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18. Jahrgang

Mittwoch, den 10. Ium 1891.

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wiesenen sozialdemokratischen Opferwilligkeit. Die mit größter Freiheit geführte öffentliche Erörterung der sozialdemokratischen Ideen hat sich letzteren nichts weniger als förderlich gezeigt; insbesondere blieb aus die immer wiederholte Frage nach der Einrichtung des Zukunftsstaates die Antwort aus.

Es wäre allerdings verfrüht, endgültige Schluffe aus diesen Momenten, benen sich noch manche andere anreihen ließen, ziehen zu wollen, aber eines beweisen sie: die Beseitigung des Sozialistengesetzes hat bis setzt das Gegentheil von dem hervorgebracht, was die An­hänger Bismarck'fcher Gewaltpolitik mit unbedingter Sicherheit in Aussicht stellten: kein siegreiches Vor­dringen der Sozialdemokratie, sondern Stillstand und Rückgang.

E. Rückgang der Sozialdemokratie seit Aufhebung des Sozialistengesetzes.

Da seit Aufhebung des Sozialistengesetzes kaum erst neun Monate ins Land gegangen sind, wäre es natürlich verfrüht, über die Wirkungen der Aufhebung des Sozialistengesetzes ein irgendwie abschließendes Urtheil abgeben zu wollen; dazu bedarf es jahrelanger Beobachtungen. Allein darauf darf und muß doch schon hingewiesen werden, daß die vielfachen Befürch­tungen, welche man an das Erlöschen jener Ausnahme­bestimmungen geknüpft hat, bisher sich nicht verwirk­licht haben, daß vielmehr eine ganze Reche von Einzel­erscheinungen sich aufführen lassen, welche denjenigen Recht zu geben geeignet sind, die von dem Wegfall des Sozialistengesetzes eine Schwächung der sozialdemo­kratischen Bewegung erwarteten.

Mit der ihr eigenen Großsprecherei hatte die Füh­rung der Sozialdemokratie auf dem Hallenser Kongresse angekündigt, daß jetzt der Kampf mit der Centrums­partei mit verdoppelter Energie werde ausgenommen werden; die erste Probe im großen Stil wurde für die Würzburger Reichstags-Ersatzwahl angekündigt. Anscheinend mit bester Aussicht auf Er­folg. Der genannte unterfränkifche Wahlkreis war von der Sozialdemokratie bereits früher in mehreren Wahlgängen ernstlich angefochten und bei der letzten Wahl erst in der Stichwahl durch das Centrum nut Mühe behauptet worden. Aber der diesmal zuversicht­lich erwartete Sieg blieb aus, nicht einmal zur Stich­wahl brachte es die Sozialdemokratie, vielmehr ging der Centrumskandidat diesmal im ersten Wahlgang durch: der erste Ansturm auf den „festen Thurm' des Centrums war abgeschlagen.

In anderer Beziehung interessant war die Wahl in Geestemünde. Hier war kein Anderer als Fürst Bismarck der Gegner. Konnte es eine dankbarere Aufgabe für die sozialdemokratische Agitation geben, als den Staatsmann zu bekämpfen, der das Sozialistengesetz eingebracht hat, der an dem Sozialisten­gesetz festhält und dasselbe noch verschärfen wollte, als mancher ftühere Anhänger des Ausnahmegesetzes an demselben längst irre geworden war? An emer regen Agitation hat es hier ebensowenig, als m Wurz­burg gefehlt. Trotzdem erreichte die sozialdemokratische Stimmenzahl nicht einmal die bei der vorigen Reichs­tagswahl erzielte Höhe, und die Parteipresse hatte zur Erklärung dieses wahrhaft niederschmetternden Ergeb­nisses nur einige öde Redensarten.

Das Nachlassen der Expansionskraft der Sozial­demokratie, wie es bei dm angeführten Ersatzwahlen im Süden Deutschlands und hoch oben im Norden gleichmäßig hervortrat, gehört gewiß zu den beachtens- werthen Anzeichen. Aber wir haben noch zwei Er­scheinungen, welche mehr noch die an das Erlöschen des Sozialistengesetzes geknüpften Besorgnisfe als un­begründet feststellen, nämlich die Maifeier und den Bergarbeiter ausstand.

Man erinnere sich der Sorgen, mit welchen im vorigen Jahre der Feier des 1. Mai entgegengesehen wurde. In diesem Jahre war trotz der Aufhebung

des Sozialistengesetzes die Stimmung eine weit ruhigere und der Verlauf der Maifeier entsprach vollständig dieser Stimmung. Nirgendwo hat die Feier einen irgendwie bedrohlichen, theilweise einen ausgesprochen harmlosen Charakter gehabt. Der „dumpfe Maffen- schritt der Arbeiter-Bataillone", unter dem Staat und Gesellschaft erzittern sollten, war jedenfalls in diesem Jahre weniger vernehmbar, als in der Aera des Sozialistengesetzes, welches die Möglichkeit gewährte, jede unbequeme Kundgebung einfach zu verbieten.

