J\e 117 Sonntag, d?n 24. Mai 1891.
18. Jabraang
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DV" Hierzu eine Beilage.
Deutsches Keich.
Berlin, 22. Mai.
* Gutem Vernehmen nach ist als Nachfolger Mayr bach's nur Thielen in Aussicht genommen und hat acceptirt. Die gegentheiligen Meldungen der letzten Tage waren grundlos.
* Die ,Köln. Volksztg.' schreibt: Die von der .Kreuzzeitung' gebrachte Nachricht, daß der hochw. Fürstbischof Dr. Kopp von Breslau im nächsten Konsistorium vom hl. Vater zum Kardinal ernannt würde, ist, wie dem Kenner der Verhältnisse sofort klar sein mußte, vollständig irrig. Der hl. Stuhl wird niemals zu dieser Ernennung schreiten, so lange nicht der hochw. Erzbischof von Köln zum Kardinal ernannt ist oder wenigstens gleichzeitig ernannt wird. Die Diözese Breslau, welcher Fürstbischof Kopp vorsteht, ist zwar nicht dem Erzbischof von Köln oder einem andern Erzbischof, sondern als exemptes Bistbum direkt dem hl. Stuhle unterstellt; doch nimmt Fürstbischof Kopp regelmäßig an den Versammlungen der preußischen Bischöfe in Fulda Theil, bei denen von jeher der Erzbischof von Köln vermöge seiner kirchlichen Stellung in Preußen den Vorsitz führt. Es würde selbstredend nicht angängig sein, daß Fürstbischof Kopp als Kardinal an jenen Versammlungen theilnimmt, wenn der Vorsitzende Erzbischof von Köln nicht Kardinal ist. Auch würde der hl. Stuhl in dieser Frage das höhere Alter, die Verdienste und das Ansehen des Erzbischofs von Köln wohl eben so wenig außer Betracht lassen wie die Bedeutung des Kölner Erzstuhles. Die Erhebung des Fürstbischofs von Breslau zum Kardinal ist bekanntlich ein alter Wunsch der preußischen Regierung, der aus dem angegebenen Grunde bisher vom hl. Stuhle nicht erfüllt werden konnte. Die Ernennung des Kölner Erzbischofs würde den Absichten des hl. Stuhles entsprechen, welcher schon seit langem auch den preußischen Katholiken eine Vertretung im Kardinals-Kollegium, dem höchsten Rache der Kirche, zu geben wünschte. Die Ausführung dieser Absicht ist früher gescheitert an den entgegenstehenden Wünschen der preußischen Regierung. Ob die im Grunde kleinlichen Bedenken derselben heute noch auftecht zu erhalten sind, ist eine Frage, mit der sich der neue preußische Kultusminister Graf v. Zedlitz wohl noch nicht hat befassen können, die er aber wohl keinesfalls mit dem engherzigen bureau- kratischen Geiste der früheren Zeit betrachten wird. Eine Ernennung beider preußischen Prälaten zu Kar- dinälen, sei es gleichzeitig oder nicht, würde wohl allen Katholiken zur Befriedigung gereichen. Sind die letzteren doch seit dem Tode des Kardinal-Erzbischofs von Geissel von Köln und des Kardinal-Fürstbischofs v. Diepenbrock von Breslau, die beide Mitte der sechziger Jahre gestorben sind, int Kollegium der Kardinale nicht mehr vertreten gewesen, während die viel weniger zahlreichen englischen und belgischen Katholiken durch die Kardinäle Manniug und Newman und den Kardinal-Erzbischof Gooßens von Mecheln vertreten waren, nicht zu reden von Oesterreich, das in Wien, Salzburg, Prag unv Olmütz Erzbischöfe mit der Kardinalswürde hatte oder hat. Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß, wenn in dieser Beziehung ein gewisses Mißverhältmß zu beobachten ist, dasselbe am wenigsten etwa auf ein Uebersehen des heil. Stuhles zurückgeführt werden darf.
