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JV 134 Sonntag, den 14. Juni 1891. 18. Jahrgang

FuldaerWZkitililg

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aMBT* Hierzu eine Beilage.

* Ueber ;wei nationalliberale Größen

schreibt die ,D. Reichsztg.":

Zwei Potentaten, die Herren B a a r e - Bochum und Massenez-Hörde, die bisher als die Bannerträger unserer nationalliberalen Großindustriellen galten, sind in den letzten Tagen von ihrem Throne gestürzt und dem Urtheil der öffentlichen Meinung in einer für sie nicht beneidenswerthen Weise überantwortet. Man muß in der westfälichen Mark leben und mit den Ver­hältnissen bekannt sein, um die ganze Wucht dieser Er­eignisse zu erfassen, man muß wissen, welche Rolle Herr Massenez, Generaldirektor des Hörder Berg­werk- und Hüttenvereins, Vorsitzender der Dortmunder Handelskammer, Leiter und alleinige Säule der Dort­munder altkatholischen Gemeinde, Wahlmacher im Sinne der nationalliberalen Partei im Kreise Dortmund, jahre­lang gespielt hat, wie andererseits im Kreise Bochum sich alles drehte um den Staatsrath Baare, Geh. Kommerzienrath, Generaldirektor des Bochumer Vereins, Präsidenten der Bochumer Handelskammer, um zu begreifen, welch' gewaltigen Eindruck diese Er­eignisse machen.

Bei Herrn Massenez stehen wir bereits vor einer vollendeten Thatsache: er hat seine Stellung nieder­legen müssen, nachdem ihm selbst der .Berliner Börsen- Courier' verständnißvoll öffentlich gesagt, daß er „in eigenartiger (!) Weise über daS werthvolle Nebenprodukt des Hochofenbetriebes, die Thomasschlacke, disponirt hat." Es stehen nach der Richtung noch weitere Enthüllungen in Aus­sicht. Das GesMst besorgen die.Köln. Ztg.", .Ber­liner Börsen Courier' und die von der Aktiengesellschaft des Hörder Bergwerks- und Hüttenvereins jüngst ein­gesetzte Finanzkommission, deren Bericht in den nächsten Tagen zu erwarten ist. Vielleicht wird noch über Manches der „Mantel der Liebe" gedeckt, nachdem Herr Massenez jetzt definitiv sich entschlossen hat, Hörde Valet zu sagen, und nach Wiesbaden zu ziehen. Ob gegen Herrn Baare der Nachweis gelingt, daß ec per­sönlich von den Stempelfälschungen etwas gewußt hat, steht dahin. Hier wird von nichts Anderem mehr ge­sprochen, als vom Prozeß Baare-Fusangel. Wer Herrn Rechtsanwalt Kohn-Dortmund kennt, sagt sich, daß er eine derartige Anklage öffentlich im Namen seines Klienten nicht erhebt, wenn er nicht sicheres Material in Händen hat. Ja wir glauben nicht fehl zu gehen, wenn wir sagen, daß man auf weitere Ent­hüllungen gefaßt sein muß. Selbst wenn der Beweis nicht gelingen sollte, daß Baare von den Stempel­fälschungen gewußt hat, so ist Baare doch durch die Aussagen Köhlers, Zillikens und anderer gerichtet.

Die .Kölnische Zeitung' weiß über die sensationellen Verhandlungen des Bochumer Steuerprozesses schon jetzt von einem „Abschaum von Niedertracht und Gemein­heit weitverzweigter ultramontan - sozialdemokratischer Gesellschaft", welche sich gegen Baare und seine Partei verschworen, zu reden, falls die Anschuldigungen uner­wiesen bleiben. Daß thatsächlich eine Reihe nationalliberaler Größen viel zu niedrig

Im Kamps ums Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.

(13. Fortsetzung.)

„Ihr aber — Ihr laßt sie in Ruhe!" rief, dies bemerkend, der alte Euklid, der eben die letzten Stufen herabkam, und in demselben Augenblick stand er auch schon dem gefährlichen Blackett Aug in Aug gegenüber. „Ihr rührt die Frau nicht mehr an!" wetterte er ihm mit dem ganzen Aufgebot seiner heiseren Stimme ins Gesicht, so muthig, daß er später selbst über seine eigene Entschlossenheit erstaunen mußte. „Sie hat den Abend mit mir und meiner Tochter zugebracht, und ich werde für sie sorgen. Eine arme, kranke Frau zu retten, wie Ihr da gethan habt, das erlaubt sich kein rechtschaffener Mann. Ich sage, daß Ihr ein Schurke seid, wenn Ihr sie noch einmal anrührt. Verstanden?"

Alle seine Züge zitterten, und die Glieder schüttelten sich ihm wie im Fieber, als er sich bei dem letzten Worte umwandte zu den dicht herumstehenden Nachbarn.

