JV 111 Donnerstag, Ben 21. Mai 1891. 18. Jahrgang
FliliMrWZkitiliig
Erscheint täglich, Sonn« and Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder der«Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne »ad Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden AratiSbeilgM .Rathgeber für Landwirthfchast, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Aus dem Rechenschaftsberichte des St. Raphaels-Kerems
zum Schutze kathol. deutscher Auswanderer für das Jahr 1890.
Die Auswanderung hat im Jahre 1890 wiederum größere Dimensionen angenommen. Hierzu hat besonders die große Zahl Russen, die über Bremen nach Brasilien gingen, beigetragen. Die Gesammtzahl der über die deutschen Häfen im Jahre 1890 beförderten Personen belief sich auf 243,291 gegen 180,909 im Jahre 1889. Unter diesen befanden sich 74,820 deutsche Reichsangehörige, von welchen 69,118 nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, 3145 nach Brasilien, 643 nach Argentinien und 439 nach Australien sich einschiffen. Aus Oesterreich-Ungarn wanderten im Jahre 1890 55,658 Personen aus, von diesen kamen aus den im Reichsrath vertretenen Ländern 28,236, aus Ungarn 27,422. Von den österreichisch-ungarischen Auswanderern gingen 759 nach Südamerika und die übrigen fast sämmtlich nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Hingegen lieferte das europäische Rußland 85,548 Auswanderer (1889 : 36,629), wovon 55,145 (1889 : 34,777) nachNordamerika und 29,226(1889:12) nach Brasilien sich einschiffen. Hieraus ist die außerordentliche Stärke der seit einigen Jahren im Steigen begriffenen slavischen Auswanderung ersichtlich. Dieser noch auf einer niedrigen Kulturstufe stehenden Aus-" Wanderer sich anzunehmen, erscheint als eine dankens- werthe Aufgabe der St. Raphaelsvereine. In New- Iork allein sind im Jahre 1890 470,782 europäische Passagiere gelandet. Die deutsche Auswanderung über Bremen hat im vergangenen Jahre ab-, die slawische dagegen zugenommen. — Die große Zahl von Briefen, welche der portugiesische Agent Jos« dos Santos in . Lissabon in Polen verbreitete, chatten den Erfolg, daß Tausende sich zur Auswanderung entschlossen. Mit dem Erlös ihrer Habe konnten die meisten kaum die Reise nach der Hafenstadt bezahlen, die weitere Beförderung geschah auf Kosten der brasilianischen Regierung. Auch in Deutschland, besonders in Pommern, hat dieser Emissär mit seinen Werbungen für Brasilien leider Erfolg gehabt, jedoch ist durch die vereinten Bemühungen unseres Vereins, der Presse und der Regierung die Zahl der deutschen Auswanderer nach Brasilien nur verhältnißmäßig gering geblieben. Die meisten polnischen Auswanderer müssen in Brasilien die Arbeiten der früheren Sklaven verrichten und es steht zu befürchten, daß sie in diesem klimatisch ungünstigen Lande materiell zu Grunde gehen. Noch schlimmer ist, daß dieselben bei dem gänzlichen Mangel an polnischen Seelsorgern in Brasilien Gefahr laufen, ihren hl. katholischen Glauben zu verlieren. Die St. Raphaelsvereine müssen daher ihr besonderes Augenmerk darauf richten, denselben ihrer Sprache mächtige Priester zu verschaffen. Unsere Vertrauensmänner waren bestrebt, mit der Direktion des Norddeutschen Lloyd, den Expedienten und Wirthen in gutem Einvernehmen zu bleiben, was dieselben aber nicht abhielt, bestehende Ungehörigkeiten zu rügen und auf deren Beseitigung zu dringen,
± Em Hild aus deutscher Vorzeit.
(Fortsetzung.)
Als die Glaubensboten vernahmen, daß der Herzog sie entbieten lasse, eilten sie sogleich den steilen Burg- ^"rchllos schritten sie durch die Schaaren ^.bewaffneten, welche die Thore besetzt hielten, und s-en die Spöttereien über sich ergehen, welche die rauhen Krieger über das Aussehen der Kuttentrager mit den geschorenen Häuptern ausstießen.
„Heil Dir, Herzog Gosbert!" erklang demüthiq der Gruß der F-emdlmge als sie jetzt m die große Halle eintraten, wo der Gewaltige auf hohem Lehnstuhle saß und in der Rechten den weißen Herrenstab als Zeichen seiner Macht, hielt. An seiner Seite aber lehnte ein wunderschönes Weib und hielt die großen flammenden Augen mit fast unheimlicher Neugierde auf die Eintretenden geheftet. Geila war es, oder Geilana, die früher Gosberts älterem Bruder, der vor ihm den Herzogsstuhl eingenommen, als Gattin an- gehört hatte; jung aber war jenes gestorben, und als der jetzige Fürst ihm in der Regierung gefolgt, da hatte dieser auch die schöne Wittwe des Bruders als sein Weib zu eigen genommen.
