V 124
Mittwoch, den 3. Juni 1891
18. Jahrgang
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Welche Haltung werden die entschiedenen Katholiken fortan im österreichischen Keichs- rathe einzunehmen haben?
Im österreichischen Reichsrathe ist eine neue Grup- pirung der Parteien im Entstehen begriffen; es werden daher auch die wahrhaft konservativen Abgeordneten fortan eine andere Haltung einzunehmen haben. Wenn wir uns vor Allem die Frage stellen, was heißt „konservativ" sein, so können wir darauf antworten: Konservativ sein heißt, das Bestehende, so weit e« gut und existenzberechtigt ist und sich mit den bestehenden Zuständen verträgt, erhalten und verbessern. Die Basis aber für alles wahrhaft Konservative ist die Religion, das Christenthum. Unbestreitbar ist für uns seine Berechtigung; es ist im eminenten Sinne gut und bestimmt, für alle Zeiten Norm zu geben. In dem Christenthum und durch das Christenthum allein finden nicht nur Throne und Staaten, sondern das ganze soziale Leben der Völker überhaupt ihre Rechtsbasis, ihre Stütze, ja ihr ganzes Lebensprinzip. Wer daher nur in Einem Sinne konservativ sein will und z. B. allein nur die Dynastie oder das Staatsrecht erhalten wissen will, ohne auf die Religion im öffentlichen Leben das Hauptgewicht zu legen, der ist eigentlich gar nicht konservativ; er baut ein Haus ohne Grund.
Bisher war das Vorgehen der konservativen d. i. wahrhaft katholischen Abgeordneten im österrreichischen Reichsrathe nicht so fast von ihren Ideen geleitet, sondern von der Erwägung: wenn wir ernstlich mit christlichen Vorschlägen hervortreten, so haben wir die Regierung, haben die Liberalen und viele sogenannte Konservative gegen uns; wir steten in diesem Falle in die Opposition und bilden eine numerisch schwache Fraktion; daher ziehen wir vor, zu laviren und mit Hilfe der Regierung und der sogenannten Konservativen eine allzu große Liberalisirung möglichst hintanzuhalten; auf diese Weise können wir auch manche autonomistische Konzession erreichen und zu Gunsten der nationalen Gleichberechtigung mit einigem Erfolge auftreten.
Run, diese Taktik mag ja unter Umständen und für eine gewisse Zeit ihre Berechtigung haben und gehabt haben; jetzt aber, meinen die Historisch-politischen Blätter', denen wir diese Ausführungen auszugsweise entnehmen, scheint uns das Laviren in religiös-poli- stschen Angelegenheiten nicht mehr am Platze zu sein. Der Einwand, religiöse Fragen sollten nicht aufgerollt werden, weil die katholische Partei sich sehr in der Minderheit befindet, kann doch nicht für immer stichhaltig bleiben; es müßte ja sonst eine jede Minorität im politischen Leben sich selbst aufgeben und zum ewigen Stillschweigen veruttheilen. Wir denken es uns nicht als ein Ding der Unmöglichkeit, daß christlichkonservative Abgeordnete bestimmte Anträge in christlichem Sinne stellen, beziehungsweise unterstützen und vertreten, in rein politischen Fragen jedoch ihre verschiedenen Standpunkte festhalten. Es ist zwar nicht
Im Kamps ums Dasein.
Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.
(3. Fortsetzung.)
II.
Prompte Justizpflege.
David beeilte sich nicht im mindesten, mit seinem neuen Erwerbszweige zu beginnen. Er ging vorwärts, bis er die geschäftigeren Straßen weit hinter sich und die breiteren und ruhigeren Wege in den Außentheilen Londons erreicht hatte. Hier und da streckten die Bäume der an die Straß? reichenden Gärten ihre belaubten Zweige über die Mauer und die Scitenpfade. Auf diesen hielt sich David und trottete durch die abgefallenen, herbstlich roth gefärbten Blätter, prüfend aufblickend, wenn ihm Jemand entgegentrat. Hier schritten die Leute bei Weitem nicht so ungestüm daher, wie in der City. David sah, daß der eine und der andere ihn nicht nur sah, sondern auch beachtete. Wann wäre jemals in dem geräuschvollen Treiben der Jnnerstadt der Blick eines Vorübereilenden auf ihm haften geblieben, wie hier? Traf ihn ein solcher Bllck, dann war's mit dem Anlauf zu der einige Schritte zuvor beschlossenen Anrede wieder vorbei. Bald nach Mittag erst sah er, wie eine daherkommende Dame ihren Blick von Ferne freundlich auf ihn richtete. Dieser trat er
gebräuchlich, im Reichsrathe zweien Klubs anzugehören; doch wenn dies auch als schwer durchführbar geschildert wird, so folgt daraus noch nicht, daß es absolut unmöglich sei.