Nicht minder beachtenswerth ist der Verlauf des jüngsten Bergarbeiterausstandes im rheinifch-westphäli- schen Kohlenrevier. Es schien, als werde dnselbe einen gewaltigen Umfang annehmen, da die Organisation der streiklustigen Elemente eine ungleich bessere war, als im Jahre 1889 und der internationale Rückhalt die Hoffnung auf größeren Erfolg nähren mußte. Nichtsdestoweniger ist der Ausstand rm Sande ver­laufen. Der erste große Streik nach Beseitigung des Sozialistengesetzes hat nicht entfernt das gefährliche, Besorgniß erregende Bild gezeigt, wie der unter Herr­schaft des Sozialistengesetzes ins Werk gefetzte Aus­stand vom Jahre 1889. Auch das ist eine Thatsache, welche wahrlich nicht für die Nothwendigkeit und Nütz­lichkeit diefes Ausnahmegesetzes spricht.

Wie mit eisernen Klammern hat das Sozialisten­gesetz die deutsche Sozialdemokratie zusammengehallen; alle inneren Zwistigkeiten schwiegen angesichts der Be­drängung und des Druckes von Außen. Das ist an­ders geworden. Die Reibungen unter den „Genossen sind an der Tagesordnung: die „Alten" und die Jungen" sind über die zu verfolgende Taktik völlig uneins. Während diefe lediglich agitatorische Zwecke verfolgt wisfen wollen und eine Thätigkeit m den par- lamentarifchen und kommunalen Körperschaften für schädlich erachten, halten jene für nöthig, wenigstens den Schein positiver Mitarbeit an den zur Besserung der Lage des Arbeiterstandes vorgeschlagenen Maß­nahmen zu wahren, und haben daher in der Kommission wie im Plenum Anträge zu der Arbeiterschutzvorlage des Reichstags gestellt, ohne allerdings schließlich eine Zustimmung zu dem doch ganz zweifellos wesentliche Besserungen der Arbeiterverhältnifse enthaltenden Ge­setze auszufprechen. Die hervorragendsten Führer wie Bebel und Liebknecht mußten sich die schlechteste Be­handlung in sozialistischen Berliner Versammlungen gefallen lassen, als wären sie „Bourgeois" und Ver- räther an der Sache des Proletariats; über Liebknecht erging strenges Gericht, weil er dem „Boykott" eines Vergnügungslokales sich nicht gefügt hatte. Ueber den schlechten Besuch der sozialdemokratischen Versammlungen in der Reichshauptstadt wurde bittere Klage laut; in der rheinischen Hauptstadt, wo die Sozialdemokratie bei den jüngsten Reichstagswahlen einen besonders energischen Anlauf nahm, drohten die Leiter, die Flinte ins Korn zu werfen, wenn nicht bald vermehrter Eifer unter den „Genossen" sich bemerkbar mache. Die Sammlung für den Maifonds, welcher die Streikkassen füllen sollte, ist wahrhaft kläglich verlaufen, und von allen Seiten kommen Nachrichten über das Nachlassen der vielgepriesenen und früher so oft als wirksam er-

sich in dem rosigen Abglanze zu einer idealen Schön­heit. Unter dem Kissen, auf welchem während der Nacht und während so mancher Stunden der Ermü­dung am Tage ihr Haupt ruhte, da lag, wohl gehütet, ein kleines Kapital, welches, zu seiner zetzigen Hohe nach und nach angewachsen, durch Hinzufügen einzelner Groschen und Pfennige, die Kosten ihres Begrabnlßes zu decken bestimmt war. Ihr Todtenkleid hatte sie ans grobem Zitze-Kattun schon längst selber angefertigt ; es lag, sorglich aufgehoben, in der Kiste, welche die spär­lichen Reste des Linnens aus besseren Tagen barg. Für sie selbst, wie für ihren Vater war es keine Frage, daß diese Vorkehrungen wohl noch vor Eintritt des nächsten Sommers ihren Zweck zu erfüllen haben würden. Als Viktorias Arzt fungirte em m der nächsten Straße wohnender Drogenhändler, von welchem ste sm die für gedeihlich erachteten Medizinmütel stets selbst mitbrachte. Der Mann war ausrichtig genug, ihr dabei immer zu bemerken: viel helfen würden ihr diese Mttte wohl nicht; was ihr nöthig thue sei nahrhafte Kost und Bewegung in frischer Luft. Jetzt im Winter be­sonders noch zureichendere Kleidung und wärmere Be­hausung. Man hätte der armen Tochter des armen Euklid eben so gut einen längeren Aufenthalt an der sonnigen Meeresküste Südfrankreichs anrathen können.

Im Kamps itttfs Dasein.

Erzählung nach Heslm Stretton von H. v. Remagen.

(9. Fortsetzung.)

