Einzelbild herunterladen
 

_M 132

Freitag, den 12. Juni 1891.

18. Jahrgang

uldaer

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage -u-g-nommmt- gj'““t JrtiT*"?<sStntaSS&eui?e ^-S t" ?n Jb Stu ?e?Ä*ÄIfe 14 TaAÄch-ineM,-« «r-tirbril-» MotfMtfiAer A«onne meutere. 4 w^Fulda und auswärts 1 Mart 50 Pfennig.

Deutsches Keich.

Berlin, 10. Juni.

* Die Erklärung, die der Herr Staatsanwalt gestern im Bochumer Steuerprozeß auf die Frage des Justiz­raths Schultz, des Anwalts des Herrn Baare, wieweit das Untersuchungsverfahren gegen diesen gediehen sei, abgegeben hat, lautete nach dem Bericht der ,Rh. Wests. Ztg.' wie folgt:

» „Ich bin leider nicht in der Lage, schon heute eine be­stimmte Erklärung abzugeben. Es finden bereits seit Sonn­abend Nachmittag vor dem Herrn Untersuchungsrichter zu Bochum Zeugenvernehmungen statt; wie weit die Sache gediehen ist, kann ich aber leider nicht sagen. Soviel kann ich allerdings bereits mittheilen: Die Zeugenvernehmungen bei dem Herrn Unter­suchungsrichter in Bochum sind ja noch nicht beendet, allein die­selben haben bisher für Herrn Geh. Kommerzienrath Baare nicht im geringsten etwas Belastendes er­geben dafür, daß derselbe von Anfertigung fal­scher Stempel irgend etwas gewußt hat. Davon ist bis jetzt in keinerWeise etwas erwiesen. Ob nun die Zeugenvernehmung bis Donnerstag oder Freitag zu Ende kommen wird, so daß es vielleicht möglich sein dürfte, die Baare­schen Strafanträge mit der gegenwärtigen Sache zu verbinden, kann ich noch nicht sagen." , .

Das lautet etwas anders, als es die gestrige De­pesche des Wolff'schen Bureaus darstellte. Da waren dem Herrn Staatsanwalt auch die Worte in den Mund gelegt, „er könne sich heute nicht darüber äußern, ob Unregelmäßigkeiten vorgekommen seien, jedoch dürfe er sagen, daß bisher so gut wie nichts er­wiesen sei." Der ,Rh. Wests. Ztg.' zufolge hat der Staatsanwalt sich nur über die Erhebungen geäußert, die sich auf die behauptete Mitschuld Baare's an den Stempelfälschungen bezogen, nicht aber über die Be­schuldigung, daß auf dem „Bochumer Verein" solche Fälschungen verübt worden feien. Uebrigens ist es sehr erfreulich, daß die Staatsanwaltschaft ihren Be­ruf, das öffentliche Jnteresfe zu vertreten, so korrekt auffaßt, denn diese Vertretung heischt nicht minder die Verfolgung strafbarer Handlungen als die Zurückweisung unbegründeter Beschuldigungen. Je mehr im Allge­meinen die Staatsanwaltschaften geneigt sind, den Schwerpunkt ihrer Thätigkeit ausschließlich oder doch überwiegend in der Erhebung von Anklagen und der Erzielung von Verurtheilungen zu suchen, um so an­genehmer berührt es, wenn sie in dem Beschuldig­ten nicht sofort auch einen Schuldigen erblicken und auch die entlastenden Momente gebührend würdigen.

* Karl Stangen telegraphirt heute Mittag aus Tirnova-Semenli: „Mit Freigelassenen unterwegs, alle gesund, Freitag Berlin, bringe Bericht. Räuber waren Griechen mit Martinygewehr, wollten nur türkische Regierung treffen; gegen Gefangene menschlich."

