Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Lirrteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden GratisbeilßD .Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fnlda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Päpstliches Rundschreiben
über die Arbeiterfrage.
(Schluß.)
Vorbild kirchlicher Bereinigungen.
Wir haben hier die mannigfachen Genossenschaften, Vereine und geistlichen Orden im Auge, welche in früherer Zeit auf dem Boden der Kirche entsprossen sind, Gründungen der Kirche und der frommen Gesinnung ihrer Kinder. Wie viel Segen sie gebracht haben, davon ist die Vergangenheit bis aus unsere Tage Zeuge. Der sittliche Charakter ihres Zweckes sagt schon der bloßen Vernunft, daß sie ein natürliches und unbestreitbares Recht des Bestandes haben. Insoweit sie aber religiöser Natur sind, hat ausschließlich die Kirche über sie zu verfügen. Die Regierungen besitzen keinerlei Rechte über sie und sind im besondern auch nicht bevollmächtigt, ihre äußere Verwaltung an sich zu ziehen; sie sind ihnen im Gegentheil den Tribut der Achtung und des Schutzes schuldig; sie haben die Pflicht, für dieselben einzutreten, um gegebenen Falls Unrecht von ihnen abzuwehren. Leider haben Wir indeffen, namentlich in letzter Zeit, ganz andere Dinge geschehen sehen. An vielen Orten ist die staatliche Obrigkeit gegen jene Corporationcn mit ungerechten und verletzenden Maßregeln vorgegangen; sie hat die Freiheit derselben durch gehässige Gesetzbeftimmungen eingeschränkt, hat ihnen Stellung und Rechte einer juristischen Person entzogen, hat sie schnöde ihres Vermögens beraubt. Auf das Vermögen besaß aber nicht bloß die Kirche unveräußerliche Rechte, sondern auch die Stifter und Wohlthäter, welche ihre Beiträge für jene frommen Zwecke bestimmt hatten, und endlich Diejenigen, für deren Bestes die Stiftungen geschaffen waren. Deshalb können Wir uns nicht enthalten, gegen jene ungerechten und verderblichen Belaubungen Beschwerde zu erheben. Hierbei ist insbesondere dies ein betrübender Umstand, daß den friedlichen und allseitig nützlichen Vereinigungen katholischer Männer der Krieg erklärt wird zu gleicher Zeit, wo verkündet wird, daß Vereinsfreiheit ein allgemeines gesetzliches Gut sei, und wo der Gebrauch dieser Freiheit religionsfeindlichen und staatsgefährlichen Verbindungen im weitesten Umfange gestattet wird.
Die verschiedensten Genossenschaften und Vereinigungen treten in unserer Zeit zumal in den Arbeiterkreisen, in viel größerer Zahl auf als früher. Woher manche ihren Ursprung nehmen, wohin sie zielen, auf welchem Wege sie sich verbreiten, das ist hier nicht zu untersuchen.' Aber wir müssen aus die allgemeine durch Thatsachen gestützte Meinung Hinweisen, daß sehr viele dieser Vereine einer einheitlichen geheimen Leitung gehorchen und Einrichtungen haben, die dem Wohle der Religion und des Staates nicht entsprechen; daß sie darauf ausgehen, ein gewiffes Arbeitsmonopol in ihre Hand zu bringen und die charakterfesten Arbeiter, die den Beitritt zurückweisen, in Verlegenheit und Elend zu versetzen. — Damit sehen sich christlich gesinnte Arbeiter vor die Wahl gestellt, entweder Mitglieder von Bünden zu werden, die ihrer Religion Gefahr bringen, oder aber ihrerseits Vereine zu gründen, um mit gemeinsamen Kräften gegen jenes schmähliche System der Unterdrückung anzukämpfen. Jeder, der nicht die höchsten Güter der Menschheit aus's Spiel gesetzt sehen will, muß das letztere als höchst zeitgemäß und Wünschenswerth betrachten.
Katholische Vereine.
