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Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate koften die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
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* Moderner Rationalismus.
Der ,Reichsbote' verzeichnet einen Artikel des .Berliner Tageblatts' über die Lage des Protestantismus. „Die Schäden (der evangelischen Kirche) — so schreibt das letztgenannte Organ — sind nicht äußere, sondern innere, drinnen nagt der Wurm in allen Balken, drinnen ist alles morsch und faul, drinnen knackt und kracht es an allen Ecken, so daß eigentlich Niemand sich wohl und heimisch darin fühlt." Als Retter in der Noth erscheint dem ,Berl. Tageblatt' der Oberstlieutenant a. D. v. Egidy, der gegenwärtig in Berlin eine verschwommen rationalistische Agitation betreibt. Aus der jüngsten Versammlung desselben wird u. a. berichtet: „Anknüpfend an die Worte des ersten deutschen Kaisers: „Dem Volke muß seine Religion wiedergegeben werden", erörterte er, daß Religion „Gewissenhaftigkeit" bedeute und nicht Unterordnung unter menschliche Lehrsätze sei. Die kirchliche Lehre der Gegenwart sei eine einseitige Religion, sie reiche nach der Meinung von Millionen schon lange nicht mehr aus. Der Zweck der wahren Religion sei die Gottähnlichkeit. Der Kernpunkt des Christen- thums sei nicht die Frage: „wer war Christus", sondern die Verkörperung des christlichen Gedankens, es müsse dem Einzelnen überlassen werden, sich nach seinem Empfinden, nach seiner Denkkraft und seinem Fassungsvermögen eine Vorstellung zu bilden. Ein Bekenntnißzwang sei eines freien Mannes unwürdig. Familie und Staat müsse nach Christi Lehre, d. h. nach Gottes Willen gestaltet werden, dann falle Religion, Christenthum, Kirche, Vaterland, Staat, Leben zusammen, jeder Staatsbürger sei dann Christ, der Landesfürst sei nicht mehr Landesbischof, sondern Landesvater, Krummstab und Scepter vereinigen sich im Kreuz, wahres Christenthum sei nichts anderes als veredeltes Menschenthum. „Da kann ja", fügt der ,Reichsbote' hinzu, „auch Herr Mosse Christ werden — ohne sein „Bekenntniß" oder sonst etwas zu ändern. Es geht dann nach dem alten Sprüchlein: „Wir glauben All' an einen Gott — Christ, Jude, Türke, Hottentott." Und durch solchen phrasenhaften Blödsinn will man die Schäden der Kirche heilen, die alle durch den Unglauben entstanden sind, der hier als ihr Heilmittel angepriesen wird." Im Anschlüsse an diese Auseinandersetzung weist der .Reichsbote' hin auf die.Berliner Vergnügungs-Zeitung' vom 17. Mai, herausgegeben von S. Simon. In derselben steht ein Artikel: „Phantasie zum Pfingstfest", in welchem ganz ähnliche Ansichten von Gott, dem sich Jeder selbst ähnlich machen kann, vertreten sind. Die Grundauffassung ist derselbe ungläubige Rationalismus. Da heißt es wörtlich: „Ich hasse die, welche mit gesenkten Blicken im Festtagskleid zur Kirche eilen, ich hasse die Männer, die in dunkele Gewandung sich hüllen und mit pathetischem Girren und breiten Gesten Worte der Gottheit zu künden wähnen. Ich hasse die Mütter, die in die reinen Seelen ihrer Kinder Lügen pflanzen, die da den jungen Stamm mit roher Hand verkrümmen und verkrüppeln. O ihr thörichten Menschenkinder, werft von euch kranken Glauben,
Im Kamps mn's Dasein.
Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.
(12. Forschung.)
