Beilage zu Nr. 134 der „Fuldaer Zeitung".
Sonntag, den 14. Juni 1891.
Adresse der Centrums-Fraktion des Reichstages an
Herrn Kardinal Paulus Melchers.
Hochwürdigster und Erlauchter Herr.
'r' Hochzuverehrender Herr Kardinal!
ffss Euer Eminenz begehen am 5. f. Mts. das seltene Fest der 50. Wiederkehr des denkwürdigen Tages, an welchem Hochdie- selben unter die Schaar der Gesalbten des Herrn ausgenommen worden sind.
Wenn auch Euere Eminenz viel Schweres und Schmerzliches nach Gottes unerforschlichem Rathschluß während dieses langen Zeitabschnittes zu erdulden hatten, so wird der Rückblick auf denselben dennoch Euere Eminenz mit dem innigsten Danke gegen den Allmächtigen erfüllen, welcher Seine Gnaden in mächtigen Strömen über Euere Eminenz ausgegossen und Hochdieselben als Seinen muthigen und starken Bekenner zum leuchtenden Beispiel und hehren Führer hingestellt hat für die ganze Welt, ganz besonders aber für diejenigen, welche den hohen Vorzug genießen, Euerer Eminenz als deutsche Landsleute nahe zu stehen.
Der denkwürdige Kampf, welchen die Katholiken Deutschlands für die Freiheit der heiligen Kirche seit 20 Jahren führen, ist mit dem Namen des hochwürdigsten Kardinals Paul Melchers auf das Engste und das Rühmlichste verknüpft; schwer wird es der Kirchengeschichte einst werden, ob sie diesen hohen Kirchenfürsten unter die Zahl ihrer heiligen Bekenner oder unter die der heiligen Märtyrer einreihen soll; jedenfalls verehren auch schon in der Gegenwart alle deutschen Katholiken Euere Eminenz als das ehrwürdigste und geliebteste Opfer des Kulturkampfes.
Die Fraktion des Centrums des deutschen Reichstages kann sich gewissermaßen als die Vertretung der deutschen Laienwelt betrachten; ihre Mitglieder haben zu allen Zeiten in hoher Bewunderung und Verehrung, sowie mit unerschütterlichem Vertrauen zu Euerer Eminenz heraufgesehen, sei es, daß Hochdieselben die ehrwürdige Erzdiözese Köln von Ihrer Metropole aus regierten, sei es, daß Sie als Verbannter im Auslande weilten, sei es endlich, daß Euer Eminenz die erhabene Stelle einnahmen, welche Hochdieselben gegenwärtig im höchsten Rathe unserer heiligen Kirche bekleiden; ganz besonders weiß ich aus unmittelbarer Wahrnehmung, mit welcher Verehrung, Liebe und welchem Vertrauen die beiden Hingeschiedenen Führer des Centrums, Frhr. zu Franckenstein und Dr. Windthorst, an Euerer Eminenz hingen.
Zur Zeit ist der Reichstag nicht versammelt, jedoch bin ich überzeugt, im Sinne aller Mitglieder der Centrums - Fraktion desselben, der Verstorbenen wie der Lebenden, zu handeln, wenn ich heute im Namen der Centrums-Fraktion als ein Glückwünschender am Fuße des Thrones Euerer Eminenz erscheine.
Möge Gott der Allmächtige Euere Eminenz stärken und noch lange in ungeschwächter Kraft erhalten zu Seiner Ehre, zum Wohle Seiner heiligen Kirche, zum Heile des deutschen Vaterlandes und zur dankbaren Freude aller deutschen Katholiken; möge der Allgütige Euerer Eminenz noch die reife Frucht Ihres opfervollen Lebens und Leidens gewähren, nämlich, daß Hochdieselben die vollständige Wiederherstellung der Freiheit unserer heiligen Kirche in Deutschland noch erleben möchten; möge endlich das väterliche Wohlwollen und die apostolische Liebe Euerer Eminenz den Mitgliedern der Centrums-Fraktion des deutschen Reichstages stets erhalten bleiben; im Namen derselben verspreche ich, daß wir uns bemühen werden, dieses hohen Vorzuges immer
würdiger zu werden, indem wir uns an dem hehren Beispiel Euerer Eminenz aufrichten.
Indem Euere Eminenz ich unterthänigst bitte, diese gehorsamsten Wünsche der Centrums - Fraktion des deutschen Reichstages gnädigst entgegen nehmen zu wollen, habe ich die Ehre, mit unbegrenzter Verehrung zu zeichnen.
Hochwürdigster und Erlauchtester Herr Kardinal
Euerer Eminenz
unterthänigster Diener
Franz Graf Ballestrem, Vorsitzender der Centrums-Fraktion des deutschen Reichstages.
Schloß Plawniowitz bei Rudzinift (Oberschlesien), den 30. Mai 1891.
Das katholische Portugal an Mndthorst's Kahre.
Der „verehrlichen Familie Ludwig Windthor st 's" ist, nach der Berliner »Germania', folgendes Schreiben im portugiesischen Original und mit deutscher Uebersetzung des Herrn Ministers a. D. Grafen von Samodacs in Porto zugegangen:
„Hochverehrte!
Vereinigt in dieser Stadt Braga zu einem katholischen Kongreß, dem ich in meiner Eigenschaft als Metropolit zu präsi- diren die Ehre hatte, umgeben von andern Prälaten dieses Kirchsprengels wie außerhalb desselben, und der aus einer außerordentlich großen Anzahl von Geistlichen und Laien aus den verschiedenen Theilen Portugals zusammengesetzt war, be- riethen wir viele wichtige religiöse und soziale Fragen.