In klarer Erkenntniß der Forderungen der Zeit beschäftigt sich eine Reihe katholischer Männer mit dem Studium der sozialen Frage, und sie verdienen das höchste Lob für die Hingebung, mit welcher sie die Mittel aufsuchen und erproben, durch welche die niederen Stände nach und nach in eine bessere Lage versetzt werden können. Wir sehen sie des herrschenden Uebelstandes und der materiellen Stellung der Familien und der Einzelnen sich annehmen. Sie arbeiten dahin, daß in der gegenseitigen Verbindlichkeit zwischen Lohnherr und Arbeiter Billigkeit und Gerechtigkeit zur Geltung komme. Sie suchen in anerkennenswerther Weise bei beiden Theilen das Gefühl der Pflicht und den Gehorsam gegen die Vorschriften des heiligen Evangeliums zu kräftigen; diese göttlichen Vorschriften sind es ja, welche der Genußsucht und der Unmäßigkeit mit Macht Grenzen ziehen und bei aller Ungleichheit der gesellschaftlichen Stände eine friedliche Wechselbeziehung zwischen denselben aufrecht halten. Treffliche Männer vereinigen sich zu Versammlungen, um das Vorgehen zu Gunsten der Arbeiter zu berathen und die sich ergebenden schwierigen Fragen des wirthschastlichen Lebens einer Lösung näher zu bringen. Anderwärts ist das löbliche Bestreben wach geworden, Handwerker und Arbeiter in Vereinen zu organisiren und sie mit Rath und That zu dem Zweck zu unterstützen, daß ihnen eine dauernde und anständige Arbeit gesichert sei. Die Bischöfe aber eifern diese ganze Thä- tigkeit an und bieten ihr einen Rückhalt mit ihrer Autorität. Im Namen der Bischöfe betheiligen sich tüchtige Mitglieder des Welt- und Ordensklerus an der Leitung der Vereine nach ihrer religiösen Seite. Es fehlt auch nicht an reichen Katholiken, die sich mit Großmuth zu Gönnern und Genossen des arbeitenden Standes machen, und die für die Errichtung und Ausbreitung von Vereinen ansehnliche Geldmittel auswerfen; sie garantiren damit dem Arbeiter, welcher Theil nimmt, einen regelmäßigen und ausreichenden Unterhalt, ja versetzen ihn in die Möglichkeit, für das Alter sich ein kleines Kapital zurückzulegen, das ihn der Sorgen enthebt. Es braucht nicht gesagt zu werden, welchen Nutzen bisher schon diese vielfache und eifrige Tätigkeit geschaffen hat. Wir nähren im Hinblick darauf die besten Hoffnungen für die Zukunft, wenn anders diese Vereine sich an Zahl vermehren, und wenn sie weise organisirt werden. Der Staat sollte ihnen seine schützende Hand leihen, aber in chre inneren Angelegenheiten darf er nicht eingreifen; fremdartige Eingriffe gereichen sehr leicht einem Leben, das von innen, vom eigenen Prinzip ausgehen muß, zur Zerstörung.
Vereiusrecht.
Umsicht und Weisheit sind unerläßlich zur Erhaltung der nothwendigen inneren Einheit und Harmonie. Wenn also das Vereinsrecht ein Recht der Staatsbürger ist, wie es thatsächlich der Fall, so müffen auch jeneVereiue unbehindert chre Statuten und Einrichtüngen dem Zwecke entsprechend gestalten dürfen.