„Wer seid ihr? und warum seid ihr in unser Land gekommen?" forschte Gosbert in strengem Tone,
einige Mal sogar unter Zuhilfenahme der Auswanderungsbehörde. Letztere arbeitete stets mit unfern Vertrauensmännern Hand in Hand, sie tauschten ihre beiderseitigen Erfahrungen in häufigen Besprechungen gegenseitig aus. — Die Zahl der Auswanderer über Bremen belief sich im vergangenen Jahre auf 141,425 (1889 : 104,065) Personen. Hiervon beschäftigten unsere Vertrauensmänner 44,174 (1889: 14.011), 6517 (1889 : 1844) empfingen die hl. Sakramente, 156 (96) Mal wurde Gottesdienst mit Predigt gehalten, 1828 (1991) Briefe wurden erledigt und Gelder im Betrage von 540,930 (540,561) Mark wurden unter Aufficht der Vertrauensmänner gewechselt, deponirt oder versandt. Rev. Prachar hat Hamburg verlassen und in Bremen im Hause des Herrn Pastors Schlösser Wohnung genommen, da die meisten slawischen Auswanderer über Bremen reisen.
Hamburg. Die Zahl der Auswanderer über diesen Hafen belief sich auf 99,328 Personen (1889 74.343) wovon 32,011 indirekt über England besördert wurden. Die Auswanderung über Hamburg ist in 1890 sehr gestiegen. Unser Vertrauensmann, Herr Meynberg, hat sich auch im vergangenen Jahre mit gewohnter Opferwilligkeit der Auswanderer angenommen. Es befchäftigten ihn 2781 (1889: 3309) Personen, wovon 2509 (3055) dem Auswanderergottesdienst beiwohnten und 140 (270) die hl. Sakramente empfingen. Herr Meynberg beantwortete 1479 (1187) Briefe, kontrollirte Geldwechsel und Zahlungen, verwahrte und versandte Gelder im Betrage von 91,740 Mark (158,040 Mark.) Herr Meynberg klagt noch immer darüber, daß die meisten katholischen Auswanderer, die in Hamburg ankommen, den Raphaelsverein nicht kennen. Es ergeht daher an die hochwürdige Geistlichkeit die Bitte, ihre auswandernden Psarrkinder auf das Wirken unseres Vereins aufmerksam zu machen.
Antwerpen. Die Auswanderung über diesen Hafenplatz war im vergangenen Jahre eine sehr lebhafte. Es wurden von hier aus 36,653 Personen befördert, darunter 27,509 Personen nach New-York, 4841 nach Philadelphia, 2262 nach Buenos Aires und Rio de Janeiro und 1804 Personen nach Australien. Im Jahre 1890 wohnten dem Gottesdienste in der St. Jg- natiuskirche 6262 (1889 : 4800) Auswanderer Fei, von welchen 2152 beichteten (1479) und 1538 (1306) die hl. Kommunion empfingen. Die Kirche des Kollegs Notre Dame besuchten 973 (1560) Schützlinge, wovon 304 (526) die hl. Sakramente empfingen. Diese schönen Erfolge sind außer dem vortrefflichen Pater Lorleberg hauptsächlich der rastlosen Thätigkeit unseres Vertrauensmannes Herrn Würden und seiner Assistenten, der Herren Wollersheim und Pauquet zu verdanken.
lieber Rotterdam undAmsterdam wanderten im vergangenen Jahre 22,406 Personen (gegen 23,430 in 1889) nach New-York aus. 950 (883) Schützlinge beschäftigten den Vertrauensmann Herrn I. Zöller, welche fast sämmtlich der hl. Messe beiwohnten und von denen 97 (153) die hl. Sakramente empfingen. Herr Zöller kontrollirte Geldwechsel rc. im Betrage von 24,078 M. und vercheilte Gebetbücher und Unterhaltungslektüre an die Auswanderer, soweit der Vorrath reichte. Es ist dem Verein trotz aller Bemühungen noch immer nicht gelungen einen eigenen Auswandererseelsorger für Rotterdam und Amsterdam zu gewinnen.
Havre. Der hochw. P. Lambert Rethmann beantwortet alle Anfragen der Auswanderer bereitwilligst, wie er sich auch derselben in Havre sorgfältigst annimmt. Er ist glücklich, wenn er möglichst vielen die heiligen Sakramente spenden kann.
Liverpool. Unser Vertrauensmann, Herr Rev. F. d'Heurter ist nach wie vor bemüht, sich der Auswanderer anzunehmen. Da derselbe sehr entlegen wohnt und auch sonst vielfach mit Arbeit überhäuft ist, so kann er sich denselben nicht mit der erforderlichen Zeit und Mühe widmen. Ein Vertrauensmann, der sich der sämmtlichen katholischen Auswanderer der
der jedoch durchaus nicht feindselig war, denn die Unerschrockenheit dieser wehrlosen Männer erfüllte ihn mit Achtung.
