Einzelbild herunterladen
 

18^Iahrglmg

Dienstag, den 9. Juni 1891

J\£ 129

FkMkrWZntllllL

" Erscheint täglich, Sonn- und F-.ert-ge ausgenommen. - 3nferate kosten bie einstige 3eüe ober deren Raumlo Jf 6et= ÄgeÄtaeS Är-ti.b-il^

Vierteljährlicher A b on n e rnentsv re i s ohne Bnngerlohn und Bestellgeld nut der belletristischen sonntagsbnlageSterneu n btiVu m e n unvoer i* 4,age w

J ’ .Rathgeber siir Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark bO Pfenmg.

Deutsches Keich.

Berlin, 6. Juni.

kW * Das Staatsministerium hielt heute eine mehr­stündige Sitzung ab, in der über die Besetzung der Osberpräsidenten st eilen für Pommern, Ost-und Westpreußen berathen wurde. Nach der ,B. B. Ztg.' befaßte sich der Ministerrath ferner mit der Stellung­nahme zum Anträge der deutfchfreisinnigen Partei auf Vorlegung des Materials in der Getreidezoll- frage und beschloß, dieses Material vorzulegen, so­weit nicht vertrauliche Gutachten in Frage kommen.

* Die gestrigen 8 sozialdemokratischen Volksver­sammlungen in Berlin, in denen die bekannte Resolution gegen die Getreidezölle angenommen wurde, waren von zusammen gegen 20 bis 25,000 Personen besucht. Polizeiliches Einschreiten wurde nicht nöthig.

* Die Kommission der Abgeordneten zur Vorbe- rathung eines Gesetzentwurfes, betreffend die Verlegung des Landesbuß- und Bettages, nahm in ihrer Sitzung vom 5. d., welcher auch der Kultusminister beiwohnte, einen Paragraphen an, nach welchem der Freitag nach dem letzten Trinitats - Sonntag als Buß- und Äettag in Vorschlag gebracht wird. Das Gesetz soll am 1. Januar 1892 in Kraft treten.

* In der ,Germania' wird die demnächstige Ab­berufung des preußischen Gesandten beim Vatikan, Herrn von Schlözer, in Aussicht gestellt. Gegen den­selben werde der Vorwurf erhoben, er sei ein An­hänger der Freimaurerei; ihn treffe auch die Schuld, daß die letzten Unterhandlungen mit dem Vatikan zu keinem Ergebniß geführt.

* Auswärtige Blätter berichten: Zum Vertreter Rußlands zur Verhandlung eines Handelsvertrags mit Deutschland ist der Botschaftsrath Graf Uexküll er­nannt.

• Die Adresse der Cmtrumsfraktivn des Abgeord­netenhauses an Kardinal Paulus Melchers lautet:

„Eminenz! Es war im Jahre 1841, am Feste des Apostels Deutschlands, als im Dom zu Münster ein Jüngling die hl. Priesterweihe empfing, der ausersehen war, einst im schweren Sturm die Wacht zu halten auf den Zinnen der Kirche unseres Vaterlandes. Als es galt, die Rechte der hl. Kirche um den Preis aller Güter dieser Erde, selbst auch der Freiheit, zu ver- theidigen, hatte Gott denselben ausersehen, auf dem Stuhl des hl. Maternus mit apostolischem Muth und Eifer als Hirt seine Heerde zu leiten Unb zu schützen. Die Katholiken Deutschlands wissen sich dem damaligen Erzbischof von Köln zu tiefstem Dank verpflichtet, und darum huldigen sie Euerer Eminenz bei der fünfzigsten Wiederkehr jenes Weihetages und wünschen Glück aus froh bewegtem Herzen. Wollen Euere Eminenz gnadigst gestatten, daß auch die Mitglieder der Centrumsfraktion des Preußischen Abgeordnetenhauses heute vor Ihnen erscheinen, um der freubigen Theilnahme an bem hohen Ehrentage eines fünfzig­jährigen Priesterthums, burch welches ber liebe Gott Euere Eminenz begnabigt hat, ehrerbietigen Ausbruck zu geben unb bie aufrichtigsten Wünsche in Ehrfurcht unb bankbarer Liebe barzu­bringen. Wir glauben mit bem Vertrauen ber Gewährung bie Bitte beifügen zu bürfen, Euere Eminenz wolle die Gnade haben, für den auch noch ferner für die Rechte und Freiheiten der Kirche zu führenden Kampf Ihren Segen uns zu ertheilen, den Segen eines hochverehrten Kirchenfürsten, welcher, als dieser Kamps am heißesten tobte, unser hervorragendster Führer war. Berlin, im Juni 1891. Die Mitglieder der Centrums-Fraktivn des Preußischen Abgeordnetenhauses."