* Das Berliner Schöffengericht verurtheilte heute 2 Börstaner wegen Verbreitung beunruhigender Gerüchte am Tage der Subskription auf die neuen 3 pCt. An­leihen zu je 30 Mark Geldstrafe. Der Amtsanwalt hatte 6 Wochen Haft beantragt.

* Ins Herrenhaus berufen wurden außer dem Reichsbankpräsidenten Dr. Koch auch der Präsident der Justizprüfungskommission, Geh. Rath Professor Stölzel

Im Kamps ums Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.

(11. Fortsetzung.)

V. Das Gefängniß bildet seine Leute.

Es war schon völlig dunkel an dem betreffenden Abend, als der Häftlingswagen mit David Fell und den übrigen Verurtheilten des Tages an dem Gefäng­nisse, in welchem sie ihre Strafe verbüßen sollten, an­langte. Noch immer gingen in Davids Kopfe die Ge­danken irr und wirr durcheinander; was er nun sah und hörte, war nur geeignet, ihn noch konfuser zu machen: der Ton der hinter ihm zuschlagenden schweren Thore, die langen engen Gänge, durch welche man ihn hindurchführte, kurz, das ganze kalt abgemessene Wesen, was ihm da in den Einrichtungen und den Personen entgegentrat. Das Innere eines so gewaltigen Ge­bäudes hatte er bis dahin nicht zu betreten gehabt — welcher Unterschied gegen das enge Haus, in welchem feine Mutter ihre Wohnung hatte, soweit seine Erinne­rungen zurückreichten. Es schien kein Ende zu kommen, als er schleppenden Ganges auf den Steinfliesen der hellerleuchteten Korridore dahinschritt. Der Boden, wie die weiß getünchten Mauern waren fleckenlos rein — ein Anblick, den er in der heimischen Behausung nicht gewöhnt war. Als ihm dar Haar dicht über

und der Wirkt. Geh. Ober-Post-Rath Professor Dam- bach unter Ernennung zum Kronfiskus.

* Als der Reichskanzler seine bekannte Er­klärung in der Getreidezollfrage im Landtage abgab, mußte das Verlangen nach einer Debatte darüber mit Rücksicht auf die Geschäftsordnung abgewiesen werden. Abg. Richter hat nun eine Ergänzung der Geschäfts­ordnung beantragt, wonach sich an Mittheilungen der Regierung, die außerhalb der Tagesordnung erfolgen, eine sofortige Besprechung schließen darf, wenn min­destens 50 Mitglieder dies beantragen.

* Das zur Verfügung des Kaisers von Kiel nach Berlin kommandirte Torpedoboot ist wieder nach Kiel rurückgeschickt worden, weil sein Tiefgang für die Gewässer der Berliner Umgebung ein zu großer und namentlich Nachts die Fahrt mit dem Torpedoboot eine sehr schwierige war. Es soll nun für den Kaiser zum Verkehr auf Havel und Spree auf der Schichau'schen Werft in Elbing ein kleiner schnellfahrender Dampfer gebaut werden, welcher die Geschwindigkeit der Torpe­dos mit geringem Tiefgang verbinden soll.

* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht amtlich das Arbeiterschutzgesetz und das Gebrauchsmusterschutzgesetz. Das erstere datirt „Kiel, an Bord Meiner Yacht Meteor', den 1. Juni 1891", das andere „An Bord Meines Aviso .Greif' den 1. Juni 1891."

