JM 126
Freitag, b*n 5. Juni 1891.
!8. Jahrgang
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sich durch den Inhalt der Artikel beleidigt fühlten und Strafantrag gestellt haben, erscheinen die Mitglieder der Einschätzungs-Kommission und der Magistrat. Die Anklage nimmt an, die Angeklagten hätten, abgesehen von den Beleidigungen, in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise verschiedene Klassen der Bevölkerung gegen einander öffentlich angereizt.
Deutsches Keich.
Berlin, 3. Juni.
* Der Schluß des Landtages soll spätestens am 20. d. M. erfolgen.
* Der Siebener-Ausschuß für die Vorbereitung der Reform des höheren Schulwesens tritt erst im Herbst wieder zusammen, um seine Arbeiten zu beenden.
* Die Nachricht von einem Besuche des Statthalters der Reichslande, Fürsten Hohenlohe beim Fürsten Bismarck in Friedrichsruh wird offiziös dementirt.
* Bei den gestrigen Verhandlungen des Kolonialraths ergab sich, daß eine gcwinnversprechende Kultur der Baumwolle in den deutschen Schutzgebieten, ausgenommen Südwestafrika, über welches in dieser Beziehung keine Mittheilungen Vorlagen, zweifellos erwartet werden kann.
* Der Reichskommissar für die Chicagoer Weltausstellung macht bekannt, daß die Einrichtung der Bureaux des Kommissars erfolgt ist und fordert die deutschen Aussteller auf, bis Ende d. I. die Absicht ihrer Betheiligung kundzugeben, da am 1. Januar 1892 die Vertheilung des Ausstellungsraumes erfolgt.
• In der heutigen Sitzung trat das Abgeordnetenhaus in die Berathung der von der Kommission zur Vorberathung des Antrags Korsch, betr. Verbot des Zwischenhandels mit Lotterie - Loosen, angenommenen Resolutionen ein. Danach soll die Regierung ersucht werden: 1) Die Looszahl zu erhöhen, 2) im Vertrieb der Loose eine Aenderung des Systems eintreten zu lassen und 3) die reichsgesetzliche Regelung des Lotteriewesens anzubahnen. Nach längerer Debatte wird Sie Resolution ad 1) an die Budget - Kommission überwiesen, die ad 2) abgelehnt, die ad 3) angenommen. Folgt Bericht der Agrar-Kommission über den Antrag Schultz-Lapitz, betr. Ergänzung des Waldschutz-Gesetzes von 1875, dahin, daß besondere Aufmerksamkeit auf die Aufforstung rc. verwendet werde, um den Schutz zu vergrößern, welchen der Wald gegen Wasserschäden bietet. Die Kommission beantragt, diesen Anttag abzulehnen und dagegen die Regierung zu ersuchen, dem Landtage nach dieser Richtung gehende Vorschläge zu machen und die Kosten hierfür in den Etat einzustellen. Regierungsseitig wird betont, daß die Kosten bedeutende sein würden. Der Kommissions-Antrag wird angenommen. Sodann wird eine Reihe von Petitionen erledigt. Nächste Sitzung Donnerstag; Tagesordnung: Sperr- gelder-Vorlage, Looszwischcnhandel, Armenlast-Gesetz (3. Lesung). Schluß 4 Uhr.
* Der Mtionalliberale Parteitag verlief am Sonntag, wie schon kurz mitgetheilt wurde, unter dem Vorsitz Hobrecht's, in der von der ,Nat.-Ztg.' angekündigten Richtung. Der Versuch einzelner Süddeutschen, den Parteitag für die Politik des Fürsten Bismarck zu engagiren, schlug fehl. Abg. v. Bennigsen betonte in seiner äußerst " beifällig aufgenommenen Rede die „Selbstständigkeit" der Partei und verwahrte sich, ohne den Fürstm Bismarck zu nennen, daß man sie gegen einen Handelsvertrag verpflichten wolle, den noch Niemand kenne. Professor Meyer in Heidelberg, früher
Im Kampf ums Dasein.
Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.
(5. Fortsetzung.)
„Er ist vor Ew. Gnaden des Diebstahls überführt worden, ein halb Jahr wirds her sein," fuhr, ohne durch Davids Protest sich beirren zu lassen, der zweite Polizei-Zeuge fort. „Er nannte sich damals Johann Fell und wurde zu 21 Tagen Haft verurtheilt." „Hast Du noch etwas vorzubringen?" fragte der Richter, indem er sich David wieder zuwandte. „Ich war nicht der, von welchem dieser Mann spricht," wehrte David mit der Heftigkeit ehrlichen Bewußtseins. „Er hält mich für einen anderen Knaben, als der ich wirklich bin. Ich habe niemals etwas gestohlen; es ist auch das erste Mal, daß ich gebettelt habe. Man schicke zu meiner Mutter, die weiß das alles. Was wird aus ihr werden und aus der kleinen Elsbeth?!" schloß David seine Apologie unter Thränen. „An Deine Mutter hättest Du denken sollen, bevor Du schon das zweitemal gesetzbrüchig geworden bist," erwiderte der Richter. „Gerade unser Stadtviertel ist am meisten von der Bettler-Plage hehaftet und dieser Beschwerniß muß Einhalt gethan werden. Ich schicke Dich für drei Kalender-Monate ins Gesängniß, während welcher Zeit
in Jena, hob die Nothwendigkeit hervor, auch der Gründer der Reiches, des Kaisers, Moltke's (lebhafte Zurufe: Bismarck's!) und BiSmarck's dankbar zu gedenken. Noch entschiedener erklärte Professor Kahl (in Bonn, früher in Erlangen): Man sei in Süddeutschland seit Bismarck's Rücktritt „ganz deroutirt" (das scheint der Herr Professor allerdings für seine Person zu sein). Stockmeier (in Stuttgart) erklärte, die Dankbarkeit für Bismarck sei allerdings geboten, aber eine „praktische" Politik müsse obenanstehen. Die hierauf angenommene Resolution spricht auS: Selbstständigkeit der Partei „wie bisher" „in jeder Hinsicht"; Festhalten an den liberalen Grundsätzen; Befürwortung einer Pause in der sozialen Gesetzgebung; Reifenlassen der bisherigen Gesetze; freie Entscheidung jedes Einzelnen in wirthschaftlichen Fragen. Beim Festmahl wurde mit dem Trinkspruch auf Bismarck ein Telegramm verlesen, welche? den Dank an den politischen Schöpfer der Einheit Deutschlands ausspricht. Kurz darauf traf die Antwort Bismarck's ein, in welcher er für die Kundgebung derjenigen Partei dankt, welcher die Nation für ihren Antheil an der nationalen Einigung einen dauernden Dank schulde.
* Die Freisinnige« haben beim Abgeordnetenhause beantragt, die Regierung zu ersuchen, da« ihr zugänglich gewordene Material über die im Lande vorhandenen Getreidevorräthe und über die Ernteaussichten schleunigst dem Landtage vorzulegen.
* Der sozialdemokratische Parteivorstand erläßt einen Aufruf an die Parteigenossen, Volksversammlungen abzuhalten und in denselben Resolutionen anzunehmen, in denen gegen den Entschluß der Regierung: „Trotz der Brodvertheuerung die Kornzölle bestehen zu lassen" protestirt und sofortige Aufhebung der Kornzölle verlangt wird.