„Du brauchst Dir wegen der Sicherheit keine Sorge zu machen. Aber um Dich auch wegen des anderen zu beruhigen: — ich wüßte nichts, was meinen Appetit heute reizen könnte." „Wie viel ist es jetzt, Viktoria?" fragte Euklid weiter, mit einem eigenthümlichen Ge- funkel der Augen auf die Antwort horchend. „Es sind jetzt zwei Pfund, sechszehn Schillinge und neun Pence drei Heller", antwortete sie, ohne sich besinnen zu muffen. „Ich behalte den kleinsten Zuwachs im Kopfe." „Ich meine, das könnte reichen, Viktoria," bemerkte Euklid mit sichtlicher Befriedigung. „Und danach bleibe ich dann noch allein übrig, und es ist mir nicht bange, ich werde auch noch das Nöthige für mich ersparen können. Nein, nein: es soll keiner von uns sterben gleich einem Stromer und in einer Hospttalskiste be­graben werden." Viktoria hatte unterdessen die zwei Tassen mit der hundertfach gerissenen Glasur, sowie das Brodlaib von dem nahen Eckbrettchen herunter gelangt, und nun stand sie einen Augenblick m sicht­lich trübe Gedanken verloren und starrte m die spär­liche Glut; ihr durchscheinendes Gesichtchen verklarte

Berlin, 8. Juni.

* Nach einem Telegramm der deutschen Botschaft zu Konstantinopel von heute Nachmittag sind ämmtliche Gefangene befreit und befinden sich auf dem Wege nach Kirkilisse.

* Die Handelsvertrags - Verhandlungen zwischen Deutschland und Italien beginnen am 1. Juli m Bern.

* Major v. Wißmann hat über die Ergebnisse seiner Thätigkeit in Ostafrika einen Bericht erstattet, in dem es u. a. heißt: Die ostafrikanische Küste ist zurück­erobert und ihr Besitz derartig gesichert durch Anlagen von Befestigungswerken und Kommunikationen, daß dieselbe mit einem im Verhältniß zur Größe des Lan­des äußerst geringen Truppenkontingent gegen alle Eventualitäten behauptet werden kann. Die großen Karawanenstraßen sind auf weite Strecken gesichert und unser Machteinfluß bis an die äußersten Grenzen unseres Gebietes ausgedehnt, dem deutschen Namen bis dorthin Achtung und Respekt verschafft worden. Im Norden ist das Hinterland von Tanga und Pangam bis zum Kilima-Ndscharo hinauf als endgiltig gesichert anzu­sehen. Die große Straße von Bazamoyo und Saadam aus ist bis Mpwampwa gesichert und eine weitere Sicherung in Unyamwesi von Emm Pascha und Stokes eingeleitet. Nur in Ugogo, wo Handelskarawanen noch des öfteren gefährdet werden, bleibt eine Lücke auszu­füllen. Auch im Süden unserer Besitzung ist, seitdem Matschemba sich unterworfen hat, das nächste Hinter­land beruhigt. — Ebenfo bedeutend erscheinen nach dem Berichte die Erfolge der friedlichen Arbeit. Herr v. Wißmann schließt diesen Theil seiner Darlegung , tote folgt: Die allgemeine Wiederaufnahme des Feldbaues seit dem Wiedereintritt friedlicher Verhältnisse das Wiederaufblühen des Karawanenhandels nach erfolgter Sicherung der Straßen und jede nur mögliche Maß­nahme zur Förderung des Handels müssen eme all­mähliche Abnahme der unserer neuen Kolonie gebrachten Opfer bringen, müssen, wenn wir nachhaltig weiter arbeiten an dem Schaffen neuer, werthvoller Export­produkte durch Plantagenbau, auch mit der Zett für unsere Opfer Zinsen tragen. Jeder Europäer, der während des Aufstandes unsere Küste gesehen hat und sie jetzt nach nur zweijähriger Arbeit wledersteht, muß Euklids Hauptsorge war jetzt, die Geldsumme so schnell wie möglich auf die erforderliche Hohe zu brlngen; denn in Folge der Wirkungen eines ungewöhnlich harten Winters auf Viktorias Befinden konnte sie jeden Tag nöthig werden. Der armen Viktoria verur achte die Sache nicht wenig Nachdenken, so oft rechnete sie den muthmaßlichen Betrag für einen Sarg und die Grab­stelle zusammen, um sie mit der ersparten Summe in Vergleich zu bringen. Das ist ihr Gedanke auch eben wieder wo wir sie vor dem Feuer stehen sehen. Ebenso lebendig wie flüchtig sieht sie ihr eigenes Leichenbegang- niß vor ihrem Geiste vorüberziehen: die Kinder aus dem Hause bis an die Thür hinter dem Sarge Her, demselben als eigentlichen Leidtragenden weiter folgend aber nur ähren alten weinenden Vater. Sie riß sich mit Gewalt aus diesem Sinnen heraus, beugte sich zu dem Alten nieder und küßte ihn, als wollte sie ihn schon im voraus über das kommende Leid der Verein­samung trösten. „Hast Du Leid, Viktoria?" fragte er in so freundlichem Tone, als ihm zu Gebote stand.

Kein neues, Vater," antwortete sie, „nur wirst Du Dich recht allein fühlen, wenn ich hingegangen bm.

Ach ja," seufzte er; „ohne Dich wirdS recht dunkel ;X. .« 6-r." Schwund w taste tarn da, mit den Händen langsam an den Semen auf- und

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