Wenn also ein eigener katholischer Klub unter was immer für einem Namen gegründet würde, so könnte ein Abgeordneter sowohl seinem ursprünglichen Klub, also etwa dem konservativen oder dem Polenklub und gleichzeitig dem katholischen Klub als Mitglied angehören. In den erstgenannten Klubs müßte er bei gewissen Fragen seine Zustimmung zu den Beschlüssen vorbehaltlich der Haltung des katholischen Klubs geben, während in rein politischen oder witthschaft- lichen Angelegenheiten dieser Vorbehalt entfallen könnte. Die konservativen Abgeordneten der Alpenländer gaben bekanntlich im neu zusammengetretenen konservativen Klub eine Erklärung ab, die gewissermaßen dasselbe bezweckt, was hier zum Vorschlag gemacht wird, und muß nur bedauert werden, daß ernste Katholiken aus den anderen Fraktionen nicht ein ähnliches gethan haben.
Im Reichsrathe der zuletzt abgelaufenen Periode bestanden mehrere konservative Klubs, von denen jeder seine Sonderinteressen verfocht, die aber alle im sogen, eisernen Ring eine Vereinigung suchten und fanden. Jetzt ist es der Form nach umgekehtt. Die Konservativen (mit Ausnahme der Polen) bilden nur Einen Klub, welcher aber aus mehreren Fraktionen besteht. Dem Wesen nach dürfte es aufs selbe hinauskommen, obwohl die Vereinigung in einem Klub eine innigere ist, als die des „eisernen Ringes" war. In gewisser Beziehung gehören also alle konservativen Abgeordneten heute schon zweien Klubs an, wenn auch daS Kind einen anderen Namen hat, und unsere Idee scheint denn doch nicht in's Reich der Unmöglichkeiten zu gehören.
Würden die entschieden katholisch-gesinnten Abgeordneten auch nur hie und da mit ihren berechtigten Forderungen im Reichsrathe hervortreten, wenn sie auch wissen, daß sie bekämpft und überstimmt werden, so könnten sie doch wenigstens sagen: „Salvavi animam meam; uns trifft die Verantwortung nicht." Nach und nach würde sich der katholische Klub numerisch und moralisch stärken und endlich jedenfalls eine Achtung gebietende Stellung einnehmen. Er würde eine Gruppe darstellen, die nicht nur beim Volke, sondern auch bei der Regierung und im Parlamente Achtung genösse und nicht schlechtweg ignorirt werden könnte.
Was wäre am Ende auch riskirt durch eine solche allerdings oppositionelle Haltung der Partei? Im schlimmsten Falle nur das, daß das Regierungssystem in Oesterreich, weil noch mehr als bisher seine Stützen auf liberaler Seite suchend, abermals ein bischen liberaler würde, als es schon ist. In wirthschaftlichen Dingen und in rein politischen Fragen wird nach wie vor ohnehin nur lavirt werden. Ob also die in ihrem inneren Kerne liberale Regierung sich etwas mehr oder weniger hinüber ober herüber neigt, ist ziemlich belanglos. Schlechter kann es kaum werden in religiöser
in den Weg und sprach sie an um Hilfe für seine kranke Mutter. Sein erster Appell war erfolgreich, und das gab ihm Muth zum zweiten. Die gute Dame hatte ihn unterstützt bei dem ersten Schritte abwärts. Es gab Zurückweisungen, und die machten ihn niedergeschlagen und beschämt; dann kamen wieder Personen, die seine Bitte gewährten, weil sie den Anblick eines so ausgehungerten Gesichtes nicht lange ertragen konnten; wieder andere, die ihm das Geschichtchen von der kranken Mutter leichthin glaubten und sich mit einem halben oder ganzen Groschen von der Verpflichtung, einen durch Mangel mit dem Untergang bedrohten Mitmenschen zu retten, für ihren Theil loszukaufen meinten.
Nicht einer auch von diesen nahm so viel Interesse an der Geschichte, sie auf ihre Wahrheit zu prüfen — das hätte ja auch zwei Wegstunden gekostet — sondern alle gingen vorüber; die einen hatten den Knaben vergessen, sobald er ihnen aus dem Gesichte war; die anderen gedachten seiner noch einige Minuten mit dem behaglichen Gefühl der Selbstbefriedigung, ein christlich Werk an ihm geübt zu haben. Bei Einbruch der Nacht befand sich David wohl zwei Stunden von Hause entfernt; er war müde und feine Füße wund gerieben, denn die Schuhe, die er trug, waren, schon als seine Mutter sie auf irgend einem Lumpenmarkte kaufte,
Beziehung, also versuche man ernstlich die Besserung auf einem anderen Wege als bisher.
