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Erzählung nach Hesba Stretton von H. ti. Remagen.

(10. Fortsetzung.)

„Was sollt' ich dagegen haben?" lächelte Viktoria. „Es" soll mir gewiß lieb sein, wenn sie kommen wollen." Viktoria batte früher schon mehr als einmal beim Vorübergehen verlangend in Frau Fell's Zimmer ge­sehen und ihren Gruß hineingcrufen in der Erwartung, letztere würde es nicht beim knappen Gegengruß lassen, sondern sie einladen, einzutreten; dazu hatte Frau Fell sich aber nicht herabgelassen. Als Wäscherin hatte sie doch eine höhere Stellung unter den Leuten, als die Tochter eines Mannes, der mit Wasser-Kresse hausiren ging, und demgemäß wohnte sie ja doch auch im Par­terre, der Kresse-Verkäufer unter dem Giebel! Man konnte sich doch auch nicht, bei dem ewigen Wechsel der ein- und ausziehenden Miethsleute, gerade mit Jeder- einem einlassen! So waren Viktoria und Frau Fell sich bis dahin ziemlich fremd geblieben; Elsbeth da­gegen stand mit „dem Fräulein droben" schon auf ver­trauterem Fuße, und für David war es sichtlich immer ein Vergnügen gewesen, wenn er für die leidende Viktoria einen Gang machen konnte. Viktoria vermochte, nachdem ihr Vater die Einladung in Anregung ge­

bracht hatte, keinen Bissen mehr hinunterzuschlucken, so sehr hatte sie der Gedanke an das bevorstehende Zu­sammentreffen aufgeregt. Sobald der Thee getrunken, die Taffen und "der Tops weggeräumt, sowie alle Spuren des ärmlichen Mahles beseitigt waren, ging Euklid zu Frau Fell hinab, um seine Einladung in Person anzubringen; Viktoria rückie indessen zwei leere Kisten am Feuer zu Sitzen zurecht und legte noch eine mäßigvolle Schaufel Kohlen auf. Sie wurde in schnellem Wechsel bald blaß, bald roth, als die leisen, schleppen­den Schritte der Frau Fell aus dec Treppe hörbar wurden. Sie empfing dieselbe mit etwas scheuer Freund­lichkeit an der Thüre.

Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen und Herrn Euklid," keuchte Frau Fell, das Gespenst eines Lächelns auf dem Gesicht. „Wenn eines von uns, Else oder uh, Ihnen für diese Freundnachbarlichkeit jemals gefällig sein können . . . ,

Kommen Sie und nehmen Sie Platz hier auf dem "Stuhl," unterbrach sie Viktoria, die es selber peinlich fühlte, wie die ältere Leidensschwester mühsam nach Athem rang. Der einzige Stuhl, auf dem Fiau Fell sich niederließ, war gerade vor das Feuer posürt, während Euklid sich auf die Kiste links, Viktoria und Elsbeth gegenüber sich setzten. Wir haben schon be-

Der sensationelle Kochumer Steuerpropß ist jetzt Gegenstand der öffentlichen Diskuffwn geworden. Wir haben bereits die wesentlichen Momente dieses Pro- «effes, der sich gegen Herrn Fusangel richtet, hervorgehoben und betont, daß die Scenerie sich ganz verschoben habe, weil dem Angeklagten seine in der Preffe erhobenen Be­schuldigungen im Wesentlichen geglückt sind. Ob der An­geklagte fusangel in jedem einzelnen Falle das Einkommen derjenigen Bürger, welche er namhaft gemacht hatte, rich­tig bezifferte, das ist ganz nebensächlich angesichts der un­bestreitbaren Thatsache, daß eine große Zahl der ver­nommenen Zeugen und unter ihnen hervorragende, m öffentlichen Vertrauensämtern thätige Personen, dre auch politisch sehr hervortraten, haben zugeben müßen, daß ihr wirkliches Einkommen außerordentlich größer als ihr ver­steuertes Einkommen gewesen sei. Personen, welche Aemter bekleideten und auf besonderes Vertrauen Anspruch erhoben, bleiben in einem bisher nirgends nachgewiesenen Umfange mit der wirklichen Steuerzahlung hinter der schuldigen zurück.