* Este«, 2. Juni. Vor der hiesigen Strafkammer begann gestern der Prozeß gegen die Redakteure der Westfälischen Volkszeitung in Bochum, die Herren Fns- angel und Lunemann, wegen Beleidigung der St euer- Einschätzungs-Kommissionen in Bochum, des Magistrats, des Landtags-Abgeordneten Schultz, des Geheimen KommerzienrathS Baare, des Generaldirektors Frielinghaus, des Direktors Generotzki und vieler angesehenen Personen. Es handelt sich um die vielgenannten, von der Volkszeitung gebrachtm „«Steuer* skandalosa." Das Blatt hatte in dreißig Leitartikeln, in einer Lokalnotiz und in einem Extrablatt behauptet, daß eine große Anzahl von Bochumer Bürgern, namentlich die vermögendsten, unter ihnen die Mitglieder des Magistrats, die meisten Stadtverordneten, die Mitglieder der Einschätzungskommission selbst, viele Forensen und juristische Personen, viel zu wenig Steuer bezahlten. Obschon die Mitglieder der Einschätzungskommission Kenntniß von den größeren Einkommen der erwähnten Personen gehabt hätten, sollen sie die niedrige Einschätzung beibehalten haben. Es werden weiterhin darin Uebelstände und Vorkommnisse der Bochumer Stadtverwaltung, insbesondere der städt. Armenverwaltung besprochen; eine Reihe von Artikeln beschäftigt sich mit einzelnen Persönlichkeiten, insbesondere mit Geheimrath Baare. Als Diejenigen, die man Dich dort ein Handwerk lehren wird, damit Du, daraus entlassen, Dein Brod auf ehrliche Weise zu verdienen im Stande bist." Der Richter hatte kaum seinen Spruch geendet, da war David auch schon aus dem Zimmer geschoben und ein anderer Fall aufgerufen. Die ganze Verhandlung über David hatte nicht mehr als vier Minuten Zeit in Anspruch genommen — es war eben ein „überhäufter Tag," wie die Gerichtspraktikanten sich ausdrücken; in dem betreffenden Distrikte war zu Anfang der Woche ein großer Jahrmarkt abgehalten worden, und da konnte man mit einem vierzehnjährigen Jungen, der eingestandenermaßen gebettelt und wohlbezeugterweise schon einmal gestohlen hatte, nicht viel Umstände machen. Die letzte Thatsache im mindesten anzuzweifelri, demgemäß also die Wahrhaftigkeit der Ableugnung des Knaben zu untersuchen, fiel niemanden auch nur einen Augenblick ein. Ein anderer Angeklagter stand vor der Schranke, und David Fell war vergessen. David aber schien taub geworden für jeden anderen Laut, der an sein Ohr drang, seit er die Worte: „Drei Monate ins Gesängniß" gehört hatte. Drei Monate ins Gesängniß — hieß das nicht, seine Mutter in drei Monaten nicht Wiedersehen? Und war es dann nicht sehr zweifelhaft, ob er sie dann noch am Leben traf? Noch war keine Viertelstunde ver-
Austand.
* Wie«, 3. Juni. Der väpstliche Nobelgardist Marchese Cavaletti überreichte dem Fürst-Erzbischof Gruscha den Kardinalshut. Die Angehörigen des Kaiserhauses beglückwünschten den Fürst-Erzbischof.
* Graz, 3. Juni. Der steierische Katholikentag begann gestern seine Sitzungen. Fürst Liechtenstein als Vorsitzender eröffnete die Verhandlungen mit einem Hoch aus Papst, Kaiser und Fürstbischof. Napotnik hielt eine Ansprache in slowenischer Sprache, welche Aufsehen erregte.