Das Gefängniß war ein ausgedehntes und die Zahl der Häftlinge groß. David wurde gefragt, ob er katholisch sei — er wußte nichts darauf zu antworten; er verstand den Sinn der Frage nicht einmal. Er wurde deshalb den Protestanten zugezählt und der Sorge des Hauspredigers unterstellt, der ihm mit anderen Gefangenen zusammen in einer Lehrklasse die Pflichten, die man gegen Gott habe, auseinandersetzte, ohne ihm aber eine besondere Beachtung zuwenden zu können. Der Geistliche bemerkte ihm unter Anderem: er habe die göttlichen und menschlichen Gesetze verletzt und trage jetzt die gerechte Strafe für seine Sünden. David's Begriffe von Recht und Unrecht waren sehr beschränkt und sein Gewissen wenig aufgeklärt; daß er Böses ge- than habe, das konnte und wollte er nicht einsehen; seine Mutter war am Verhungern und er flehte wohlwollende Leute an — wenn die göttlichen Gesetze und die Landesgesetze ihm das verwehrten, dann waren sie im Unrecht, nicht er. In Worte konnte er diese seine Gedanken nicht fassen; sie lebten jedoch in seiner Seele, dunkel zwar und in schwer bedrückender Unklarheit, so
dumpfe Sitte, schafft euch Feste und Tage der Feier, lebt ein Leben eurer Selbst." In diesem Tone geht's noch eine Weile fort, dann heißt es zum Schluffe: „Hinaus in das Freie, thöricht ist, hirnverbrannt, wer den Tag nicht lebt, die Stunden der Muße sich vergällt. Feiertag ist's, und der Frühling lacht und stiehlt mir die Sorgen fort. Gesegneter Frühling, du Allbeglücker." „Eines Kommentars," sagt der ,Reichsb.', „bedarf dieses traurige Zeug nicht; aber die Aehnlich- keit der Auflösung aller christlichen Begriffe in allgemeine Redensarten und Gefühle ist dieselbe, wie wir sie in dem modernen Rationalismus finden — nur die Tonart ist verschieden!" Das ist die Atmosphäre, in welcher die Sozialdemokratie gedeiht! Welche große und verantwortungsvolle Aufgabe hat der Protestantismus in Berlin angesichts solcher, die breite Masse der Bevölkerung beherrschenden Strömungen. Man sollte meinen, er müsse damit vollauf beschäftigt fein und gar keine Zeit finden, am Katholizismus, der sich kraft seines Autoritäts-Prinzips und des unfehlbaren Lehramts des Rationalismus in Deutschland ungleich besser erwehrt, beständig herum zu reformiren.________
Deutsches Deich.
Berlin, 11. Juni.
* Das amtliche Programm für den Besuch des Kaisers in England ist jetzt, wie folgt, festgesetzt: 4. Juli. Ankunft in Port Viktoria und Fahrt nach Windsor. Dauer des Aufenthalts daselbst bis 8. Juli. Während dieser Zeit wird der Kaiser an verschiedenen Festlichkeiten, darunter die Hochzeit der Prinzessin Louise, die silberne Hochzeit des Prinzen und der Prinzessin Christian in Cumberland Lodge theilnehmen. 8. Juli. Ankunft im Buckingham-Palast in London und Besuch der italienischen Oper. 9. Juli. Gartenfest im Marlborough-House und am Abend Besuch der Albert Hall. 10. Juli. Besuch der Guildhall. 11. Juli. Dejeuner auf der deutschen Botschaft und Besuch des Krystallpalastes am Abend. 12. Juli. Besuch der Marineausstellung. 13. Juli. Abreise von England.
* Aus „offiziellen Kreisen des Herrenhauses" will ein parlamentarischer Berichterstatter gehört haben, daß man den Schluß des Landtages „zwischen dem 20. und 22. d. M." erwartet. Zwischen dem 20. und 22. liegt nur ein Tag und das ist ein Sonntag; an diesem ist der Schluß gewiß nicht zu erwarten. Alle die vielen Vermuthungen über den Sessionsschluß haben erfahrungsmäßig gar keinen Werth. Die Vermuthung, welche auf den Schluß am 18. d. M. räch, hat mindestens ebenso viele Aussicht, das Richtige zu treffen, wie jede andere.
* Heute trat das Abgeordnetenhaus in die Berath- ung des Antrags Rickert (dfr.) betr. Vorlage des Materials der Regierung über die Ernteaussichten und der vorhandenen Getreidevorräthe in Deutschland. Ministerpräsident v. Caprivi bittet die Vorlage abzulehnen, da die Regierung nicht in der Lage sei, dieses Material vorzulegen, denn einen ziffernmäßigen Beweis für die Nothwendigkeit der Aufrechthaltung der Zölle
daß er Tag und Nacht darüber nachsann, ohne damit in's Reine zu kommen. Es redeten ihn wenige Personen an, und die es thaten, bekamen keine rechte Antwort. Seine Lehrmeister hielten ihn für einen Dummkopf oder kamen zu der Meinung: er stelle sich nur unfähig und ohne Fassungsgabe. So viel war davon richtig: mit Ausnahme des Unterrichts im Schuhflicken war sein Geist nie recht bei der Sache; entweder brütete er in Erinnerungen an sein früheres freies Leben, oder er gedachte der armseligen Hinterstube mit seiner Mutter und Schwester, aus deren Mitte man ihn so plötzlich herausgerissen hatte.