Im Kamps um's Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.

(8. Fortsetzung.)

IV.

Der verborgene Schatz.

Als Frau Fell, schwer sich stützend auf den Arm der Elsbeth, von des Pfandleihers Wohnung sich nach Hause schleppte, gewahrte sie einen ihrer Mitein­wohner, einen alten Mann, der unsicheren Schrittes auf dem unebenen Pflaster der engen und kothigen Straße desselben Weges vor ihnen hinhumpelte. Das Licht der bereits angezündeten Straßen-Laternen ließ die unter ihnen hinwandelnde Gestalt des Alten bis ins Einzelne erkennen. Die langen Haare, welche zottig unter dem zerknitterten Cylinderhute auf die vorgebeugten Schultern herabfielen, waren eisgrau. Es schien überhaupt, als ob der ganze Kopf sammt seiner Bedeckung unter den Einflüssen von Regen und Sonnen­schein ihre ursprünglichen Farben eingebüßt hätten. Wie das Haar fast weiß, so waren die verwitterten Züge braun geworden, während die Farbe des Hutes wie die des darum geschlungenen Bandes zwischm braun und grau die Mitte hielt. Nur die lang­haarigen Brauen waren schwarz geblieben.

Der Mann war eher klein, als groß und so mager,

ein weit über Bochum hinaus gehendes Interesse, nach den gestrigen Verhandlungen aber gewinnt er den Cha­rakter einer öffentlichen Angelegenheit ersten Ranges. Wohl ist ein abschließendes. Urtheil noch nicht gestattet, das bisher Festgestellte ist jedoch nur zu sehr geeignet, das peinlichste Befremden zu erregen. Mögen die Be­hauptungen des angeschuldigten Redakteurs Fusangel über die Steuereinschätzung sich auch manchmal als irrig oder zu hoch gegriffen gezeigt haben, so ist doch in der Hauptsache durch eidliche Aussagen der Bethei­ligten selbst erwiesen, daß eine Reihe hochangesehener, reicher Bürger Bochums viel zu gering eingeschätzt waren. Weitaus bedeutsamer ist aber die sensationelle Wendung bezüglich des Bochumer Vereins, an dessen Spitze jener Baare steht. Wenn die Behaup­tung, dieser Verein habe seit 16 Jahren grobe Fäl­schungen begangen, untauglich befundene Schienen mit nachgemachten Stempeln gezeichnet und an den Staat als gute Schienen geliefert, sich als richtig erweisen sollte, so würde es sich um einen Betrug handeln, durch welchen das Leben von Tausenden von Menschen gefährdet werden konnte. Wir müsfen uns natürlich jeglichen Urtheils über die Richtigkeit der gravirenden Behauptung enthalten, aber das allgemeine Jntereffe fordert schleunigste und strengste Untersuchung. Welch ungeheures Aufsehen schon die einfache Behauptung hervorgerufen hat, bezeugt wohl genügsam die That- sflche, daß die Aktien des Bochumer Vereins sofort an der Berliner Börse um 9,65 gefallen sind.

* Bamberg, 5. Juni. Herr Erzbischof Dr. Schork hat den Domdechanten Groh wieder zum Generalvikar und zum Vorsitzenden des geistlichen Rathes, sowie Domvikar Petz zum erzbischöflichen Sekretär ernannt.

Ausland.