* In der heutigen 100. Sitzung des Abgeordneten­hauses war zur Feier derselben der Präsidententisch mit einem Blumenarrangement ausgeschmückt, welches in weißen Blüthen die Zahl „100" aufwies. Das Haus genehmigte das Ergänzungsgesetz zur Vorausleistung der Fabriken zu Wegebauten debattelos in 3. Lesung und trat sodann in die Berathung von Petitionen ein; da dieselben meist nur von lokalem Interesse, fanden die Anträge der Kommission ohne größere Debatte Annahme. Zu einer etwas lebhafteren Besprechung gab nur eine Petitionsreihe um Zulassung ausländischer Arbeiter unter leichteren Bedingungen als gegenwärtig, Veranlassung und wurden diese Petitionen schließlich nicht durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt, sondern nach Antrag des Abg. v. Czarlinski (Pole) der Regierung „zur Erwägung" überwiesen. Eine Petition von mehr als lokaler Natur, die um Zulassung von Frauen zum Betrieb des Apothekergewerbes, wird einstimmig gemäß Kommissionsbeschluß der Re­gierung als Material überwiesen. — Nächste Sitzung: Donnerstag 12 Uhr. Tag.-Ord.: Antrag Richter betr. der Getreidezölle. — Schluß 38/i Uhr.

* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht amtlich das vom Reichstage beschlossene neue Zuckersteuergesetz. Das­selbe datirt vom 31. Mai 1891.

* Der preußische Handelsminister hat das Aeltesten- kollegium der Berliner Kaufmannschaft ersucht, der Regierung über die Lage des Getreidegeschäfts an der Produktenbörse und über die Getreidebezüge aus dem Auslande wöchentlich einmal zu berichte». Das Aeltesten- kollegium hat darauf eine Kommission eingesetzt, welche diese Berichterstattung übernimmt.

* Die Landesverthridigungskommisfion tritt unter

dem Kopfe abgeschoren und er in die graue und grobe, aber saubere Gefängniß-Uniform gesteckt war, erschien er sich selber bei der langen Gewohnheit an seine be­fleckten und zerrissenen Kleider so vollständig ein an­derer, daß er sich hätte fragen mögen, ob er wirklich derselbe Knabe sei, der bis dahin das denkbar unge­bundenste Leben führte, den ganzen lieben langen Tag in den geschäftigen Straßen umherschwärmte, ohne daß jemand ihm das verboten oder ihn auch nur nach dem Warum feines Treibens gefragt hatte? Er, der nun eingesperrt war, ganz allein in einer kleinen Zelle, spärlich erhellt durch ein Gasflämmchen, welches selbst wieder für sich in einem kleinen Drahtkästchen abge­schlossen war, sodaß er nicht daran zu rühren ver­mochte? Wie scharf er auch die Ohren spitzte: kein Laut drang von außen an sein Ohr, nichts von dem dumpfen Gerolle und dem schrillen Gerassel des unab­lässigen Wagenverkehrs in den Straßen, von dem Kin- dergeschrei und den gellenden Weiberstimmen dazwischen, was alles zu einem ewigen Tumult ineinander schmolz. Von seinen bangsten Traumgesichtern hatte ihm noch nie eins so die Seele bedrückt, wie die Todtenstille in dieser Grabeseinsamkeit.

Obgleich er die voraufgegangene Nacht fast gänz­lich durchwacht hatte, konnte er doch auch jetzt lange Zeit den Schlaf nicht finden. Seine Lagerstätte war

ihrem neuen Vorsitzenden, Prinzen Albrecht v. Preußen nächster Tage in Berlin zusammen.

* Meppen, 10. Juni. Der Landtagsabgeordnete Amtsgerichtsrath Brandenburg wurde im Wahl­kreise Meppen mit großer Mehrheit zum R eichstags- abgeordneten an Stell: des verstorbenen Abg. Windthorst gewählt. Für das preußische Abgeord­netenhaus wird bekanntlich der Vorsitzende der Centrumsfraktion des Reichstages, Graf Ballestrem, dessen Wahl unbedingt sicher ist, der Nachfolger Windt- horst's sein.

Ans!and.

* Wien, 9. Juni. In aller Stille ist die Todes­erklärung von Johann Orth (des früheren Erzherzogs Johann) erfolgt, die Versicherungssumme für das zu Grunde gegangene Schiff „Margarethe" erhoben und der Nachlaß Johann Orth's int Sinne seines Testaments vertheilt worden. Ziemlich hohe Legate erhielten die Verwandten seiner Frau, der ehemaligen Operetten­sängerin Stubel.

