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i 8. Jahrgang

Ai 123

FlildacrWZkitiing

Dienstaa, den 2. Juni 1891.

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten di- einjpalrige Zeile oder deren Raum la Pf., bei Wiederholungen entsprechende Rabatt.

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bcingerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen und der alle 14 Tage enchemenden GratisoeillM .Rathgcber für Landwirthschast, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. _____________________________________

H. Der Afrika-Verein deutscher Katholiken steht^ jetzt im dritten Jahre seines Daseins, und wenn man’ aus den Mittheilungen des Verwaltungsaus­schusses im Vereinsorgane einen Schluß ziehen will, so kann zweierlei sestgestellt werden: einmal, daß er nach Maßgabe seiner Mittel wirklich viel geleistet hat, zweitens aber auch, daß die Mittel leider anfangen, spärlicher zu fließen.

Was hat der Afrika-Verein geleistet? Er hat bis jetzt nahezu eine halbe Million Mark für Missions­zwecke gegeben, an welchen Zuwendungen die Missions­anstalten in St. Ottilien und Dar-es-Salaam, in Bagamoyo und deren Filialen, die Stationen der Weißen Väter an den großen Seen, der Pallotiner in Kamerun und die Mission der Jesuiten am Sambesi, sowie ein Waisenhaus der Schwestern in Westafrika Theil haben. Auch für die Ausbildung von Missio­naren wurden Gelder bewilligt und 100,000 Mark zurückgelegt, für welche eine Missionsanftalt in Deutsch­land errichtet werden soll, sobald das Verbannungs­dekret gegen die Patres vom hl. Geiste in die Rumpel­kammer wandert, wie das zu hoffen steht.

Obige Summen sind zum größten Theile dazu verwendet, bedürftigen Missionen, besonders solchen, welche durch die kriegerischen Ereignisse in Ostafrika gelitten, wieder aufzuhelfen, an neuen Missionen ver­zeichnen wir jene der Benediktiner in der Küstenhaupt­stadt Dar-es-Salaam, jene zu Tocotown in Kamerun und endlich die neugegründete Mission der Patres vom hl. Geiste an den prachtvollen von der Natur so be­günstigten Abhängen des Kilimandscharo, die Mission Unsrer lieben Frau von Lourdes auf der Station Windthorst. Jede dieser drei Stationen hat als be- sondre Gabe der deutschen Katholiken durch Vermitte­lung der Zeitschrift „Gott will es" (A. Riffarth, M- Gladbach, Preis vierteljährlich 75 Pf.) ein eigens gebautes Harmonium zum kirchlichen Gebrauche er­halten.

So dürfen wir wohl sagen, daß die Leistungen -es Afrika-Vereins in den beiden ersten Jahren wirk­lich erfreuliche waren. Um so mehr aber wäre es zu bedauern, wenn er nicht in dieser Weise fortfahren könnte. Nicht erlahmen darf die Bewegung für einen so erhabenen, so echt katholischen Zweck, sie muß immer eifriger, immer ausgedehnter werden, denn die Zivili- strung Afrikas hängt lediglich von einem raschen Fort­schritt der Missionen, besonders der katholischen Mis­sionen ab. Immer zahlreicher ziehen opserwillige Männer und Jungfrauen, Alles verlassend und nur auf Gott und die Hülfe der Katholiken Deutschlands bauend, hinaus, sollen wir sie im Stich lassen, sie dem Elend preisgeben? Nein, jedes katholische Herz soll Antheil nehmen an ihrem opfermuthigen Wirken und deshalb gern und freudig eine Kleinigkeit zu ihrem Unterhalte beisteuern, wie seine Mittel es ihm er­lauben.

Ausdehnen muß der Afrika-Verein sich, neue .Zweigvereine und neue Mitglieder muß er zu gewinnen suchen. Die Agitation durch die Presse, das Ab­halten von Versammlungen darf nicht vergessen wer-

Im Kamps ums Dasein.

