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Sonntag, den 7. Juni 1891
18. Jahrgang
FilldlicrWZtitulig
' M ,Rathgeber für Landwirthfchaft, Gartenbau und yausweien in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
3>W Hierzu eine Beilage. "HWG
Der Uebersall des Grient-Erpreßsuges mit bet Stangen'schen Reisegesellschaft liefert einen neuen Beweis für die in der Türkei herrschende Unsicherheit. Die „türkische Wirtschaft" muß nun wieder herhalten. Freilich, die Türken haben keine musterhafte Staatsverwaltung. Aber ist es denn schon so lange her, daß aus Italien Abenteuer derselben Art gemeldet wurden? Es gibt noch genug unsichere Gegenden außerhalb des jetzigen oder früheren Halbmond- Gebietes. An den verrotteten Zuständen in der Türkei ist ganz Europa mitschuldig. Denn die europäische Staatsweisheit hat das türkische Staatswesen dahin gebracht, daß es nicht recht leben und auch nicht sterben kann. Durch fortwährende Kriege und Abtrennungen wurde die Entwicklung der Türkei lahm gelegt. Hätte man nun der ganzen Sultansherrlichkeit den Gnadenstoß gegeben, so wäre das Vernunft und Wohlthat für alle Beteiligten gewesen; aber das ließ die Eifersucht itnb Zwietracht ber „christlichen" Großmächte wieder nicht zu. Somit dürfen wir uns nicht beklagen, wenn wir in dem Balkansüppchen manchmal etwas finden, was schlecht schmeckt; wir haben uns das Süppchen selber eingebrockt. Die Räuber sollen übrigens nicht Türken und Muhamedaner, sondern Griechen und -Christen sein, wie man denn auch im Allgemeinen sagen kann, daß gerade das griechische Element viel gethan hat, um die Türkei zu diskreditiren. Die türkische Regierung hat in dem vorliegenden Falle Alles gethan, was von der Regierung eines zivilisirten Landes erwartet werden kann. Sie hat durch ihren Vertreter in Berlin sofort telegraphisch ihr Bedauern über den Vorfall aussprechen lassen; sie hat das Lösegeld zur Befreiung der von den Räubern als Geiseln zurückgehaltenen deutschen Reichsangehörigen zur Verfügung gestellt und sie hat Maßnahmen getroffen, daß sofort nach Freilassung der Herren die Räuber verfolgt und eventuell entsprechend bestraft werden. Ursprünglich scheint die Pforte beabsichtigt zu haben, sofort in die Verfolgung der Räuber einzutreten, um ihnen die Gefangenen zu entreißen; sie hat aber sofort das Lösegelb bereitstellen lassen, als beutscherseits geltenb gemacht würbe, baß bamit bie Gefangenen nur gefährbet werben und ber Rache ber Räuber anheimfallen würben, ganz abgesehen bavon, baß bie Pforte ja nicht einen Erfolg ber Expebition gegen bie Räuber garantiren kann. Das bereitwillige Entgegenkommen, welches die deutschen Reklamationen bei der Pforte gefunden haben, ist eine Frucht der guten Beziehungen, die zwischen Deutschland und der Türkei bestehen. Auch in Frankreich sind häufig genug zu Zeiten, da die chauvinistische Strömung besonders hoch ging, Deutsche zu Schaden gekommen. Man kann nicht behaupten, daß die französische Regierung immer einen gleichen Eifer entfaltet hätte, Remedur zu schaffen, als im vorliegenden Falle die türkische. Vielleicht läge auch ein Vergleich der Haltung der Pforte zu der amerikanischen Regierung angesichts der Niedermetzelung italienischer Staatsangehöriger in New-Orleans nahe.
Im Kamps ums Dasein.
Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.
(7. Fortsetzung.)