* Budapest, 3. Juni. Mehrere hier angekommene Passagiere des üb erfallenen Orientzuges berichten :
Wir waren Sonntag 8 Uhr 15 Minuten Abends mit dem Personenzug von Konstantinopel abgereist und saßen in einem Coup« zweiter Klasse. Gegen Mitternacht verspürten wir plötzlich eine starke Erschütterung; Gepäckstücke fielen aus dem Korb auf die Köpfe und der Zug blieb stehen. Wir glaubten, ein Eisenbahnunglück sei geschehen und eckten an die Fenster. Da sahen wir im nächtlichen Dunkel wenigstens 50 Männer von schrecklichem Aussehen, alle mit Gewehren, Pistolen und Messern bewaffnet. Sie schrieen laut in türkischer Sprache und richteten die Schußwaffen gegen uns. Zwei deutsche Damen, die in unserem Coupe saßen, begannen laut zu weinen. An Widerstand war nicht zu denken. Das Erste, was die Räuber thaten, war, daß sie den des Türkischen mächtigen Lokomotivführer banden und zwangen, daß er als Dolmetsch diene. Sie eilten mit ihm zu dem Wagen erster Klaffe; es erscheint zweifellos, daß die Räuber von Spießgesellen auS Konstantinopel verständigt waren, daß im Zug« sich reiche Deutsche befänden und ein guter Fang möglich sei. Es war für die Räuber das Werk weniger Augenblicke, die vier Paffagiere erster Klaffe zu binden und das Coups zu durchsuchen; dann fom»« die Passagiere der zweiten Klasse an die Reihe. Der als Dolmetsch dienende Lokomotivführer sagte uns, die Räuber forderten Tabak und Eßwaaren. Die Damen leerten ihre Eßvorräthe, wir unsere Cigarrentaschen. Allen Passagieren wurden die Uhren abgenommen, Geld oderGeldeswerth wurde nicht verlangt. Bald hörten wir einen Schuß, der den Koch der engl. Botschaft in Konstantinopel, Franz Kiak aus Siebenbürgen, verwundete, der die in das Coupe eindringenden Räuber mit einem Revolver empfangen und bedroht hatte. Bon unserem Seelenzustande kann man sich leicht eine Vorstellung machen, als wir sahen, daß die Räuber die Gefangenen fortschleppten. Der überfallene Zug blieb vier Stunden auf freiem Felde; die Maschine war tief in die Erde eingebohrt, drei Waggons waren übergestürzt, doch hatte kein Insasse Schaden genommen. Das Zugspersonal eilte nach der 20 Kilometer entfernten Station L-zinekli um Hilfe Morgens traf ein kleiner Zug ein, der uns nach Adrianopel brachte, der Verwundete Kiak wurde dort zurückgelassen. Eine deutsche Dame ist in Folge des Schreckens erkrankt und mußte in Philippopel zurückbleiben. Unsere Fahrt erlitt durch den Ueberfall eine 12stündige Unterbrechung. (F. Z.)
* Rom, 2. Juni Der h. Vater berührte in feiner gestrigen Allokution, die geheim gehalten wird, wie telegraphisch gemeldet wird, die soziale Frage, welche mahnend an die Pforte der Menschheit poche. Der Papst beklagt die wirthschaftlichen Drangsale der Völker, welche durch den Zwiespalt zwischen Kapital und Arbeit nur vermehrt würden. Die Stellung, welche die Kirche zur Frage genommen habe, sei in flössen, seit er vor den Gerichtshof aufgerufen worden war, und schon dünkte sie ihm eine halbe Ewigkeit, so viel hatte er unterdessen erlebt.
Und einen ebenso weiten Sprung machte seine aufgeregte Phantasie nun in die Zukunft. Es war ihm, als sei seine Mutter längst tobt und begraben. Aber trotz alledem — zwei Worte tönten ihm unablässig in die Ohren: das Abschiedswort der Mutter „Gott geb Dir seinen Segen, David!" und das Verdikt des Richters! „Ich werde Dich drei Monate ins Gesängniß schicken." Sein brütendes Gehirn hatte für nichts anderes Raum. Es war, als ob ein unsichtbarer Unhold ihn äffe mit diesen Sätzen und sie ihm fortwährend ins Ohr schreie, einen nach dem andern: „Gott geb' Dir seinen Segen, David!" .... „Ich werde Dich drei Monate ins Gesängniß schicken."
III.
Der verpfändete Trauring.
Unzweifelhaft wäre es in der Ordnung gewesen, Frau Fell von der Schuldigerklärung ihres «Lohnes und seiner Verurtheiluug zu drei Monaten Gesängniß in amtlicher Weise zu benachrichtigen; aber entweder ist dieses offizielle Schriftstück irrthümlich der Mutter des vor Gericht genannten Johann Fell zugestellt worden oder es ist auf dem Wege durch die Post ver-