* Wie«, 5. Juni. Dr. Sebastian Brunner, der jetzt im 78. Lebensjahre steht, ist in das Greisen-Asyl in Währing übergesiedelt, da ihm die Mittel zu einem anständigen Auskommen auf die alten Tage fehlen. Also das katholische Oesterreich, das für Adelige und liberale Geistliche Sinekuren genug besitzt, läßt katho­lische Talente, die sich um's Haus Habsburg wie die Kirche hohe Verdienste erworben haben, im Alter darben!

* Graf Hartenau (Prinz Alexander Battenberg, der frühere Fürst von Bulgarien) ist in Graz am Gallenstein so schwer erkrankt, daß zu seiner Behand­lung drei Aerzte zu Rathe gezogen worden sind. Das Leiden soll eine Folge nervöser Aufregungen sein. Der Erkrankte verträgt fast gar keine Nahrung.

' Nach einem Telegramm aus Kirk-Kiliffe ist der Maschinist Freudiger mit 4 Begleitern abgeritten, um die Räuber zu treffen und die Auslösung der Gefangenen zu bewirken. Die Rückkehr Freudigers mit den Gefangenen nach Kirk-Kiliffe wird bis Diens­tag Abend erwartet.

* Paris, 5. Juni. Der Beschluß der Milttär- kommission, im Spionage-Gesetz die Todesstrafe einzufügen, ist direkt auf die Milinit-Affaire zurückzu­führen. Der Direktor der Waffenfabrik in Puteaux zur Geometrie sah er auf, wie zur himmlischsten aller Wissenschaften, und darum bestand er seiner protestrren- den Gattin gegenüber fest darauf, daß seinem Erstge­borenen in der Taufe der Name des Vaters der Geo­metrie beigelegt werde, in der heimlichen Hoffnung natürlich, der Junge werde ein zweiter Euklid werden an Gelehrsamkeit, wie an Ruhm. Der arme Schul­meister und sein Weib starben indeß beide, noch ehe der kleine Euklid mit dem ABC ganz in's Retne ge­kommen war. Letzterer fand bei ihrem Tode Obdach bei den Ortsbewohnern; heute aß und schlief er bei dem einen, morgen bei dem andern, und dieses tägliche Wandern von Hütte zu Hütte dauerte so lange, bis Euklid im Stande war, sich durch's Verjagen der Krähen und durch Schweinehüten nützlich zu machen; da gab'» festere Dienstposten für ihn. Aber freilich, vom weiterest Lernen war dabei nicht die Rede. Im Laufe der Zeit kam er nach London und arbeitete lange Jahre am Straßenbau, bis schließlich ein Unglücksfall ihn für einen so schweren Broderwerb untauglich machte. Er hatte geheirathet und seine Frau ihm acht Kinder geschenkt. Sie wurden groß unter allen möglichen Ge­fahren für Leib und Leben, und starben alle mit einer einzigen Ausnahme, als sie nahe daran waren, ihren Unterhalt selbst verdienen zu können und nachdem sie die Liebe und opferwillige Ausdauer ihres Ernährers

* In der heutigen Sitzung nahm das Abgeordneten­haus die Vorlage über die Ärmenlast in 3. Lesung an, wobei Abg. Bohtz (kons.) die Regierung um Schritte zur Abänderung des jetzigen Gesetzes über den Unter­stützungswohnsitz aufforderte. Ebenso wurde in 3. Lesung das rheinische Kommunalbeamten-Pensionsgesetz angenommen, wobei die Regierung die Ausdehnung desselben auf die städtischen Exekutivbeamten in Aus­sicht stellte. Das Gesetz, betr. die Eintragung in die Höfe und Güterrolle, auf dessen Kommisstonsberathung das Haus verzichtet, wird in 1. und 2. Lesung ange­nommen. Ebenso der Vertrag zwischen Preußen, Ol­denburg und Bremen über Herstellung einer neuen Fahrbahn in der Außenweser und endlich nach längerer jedoch kein weiteres Interesse bietender Debatte in 1. und 2. Lesung die Wegcordnung für die Provinz Sachsen. Nächste Sitzung Montag. Tagesordnung: Kleine Vorlagen. Schluß 4V2 Uhr.