* Aus der Schweiz, 8. Juni. Im großen Rathe von Genf war von protestantisch-kulturkämpferischer Seite die Interpellation eingebracht worden, wie der (in seiner Mehrheit protestantisch-konservative Staats­rath) dazu gekommen sei, mit dem neuen Bischof von „Lausanne und Genf" in offiziellen Briefwechsel zu treten, nachdem doch noch die in Recht bestehenden kantonalen Gesetze jede Verbindung mit der römisch- katholischen Kirche ausschließen und nur eine sog. alt­katholische Nationalkirche mit dem „Bischof" Herzog kennen. In der letzten Sitzung des großen Rathes gab nun der durch das Volk gewählte Staatsrath die Erklärung ab, daß die römisch-katholische Kirche vom Staate vollständig unabhängig sei, wie anderseits allerdings auch der Staat keine offizielle Verbindung mit derselben unterhalte. Uebrigens sei es der schwei­zerische Bundesrath gewesen, welcher den Titel des Bischofs von Freiburg, von „Lausanne und Genf ausdrücklich gebilligt habe. Es sei nun genug des reli­giösen Haders; man habe Anderes und Wichtigeres zu thun, als sich um solche Sache zu streiten. — Das schweizerische Kulturkämpferthum wird über diese Kund­gebung wenig erfreut sein.

* Sofia, 9. Juni. Fürst Ferdinand ist nach Wien abgereist, um sich zur Kur nach Karlsbad zu begeben. Stambulow ist zum Regenten während der Abwesen­heit des Fürsten ernannt. — Ein Angehöriger eines derzeit auf dem Weideplätze in der,Nähe der türkischen Grenze bei Burgas befindlichen Nomadenstammes, der in der Winterzeit den Anführer der Briganten­bande, die den Eisenbahnüberfall verübte, beherbergt hat, wurde von den Behörden in Burgas verhaftet. Die bulgarische Regierung versprach, ihm das Leben zu schenken, wenn er helfen würde, die Räuber dingfest zu machen; sie setzte überdies eine Belohnung von 5000 Francs für jeden eingefangenen Briganten aus.

* Belgrad, 10. Juni. Banquier Israel ist aus Adrianopel heute hier eingetroffen. Israel berichtet, daß die Gefangenen auf dem Wege nach Adrianopel bequem genug, bequemer als er jemals eine gehabt hatte; die Decke verschaffte ihm eine behagliche Wärme. Aber gerade diese Bequemlichkeit und diese Wärme führten ihm den Mangel, unter welchem die Mutter und die arme Elsbeth litten, vor die Seele. Was mochten diese beiden jetzt machen? Es bedurfte keiner Prophetengobe für ihn, um das zu errathen: Die fröstelten jetzt auf ihrer harten Strohmatratze unter der verschlissenen Steppdecke, außer welcher sie nichts mehr besaßen, um der Nachtkälte sich zu erwehren. Vielleicht saßen sie auch noch auf, feine Rückkehr er­wartend. Welcher Wochentag war denn heute? Rich­tig: gerade Samstag! Und er hatte ja versprochen, am Samstag zurückzukommen.

O, wie ganz anders würde sich alles gestaltet haben, wäre er nur nicht eingefangen worden! Jetzt wäre er zu Hause; sie würden etwas Feuer auf dem Herde und eine Speise zubereitet haben zu genüglichem Mahle. Er würde während desselben von seinen Wan­derungen berichten und die reichen guten Leute schil­dern, welche ihm barmherzig gewesen sind. Auch dann wäre ja noch alles gut gewesen, wenn der Polizei­richter ihm zwar all' daS ihm geschenkte Geld wegge­nommen, ihn aber gegen das Versprechen, nie mehr zu betteln, frei hätte nach Haufe zurückkehren lassen. Er sah seine Mutter vor sich, wie sie mit bleichem