„Er ist mir lieb und angenehm, so lange er sich ehrbar hält," sagte sie kühl. „Das wird nicht mehr lange vorhalten, das Ehrbarsein," knurrte der aufrichtige Roger. „Der Vater ist immer hinter mir her; wenn ich nichts heimbrächt', gäbe er mir auch nichts mehr zu essen. Von wem soll ich etwas heimbringen, wenn ich's nicht stehle?! Er wird erboster gegen mich mit jedem Tage." „Besser, Dein Vater ist erbost, weil Du nicht stiehlst, als daß der liebe Gott erbost ist, weil Du stiehlst," mahnte Frau Fell. „Du mußt Gott fürchten, der das Gute, und nicht Deinen Vater, wenn er Schlimmes von Dir verlangt." „Wo ist denn Gott?" fragte Roger. „Im Himmel, wohin die guten Menschen kommen, wenn sie sterben," war Frau Fell's Bescheid. „Von dort sieht er Alles und lenket Alles, wie es ihm gefällt. Er könnte, wenn er wollte, uns Alle im Handumdrehen reich machen und gesund und glücklich; will er nun aber, daß wir arm sind und trank und elend, so ist's gewiß so am besten für uns, das müssen wir glauben. Aber was ich Dir sagen
Deutsches Deich.
Berlin, 5. Juni.
* Zu Ehren des Präsidenten des preußischen Abgeordnetenhauses v. Köller, welcher am 6. Juli d. Js. sein 25jähriges Jubiläum als Mitglied des Abgeordnetenhauses begeht, soll am 19. oder 20. Juni, dem Tage des Schlusses der Session eine parlamentarische Feier veranstaltet werden.
* Die Centrumsfraktion des preußischen Abgeordnetenhauses hat auch ihrerseits in einer Adresse zum goldenen Priesterjubiläum des Herrn Kardinal Melchers ihren herzlichen Glückwünschen und ihrer tiefen Verehrung warmen Ausdruck gegeben.
♦ Der .Köln. Ztg.' wird aus Petersburg gemeldet: Die Erklärungen des Staatssekretärs v. Bo etlicher über eine vielleicht möglich werdende Herabsetzung der Getrridezölle hatten die Russen hochmüthig gemacht, besonders auch gegenüber Verhandlungen behufs eines etwaigen deutsch-russischen Handelsvertrages. Die Erklärungen des Reichskanzlers v. Caprivi bereiten ihnen deßhalb jetzt furchtbare Enttäuschungen. Die russischen Händler hielten ihr Getreide zurück in der Hoffnung, die Preise steigern zu können, sobald Deutschland seine Getreidezölle ermäßige.
* Russisch- und galizisch-polnische Arbeiter, die in den Ostprovinzen in landwirthschaftlichen und industriellen Betrieben zugelassen sind, verlassen häufig ihr Dienstverhältniß ohne vorherige Kündigung. Die Regierung hat nun angeordnet, daß solche kontraktbrüchige Arbeiter sofort ausgewiesen werden.
