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W. Sozialdemokraten oder Singerianer?

Früher hörte man häufig reden von Marxisten oder Lassalleanern. Man wollte damit die­jenigen Arbeiter bezeichnen, die den Judensohn Karl Marx, resp. den Juden Lassalle als ihren Führer an­erkannten. Wie hat man demnach diejenigen zu nennen, die den Juden Singer zu ihrem obersten Leiter gemacht haben? In unserer Ueberschrist liegt die Antwort. Singerianer ist ihr Name. Nicht Sozialisten, nicht Sozialdemokraten, sondern Singe­rianer sind sie und sollten sie deshalb auch heißen. Fragt man heute einen Arbeiter, der früher auf Bebel oder Liebknecht fchwörte, zu welcher Partei zählst denn Du? Was antwortet er, wenn er die volle Wahrheit sagen will? Ich zähle zur Partei Singer, muß er sagen. Von Sozialismus oder Sozialdemokratie wissen ja fast 100 Prozent jener Arbeiter keinen klaren Begriff zu entwickeln. Ja, die Meisten können nicht einmal sich selbst über die eigent­lichen Ziele der Sozialdemokratie Rechenschaft geben. Am leichtesten und deutlichsten für den Arbeiter jener Sorte bleibt daher die Vorstellung: Ich bin Singe­rianer. „Ich bin Mitglied der Gesellschaft Singer und Co." „Singer ist unser Befreier, unser Moses, unser Erlöser, unser König." „Was Singer sagt, ist das Richtige; was Singer will, das muß ge­schehen" ....

In der That ist es aufmerksamen Beobachtern nicht entgangen, daß der Jude Singer sich die Allein­herrschast über das sogen. Proletariat errungen hat. Freilich hätten es die Herren Bebel und Lieb­knecht im Voraus wissen können, daß Herr Singer „die von seiner Firma Abhängigen" als „ Arbeits­maschinen" auszunutzen meisterhaft versteht. Man hätte Grund genug gehabt, zu befürchten, daß die ganze sogenannte sozialdemokratische Partei von Singer tyrannisirt und an der Nase herumgeführt werden würde! Oder sollte man vergessen haben, was in dem Prozesse „Singer-Bachler-Dopp" das gerichtliche Er- kenntniß sagte:

„Die von der Firma (Singer!) Ab­hängigen waren für sie eigentlich weiter nichts als Arbeitsmaschinen, die für dieFirma ausgenutzt wurden, soweit sie nach denBerhältnissen sich ausnützen ließen und ausnützen lassen mußten. Daß sie im Uebrigen auch Menschen waren, kümmert die Firma jedoch nicht."

Trotzdem und alledem ist die Thatsache nicht zu leugnen: Es giebt in Deutschland heute weder Marxisten noch Lassalleaner, noch unabhängige Sozialdemokraten, sondern nur Singerianer.

Deutsches Keich.

Berlin, 13. Juni.

• Fürstbischof Dr. Kopp bringt zum Sperrgelder­gesetz im Herrenhause einen Antrag ein, wonach aus

Im Kamps ums Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. P. Remagen.

(14. Fortsetzung.)

„Wo kommt der Brief her?" fragte Elsbeth in ängstlicher Spannung. „Ist er vom David?"

„Ah, von David Feü, eurem lieben Sohn," las Euklid. „Aber er kommt aus dem Gefängniß! David sitzt in Haft." Euklid's grauer Kopf neigte sich vorn­über, und seine Worte wurden zu einem heiseren Ge­murmel. War's da ein Wunder, daß die Mutter bei dieser Erfahrung in todesähnlnhe Ohnmacht fiel?! Das Armenhaus war schrecklich, aber das Gefängniß war doch noch verabscheuungswürdiger und entehrender. Er stand einige Augenblicke im Nachdenken versunken. David war immer in einer gewissen Art sein Lieb­ling gewesen; er sah gern in das offene Knabengesicht und kannte ihn, wenn sie auf der Straße einander nabe kamen, an seinem munteren Pfeifen und Singen aus zwanzig anderen Knaben heraus. Wenn er einmal gar zu heiser war, um seine Kresse auSzurufen, dann brauchte er David nur herbeizuwinken, der ihm dann willig das Körbchen durch die Straßen vortrug und ihm seine Helle Stimme lieh. Und dieser David war nun Sträfling in einem Gefangenenhause. Jetzt drang ihm ein schwacher Zuruf ins Ohr. Er kam von der

dem Rest des Fonds, dem sogen. Diözesanfonds (also nicht nur, wie das Abgeordnetenhaus beschlossen hatte, aus dessen Zinsen), emeritirte Geistliche unterstützt und (wiederum abweichend von den Beschlüssen des anderen Hauses) auch Theologiestudirende und geistliche Bildungs­anstalten unterstützt, sowie die Einkommen gering dotirter Hilfsgeistlichen in staatlich anerkannten Pfarreien auf* gebessert werden können.

