung und Errichtung von Rentengütern. Morgen: Privathandel mit Lotterieloosen, Sekundär­bahnvorlage, rheinische Gewerbegerichte.

* In der heutigen Sitzung nahm zunächst das Abgeordnetenhaus in der Berathung die Wegeordnung für die Provinz Sechsen in der Fassung der Regie­rungsvorlage an und setzte hierauf die Berathung des Wildschadengesetzes fort. Die Vorlage wird im Wesent­lichen mit den Kompromißanträgen Huene angenommen, wobei man aus dem Hause die Ansicht aussprach, daß das Gesetz sich nicht lange der Gesetzeskraft erfreuen werde, da es mit dem Wegfalle der Regreßpflicht nur eine Exemtion der großen und der fiskalischen Forsten von dem Wildschadenersatz bedeute, hingegen der kleine Besitz den Wildschadenersatz tragen müsse; deshalb entspreche die Vorlage dem Sinne des Volks nicht. Folgt die Berathung der aus Anlaß des Antrags Korsch (kons.) vorgeschlagenen Resolution. Bezüglich derselben beantragt die Kommission den Uebergang zur Tagesordnung. Das Haus beschließt demgemäß. In Rücksicht auf den Antrag Walther (frk.), bezüglich Be­seitigung der durch die Hochwasser von 1890 herbei­geführten Schäden beschließt die Kommission Uebergang

Im Kaurpf ums Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.

"(16. Fortsetzung.)

„Nun heißt's, den Augen die Kost geben," sagte er. „Ein Vogel, der aufpaßt, findet auch sein Würm­chen. Die geringen Leute verzehren ihr Frühstück zei­tig, da gilt's bei der Hand sein. In den vornehmen Straßen brauchst Du Deine Zeit gar nicht zu ver­lieren, Elsbeth. Du mußt Dich auf die kleinen Plätz­chen werfen, auf Sackgassen und die Straßen, wo sonst geringe Leute wohnen. Unsere Kunden sind die Ar­beiter. Wenn die reichen Herrschaften erst aufstehen, dann müssen wir unser Geschäft schon bald gemacht haben; im übrigen nehmen diese zum Frühstück auch keine Kresse, sondern Schinken und Eier und andere, warme Sachen. Die Sackgassen und Höfe empfehle ich Dir ganz besonders. Geh' langsam, halb so schnell, als man sonst geht. Halt' die Augen auf die Thüren und Fenster, damit Dir niemand entgeht, der Dich etwa herbeiwinken möchte. Und nun an's Werk. Ich werde hier an der Straßenecke aufpassen und horchen, ob Du Deine Sache recht machst. Rufe recht laut: „Kresfe! Frische Brunnenkresse!"

Euklid sah Elsbeth nach, wie sic langsam dahin-

zur motwirten Tagesordnung, die Petitionen zur Sache der Regierung als Material zu überweisen und die Regierung um eine Centralbehörde für den Wasserbau zu ersuchen. Das Haus nimmt den Kommissionsantrag an. — Nächste Sitzung Mittwoch. Tagesordnung: Kleine Vorlagen. Schluß 3 Uhr.

* Zur Theuerungsfrage wirft „ein kleiner Mann" im .Apoldaer Tagebl.' die öffentliche Frage auf, wann endlich das Schweinefleisch billiger würde? „Seit Monaten bereits" — so schreibt er — „sind die Ein­fuhr ver bote ausgehoben, und der Preis für den Centner lebend Gewicht ist von 60 M. auf 43 M. zurückgegangen, was auf das Pfund 17 Pf. ausmacht, und doch ist hier das Schweinefleisch immer noch so theuer wie vorher." — Was sagen die Freisinnigen und sonstigen Befürworter der völligen Aufhebung der Getreidezölle dazu?

* Die direkten Ausgaben für berauschende Getränke in England und Irland betrugen 1890 nach einer auf die amtlichen Angaben gestützten Berechnung 2800 Millionen Mark. Deutschland gibt jährlich allein für Trinkschnaps 500 Millionen Mark und etwa eine Milliarde für Bier aus. Diese Ziffern geben doch wohl zu erwägen, ob dieser übertriebene Genuß geistiger Getränke nicht etwas eingeschränkt und ein Theil dieser enormen Summen für Zwecke verwendet werden könnte, die wichtiger für die menschliche Wohlfahrt sind, wie übermäßiges Trinken.

* In den Monaten April und Mai d. I. betrug die Einnahme an Wechselstempelsteuek im Deutschen Reiche 1,363,431 Mark — 62,233 Mark mehr, als in den gleichen Monaten des Vorjahres.