Es ist unmögüch, die Einrichtungen der gedachten Vereine in einer für alle geltenden Form vorzuzeichnen; dazu hangen sie zu sehr vom Bolkscharaktcr, von den Erfahrungen, von der Ausdehnung des Handels, von der Art und Einträglichkeit der verschiedenen Arbeiten, endlich von manchen anderen Umständen ab, die in Erwägung zu ziehen sind. Bor allem kommt es darauf an, bei Gründung und Leitung dieser Vereine ihren Zweck im Auge zu behalten und demselben die Statuten und alle Thätigkeit dienstbar zu machen; Zweck aber ist die Hebung und Förderung der leiblichen und geistigen Lage der Arbeiter. Das religiöse Element muß dem Vereine zu einer Grundlage seiner Einrichtungen werden. Die Religiosität der Mitglieder soll das wichtigste Ziel sein, und darum muß der christliche Glaube die ganze Organisation durchdringen. Anderenfalls würde der Verein in Bälde sein ursprüngliches Gepräge einbüßen; er würde auf gleiche Linie mit jenen Bünden kommen, welche die Religion aus ihren Kreisen ausschließen. Was nützt es aber dem Arbeiter, für seine irdische Wohlfahrt noch so viel Bortheil vom Verein zu gewinnen, wenn aus Mangel an geistiger Nahrung seine Sache in Gefahr kommt? „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden leidet?"32) Christus, der Herr, hat ein unterscheidendes Merkmal zwischen Heiden und Christen in den Worten hingestellt: „Diesem allem gehen die Heiden nach. Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dieses alles wird euch hinzugegeben werden."^) Indem also jene Vereine das Reich Gottes zum letzten Zielpunkt nehmen, sollen sie darauf bedacht sein, den religiösen Unterricht der Arbeiter zu befördern. Die Unwissenheit in Glaubenssachen, die wachsende Unkenntniß der Pflichten gegen Gott und den Nächsten soll durch geeignete Unterweisungen bekämpft werden. Man sorge für gründliche Aufklärung über die Jrrthümer der Zeit und über die Trugschlüsse der Glaubensfeinde, für Belehrung und Warnung betreffs der Lockmittel zur Verführung. Man erwecke bei den Mitgliedern Hochschätzung der Frömmigkeit und des Gottesdienstes; insbesondere halte man sie zur religiösen Feier der Sonn- und Festtage an. Man lehre den Arbeiter die Kirche Gottes als allgemeine Mutteil verehren und liehen, ihre Gebote befolgen und der Gnadenmittel ihrer Sakramente, die da die Seele durch göttlichen Hauch reinigen und mit Tugend erfüllen, würdig sich zu machen.
Religiöse Grundlage des Vereinswesens.
Hat der Verein in dieser Weise die Religion zum Fundament genommen, so ist damit schon die Richtung gegeben für die Festsetzung des gegenseitigen Verhältnisses der Bereinsgenossen. Dem Zwecke entsprechend sind die Aemter in einer Weise zu vertheilen, daß nicht ein zu großer Abstand der Personen die Eintracht gefährde. Auch soll man streben, alle Klagen wegen Beeinträchtigung von Mitgliedern im vornhinein abzuschneiden durch klare und einsichtige Borzeichnung des Geschäftskreises. Die gemeinsame Kasse werde gewissenhaft verwaltet. Die dem Einzelnen zu gewährende Hilfe bestimme man nach dem wahren Bedürfnisse. Als wichtiges Ziel gelte stets der Einklang zwischen Arbeitern und Lohnherren in Bezug auf Rechte und Pflichten. Zur Erledigung gegenseitiger Beschwerden zwischen beiden Parteien sollten Ausschüsse aus unbescholtenen und erfahrenen Männern gebildet werden mit entscheidender Geltung ihres Schiedsspruches; es wäre sehr wünschenswerth, daß diese Schiedsgerichte Vertreter der Arbeitgeber wie der Arbeiter in ihrem Schooße hätten, und daß kraft der Statuten die Mitglieder der Arbeitervereine gehalten wären, sich an dieselben zu wenden. Ein Hauptbemühen hat ferner dahin zu gehen, daß es den Mitgliedern nie an Arbeit fehle, und daß eine gemeinsame Kasse vorhanden sei, aus welcher den einzelnen die Unterstützungen zufließen bei Arbeitsstockungen, in Krankheit, im Alter und bei Unglücksfällen. — Wofern derlei Bestimmungen befolgt werden, wird gewiß manches zur Hebung der Mißstände, wenigstens der drückendsten, erreicht sein, und ohne Zweifel werden die katholischen Arbeitervereine einen kräftigen Hebel zur Förderung der öffentlichen Wohlfahrt abgeben