Aber selbst diese so großes Aufsehen und Befremden erregenden Beweise sind jetzt in die zweite Stelle ge­schoben durch di« jetzt aegen den Bochumer Verein tür Eisenproduktion, dessen Generaldirektor das bekannte Mitglied des preußischen Staatsrathes, der I Geheime Kommerzienrath B a a r e ist, erhobene Anschul- digung.

Um darzuthun, wie wenig zugänglich Baare der ihm vorgeworfenen „Prositwuth" war, erzählt auf Veranlaffung des Rechtsanwalts Dr. Schultz Herr Baare, daß er wiederholt besoldete E h r e n st e l l e n im Aufsichts­rache abgelehnt habe, lediglich um seine ganze Kraft dem Bochumer Verein widmen zu können. Auch habe er aus freien Stücken auf 1 Prozent seiner Tantiemen verzichtet, um den entfallenden Betrag anderweitig verwenden zu kaffen. ~

Jetzt erhebt sich Rechtsanwalt Kohn: Ich stelle hiermit unter Beweis, daß auf dem Bo­chumer Verein seit 16 Jahren Stempel- iälschungen aller s ch l immst er Art zu Gunsten i- des Bochumer Vereins und zu Ungunsten in- und ausländischer Eisenbahnverwal­tungen betrieben worden, und zwar in der Weise, daß systematisch (!!) die Staats- stempel des Revisors nach gemacht und nach der Schienenabnahme die untauglich be­fundenen Schienen des Bochumer Vereins mit dem inzwischen angefertigten falschen Stempel abgestempelt wurden. Und dies ist, wie ich beh aupte, mit Wissen Baares geschehen. (Große Bewegung.)

Wir geben an dieser Stelle nun im Zusammenhang das wieder, was sich aus den näheren Ausführungen des Herrn Vertheidigers ergab und lassen dann di- einzelnen wissenswerthen Ausführungen folgen.

Der Bochumer Verein, eines der größten deutschen Stahlwerke, fertigt namentlich Schienen, Lokomotivachsen, Herzstücke, Räderj Bandagen an, die von inländischen und ausländischen Eisenbahnen bezogen werden. Selbstver­ständlich muß die Eisenbahnbehörde über die gute und vorschriftsmäßige Qualität der Lieferungen sich derartig vergewissern, daß sie die Garantie für die Güte der Schienen besitzt, um so mehr, als ja von diesem guten Material die Sicherheit des Eisenbahnbetriebes mit abhäugt; bekanntlich kann eine einzige schlechte Schiene ' Veranlassung zu Eisenbahnunfällen und namenlosem Un­glück geben. ______________________________

tief zu schädigen und den Glauben an die Redlichkeit'"der deutschen Geschäftswelt schwer zu erschüttern. Die Staats­anwaltschaft hat sich mit der Frage zu beschäftigen, ob wirklich der Bochumer Verein, an deffen Spitze Geheim­rath Baare steht, seit sechzehn Jahren grobe Ur­kundenfälschungen begangen, untauglich befundene Schienen mit nachgemachten Stempeln gezeichnet und an den Staat als gute Schienen geliefert hat, und ob wirk­lich, wie die Vertheidigung behauptet, nicht weniger als siebenundfünfzig Stempel nachgemacht worden sind. Ist diese Behauptung erweislich, so wird Niemand verstehen, wie der Leiter des Geschäfts von allen diesen Vorgängen keine Kenntniß erlangt haben solle. Hier richtet sich das öffentliche Interesse nicht mehr auf die Steuerftagen; hier steht einerseits Gesundheit und Leben derjenigen Deutschen, welche Eisenbahnen benützen, andererseits der gute Ruf des deutschen Schienengewerbes und endlich die Zuläng­lichkeit amtlicher Revisoren auf dem Spiel. Wenn derlei Dinge bei einer der allerersten Unternehmungen Deutsch­lands vorkommen könnten, was müßte man dann erst allenthalben und besonders im Auslande von kleineren Be­trieben denken? Man würde dann mit Bedauern glauben müssen, daß der vor einiger Zeit gegen Arbeiter eines anderen westfälischen Schienenwerkes wegen ähnlicher Stempelfälschungen angestrengte Prozeß keineswegs eine selten vorkommende Ausnahme aufgedeckt habe.