* Trier, 14. Juni. Das Bischöfl. Generalvikariat bringt anläßlich der bevorstehenden Ausstellung des hl. Rockes im Kirchl. Amtsanzeiger die Dekrete der Kirche in Erinnerung, wodurch es verboten ist, daß irgend ein Buch, welches von heiligen Dingen handelt, ohne Namen des Autors und ohne Approbation des zuständigen Bischofes herausgegeben, verkauft oder be­wahrt werde. Der Pfarrklerus wird ersucht, den De­votionalienhandel während der Ausstellung genau zu überwachen. — Nach einer Bekanntmachung des Ober­bürgermeister-Amtes ist es für die Einwohner Trier's in Folge der veränderten Gesetzgebung nicht mehr wie 1844 angängig, während der Ausstellung des hl. Rockes auf einen bloßen polizeilichen Erlaubnisschein hin den Betrieb einer Gast- oder Schankwirthschaft zu eröffnen. 1844 erhielten über 400 Personen die Ge­nehmigung zum zeitweiligen Betrieb derselben. Heute ist die Sache mit größern Schwierigkeiten verknüpft. Die Konzessions-Ertheilung kann nämlich nur durch den Stadtausschuß geschehen, welcher zunächst die einschlä­gigen Verhältnisse, Räumlichkeiten, Persönlichkeit des die Erlaubniß Nachsuchenden, Bedürfnißfrage u. s. w. zu prüfen hat.

* Die Gesammtleitung des diesjährigen Kaiser­manövers in Bayern übernimmt der Kommandeur des 1. Armeekorps, Prinz Leopold. Prinz Arnulph, gegen­wärtig Kommandeur der 1. Division, wird das 1. Armeekorps führen. Die 1. Division wird der soeben zum Generallieutenant beförderte bisherige Kommandeur

schritt. Ihr Rufen wurde mit ihrer klaren, Hellen Stimme eher ein Singen. „Es wird schon gehen," sagte er und wandte sich dann mit einem tiefen Seufzer zu seinem eigenen Geschäfte. Seine Stimme klang ihm selber heiser und hohl in die Ohren, überhaupt fühlte er sich heute hinfälliger als sonst, gerade als ob ihm plötzlich ein paar Jahre zugelegt worden wären. Er stand im Sechzigsten und dafür war er noch rüstig und ausdauernd genug; aber heute sank ihm doch der Kopf etwas tiefer in die vorausgebeugten Schultern. Er hatte auch in den schlimmsten Tagen nicht so viel Hunger zu leiden gebraucht, als er im Nothfalle hätte ertragen können, und was die Sauberkeit und Ganzheit seiner Kleider betraf, so hatte er sich neben Leuten seiner Art immer mit Ehren sehen lassen können. Heute aber sah er den Abgrund hilflosester Armut auch vor seinen eigenen Füßen gähnend sich austhun, und sein Herz wurde schwer bei dem Gedanken, daß er sammt Vik­toria in diese Tiefe hinabstürzen könnte. „Die Armen­kommission!" murmelte er halblaut durch seine Zahn­reste hindurch, als er dem trockenen Gaumen einen Augenblick Ruhe gönnte vom Ausrufen. „Die Armen­kommission! Und das letzte Kind ins Armenhaus! Das letzte dann nicht im eigenen Sarge begraben wie die übrigen alle! Die Armenkommission! Gott halte

meine alten Knochen aufrecht!" Wie als wenn diese Erwägungen ihn mit neuer Kraft erfüllt hätten, schritt Euklid nun wieder rüstiger vorwärts, und lauter Hub er wieder an mit dem Ausrufen seiner Kresse. Er hatte heute mehr Glück, als gewöbulich und wurde so viele Bündelchen seiner Waare los, daß er sich und Viktoria einen der besten Aarmouther Vollheringe gönnen zu dürfen glaubte. Er wählte denselben im betreffenden Laden mit solcher Vorsicht aus, als ob er damit den Auftrag einer Prinzessin zu erfüllen gehabt hätte. Dann setzte er befriedigt den Heimweg fort. Er hatte bei seinem Getrampel von gewiß drei Wegs­stunden durch die Stadt für seine Tagesarbeit zwei Schillinge verdient. Davon blieben nach Abzug der Unterhaltungskosten für ihn und Viktoria und der Wohnungsmiethe sieben bis acht Groschen übrig, die man dem Schatze beifügen konnte. „Laß' uns das Ganze einmal nachzählen," sagte er, nachdem sie mit Behagen ihren Thee verzehrt hatten. Er zählte die Silber- und Kupferstücke auf die umgestülpte leere Seifenkiste, welche ihnen, je nachdem sie dieselbe auf den Kopf oder auf die Seite stellten, als Tisch oder als Sitz diente — da klopfte es plötzlich an die Thüre. Diese hatte weder Schloß noch Riegel, sondern wurde durch eine an derselben befestigte Schlinge zugehalten,