* Die Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft haben das .Berliner Tageblatt' mit Bezug auf bestimmte Fälle neueren Datums vor der Verbreitung falscher Börsen- geriichte gewarnt; im Wiederholungsfälle soll dem .Ber­liner Tageblatt' bezw. dessen Berichterstatter die Bör- sm-Eintrittskarte entzogen werden. — Das .Berliner Tagebl.' erblickt darin einen Eingriff in die Preßfreiheit.

* Das Herrenhaus beschloß das Rentengütergesetz in einmaliger Schlußberathung zu erledigen, nahm den Gesetzentwurf, betreffend Pensionirung der Kommunal­beamten in den rheinischen Landgemeinden und den Vertrag mit Oldenburg und Bremen betr. die Kanali- sirung der Außen-Weser an und berieth dann aber­mals über die Landgemeindeordnung. Die vom Ab­geordnetenhause beschlossenen Abänderungen wurden durchweg angenommen. Zu § 48 lag ein Antrag des Grafen Klinkowström vor, wonach die ein mehrfaches Stimmrecht gewährenden Steuersätze für eine Gemeinde durch Ortsstatut, für einen Kreis auf Antrag des Kreisausschuffes durch Beschluß des Provinzialland­tages erhöht, bezw. ermäßigt werden können. Gegen den Antrag sprachen Ministerpräsident v. Caprivi, Staatsminister a. D. von Puttkamer und die Grafen zu Stolberg-Wernigerode und Pfeil, dafür Graf Mir­bach, Frh. von Maltzahn und Frh. von Manteuffel. Der Antrag wurde schließlich mit 94 gegen 48 Stimmen abgelehnt und das ganze Gesetz definitiv mit 99 gegen 38 Stimmen angenommen. Montag: Sperrgeldergesetz.

* Heute berieth das Abgeordnetenhaus das Wild­schadengesetz, welcher vom HerrenhcuAi» abgeänderter Form zurückgelangt ist. Die Hauptänderung, welche des Herrenhaus vorgenommen hat, ist die Streichung des § 5, des sogen. Regreß-Paragraphen, wodurch der Anspruch auf Wildschadenersatz überhaupt unzulässig wird. Zahlreiche Anträge sind gestellt, u. a. ein Antrag v. Huene, welcher eine Vermittlung zwischen den Be­schlüssen beider Häuser anzubahnen versucht. Um diesen Antrag v. Huene und die Zulässigkeit der Kommissions- berathung dreht sich die Generaldiskussion. Für den Antrag v. Huene sprechen v. Rauchhaupt (kons.), Strutz (frk.), v. Bßvda (nl.), dagegen die Redner des Centrums und der Freisinnigen. Schließlich wird die Kommissions- berathung abgelehnt und in die Spezialdiskussion ein­getreten. In derselben wird § 1 nach dem Beschluß des Abgeordnetenhauses wieder hergestellt; die §§ 2 und 3 bleiben unverändert. Der Abg. Papendieck (dfr.) beantragt einen neuen Regreß-Paragraphen, der Abg. Brandenburg dagegen Wiederherstellung des vom Herrenhaus verworfenen, s. Z. vom Abgeordnetenhaus angenommenen Regreß-Paragraphen. In der Abstim­mung über diese Anträge stellt sich die Beschlußunfähig­keit des Hauses heraus. Nächste Sitzung: Montag 1 Uhr.

Kranken. Hinzutretend blickte er ihr in das aschfarbene Gesicht mit einer feinen eingesunkenen Augen fast fremd gewordenen weichherzigen Rührung. „Seid so gut, Euklid, und lest mir den Brief laut vor," lispelte sie mit sichtlicher Anstrengung; die zuckenden Lippen wollten ihr kaum dienstbar sein. Euklid las die paar Zeilen laut und vernehmlich; dann faltete er das Papier wieder zusammen und legte dasselbe der Mutter zur Hand. „Nur Bettelns wegen!" ächzte er. „Drei Monate Gefängniß, weil er für seine Mutter gebettelt hat! Gott sei uns allen gnädig! Aber in Ordnung ist die Sache nicht. Die Richter, sollt' man sagen, müßten doch auch menschlich fühlen, wie unsereins, und doch schicken sie den Jungen drei Monate ins Gefängniß, weil er seine Mutter nicht verhungern lassen wollte. Wenn sie sich nur die Zeit genommen hätten, zu sehen, was sie da gemacht haben! In diesem Falle haben sie sich ganz gewiß übereilt, sonst würden sie einen Jungen, wie den David, sicher nicht so bestraft haben, den Sohn einer ehrbaren, arbeitsamen Mutter, die als Wittwe zwei Kinder zu ernähren hat. Gott sei uns allen gnädig!"

„Nur Bettelns wegen!" schluchzte die arme Frau, während ihr die Thränen stromweise die eingesunkenen Wangen herabrannen. „Nur Bettelns wegen!"

„Nehmt's nicht allzu schwer!" mahnte Euklid, „er

Tag.-Ordnung: Gewerbegerichte, Wildschaden. Schluß 4 Uhr.