* Nach den Fleischtöpfen des Westens sehnen sich » .X’r Cn' welche sich als Germanisatoren nach den polnische« Landesthkilen haben versetzen lassen. Sie sind enttäuscht, ganz katzenjämmerlich enttäuscht und wollen nun gemeinsam den Kultusminister bitten, daß er sie wieder in die Heimath zurückkehren lasse. Die liberale .Schlesische Schulzeitung' in Breslau veröffentlicht einen „Aufruf der nach dem Osten versetzten deutschen Lehrer", in welchem die Gründe des Heimwehs auseinandergesetzt werden. Die Arbeit in der Schule, heißt es da, ist mühsam und schwer, wie viel Geduld auch die Lehrer zeigen! „Einen Dank von den Eltern hat er nicht", diese sehen ihn vielmehr „als Feind mit mißtrauischen Augen an." Heimisch kann sich also der deutsthe Lehrer in dieser Gegend niemals fühlen. Wir sehnen uns in unsere deutschen Lande zurück, um freudig und mit Lust und Liebe an dem Werke der Erziehung und des Unterrichts der Jugend thätig zu sein. In unseren Erwartungen arg
getäuscht, können wir uns hier niemals glücklich fühlen." Diese wehmüthigen Klagen mthalten klipp und klar das Geständniß des Fiaskos der antipolnischen Schulpolitik. Lehrer und Schüler quälen sich umsonst ab; der deutsche Lehrer verliert die Geduld, Lust und Liebe; das polnische Schulkind lernt nichts und wird zum geistigen Krüppel gemacht; die Eltern sind natürlich keine besonderen Freunde der Fremden, die ihre Kinder der Muttersprache entwöhnen wollen und ihnen doch keine andere beibringen, überhaupt nicht die Kenntnisse vermitteln können, die sie für ihre intellektuelle und moralische Ausbildung brauchen. Von der katholischen Presse und den katholischen Abgeordneten ist dieser Mißerfolg der Germanisattons-Schule oft genug festgestellt worden und den deutschen Lehrern würde es mehr Ehre gemacht haben, wenn sie der Wahrheit früher Zeugniß gegeben hätten. Warum sind sie denn nach dem Osten gegangen? Wegen der 300 Mark Zulage, in gar vielen Fällen wohl auch, um sich als „nationalgesinnt" zu empfehlen. Zur Strafe sollten eigentlich die unvorsichtigen Herren noch ein paar Jährchen in dem „barbarischen" Osten aushalten! Im Interesse der armen gequälten polnischen Kinder kann man aber das Bittgesuch bei dem Kultusminister nur befürworten. Da er aus seiner Amtsthätigkeit in Posen die Dinge aus eigener Anschauung kennt, hat er hoffentlich Mitleid mit den Kindern.
* Zur Sperrgeldervorlage schreibt der nattonal- liberale ,Hannov. Kour.': Zu den wichtigsten Geschäften, die dem Abgeordnetenhaufe nach Pfingsten noch obliegen, gehört die Erledigung der Sperrgeldervorlage. Die Angelegenheit hat seit mehreren Wochen, nachdem die Kommissionsberathung beendigt war, vollständig geruht, auch innerhalb der Fraktionen ist sie wohl nur im privaten Gespräch, nicht in offizieller Berathung zur Erörterung gekommen. Gleich nach der dritten EtatSberathung und der Erledigung der Landgemeindeordnung wird nun abt$ die Entscheidung auch über jenes Gesetz vorgenommen werden müssen. Bekanntlich hat die Kommission die Regierungsvorlage durch Einfügung von Zweckbestimmungen und Garantien nicht unwesentlich verbessert. Gleichwohl ist das Zustandekommen des Gesetzes nicht über jeden Zweifel erhaben, da nicht nur bei den Nationalliberalen, sondern auch tief bis ins konservative Lager hinein auch jetzt noch die schwersten Bedenken gegen das Gesetz herrschen. Ganz ausgeschlossen ist das Zustandekommen des Gesetzes ohne die Zustimmung des Centrums.