* Schlimme Nachrichten sind von der deutschen Kamerun-Expedition über London eingetroffen. Am 18. April traf der Gouverneur von Kamerun mit den letzten Ueberresten des Expeditionskorps, welches im Innern aufrührerische Stämme züchtigen sollte, nach einer unglücklichen Reise in Kamerun ein. Von den 250 Mann, darunter viele Deutsche, sind nur 100 übrig, meist Neger, die übrigen fielen in den Kämpfen oder erlagen dem Fieber. Der Gouverneur selbst wurde verwundet und ist stark vom Fieber mitgenommen. Ein deutsches Kriegsschiff ging angeblich nach dem Süden ab, um neue Truppen zu holen, da die Ent­sendung einer neuen Expedition beabsichtigt ist. Die Nachricht wird von anderer Seite als eine englische Erfindung bezeichnet und dementirt.

* DüffelLorf, 7. Juni. Die Vorarbeiten für den am 8., 9. und 10. August Hierselbst stattfindenden 14. Kongreß der kaufmännischen Kongregationen und kaufmännischen Vereine Deutschlands sind in vollem Gange. Die Kommissionen haben sich gebildet. Insbesondere treffen die Vergnügung?- und Dekorations-Kommissionen unter bewährtester künst­lerischer Oberleitung schon jetzt umfassende Vorberei­tungen, die sicher von schönstem Erfolge gekrönt sein werden. Drei große Etablissements sind fest gemiethet — das Vereinshaus, die Tonhalle und die Flora, wo sich der Kongreß mit seinen ernsten Arbeiten und frohen Festen imposant entfalten kann. Die Betheiligung der Vereine aus Alldeutschland wird größer sein, als auf irgend einer der früheren Versammlungen. Die Be- rathungen über die einlaufenden Anträge versprechen für das katholische kaufmännische Leben von hervorragender Bedeutung zu werden, und der Bedeutung der ganzen großartigen Feier entsprechend muß darum auch die thatkräftige und opferfreudige Theilnahme des gast­lichen katholischen Düsseldorf sein. Der offizielle Auf­ruf wird demnächst veröffentlicht werden.

* Der Bochumer Steuerprozeß hat, wie wir bereits mitgetheilt haben, eine Wendung genommen, welche überall das peinlichste Aussehen erregen muß und ihm eine Bedeutung gebracht hat, die man zu Beginn nicht zu ahnen vermochte. Zwar hatte er von Anfang an daß der Rock an ihm herumflatterte, wie um einen Kleiderstock; aber es waren ja auch schon viele, viele Jahre her, daß die Kleider auf feinen Leib waren ge­kauft worden. In den Pupillen der trüben einge­sunkenen Augen aber flimmerte etwas, als ob es dem Alten noch möglich sei, zu lächeln, wenn der ganze Gesichtsausdruck auch bekundete, daß das Lächeln nicht oft Wirklichkeit wurde und nur mehr ein gelegentlicher Festgast darin war. Der Alte schien übermüdet und schläfrig; mit leiser, heiserer Stimme rief er wie im Traume Kresse zum Verkauf aus, aber er schien selber nicht zu erwarten, daß seine Straßennachbarn ihm von der abgängigen Waare, die er in einem Körbchen vor sich hertrug, auch nur für einen Groschen abkaufen würden. Der Alte war auf den Namen Euklid ge­tauft, sein Familienname war Jones. Da die Jones aber fo zahlreich sind, wie der Sand am Meere, so konnte dieser kaum noch zur Unterscheidung dienen; niemand kannte ihn anders, als den „alten Euklid", denn so hieß keiner sonst weit und breit. „Da geht ja der alte arme Euklid", sagte auch jetzt Frau Fell, als ob die Verhältnisse des Alten ebenso schlimm, wenn nicht noch schlimmer wären, als ihre eigenen.

Euklid war als der Sohu eines Dorfschulmeisters in irgend einem stillen Oertchen von Wales zur Welt gekommen. Sein Vater war selbst kein Gelehrter, aber