* Der ,Reichsanzeiger' bringt folgende Notiz: Das Ergebniß der vorjährigen Ernte im deutschen Reiche stellt sich nach einer überschlägigen Berechnung des jetzt vorliegenden Materials beim Waizen auf etwa 2,839,000 Tonnen (zu je 1000 Kilogramm), beim Roggen 5,877,000 Tonnen und bei Kartoffeln auf 23,320,000 Tonnen. Nach dem Durchschnitt der 10 Vorjahre 1880/1889 bezifferte sich der Ertrag beim Waizen auf etwa 2,479,000 Tonnen, beim Roggen auf 5,702,000 Tonnen und bei Kartoffeln auf 23,884,000 Tonnen.

* lieber die Ausbreitung der kath. Kirche in Nord­westdeutschland gibt das Hamburger ,Kath. Kirchen­blatt für die nordischen Missionen' folgende Zusammen­stellung. Die Stationen zählen zur Zeit rund 50,000 Katholiken und 46 Geistliche, zu welchen noch 4 Mis­sionspriester hinzugekommen sind. Die größte Mission ist Hamburg. Eine Zusammenstellung der Missionen ergibt Folgendes: Hamburg 20,000 Katholiken und 9 Priester, Bremen 6000 und 5, Nordostsee-Kanal 5000 und 3, Altona 5500 und 4, Kiel 3000 und 3, Bremerhafen 2760 und 2, Schwerin 2500 und 2, Lübeck 2000 und 2, Flensburg 1600 und 2, Wands- beck 1500 und 1, Rostock 1000 und 1, Neumünster 800 und 1. Von den 50 Geistlichen gehören 12 der Diözese Münster an, 32 sind aus der Diözese Osna­brück, je 1 aus Kulm, Wien, Paderborn, Hildesheim und Breslau.

* Der Landwirthschaftsrath von Elsaß-Lothringe« beschloß, daß der Zusatz von reinem Zucker zu Wein vom Deklarationszwang befreit sein soll; dagegen soll der Zusatz von Wasser und Zucker nur bei einem be­stimmten Mindestgehalt an Säuren und Extrakten zu­lässig und innerhalb dieser Grenzen dem Deklarations­zwang unterworfen fein.

* Straßburg, 14. Juni. Heute Vormittag 11 Uhr wurde durch den Statthalter Fürsten zu Hohenlohe eine Ausstellung von Maschinen und Werkzeugen des Kleingewerbes eröffnet. Der Statthalter wurde bei seinem Erscheinen von Maler Herbst als dem Präsidenten des Gewerbevereins, welcher die Aus­stellung selbstständig ausgeführt hat, begrüßt. Der Statthalter besichtigte in Begleitung des kommcmdiren- den Generals von Lewinski, des Staatssekretärs von Puttkamer, sowie der Unterstaatssekretäre v. Schraut und v. Köller während zweier Stundeit die Ausstellung und sprach seine volle Anerkennung aus. Alle größeren deutschen Firmen haben sich an dem Unternehmen be- theiligt, im Ganzen über 100 Aussteller mit gegen 1000 Objekten. Die Ausstellung wird drei Monate dauern.

Ausland.

* • London, 11. Juni. In einer heute Abend ab­gehaltenen Versammlung der Omnibus-Bediensteten wurde der Strike für beendet erklärt. Die Ange­stellten werden die Arbeit morgen wieder aufnehmen. — Lord Salisbury sandte an Baron Rothschild ein wird brav wieder nach Hause kommen, und da werd' ich mich an Eurer Statt des Jungen ein bischen an­nehmen."

Aber es wollte Frau Fell nicht gelingen, sich wegen ihres Kindes zu trösten. Das war ja fast etwas All­tägliches, daß der eine oder andere Junge aus der Straße in's Gefängniß abgeführt wurde, aber das war fast ausnahmslos Diebstahls wegen, und sie war überzeugt, es werde ihr Niemand glauben, daß David nur wegen Bettelei festgesetzt worden sei. Wie wird der alte Blackett nun triumphiren! Seine älteren Söhne waren als Diebe bekannt, und er arbeitete un­ablässig daran, auch den jüngeren Roger auf die Ver­brecherlaufbahn hinüberzuleiten, in der Hoffnung, seiner auf diese Weise ledig zu werden. Daß ihr David aber jemals in's Gefängniß kommen werde, das hatte sie nicht einmal im Traume gefürchtet. Sein Vater war ein ehrsamer, fleißiger Arbeiter, der sich rühmte und rühmen konnte, Niemandem auch nur einen Spahn von Fingerlänge entwendet zu haben, und sie hatte bis dahin der frohen Gewißheit gelebt, daß auch David einer derartigen Versuchung nicht unterliegen werde, und wäre diese Versuchung noch so stark.

Und auch heute war David nicht zum Dieb ge­worden — das war sie sicher — aber er saß wie ein Dieb im Gefängniß! In einem fort unterbrach sie ihr