Erzählung nach Hesba Stretton von H. v. Remagen.

(2. Fortsetzung.)

So wie es ihm jetzt erschien, so prägte sich ihm das Ange­sicht der Mutter tief in dieSeele. Es war ihm, als sehe er jetzt zum erstenmale, wie eingefunken die Wangen seien, wie grau das spärliche Haar geworden, welch' tieses, tiefes Leid in diesen Zügen liege. Seine Augen füllten sich mit Thränen, aber im nächsten Augenblick schon schien der unthätige Schmerz einem Hilfe versprechenden Ent­schluß gewichen zu sein. „Mutter," sagte er, dieser fest ins Gesicht blickend, „für zwei Botengänge habe ich heute drei Groschen gelöst, trotz des Eifers, mit dem ich nach Verdienst mich umsah. Mutter — ich muß anfangen zu betteln." „Nein, um alles nicht!" wehrte die Mutter erschreckt ab. „Es bleibt uns keine andere Wahl," fuhr der Junge fort, „und sie sagen all', dabei wär' noch was zu machen. Es bettelt sich mancher viel Geld zusammen, dem man den Hunger nicht so ansieht, wie mir. Und wenn ich den Leuten sage, wie es ist, daß Du todtkrank bist am Magen­krebs und nicht einmal hinreichend trockenes Brod hast — die helfen uns gewiß. Der Gedanke ans Betteln ist auch mir zuwider, aber es ist doch besser, daß ich

den, und von dort aus, wo das Evangelium der Liebe I alle Sonn- und Feiertage verkündet wird, kann gewiß zuweilen auch die Begeisterung für die Ausbreitung dieses Evangeliums bei den armen Heiden geweckt werden. Wohl gibt es der wohlthätigen Zwecke viele, welche die Börse der Katholiken in Anspruch nehmen, aber eben deshalb ist das Verdienst um so größer, und wer wäre denn wohl so arm, daß er nicht eine Mark jährlich für jene seiner Mitmenschen übrig hätte, die tausendmal ärmer sind als er? Unsre katholischen Frauen und Töchter aber verweisen wir auf das herr­liche Buch „Schwester Luise" (Münster, Heinrich Schöningh), in welchem die gute Schwester in Tabora, von allem entblößt, von Kummer über ihre Armuth niedergedrückt, jammert:

„Ja, die weißen Frauen in Europa, so frei, so glücklich, so verständig und so gut, o wenn sie sich ein Bild machen könnten von den schrecklichen Zustän­den hier zu Lande, wenn sie nur ein einziges Mal mit eignen Augen sehen könnten, was wir hier stets vor Augen haben, wie freudig würden sie uns Almosen senden, wie freudig würden ste sich Ersparnisse aufer­legen, um sie zum Loskaufe armer Sklavenkinder zu verwenden. Wahrlich, es würde nicht eine christliche Familie geben, welche nicht bemüht wäre, wenigstens ein so unglückliches Wesen zu befreien und im christ­lichen Glauben erziehen zu lasten!"

Möchten diese Worte doch in recht vielen Herzen Anklang finden!___________________________________

Deutsches Deich.

Berlin, 30. Mai.