können. Die Vergangenheit gestattet in mancher Hinsicht auch auf unserem Gebiete einen Blick in die Zukunft. Es wiederholen sich die gleichen Erscheinungen bei allem Wechsel der Zeiten und der Völker oft mit wunderbarer Ähnlichkeit, weil der Weltlauf der Vorsehung Gottes untergeordnet ist, welche nach ewigem Plane alle Dinge ihrem höchsten Zwecke anbequemt und dienstbar macht. — Bekannt ist, daß dem Christenthum in den ersten Jahrhunderten der Vorwurf entgegengehalten wurde, seine Anhänger seien meist nur arme Leute, die von Händearbeit lebten. Indessen diese Armen, diese Verachteten errangen allmählich die Gunst der Reichen und Mächtigen. Sie boten der Welt ein Schauspiel der Arbeitsamkeit, der Friedfertigkeit, aller Rechtschaffenheit und zumal der brüderlichen Liebe. Gegenüber diesem beredten Zeugniffe ihres Wandels schwanden die Borurtheile, verstummten die gehässigen Anklagen und der heidnische Unglaube mußte sich vor dem aufstrahlenden Lichte der christlichen Wahrheit nach und nach znrückziehen. — In der Gegenwart ist die Arbeiterfrage Gegenstand vielfachen Streites. Daß dieser Streit eine friedliche und gesetzmäßige Lösung finde, liegt im höchsten Interesse des Staates. Die Frage wird aber durch die christlich gesinnten Arbeiter einer richtigen Lösung näher geführt werden, wenn diese in gut organifirten Vereinen und unter weiser Führung denselben Weg einschlagen, welchen die Christen im Alterthume der übermächtigen heidnischen Welt gegenüber zu ihrem eigenen Heil und dem der Gesellschaft eingehalten haben. Denn so stark auch die Macht des Borurtheis und der Leidenschaft ist, so wird dennoch überall, wo nicht ein verderbter Wille das Gefühl für Recht und Wahrheit abgestumpft hat, die öffentliche Gunst sich Männern zuwenden, welche Fleiß, Mäßigkeit und Zucht auf ihre Fahne geschrieben haben; man wird für Arbeiter Partei ergreifen, welchen Billigkeit und Recht über den Gewinn, und ernste Pflichttreue über alle anderen Rücksichten geht
Die Verbreitung dieser Arbeitervereine würde auch denjenigen Arbeitern zu Gute kommen und chre Rückkehr zu besserer Gesinnung erleichtern, welche Glaube ober Sittlichkeit Daran gegeben haben. Sie fühlen es vielfach ja selbst in ihrem Innern,
»«) Matth. 16, 26. «) Matth. 6. 32, 33.
wie hart sie von geldgierigen Herren behandelt, undfjdaß sie nur nach der Höhe des Gewinnes, den sie ihnen bringen, gewerthet werden. Es ist ihnen nicht verborgen, daß in den Vereinen, denen sie sich angeschlossen haben, an Stelle gegenseitiger Achtung und Liebe nur Zwietracht herrsche, die ja immer im Gefolge der gewisieuslosen und glaubenslosen Armuth auftritt. Wie gar viele dieser Unglücklichen, die körperlich gebrochen und geistig ent« mutijigt sind, möchten solch' erniedrigender Knechtschaft entrinnen; sie wagen es aber nicht, sei es, daß sie die Scham ober bie Furcht vor Armuth zurückhält. Diesen allen nun könnten bie katholischen Arbeitervereine große Hilfe bringen, wenn sie nämlich bie Schwankenbeu nach Ueberwinbung ber Hindernisse in ihre Mitte einlüden und den reuig Zurückkehrenden Schutz und brüderliche Theilnahme angedeihen ließen.
Schluß.
Im Vorstehenden haben Wir Euch gezeigt, ehrwürdige Brüder, wer zur Mitwirkung bei der Lösung der wichtigen sozialen Frage berufen ist und wie die Mitwirkung sich zu gestalten hat. — Möge jeder Berufene Hand anlegen und ohne Verzug, damit die Heilung des bereits gewaltig angewachsenen Uebels nicht durch Säumniß noch schwieriger werde. Die Staatsregierungen mögen durch Gesetze und Verordnungen vorgehen, die Arbeiter, um deren Loos es sich handelt, mögen auf gesetzliche Weise ihre Interessen vertreten; und da die Religion, wie Wir zu Anfang gesagt haben, allein zu einer vollkommenen inneren Abhilfe der Mißstände befähigt ist, so möge sich bie Ueberzeugung immer mehr verbreiten, daß es vor Allem auf die Wiederbelebung christlicher Gesinnung und Sitte ankommt, ohne welche alle noch so weisen nnb versprechenden Maßnahmen wahres Heil zu schaffen unvermögend bleiben. — Was aber die Kirche angeht, so wird diese keinen Augenblick ihre allseitige Hilfe vermissen lassen.