Unter den Zeitgenossen ist der Name des vor Kurzem aus dem Leben geschiedenen Ludwig Windthorst einer der bekanntesten und verdienstvollsten; übte er doch in Deutschland, seinem Vaterlande, und weit darüber hinaus den mächtigsten Einfluß aus, daß das Reich Jesu Christi sich über alle Völker ausbreite. Der Kongreß konnte eines so ausgezeichneten Streiters für die katholische Sache nicht ^uneingedenk bleiben, nachdem der Tod ihn den Lebenden entrissen hat, unter denen er eine so hervorragende Stellung einnahm.
Demgemäß faßte der Kongreß folgendenBeschluß:
Der Kongreß gibt seinem schmerzlichsten Bedauern über das Ableben des Herrn Ludwig Windthorst, des Heerführers der Katholiken Deutschlands, Ausdruck und spricht seiner Familie sowie der Centrumspartei sein tiefstes Beileid aus.
In Ausführung dieses Beschlusses habe ich die Ehre, mich der gejammten Familie des Verewigten zu nahen und ihr die Gefühle des Kongresses, welche auch die meinigen sind, bekannt zu geben.
So groß und erhaben waren die Tugenden des beweinten Dahingeschiedenen; so. hervorragend die Dienste, welche er der katholischen Kirche leistete, daß zu hoffen steht, seine Seele werde den wohlverdienten Lohn finden; iudeß werde ich zu Gott dem Barmherzigen beten, daß er sich eines so edlen Geistes erbarme.
Mit größter Hochachtung zeichne ich mich
Ihrer Aller ganz ergebenster Diener
gez. f Antonio, Erzbischof-Primas." Braga, den 8. Mai 1891.
Gemäß dem oben mitgetheilten Beschlusfe der portugiesischen Katholikenkongresses in Braga ist auch dem Centrum im Original und mit deutscher Uebersetzung ein Schreiben zugegangen, welches also lautet:
„Hochverehrte Herren!
Die Nachricht von dem Tode Sr. Excellenz, des Herrn Ludwig Windthorst, Führers des katholischen Centrums in Deutschland, hat überall den schmerzlichsten Eindruck hinterlaffen.
Es war, nachdem dieser Trauerfall eingetreten war, daß in der Stadt Braga ein Kongreß der Katholiken zusammentrat, dem ich in meiner Eigenschaft als Metropolit zu präsidiren die Ehre hatte, unterstützt von dem Erzbischof von Portalegre, den Bischöfen von Lamego, Coimbra und Briganza und von Vertretern anderer portugiesischer Prälaten. Derselbe faßte unter andern Beschlüssen religiösen und sozialen Inhalts auch den: der katholischen Centrumspartei in Deutschland das tiefste Beileid aller in der Versammlung vereinigten Theilnehmer auszusprechen.
Unauslöschlich eingetragen in die Geschichte der gewaltigen Kämpfe für die Freiheit der katholischen Kirche sind die ausgezeichneten Verdienste des berühmten Vertreters für Meppen- Lingen während des Krieges gegen den Kulturkampf und die bekannten Maigesetze des Ministers Falk. Nicht weniger werden dem Gedächtniß erhalten bleiben die Siege, welche er in den Diskussionen gegen den gewaltigen Reichskanzler errang, der trotz seines großen Einflusses und seines Prestige dem Vorkämpfer für die katholischen Wahrheiten niemals ungestraft gegenübertrat.
Der Tod war ein schwerer Verlust für Deutschland und für die Kirche. Den Grabhügel decken deshalb die Kränze Deutschlands, obenan derjenige seines erhabenen Kaisers, und von den Höhen des Vatikans ertönt die mächtige Stimme Leo XIII., der Windthorst's hohe Verdienste verkündet hat.
Der katholische Kongreß zu Braga verbindet seine Stimme mit derjenigen des hl. Vaters, und im Vertrauen auf die göttliche Vorsehung hofft er, daß die gute Sache in Deutschland keinen Schaden erleide durch das Ereigniß, welches für den berühmten Dahingeschiedenen der Sabbath der Ruhe und des Lohnes wurde, und daß die Partei, an deren Spitze er stand, nicht aufhöre, sein Werk zum Ende zu führen.
Mit der vollsten Hochachtung zeichne ich Ihrer Aller sehr ergebenster
gez. f Antonio, Erzbischof-Primas." Braga, den 8. Mai 1891.
Die auf dieses ergreifende Schreiben telegraphisch abgesandte Antwort an den hochwürdigsten Herrn Erzbischof-Primas lautet in Uebersetzung wie folgt:
Euer Erzbischöflichen Gnaden beehren sich die Unterzeichneten unterthänigst für das gnädige Schreiben zu danken, durch welches Hochdieselben uns Mittheilung zu machen geruheten von der aus Veranlassung des Hinscheidens unseres verehrten Führers, Herrn Windthorst, beschlossenen Beileidsbezeugung des katholischen Kongresses zu Braga.
Wir sind unendlich dankbar für dieses Zeichen der Theil- nahme unserer portugiesischen Mitbrüder.
Die Vorsitzenden der Centrumsfraktionen des deutschen Reichstages und preußischen Abgeordnetenhauses.
Graf Ballestrem. Freiherr v. Heereman.
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