Die Zustimmung, welche Euklid durch Wort und Blick in der Gruppe fand, war eine so einmüthige, daß selbst der verwegene Blackett dadurch eingeschüchtert wurde und sich mit einigem unflätigem Gemurre in

in derSteuer eingeschätzt worden sind, wo­durch überhaupt der Prozeß veranlaßt wurde, nichts weiter ist wie ein Raub an den Arbeitern, Beamten und an alle, deren niedrige Gehalte genau eingeschätzt werden — das kümmert die Kölnerin weiter nicht. Weiter klagt die ,Köln. Ztg/, „daß in der ultramon­tanen und deutschfreistnnigen Presse gänzlich ungetreue und in unverkennbarer Absichtlichkeit getrübte Berichte über die Essener Verhandlungen veröffentlicht worden sind." Demgegenüber bemerken wir, daß in der.Ger­mania' derselbe Bericht erscheint, den auch die Partei­kolleginnen der .Köln. Ztg.'. die .Rheinisch-Westf. Ztg.' und die ,National-Ztg.' bringen. Dies zur Beleuch­tung der Wahrhaftigkeit der auch gegen die katholische Presse im Allgemeinen gerichteten Anschuldigung der für Herrn Baare so warm eintretenden Kölnerin.

Baare, Generaldirektor des Bochumer Gußstahl­vereins. war viele Jahre hindurch, wie noch unlängst an sehr hoher Stelle hervorgehoben worden ist, der maßgebende Vertrauensmann fürlrenFür- sten Bismarck in allen Fragen der Wirthschafts- politik, betreffend Handel und Industrie. Baare hatte auf den Fürsten Bismarck oft mehr Einfluß, als die Reffortminister in Berlin. In FriedrichSruh konferirte Fürst Bismarck mit Herrn Baare öfters als mit den betreffenden Ressortministern. Herr Baare war früher auch zeitweilig nationalliberaler Landtagsabgeordneter und ist das Haupt des Schienenkartells. Er hatte sich aus kleinen Anfängen — er war früher Eisenbahn­assistent in Minden — in der Industrie emporgearbeitet. Man sieht aus diesen Angaben, von welcher ungeahn­ten Wichtigkeit der im Auftollen begriffene „Fall Baare" für die innere Politik sein kann.

Deutsches Keich.

Berlin, 12. Junsi

* Der .Wiener Pol. Korresp.' zufolge wird der Czar anläßlich der Rückreise aus Dänemark, woselbst er mit seiner Gemahlin die silberne Hochzeit begeht, Kaiser Wilhelm II. in Berlin ober Potsdam einen Gegenbesuch abstatten.

* Der Kaiser wird, wie verlautet, den L a n d t a g persönlich mit einer Rede schließen. Der Schluß er­folgt mit Ende nächster Woche.

* Die zollpolitischen Verhandlungen zwischen Deutsch­land, Oesterreich und der Schweiz schreiten vorwärts. Die Verhandlungen mit Italien beginnen demnächst; die Vorbereitungen dazu sind schon getroffen. Verhand­lungen mit Belgien werden folgen und über kurz ober lang werben solche mit Rumänien folgen, nachbem Rumänien in ber Lage sein wird, die Wirksamkeit seines autonomen Zolltarifs zu übersehen.

* Die bereits angekündigte Sitzung der Landesver- theidigungskommisfion findet morgen in Gegenwart des Kaisers statt.

* Geh. Ober-Reg.-Rath Lohmann ist zum Direktor im preußischen Handelsministerium ernannt worden.

* Der Bundesrath stimmte gestern den elsaß-loth­ringischen Gesetzentwürfen betreffend Wasserbenutzung und Wasserschutz und betreffend die Fischerei zu, und überwies dem Reichskanzler mehrere Eingaben, betr.

seine Wohnung zurückzog. Zwei ober brei ber Nach­barn legten mit Euklib Hanb an, um bie Ohnmächtige in ihr Zimmer zu tragen. Selbst biefen Leuten, bie boch an so weniges gewöhnt waren, kam ber Raum boch arg nackt unb bloß vor für eine menschliche Woh­nung. Ein Stuhl war nicht mehr vorhanbeu! einige Häuflein in ben Straßen aufgelesener Ziegelsteine bienten als Sitze. Die ärmliche Bettstatt enthielt nichts mehr, als eben noch einen Strohsack; von einer Decke war keine Spur. Euklib fühlte sich, als er mit erbarmungs­vollem Blick um sich sah, beim Vergleiche mit seinen eigenen Wohnungs- unb Lebensverhältnissen noch als ein reicher Mann.

„Hier sieht's schlimm aus, schlimmer als bei einem von uns." sagte er. Mit einem tiefen Seufzer fuhr er bann fort: „Gott, mein Gott, so könnte es auch meiner armen Frau ergangen sein, wenn ich vor ihr gestorben wäre."

„Unb bas, werthe Nachbarn, muß jeber von euch benlen. Schießen wir etwas zusammen für sie; ich geb' meinen Schilling gern, unb das ist mehr, als ich heute verdient habe, eS sind ßeut’ im Haus', die können leicht mehr geben, ohne sich wehe zu thun."

„Sie bekommt jeden Dimstag vier Schilling und

Anrechnung der Militärdienstzeit bei der Pensionirung der im Kommunaldienst angestellten Militäranwärter und betreffend Abänderung der Gewerbeordnung bezüg­lich deS Hausirwesens und des Detailreisens.