* Vor Kurzem wurde darauf hingewiesen, daß die europäische Bewaffnungsfrage durch die Einführung eines neuen Infanterie-Gewehres in Italien wieder in ein verändertes Stadium treten könnte. Die Jnfanteriegewehre der meisten europäischen Staaten, namentlich Frankreichs, Deutschlands, Gäsikrreichs, sind 8 Millimeter-Gewehre, und es galt bisher als nicht gut möglich, ein noch kleineres Kaliber zu wählen. In Italien macht man nun aber Versuche mit einer Waffe, bie nur ein Kaliber von 6V2 Millimeter hat, unb es ist so bargestellt worben, als ob wir unb bie anbern großen Militärmächte nunmehr nichts Eiligeres zu thun haben würden, als unsere mit den gewaltigsten Kosten durchgeführte Bewaffnung wieder aufzugeben und unsere 8 Millimeter-Gewehre durch 6’/a Millimeter- Gewehre zu ersetzen. Aus militärischen Kreisen wird nun aber zu dieser Frage bemerkt, daß es am Platze sei, kaltes Blut zu bewahren. Zunächst muß sich erst Herausstellen, ob ein 6'/s Millimeter-Gewehr praktisch brauchbar ist. Der Beweis ist noch nicht erbracht, und die bisherigen in Italien angestellten Versuche gestatten noch keinen endgiltigen Schluß. Sollte der Versuch aber gelingen und im Großen durchgeführt werden, dann läge noch immer keine Nöthigmig zur Nachfolge vor, weil die Vortheile unseres jetzigen Jnfanterie- gewehrs so erheblich sind, daß sie durch den allenfalls möglichen größeren Nutzen eines noch kleineren Kalibers nur ganz unwesentlich und jedenfalls nicht so gesteigert werden könnten, daß wir unsere neuen Gewehre zum alten Eisen werfen müßten. Es werden noch Jahre vergehen, ehe die Frage eines abermaligen Ersatzes wollte: Diebe will Gott nicht haben im Himmel. Für diese hat er irgendwo einen großen Abgrund, der voll Feuer und Schwefel ist; da kommen alle bösen Leute hinein und Du auch, wenn Du stiehlst. Ich weiß nicht genau, wo dieser Abgrund ist, ober wie er ist; aber das Alles steht in der Schrift geschrieben, sagen sie, und es sei schlimmer, als das allerschlimmste Gefängniß."
Die leise, schwache, bebende Stimme, mit welcher die kranke Frau dies in dem dunklen Zimmer vorbrachte, erfüllte Roger mit einem wahrhaften Grauen; er würde sich gefürchtet haben, wenn nicht Elsbeth dicht neben ihm gekauert und das Alles auch ruhig angehört hätte. „Ja, ich sehe," sagte er zitternd, „Gott ist böser als der Vater." „Das ist er nicht," wehrte Frau Fell. „Gott ist die Liebe." „Also Gott liebt alle Menschen?" fragte Roger in etwas kritischem Tone. „Dann liebt er ja auch meinen Vater?" „Wird wohl sein," versetzte Frau Fell. „Dann glaube ich das Alles nicht. Wer, wie der Vater, in den Schwefelbrunnen gehört, weil er stiehlt unb seine Kinder zum Stehlen und Betteln zwingt, den kann Gott nicht lieben. Die Leute sagen ja, auch David sei jetzt auf dem Bettel! Daß Gott die reichen Leute liebt, das läßt sich schon annehmen, denn das sieht man; aber um die Armen
unserer Infanteriewaffe ernstlich praktisch werden sollte, wofern sie überhaupt jemals aufgeworftn werden wird. In derselben Lage aber wie wir sind unsere Nachbarn und so lange keiner von ihnen dem italienischen Beispiele folgt, haben auch wir es nicht nöthig.
* Der Bundesrath hat dem „Bund deutscher Perrückenmacher- und Friseur-Innungen" die Rechte der juristischen Person verliehen.