Wollte man die Frage stellen, woher die Elemente für eine katholische Fraktion zu rekrutiren wären, so möchten wir auf die Theilnehmer der österreichischen Katholikentage Hinweisen. Dort fanden sich Männer ein, die, obwohl politisch und national den verschiedensten Patteien angehörend, mit Entschiedenheit für die katholische Sache eintraten. Solche Männer sind es, die nach unserer Ansicht als Mitglieder zweier Klubs, und setzen wir hinzu „ohne Ueberstürzung", ihre Kräfte im Parlamente entsprechend verwerthen können. e-.
Deutsches Deich.
Berlin, 1. Juni.
• * Dr. Peter Reichensperger, der verehrte Centrumsführer und Senior des Centrums, ist am Sonntag in das 82. Lebensjahr eingetreten. Möge Gott, der dem hochverdienten Manne ein so rüstiges hohes Alter verliehen, sein Wirken ihm weiter lohnen in einem Lebensabend ungetrübten Glücks!
* Wieder neue Gewehre? Die .Post' schreibt: Das von Italien jetzt größeren Versuchen zu unterwerfende kleinkalibrige Repetier-Gewehr wird das Kaliber von 6'/, Millimeter haben. Eine von General Wille im vorigen Sommer ausgesprochene, vielfach angefochtene Behauptung, daß mit dem Kaliber von 7>/z Millimeter noch nicht die Grenze der Kaliber-Verminderung erreicht sei, findet damit ihre Bestätigung. Wenn Italien mit seinem Vorhaben Ernst macht, so dürfte die gegenwärtig in der Gewehrbewaffnung eingetretene annähernde Stabilität wieder eine jähe Unterbrechung erleiden, wenn auch nicht zum Bortheil der Staats-Finanzen.
* Die sozialdemokratische Opserwilligkeit in den Kreisen der Arbeiter erkaltet immer mehr, je weiter wir uns von der Zeit des Ausnahmegesetzes entfernen. Die kräftigsten Mahnungen an die einzelnen Städte, ihre „Schuldigkeit" zu thun, bleiben wirkungslos. Hätte man nicht eine wohlgefüllte Parteikasse aus der Ausnahmegesetzeszeit mitgebracht, so würde es mit Manchem in der sozialdemokratischen Bewegung faul stehen. Für den „Maifonds" sind bei der General- streikkommisston in der Zeit vom 7. bis 20. Mai nur 8008 Mark 75 Pf. eingegangen, eine geradezu lächerliche Summe im Vergleich zu der großen Menge von „Steuerpflichtigen." Schade, daß auf dem vorjährigen Parteitag zu Halle die Absicht nicht verwirklicht wurde, die Zugehörigkeit zur Partei von der Leistung bestimmter Beiträge direkt abhängig zu machen.
• Die Plenarsitzungen des Herrenhauses, welche bis zum Schluffe des Landtages fortdauern werden, beginnen am 12. Juni.
* In der heutigen Sitzung beschäftigte sich das Abgeordnetenhaus mit der 3. Lesung der vom Herrenhaus mit verschiedenen Abänderungen zurückgekommenen Vorlage betr. die Landgemeinde-Ordnung. Vor Eintritt in die Tagesordnung gab der preuß. Ministerpräsident v. Caprivi die Erklärung ab, daß es nicht
schief getreten und so wenig mehr dicht, daß sie auf der trockenen Straße nicht einmal den Staub abhielten. Aber er war im Besitze von drei Schilling und acht Groschen; mit unsagbarer Genugthuung zählte er die Kupfermünzen, aus denen fein Reichthum bestand, aus einer Hand in die andere. So viel Geld hatte er an den glücklichsten Arbeitstagen seines Lebens noch nicht zusammen besessen. Als er sich in dem billigsten Logir- hause eines Seitengäßchens zur Ruhe legte, konnte er nicht ruhig schlafen, theils vor Freude über die gemachte Ernte, theils aus Furcht, er möchte beraubt werden. Wenn das Glück ihm auch ferner günstig blieb, dann konnte er seiner Mutter am Sonntag einen wahren Schatz nach Hause bringen. Am frühen Morgen machte er sich wieder auf die Beine, um zeitig an's Geschäft zu gehen, welches in seinen Augen bereits alles Beschämende verloren hatte. Da das Betteln sich als ein so einträgliches Metier erwies, und er gar keine Aussicht hatte, zu irgend einem rechtschaffenen Erwerb ausgebildet zu werden — war es da zu verwundern, daß er lieber bettelte, als verhungerte? So lange es nur ein Mittel gibt, dem Untergang aus Mangel oder Kälte zu wehren, wird der Mensch zu diesem Mittel greifen, auch wenn es verboten ist. Es war ein schöner Herbsttag und zahlreich ergingen sich die Leute in dem hellen, warmen Sonnenschein. Und