Daß die strengste Untersuchung ohne jede Rücksicht­nahme auf Personen durchgeführt wird, und zwar so schnell, daß jeder Verdunklung des ThatbestandeS vorgebeugt bleibt, das unterliegt keinem Zweifel. Man kann wünschen, daß Herr Baare im Stande sei, diese neue Anschuldigung klar und unzweideutig als eine Erfindung und Verleumdung zu erweisen, so daß auch nicht der Schatten eines Ver­dachts zurückbleibt. Aber dann gerade kann man nicht verstehen, wie von dem Rechtsbeistand des Herrn Baare der Strafantrag gegen den Redakteur Fusangel zurückgenommen werden konnte.

Herr Baare erklärte, daß er, der nicht nur wegen der Steuerbeschuldigungen, sondern auch wegen des Ausdrucks, man könne ihm noch „viel gravirendere Dinge" nachweisen, den Redakteur Fusangel auf die Anllagebank gebracht hatte, den Strafantrag wegen der Bezichtigung „viel graviren- derer Dinge" fallen lasse. Das geschah unmittelbar nach den verblüffenden Mittheilungen über die angeblichen Stempelfälschunqen. Daß Herr Baare und sein Rechts­beistand nicht bedachten, welchen Eindruck gerade in diesem Augenblicke die Zurückziehung des Strafantrages auf die öffentliche Meinung machen müffe, das ist ein Räthsel. Der Gerichtshof hat die Beleidigung des Herrn Baare und die Angelegenheit mit den Schienen nunmehr aus der Verhandlung zur besonderen Erledigung ausgeschieden.

Mit Spannung sieht man dem weiteren Verlaufe dieses Prozesses entgegen, da er, rote immer man über den eigentlichen Urheber dieser Auseinandersetzungen denken möge, Fragen zur Untersuchung gestellt hat, welche klare Beantwortung erheischen. Der preußischen Regierung aber kann man es nur Dank wiffeu, daß sie auf das vor längerer Zeit gestellte Ersuchen des Herrn Baare, Herrn Fusangel's Anklagen im Verroaltunaswege zu entkräften, nicht einge­gangen ist, sondern die Austragung des Streites rm Wege Rechtens verwiesen hat.__

Deutsches Keich.

Berlin, 9. Juni.

* Offiziös wird gemeldet, daß der Kaiser den der Insel Helgoland in Aussicht gestellten Besuch schon merkt, daß außer dem flackernden Herdflämmchen keine andere Beleuchtung im Zimmer war. Aber vielleicht half gerade diefes Halbdunkel über die gegenseitige Abgeschlossenheit hinweg — nach wenigen Minuten verkehrten die Vier untereinander wie lang;ahnge 5teUgie ist meine letzte," sagte der alte Euklid, mit einem Kopfnicken auf Viktoria hinweisend, zu Frau ^ell Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt — das sind nun achtzehn Jahre. Sie war zu schwach, um sich noch einmal darnach zu erholen. Fünf von den acht die sie mir geschenkt, hatte ich noch am Leben. Viktoria hat das Uebel der Mutter geerbt," fuhr er leiser fort. „Sie ist das letzte von den acht. Die übrigen alle, Knaben und Mädchen, sind mir voraus­gegangen." ' , „ ._

Er hat's so gewollt, der's am besten weiß, tote es gut für uns ist," tröstete Frau Fell mit einem tiefen Seufzer."

So muß man glauben," erwiderte Euklid. „Wenn er's "nicht müßt', ich weiß es sicher nicht. Ich denke auch nicht weiter darüber nach; meine einzige Sorg ist, wie ich mir die Armenpflege vom Leibe halte, ^ch will damit nichts gesagt haben wider die Ehr von Leuten, die Unterstützung annehmen - eine schwache,

Die Abnahme der Schienen rc. geschieht nun unter besonderen Bedingungen durch einen Revisor. Dieser sieht jede einzelne Schiene auf ihre gute Qualität an, weist die fehlerhaften (geflickten und vernieteten) zurück und versieht die brauchbaren mit einem besonderen Stem­pel, welcher letztere sich von einem früher zu gleichem Zwecke benutzten unterscheidet.