* Die Broschiirenfluth in Sachen Bismarck wächst immer höher. In den letzten Tagen warf sie gleich vier Broschüren für und wider Bismarck ans Land. Die eine betitelt sich nicht gerade geschmackvoll „Die Reichs­schwiegermutter kommt" und geht davon aus, daß, wie in einer jungen Ehe die Schwiegermutter oft störe, so jetzt Fürst B'smarck zwischen den Bund trete, den Kaiser Wilhelm II. mit dem Reiche eingegangen sei. Als Antwort auf das Gedicht des Grafen Westarp, der Kaiser möge Bismarck zurückrufen, ermahnt ein Gedicht: „An den Altreichskanzler, den Fürsten, sich selbst zu besiegen, nicht den Zorngefühlen und nicht dem Grimm die Herrschaft über klugem, weisem Wort zu lassen und in der Weisheit jetzt seine Stärke zu zeigen. Noch ein zweites Gedicht: „Für den Kaiser" gibt sich als Erwiderung gegen den Grafen Westarp. Dagegen gibt Max Bewer, der zur Weihnachtszeit in Friedrichsruh geweilt hatte, eine Schrift heraus „Bis­marck und Rothschild". Der sensationelle Titel soll be­deuten, daß unter dem Einfluß von Rothschild und den ungarischen Getreidejuden Oesterreich veranlaßt worden sei, den Handelsvertrag mit Deutschland abzuschließen, welcher über Bismarck-Traditionen hinausgehe. Die Broschüre will deshalb „alle bäuerlichen Kräfte in Deutschland gegen den Handelsvertrag zum Alarm bringen .... Das bäuerliche Volk in Deutschland rechnet auf Bismarck: es hat sich niemals in ihm ge­täuscht, es wird sich auch jetzt nicht in ihm täuschen; gehe, als die Else; die würde umkehren beim ersten abschlägigen harten Wort, das sie bekäme." Damit warf David einen mitleidigen Blick auf die scheue Schwester, bei deren Schutz er in der Straße so manchen Hieb ausgetheilt und in Empfang genommen hatte. „Das hätt' ich nie gemeint, daß es noch bis zum Betteln mit uns käme," seufzte die Mutter mit bebender Stimme. „Auch ich nicht," warf David hin, „aber für einen, der, wie ich, nichts gelernt hat, gibt es keinen Verdienst. Ich wär' ja so gern Zimmer­mann geworden, wie der Vater, aber dazu ist keine Aussicht."

Alsdann gewahrend, wie die Thränen reichlicher die abgehärmten Wangen der Mutter herabliefen, fuhr er mit fast männlichem Wesen in Stimme und Ausdruck fort: „Du mußt nicht weinen, Mutter! Du hast, bei Gott, das Deinige gethan, um uns ehrlich groß zu bringen; laß mich nun einmal versuchen, ob ich nichts thun kann für Dich!" Der Entschluß, auf den Bettel zu gehen, hatte auch David bittere Ueberwindung gekostet. Sein Ehrgeiz hatte ihn nicht höher getragen, als Zimmermann zu werden und als solcher ein wohlver­dientes Stück Brod zu essen: das war aber auch sein Taggedanke gewesen und sein Traum. Es hatte nicht gelingen wollen, ihn zu verwirklichen. Den Mangel

er selbst aber ist niemals unterlegen, wenn er den germanischen Teufel in sich führte, und dieser blonde Teufel wird auch über den goldgerüsteten Rothschild triumphiren, selbst wenn dieser pechschwarze Jude ein goldener Engel wäre." Das Schönste in der Broschüre ist übrigens wohl das Motto: „Deutschland mein Herz, Bismarck meine Vernunft, dem Kaiser meine Knochen, Rothschild mein — leeres Portemonnaie."

* Gegenüber den Meldungen der Blätter von Ver­handlungen. Aenderungen und Garantien in Bezug auf das Fortbestehen des Dreibundes kann die ,Post' mit­theilen, daß vor Kurzem der italienische Minister­präsident in Berlin wie in Wien sein festes Be­harren im Dreibund formell zur Aeußerung gebracht hat.

* Der Bundesrath hielt heute eine Sitzung ab. Es gilt als wahrscheinlich, daß in derselben die Frage der Suspension der Getreidezölle zur Sprache gekommen ist. — Dem Bundesrathe ging eine Vorlage zu, wonach ca. 7 Millionen Mark in Fünfmarkstücken, 7 Millionen Mark in Zweimarkstücken und 6 Millionen Mark in Einmarkstücken ausgeprägt werden sollen. Es wird damit der durch die letzte Volkszählung ermittelten Bevölkerungsrunahme Rechnung getragen. Das Präge­material wird aus dem Vorrath der Reichsbank von Thalern deutschen Gepräges entnommen.