* Das ,Berliner Tageblatt' hat seinen römischen Posthorn - Berichterstatter als Spezial - Berichterstatter nach Korf« geschickt, um die Wahrheit über die Judenverfolgungen zu erforschen. Dieser Mitarbeiter war alsbald in der Lage, Alles, was die .Kreuzztg.' über „rituellen" Mord gemeldet hatte, als erfunden zu erklären. Der griechische Erzbischof habe bestätigt, das ermordete Mädchen sei allerdings eine Jüdin gewesen. Um dem Berichterstatter des,Berl. Tagebl.' ein „mindestens gleichwerthiges" Zeugniß entgegenstellen zu können, hat nun die .Kreuzztg.' den Herausgeber der gelegensten Athener Zeitung, der Akropolis, ersucht, telegraphisch seine Ansicht über den Stand der Korfu-Affaire mitzutheilen. Von dem genannten Herrn geht der,Kreuzztg.' nunmehr folgendes Telegramm zu: „Athen, 20. Mai, Abends. Die ,Kreuzztg.' ist durchaus berechtigt, von einem rituellen Mord zu sprechen. Alle bisher bekannt gewordenen Ergebnisse der Untersuchung können als Beweise dafür angesehen werden." — Von anderer Seite erhält das Blatt folgende telegraphische Mittheilung:
„Athen, 21. Mai. Gleichzeitig mit dem Beginn der Krawalle auf Korfu wurde von Konstantinopel nach Wien, Berlin und Paris ein Telegramm versandt, cs seien in Smyrna antisemitische Bilder mit deutschem Text verbreitet worden. Der dortige griechische Konsul erklärt jetzt, in Smyrna sei nichts davon bekannt. Deshalb glaubt man, um den Mord auf Korfu hätten auch Juden anderer Städte gewußt; daher sei auch das Ableugnungs-System schon zuvor verabredet worden. Die Aussage des Erzbischofs ist Privatansicht, welche auch von diplomatischen Vertretern getheilt wird. Die Regierung aber hat trotz vieler Aufforderungen diese Ansicht durch keinerlei Kundgebung beglaubigt. Wenn irgend welche Belege hierfür vorhanden wären, würde sie dies gerne thuu, well fie dann die strengen Maßnahmen auf Zante und Korfu rechtfertigen könnte. — Der Minister Deliorgis erklärte, die Anwesenhell der fremden Kriegsschiffe erschwere die Stellung des Kabinets, daher eine Krisis in der Sc- gierung wahrscheinlich." .
Man sieht, daß auch hiermit die Angelegenhelt nicht viel klarer geworden ist. Die Meinung des Athener Herausgebers ist mindestens ebenso „privat", wie die des Erzbischofs.
* Für die Chicagoer Weltausstellung ist Geheimrath Wermuth als deutscher Reichskommissar bestellt worden. Eine internattonale Ausstellung in Berlin ist für absehbare Zeit nicht zu erwarten, dagegen werden wir hier voraussichtlich im Jahre 1895 eine deutsche Industrieausstellung haben. Der Ausschuß des deutschen Handelstags hat unter seinen Mitgliedern eine Erhebung darüber eingeleitet, ob der Ausstellungsplan Unterstützung findet. Daß dies der Fall, ist nach den mannichfachen Kundgebungen aus industriellen und Handelskreisen, die seit einiger Zeit hervorgetreten sind, mit annähernder Sicherheit anzunehmen.
* Saarbrücken, 22. Mai. Der Bergarbeirerstreik im hiesigen Bezirk hat eine starke Zunahme erfahren. Heute streiken gegen 1800 Mann.