* DaS Herrenhaus nahm in 2. AbstimmungAden Gesetzentwurf, bett. Aenderung des Wahlverfahrens an, erledigte die Denkschriften über die Ausführung des Ansiedelungsgesetzes für Posen und Westpreußen und über Regulirung der Wasserstraßen durch Kenntniß- nahme, überwies Petitionen um eine Beihilfe zur Ein­deichung der Oderniederung zwischen Breslau und Ohlau ber Regierung zur Erwägung, ging über bie Petition ber Stabt Münden um Herstellung der Fulba- Weser-Verbindung burch ben östlichen Fulbaarm bei Münben zur Tagesordnung über unb beschloß auf An­trag beS Fürstbifchofs Dr. Kopp von einer Ueber» Weisung des Sperrgeldergesetzes an eine Kommission abzusehen. Das Sperrgeldergesetz kommt Montag zur Schlnßberathuug; zum Referenten wurde Fürstbischof Dr. Kopp bestellt. — Morgen: Rentengütergesetz. Sanbgemeinbeorbnung.

♦ Das Abgeordnetenhaus nahm in ber heutigen Sitzung die Vorlage betr. bie kgl. Gewerbegerichte in ber Rheinprovinz in 1. unb 2. Lesung en bloc an unb setzte hierauf bie Berathung über ben Antrag Rickert betr. bie Kornzölle fort. Abg. Graf Kanitz (kons.) nennt ben Antrag jeden Grundes entbehrend und eine Gefälligkeit der Freisinnigen gegen die Sozial­demokratie und meint, die ganze ländliche Bevölkerung Deutschlands sei gegen denselben. Er gibt die Schuld des theuren Brods den Bäckern und weist bezüglich der Höhe der Getreidezölle auf den Terminhandel als deffen Ursache hin. Die Schutzzöllner würden auf dem Posten gegen den freihänblerischeu Ansturm sein: die produttiven Elemente gegen bie Destruktion. Minister v. Caprivi hält seine Behauptung, baß ein Rothstanb betr. bie Getreideversorgung Deutschlands nicht vor­handen sei, auftecht, hiermit dem Abg. Brömel (bfr.) entgegentretenb, welcher in längerer Rede diesen Um­stand zu fonftatiren versuchte. Abg. v. Eynern (ntl.) führt aus, daß seine Partei, weil die Regierung bie Verantwortung für ihre Haltung tragen wolle, gegen ben Antrag stimmen werbe. Abg. Rickert (bf.) macht nochmals seine schon angeführten Argumente für bie Aufhebung ber Getteibezölle geltend, und weist darauf hin, daß man früher die Agitation für dieselben für berechtigt erklärt habe, während man jetzt der Agitation gegen dieselben diese Berechtigung absprechen wolle, die Agrarpolitik treibe die Bevölkerung der Sozial- bernokratie in die Arme und ihre schließliche Konsequenz müsse Verstaatlichung von Grund und Boden sein. Bald werde die Regierung freiwillig thun müssen, was sie jetzt verweigere. ES wird namentliche Abstimmung beantragt. In dem Schlußwort für den Anttag er­wartet Abg. Richter (bf.) nur eine geringe Minorität für ben Antrag, aber geringer noch werbe bie Mino­rität fein, welche gegen ben deutsch-österreichischen Han­delsvertrag zu opponiren wagen werde, wenn derselbe dem Reichstag vorliege. Der Anttag wird mit 223 gegen 20 Stimmen abgelehnt. Für denselben die Frei­sinnigen und Dänen. Nächste Sitzung Sonnabend. Tagesordnung: Wildschabengesetz. Schluß 8 Uhr.

acht Groschen von ber Armen-Kommission," warf eines ber umstehenben Weiber ein.

„Wenn sie bie Miethe bezahlt hat, ist noch ber britte Theil davon übrig, unb bamit lebe einmal eine!" versetzte Euklid.

„Sie ist immer so hungrig," schluchzte Elsbeth; „sie hat sich schon lange nicht mehr satt essen können."

„Sie hätte ins Armenhaus gehen sollen," ließ sich eine andere Stimme vernehmen; „dort hätte sie Medizin und alles Nothwendige gehabt. Ich sag's nicht allein, andere Leute sind auch der Meinung."

„Wer ist der Meinung, daß diese Frau in's Armenhaus hätte gehen sollen?" fragte Euklib, ben Kopf hoch aufrichtend und rund um sich blickend, während feine trüben Augen fast funkelten vor innerer Entrüstung. „Sie, ein ehrbares, arbeitsames Weib und die Wittwe eines rechtschaffenen Mannes! Die Weibs­bilder, die ins hiesige Armenhaus gehen, sind mit ge­ringer Ausnahme ganz anderer Art; abgewirtschaftete, liederliche Dirnen und heruntergekommene Käuferinnen; d'rum hört man dort nichts als Schwören und Fluchen. In der Höll' kann's nicht schlimmer sein. In meiner Gegenwart soll Niemand einer braven Frau zumuthen, ins Armenhaus zu gehen!" Euklid hatte unter seinen