* In der heutigen Sitzung berieth das Abgeordnetenhaus in 2. Lesung das Rentengütergesetz. Ju § 1 Abs. 1 der Vorlage ist bestimmt, daß die Renten- ablösnng für Rentengüter von mittlerem und kleinerem Umfange auf Antrag der Betheiligten stattfinden kann, soweit die Ablösbarkeit nicht von der Zustimmung beider Theile abhängig gemacht ist. Unter Ablehnung einiger Anträge, welche diese Ablösbarkeit auf Rentengüter von kleinem Umfang ausgedehnt wissen wollen, wird § 1 Abs. 1 in der Regierungsfaffung angenommen. Die liberalerseits aufgestellte Behauptung, die Vorlage bezwecke die Wiederherstellung eines abgeschafften guts- nnterthänigen Bauernstandes, wird regierungsseitig zurückgewiesen mit dem Bemerken, daß die Vorlage den Zweck habe, das Aufsaugen des kleinen Grundbesitzes durch den großen und wiederum die übermäßige Zerstücklung des Großgrundbesitzes zu verhüten. Die §§ 4, 6 Abs. 4 und 12a werden gemeinschaftlich debattirt und wird zu 8 6 Abs. 4, der bestimmt, welche Summen zur Ablösung von Rentenbeträgen in verschiedenen Tilgungsraten nöthig sind, mit einem Antrag Jtzenplitz angenommen, wonach eine Kapitalablösung in den ersten 10 Jahren nur mit Genehmigung der General-Ablösungskommission möglich ist. Den Gefahren, welche die in 12a nach liberaler Ansicht enthaltenen Verfügungsbeschränkungen bieten sollen, stellt Minister Miquel die Gefahr einer Hypothekenkündigung als ungleich größer gegenüber. § 10 bestimmt die Modalitäten, unter dienen die Uebe, nähme der Renten auf die Rentenbank erfolgen kann auf alleinigen Antrag des Rentenberechtigten. § 12 enthält die Vorschriften über die Behandlung der auf Begründung von Rentengütern eingebrachten Anträge. Beide §§ werden mit geringer redaktioneller Aenderung, alle übrigen §§ ber Vorlage in ber Regierungsfassung angenommen. Nächste Sitzung Sonnabenb 12 Uhr. Tagesordnung: Kleine Vorlagen. Schluß 3*/2 Uhr.
♦ Spandau, 4. Juni. Die Gewehrfabrikdirektion theilte den Arbeitern mit, daß wegen Arbeitsmangels alle nicht während 10 Jahren beschäftigt Gewesenen entlassen werden. Hierdurch wird der Bestand abermals um 1000 verringert; von den früheren viertausend Arbeitern verbleiben vierhundert auf Halbtagsarbeit.
* Trier, 4. Juni. Großes Aufsehen erregte es, als im Jahre 1876 ber Domkapitular v. Wil- mowsky in einer Abhanblung behauptete, daß bie im Jahre 1844 ausgestellte Tuniea nicht bas Gewanb Christi selbst, sonbern bloß bie Umhüllung eines Stückes bieses Gewanbes sei. Die Wilmowsky'sche Schrift rief eine heftige Fehde hervor. Es war nun klar, baß nach biesem Ereigniß ber hl. Rock einer gründlichen Untersuchung unterzogen werden mußte. Damals konnte dies nicht geschehen, weil der Kultur- kümmert er sich nicht mehr, als um einen Strohhalm." Ich kann Dir's nicht deutlicher erklären, Roger; aber mir gibt's immer Trost, daran zu glauben. Und mein David wird niemals ein Dieb werden, Roger, niemals! Wenn die Leute auch davon reden, er habe sich nun auf's Betteln verlegt. — Schlimmeres werden sie nie von ihm zu sagen haben. Aber wenn er doch nur wieder hier wäre!" Bis lange nach Mitternacht blieben Elsbeth und ihre Mutter harrend sitzen. Sämmtliche Bewohner des zahlreich bevölkerten Miethshauses hatten ihre Schlupfwinkel aufgesucht und sich niedergestreckt, so daß kein Geräusch mehr laut wurde, von welchem das Echo eines nahenden Schrittes auf der Straße hätte verschlungen werden können — von David noch immer nicht das leiseste Zeichen. Und nun verging Tag um Tag in steigender Angst und wachsendem Weh. Die leiblichen Peinen der Krankheit fühlte die arme Mutter kaum mehr unter ber Sorge, was aus ihrem Kinbe geworben. An jedem neuen Morgen schleppte sie sich in den benachbarten Straßen umher, Jeden um Auskunft bittend, von dem sie wußte, daß er David gekannt hatte. Wenn dann die Füße sie nicht mehr weiter tragen wollten, stand sie noch stundenlang wider die Straßenecke gelehnt und ließ das forschende Auge