Ihre Thätigkeit wird um so wirksamer fein, je größere Freiheit der Bewegung ihr gelassen wird. Mögen dies namentlich Diejenigen vor Augen haben, in deren Hände das Heil der Staaten gelegt ist.
Mögen alle Glieder der Geistlichkeit ihre volle Kraft und allen Eifer der großen Aufgabe widmen, unter Eurer Führung und nach Eurem Beispiele, ehrwürdige Brüder, unermüdlich die Grundsätze des heiligen Evangeliums allen Ständen vorhalten und einschärfen, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln an ber Wohlfahrt des Volkes arbeiten, vor allem ober die Liebe, aller Tugenden Herrin und Königin, in sich bewahren und in den anderen, Hohen und Niedern, anfachen. Das Heil ist ja insbesondere von der vollen Bethätigung ber Siebe zu erwarten, jener christlichen Siebe nämlich, bie ber kurz gefaßte Inbegriff ber evangelischen Gebote, bie, immer bereit, sich selbst für des Nächsten Heil zu opfern, das heilkräftigste Gegengift gegen den Hochmuth und Egoismus der Welt ist, und deren göttliches Bild und Walten der Apostel Paulus mit den Worten gezeichnet hat: „Die Siebe ist geduldig, sie ist gütig; sie sucht nicht das ihrige; sie duldet alles, sie trägt alles."n)
Als Unterpfand des göttlichen Segens und Erweis Unseres Wohlwollens spenden Wir Euch, ehrwürdige Brüder, Eurem Klerus und Volke in Liebe den apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 17. Mai 1891, im vierzehnten Jahre unseres Pontifikates.
Leo XIII.
m) I. Cor. 13. 4. 7.
Deutsches Keich.
Berlin, 28. Mai.
* Gegenüber den „Bedenken", welche jetzt wieder in allerlei katholikenfeindlichen Blättern gegen die Sperrgeldervorlage auftauchen, wiederholt die ,Nordd. Allg. Ztg.' die Auseinandersetzung der allgemeinen Gründe, welche für die Kommissionsbeschlüsse sprechen. Bei der Berathung der Sperrgeldervorlage im Abgeordnetenhause, welche schon am Freitag oder Samstag erfolgen dürfte, wird der neue Kultusminister eine Probe seiner wahren Gesinnung der katholischen Bevölkerung Preußens gegenüber abzulegen haben. Von der Festigkeit, mit welcher er für das Zustandekommen des Gesetzes eintreten wird, dürfte es wesentlich abhängen, ob eine Mehrheit für die Erledigung der Vorlage in einer für die Katholiken annehmbaren Form zu Stande kommt.
* Major v. Wißmann hat bei seiner Durchreise durch Rom eine Privataudienz beim Papst gehabt, welcher sich mit großem Interesse nach den katholischen Missionen erkundigte. Wißmann's jetziger Aufenthalt in Deutschland ist auf etwa 2 Monate berechnet und hat vornehmlich den Zweck, die Dampferangelegenheit für dm Viktoria Nyanza in Ordnung zu bringen.
* Graf Mirbach erläßt als erster Vorsitzender der Vereinigung der Seiner- und Wirthschafts-Reformer eine längere Erklärung über den Handelsvertrag. Er hält die bevorstehende Herabsetzung der GetreideMe auf 3.50'Mk. für unglaublich, ja selbst eine Herabminderung auf 4 Mk. für schwer erllärbar ohne einen Systemwechsel der leitmden Kreise und unerträglich für die ärmeren östlichen Provinzen. Der Ausschuß der Vereinigung beschloß die schleunige Bildung eines agrarischen Comitö's in allen Reichstagswahlkreisen, die Abhaltung von Versammlungen behufs Stellungnahme zur Ermäßigung der Agrarzölle im Allgemeinen und der Getreidezölle im Speziellen und eine Verständigung der Abgeordnetm in den einzelnen Wahlkreisen.