Daß er seiner Mutter schreiben oder von ihr einen Brief erhalten könne — der Gedanke lag David völlig fern, weil ihm die Erfahrung von so etwas fern lag; war ihnen oder einem ihrer Nachbarn ja doch ein Brief weder je zugebracht, noch von ihnen abgesandt worden. Eine so bekannte Persönlichkeit der Polizei-Sergeant in ihrer Straße war, eine so unbekannte war dort der Briefträger. Er hätte sie gerne wissen lassen mögen, wo er sich befinde. Mit jedem neuen Tage sehnte er sich neu danach, zu erfahren, wie es zu Hause gehe und bedachte dabei, wie auch seine Mutter und Schwester sich in der Ungewißheit über sein Schicksal abhärmen würden. Das Einzige, was ihn am Ende immer
liefere es nicht und außerdem sei es vertraulich. Redner beklagt die Haussebewegung auf dem Getreidemarkt, die in Folge dieses Antrags sich zeige und warnt etwaige Redner, dieselbe durch ihre Auslassungen noch zu vergrößern. Abg. Rickert begründet den Antrag damit, daß man in anderen Ländern keinen Anstand nehme, Derartiges zu veröffentlichen und erklärt die Höhe des gegenwärtigen Zolls als die Ursache der durch das Land gehenden Bewegung gegen die Getreidezölle. Er prophezeit aus der nächsten Mißernte das Fallen der Zölle. Abg. v. Erffa (kons.) findet die Erregung lediglich entstanden aus der Agitation der Freisinnigen. Habe die Regierung die Befürchtung eines Nothstandes, so werde sie schon von selber die Zölle suspendiren. Redner bezweifelt, daß eine solche Suspension Einwirkung auf die Preise im Kleinhandel habe, und ermahnt die Freisinnigen, ihre Agitation lieber gegen die internationale Getreidespekulation zu richten. Minister v. Heyden hofft, daß die Spekulation die Preise nicht werde hochhalten können und gibt Auskunft Über die Herstellung der Erntestatistik re., denen er aber jeden tieferen Werth abstreitet. Abg. Richter (dfr.) tritt für die Aufhebung der Zölle ein, und weist es von der Hand, daß die Bewegung im Lande ein Machwerk der Freisinnigen sei, welcher Behauptung Abg. v. Huene (Ctr.) widerspricht und der Regierung gegenüber das Vertrauen ausspricht, sie werde schon bestens für die Volksernährung sorgen. Nach einigen Repliken vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung Freitag. Tages-Ordnung: Fortsetzung. Schluß 4* 1/« Uhr.
* Für Windthorst ist auf Veranstaltung von polnischen Verbannten in Sibirien ein Trauergottes- dienst veranstaltet worden, und zwar vom Geistlichen Gramacki in Twene.
* Allenstein, 10. Juni. In Wuttrienen, einem großen Kirchdorf in der Umgegend der Stadt fand am 4. d. M eine Versammlung statt, in welcher beschlossen wurde, einen p olnisch-katholischen Volksverein zu gründen, welcher die Aufgabe haben soll: 1) in enger Verbindung mit der Kirche die Religiosität und Moralität zu unterstützen, 2) häusliche und bürgerliche Tugenden, namentlich Arbeitsamkeit, Nüchternheit, Sparsamkeit rc. zu verbreiten, 3) das gesellige Leben zu pflegen, 4) die Mitglieder geistig weiter zu bilden und sozialdemokratische Bestrebungen zu bekämpfen. Es wurden die Statuten des Pelp- liner polnifch-katholischen Volksvereins angenommen; dem neuen Vereine traten alsbald 45 Mitglieder bei.
4» Trier, 9. Juni. Gegen Herrn Landtagsabgeordneten Dasbach richtet der von ihm entlassene Sekretär Braun in der von ihm rebigirten Zeitung „Schlägel und Eisen" die heftigsten Angriffe. Da seine Korrespondenz natürlich von der Mehrheit der nichtkatholischen Blättern abgedruckt wird, ist es zweckmäßig, wenigstens einige Stellen aus der Entgegnung abzudrucken, mit welcher Herr Dasbach Herrn Braun abfertigt. Dieser ging in seinen angeblichen „Enthüllungen" bis zum Jahre 1887 zurück, indem er schrieb: „Man begreift, wie die .Kölnische Zeitung' (gegen Herrn Dasbach) seinerzeit (April 1887) schrei-
mieber tröstete, war ber Gedanke, daß er, den Seinen einmal wiedergegeben, deren Schuhwerk werde in gutem Stande halten können. Wie ein heller Sonnenstrahl aus trübem Gewölk traf ihn daher eines Tages die Mittheilung, daß es den Gefangenen frei stehe, alle drei Monate einmal an ihre Angehörigen zu schreiben. Der Schulmeister gab ihm Schreibmaterial, und nun setzte er sich hin und plagte sich redlich, einen Brief zu Stande zu bringen. Die Adresse des Gefängnisses war dem Briefbogen aufgedruckt und darunter gab bann Davib in allerdings wenig zierlichen Buchstaben seinen
Angehörigen Folgendes kund und zu wissen:
„Liebe Mutter! Ich bin wegen Bettelns aufgegriffen und ins Gefängniß gesteckt worden. Ich lerne jetzt Schuhflichen. Mach Dir keinen Kummer um wegen meinetwillen. Ich habe dich fehr gern und die Els auch. In drei Monaten lassen sie mich heraus, und da werd ich euch beide gut versohlen, flicken und röstern. Ich hab meine Hände weggehalten von fremdem Gut. Gott fegne euch. Von David Fell, eurem lieben Sohn."
In der folgenden Nacht schlief er besser, als jemals seit seiner Einsperrung; in seinen Träumen sah er sich bald, wie er emsig hämmernd und nähend auf dem Dreifuß saß, bald, wie er aus dem Erlöse seiner Arbeit