* München, 20. Mai. Professor Dr. Schädler ist in Ingolstadt von der Wahlmäuner-Versammlung fast einstimmig als Landtags-Kandidat proklamirt worden. Schädler hielt eine 21/4ftünbige Rede.
Ausland.
* Belgrad, 21. Mai. Gegen den Polizeipräfekten von Belgrad, dessen Demission angenommen wurde, ist in Folge der Vorgänge bei der Ausweisung der Königin Natalie eine Untersuchung eingeleitet worden. — Das zur Verstärkung der Garnison hierselbst anwesende Bataillon von Nisch ist wieder zurückgekehrt. — Es heißt, der König habe noch keine Kenntniß von der erfolgten Ausweisung seiner Mutter. Die Thore des Konaks sind heute wieder geöffnet worden. Einige den besseren Ständen angehörende Personen, die Montag verhaftet wurden, sind heute wieder freigelassen.
* Der englische Premierminister, Lord Salisbury, dem das Ehrenbürgerrecht der Stadt Glasgow verliehen worden ist, hielt bei dieser Gelegenheit eine Rede, in welcher er übereinstimmend mit den Worten des deutschen Kaisers in Elbing u. A. sagte: „Alle, die für die Leitung der europäischen Politik verantwortlich seien, wünschten sehnlichst die Geißel des Kriegs zu vermeiden. Jemehr Jahre verflossen und jemehr die furchtbaren Folgen des Krieges für Jedermann sichtbar würden, desto mehr trete die Gefahr eines Krieges zurück."
* Tokio, 20. Mai. Der Kaiser von Japan hat unter dem 11. d. M. nachstehendes Reskript erlaffen: „Mit tiefstem Kummer und dem größten Bedauern erhalten wir, während wir gemeinsam mit unserer Regierung und unseren Untertanen zur Bewillkommnung Seiner kaiserlichen Hoheit, unseres geliebten und geehrten Kronprinzen von Rußland, mit all den Ehren und der Gastfreundschaft die Anstalten trafen, die dem hohen Gaste unseres Landes gebühren, die unerwartete und höchst überraschende Kunde, daß Seiner kaiserlichen Hoheit auf der Reise ein beklagens- werther Unfall in Otsu zugestoßen ist. Es ist nufer Wille, daß die gerechte ©träfe den verruchten Uebelthäter schnell ereile, damit zu unserer Beruhigung unsere freundschaftlichen und innigen Beziehungen zu unserem guten Nachbarlande vor jeder Trübung sichergestellt werden mögen."______
Stadt, Provinz und Kachbargebiet.
Fulda, 23. Mai.
* Das Schüßler'sche Welt-Panorama im Ballhaussaale, welches sich fortgesetzt eines guten Zuspruchs zu erfreuen hat, wird vom nächsten Montag bis Freitag die bayrischen Königsschlösser und Tyrol zur Ausstellung bringen. Wer also die gegenwärtig ausgestellte Serie „Leben Christi und Palästina" noch sehen will, möge die bis morgen (Sonntag) Abend gegebene Gelegenheit benützen. Dieselbe dürfte fo bald nicht wiederkehren, denn Herr Karl Schüßler aus Frankfurt a. M. befindet sich z. Z. im Alleinbesitz dieses neuen Kunstwerkes. Die beiden Schlußtage, Samstag und Sonntag der nächsten Woche, werden eine Darstellung der unter dem Namen „Hertharei se" bekannten Forschungsreise bringen, welche das deutsche Kriegsschiff „Hertha" im Jahre 1875 nach den Südfeeinseln unternommen hat. Der Besuch des Panorama'S ist an diesen Schlußtagen insbesondere für die Schulen ein sehr empfehlenswerther.
* Wir machen hiermit nochmals auf den am nächsten Montag, den 25. Mai, Mittags 2 Uhr, statt- findenden Berkaufstermi« des früher I. F. Müller'scheu Fabrik-Anwesens (zur Krimm) mit dem Bemerken