* In der heutigen Sitzung berieth das Abgeord­netenhaus in 2. Lesung die Eisenbahn-Vorlage. Eine Reihe kleinerer Bahnlinien wurde ohne wesentliche Debatte genehmigt. Eine solche entspann sich jedoch bei der Forderung für die Linie Kassel-Volkmarsen. Zu dieser Position hatte die Kommission eine Reso­lution angenommen, wonach die Regierung um ein­gehende Prüfung einer thunlichst direkten Vollbahn- Verbindung zwischen Kassel und Köln ersucht werden soll. Für dieses Projekt wurde von verschiedenen Seiten des Hauses nachdrücklich eingetreten. Da je­doch der Eisenbahnminister ausführte, eine Bahn Kassel-Köln werde eine schwierig zu bauende Gebirgs­bahn sein, welche weder für Köln und Kassel noch für die Zwischenstation von erheblichem Werthe sein und an maßgebender Stelle diese Bahn zwar für strategisch „wünschenswerth", aber nicht für strategisch „noth- wendig" erachtet werde, wurden die Beschlüsse der Kommission angenommen. Der übrige Theil der Vor­lage wird ohne erhebliche Debatte genehmigt, nachdem Abg. Laßen (Däne) seinen Antrag auf Bau einer Linie Tinglaff-Seegard-Sonderburg wieder zurückge­zogen hatte. Nächste Sitzung: Montag 11 Uhr. Tagesordnung: Landgemeinde-Ordnung. Schluß 3x/2 Uhr.

* Der Statthalter der Reichslande, Fürst Hohen­lohe stattete vorgestern dem Fürsten Bismarck in Friedrichsruh einen Besuch ab.

* Der diesjährige Berufsgenofsenschaftstag findet am 27. Juni in München statt. Auf der Tages­ordnung stehen u. a.: Errichtung von Unfall-, Kranken- und Rekonvaleszentenhäusern; Errichtung von Pensions­kassen für die Beamten der Berufsgenosienschaften; Veröffentlichung der Berichte der Beauftragten; Novelle zum Krankenkassengesetz und die Aerztefrage (Kur­pfuscherei) ; Normalunfallverhütungs-Vorschrfften für des Schulunterrichts fühlte er tief, und so benutzte er die Gelegenheit einer Abendschule für zerlumpte Kinder, sich ein bißchen Lesen und Schreiben anzueignen.

Hätte es eine solche Schule gegeben, um so etwas, wie ein Handwerk, zu erlernen, wie hätte er sich da abends noch plagen wollen, nachdem er sich tagsüber in der Straße den nöthigen Unterhalt verdient gehabt! Daß dem nicht so wahr, darüber jemanden anzuklagen, kam ihm freilich nicht in den Sinn, aber er fühlte es doch schmerzlich, daß er trotz seiner Liebe zur Arbeit sich aufs Betteln verlegen mußte. „Ich werde", fuhr David nach längerem Schweigen fort, „mich nicht hier in der llsähe halten, sondern draußen hingehen, mehr auf das Land, wo die Leute nicht so in der Hast sind. Auch werde ich mich vor der Polizei in acht nehmen, Mutter, verlass' Dich drauf. Und vor Sonntag bin ich wieder zurück; Du hast ja die Else bei Dir, daß Du Dich nicht allein fühlst. Wenn's mir glückt, so mache ich in der nächsten Woche den zweiten Versuch. Es gibt gute, reiche Leute genug, die etwas für eine arme, kranke Witwe, wie Du bist, thun werden; man kennt sie nur nicht und muß sie aufsuchen. Drum kümmere Dich nur nicht um mich, Mutter: stehlen werde ich gewiß nicht, das weißt Du." „Ich will's überlegen während der Nacht", erwiderte