Dieses Sicherheitsverfahren soll nun der Bochumer Verein mit Wissen und Willen Baares durch Manipu­lationen illusorisch gemacht haben, die straftechtlich mit Zuchthaus geahndet werden.

Die Sache soll ungefähr folgenden Hergang gehabt haben. Der Revisor wurde ins Schienenlager geführt, die Schienen wurden von ihm besichtigt und die brauchbaren an der Kopfseite mit dem Stempel versehen. Während ein Arbeiter in Gegenwart des Revisors die Abstempelung besorgte, wurde, immer nach Fusangel, die Aufmerksamkeit des Beamten für kurze Zeit abgelevkt, die aber genügend war, um den Stempel in ein besonders vorräthig gehal­tenes Stück Blei zu drücken. Dieser Abdruck wanderte in eine besondere Gravirungsanstatt auf dem Bochumer Verein und wurde dort innerhalb weniger Stunden genau nachgeahmt. Wenn der Revisor fort war, wurden die schlechten Schienen mit dem nachgemachten Stempel ver­sehen und als gute weqgeschickt. Dagegen wurde von den vom Revisor gestempelten Schienen der Stempel abgefeilt und diese guten Schienen wurden in den nächsten Tagen dem Revisor wieder vorgelezt, der dieselben in gutem Glauben wieder abstempelte. So konnte es kommen, daß allerdings der Revisor so und so viele Male immer die­selben Schienen abnahm. In ähnlicher Wetse soll auch mit Herzstücken, Bandagen, Achsen verfahren worden fein. Außerdem aber will Fusangel nachweisen, daß auch bezüg­lich der seitens der Eisenbohnverwaltungen getroffenen Vorsichtsmaßregeln, um nicht blos fehlerfteies, sondern auch wiederstandsfähiges Fabrikat zu erhalten, bet dem Zerreißverfahren ähnliche Machenschaften vorgekommen seien. Für die Zerreißung sollen besondere vorzügliche Blöcke vorräthig gehalten und benutzt worden sein, tue natürlich die Probe bestanden, worauf dann eine ähnliche Stempelschmuggelei stattgefunden habe.

Für die behaupteten Thatfachen führi FuSangel eine ganze Reihe von Zeugen an. Noch mehr, er behauptet, daß in einzelnen Fällen eine Entdeckung des Revisors stattgefunden habe, daß dann aber tue Schuld auf den Arbeiter geschoben worden sei, den man auch vom Bo­chumer Verein entlasten, sehr bald aber wieder aufge­nommen habe; rote der Verth ewiger sich ausdrückt, er sei zu einem Hüttenthor hinaus-, zum andern wieder hinein- gegangen. „ _ ,o

Daß diese Machinationen rur Kenntniß Baare's ge­kommen sein wüsten, resp. daß dieselben mit seinem Misten und Willen geschehen feien, schließt Fusangel aus der großen Zahl der Fälschungen daraus, daß die Stempel gewerbs­mäßig angefertigt wurden. Außer vielen Einzelheiten, die er zur Unterstützung seiner Behauptungen anführt, und dafür, daß es sich um offiziell betriebene und anerkannte Hantirungen gehandelt habe, weist er auf die lange Dauer der Fälschungen hin (16 Jahre), und daß sich Generationen von Arbeitern, da ja das Arbeiterheer beständig wechselt, an diesen Geschichten beseitigt haben.

Soweit der behauptete Thatbestand, welcher nicht blos in ganz Deutschland, sondern auch darüber hinaus unge­heueres Aufsehen erregt. W enn das wahr wäre, was die Vertheidigung nunmehr angeführt hat, dann stän­den wir vor Handlungen, die unbegreiflich, in jedem Falle aber geeignet wären, das Ansehen des deutschen Volkes

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