„Um Euch den Frieden Gottes zu bringen und seine allein selig machende Lehre zu verkünden," entgegnete Kilian, und sogleich begann er mit heiliger Begeisterung zu verkünden Jesum Christum, den Gottessohn, der herabgestiegen in dieses Leben, um uns durch seinen Tod am Kreuzesstamme zu erlösen.
Das Haupt in die Hand gestützt, lauschte der Herzog ehrerbietig den feurig strömenden Worten. Geila zwar flüsterte ihm ins Ohr, er möge diese Aufwiegler des Volkes doch lieber festnehmen lassen, als sie anhören, er aber ließ den Fremdlingen großmüthig das Wort, lenn alles, was sie sagten, klang ihm mit einem Male wie eine traute Erinnerung, wie ein Gruß aus der :ernen Kinderzeit, wo ja bereits schon einmal der Ruf )er Gnade an seine Seele geklopft hatte — damals, als sein Vater Hetan I. zur zweiten Ehe geschritten war mit Bilhildis, der Tochter eines ftänkischen Edlen, >ie sich zur Lehre des Gekreuzigten bekannte. Voll aufrichtiger Ehrfurcht und Bewunderung hatte Gos- iert, in welchem trotz seines Heidenthums ein natürlich edler Sinn lebte, immer zu der Stiefmutter aufge- chaut, in der ihm das reinste, hehrste Frauenbild erschienen war, aber manches, was ihm damals in ihrem
verschiedenen Nationen annehmen könnte, würde in Liverpool ein ergiebiges Arbeitsfeld haben.
Brasilien. Die Zahl der Auswanderer nacht Brasilien hat sich, wie aus Vorstehendem ersichtlich, im vergangenen Jahre erheblich vermehrt. Wahrscheinlich aber wird die deutsche Auswanderung nach Brasilien in Zukunft erheblich abnehmen, da die deutschen Schiffskompagnien sich der deutschen Regierung gegenüber verpflichtet haben, keine mit Freibillets nach Brasilien versehene Passagiere zu befördern. Nach uns vorliegenden Nachrichten sind die Auswanderer im Norden von Brasilien oft f e h r u n g l ü ck l i ch. Sie haben ungenügende Löhne, schlechte Nahrung und werden von dem ungesunden Klima rasch dahingerafft. Die Meisten würden gern zurückkehren, wenn sie nur die Mittel dazu hätten. Wir warnen daher wiederholt dringend vor jeder Auswanderung nach Nordbrasilien. Aus der im Süden gelegenen Provinz Santa Catharina sind neuerdings von den deutschen Ansiedlern auch traurige Nachrichten eingetroffen.
Argentinien. Dieses Land ist in Folge der Revolution sehr zurückgegangen und treffen die traurigsten Nachrichten über die dortigen Verhältnisse ein. Ganze Vermögen sind verloren gegangen und die Zahlungen der Banken ins Stocken gerathen. Viele Tausende sind arbeitslos. Der Werth der Ländereien hat abgenommen und müssen wir von einer Auswanderung nach diesem Lande entschieden abrathen.
N e w y o r k. Die Bereinigten Staaten von Nordamerika bleiben doch noch immer der Hauptanziehungspunkt für die deutschen Auswanderer. Es haben sich auch im vergangenen Jahre noch 92 pCt. sämmtlicher Auswanderer aus dem deutschen Reiche dort niedergelassen und bieten die Vereinigten Staaten Nordamerikas den deutschen Auswanderern bei genügender Vorbereitung noch immer die sichersten Aussichten für ihr Fortkommen. Es besteht bei der Bundesregierung zu Washington die Absicht, die Einwanderungsfrage einheitlich zu regeln und unter Aufhebung der Einwanderungsbehörden in New-York, Philadelphia, Baltimore und New-Orleans die Beaufsichtigung in die eigene Hand zu nehmen. Der neue Landungsplatz liegt sehr günstig für das Leohaus und ist den Vertretern des letzteren der Zutritt zu den Einwanderern ungehindert gestattet. Das Leohaus beherbergte allein in der Zeit vom 1. Januar bis 30. Oktober 1890 4031 Ein- und Auswanderer. Schützlinge erhielten 2493 Gratis-Mahlzeiten, sowie 845 Gratis-Nacht- Herbergen. Den Ein- und Auswanderern ist Gelegenheit geboten, nach wie vor der Reise in der Kapelle des Leohauses die hl. Sakramente zu empfangen, sowie die hl. Messe sowohl an Werktagen wie an Sonn- und Festtagen zu hören. Unter den Emigranten befanden sich 76 Paare, welchen das hl. Sakrament der Ehe gespendet wurde. — Der vortreffliche Vertrauensmann Rev. Neuland hatte im verflosfenen Jahre für seine Thätigkeit ein noch bedeutend erweitertes Feld durch den großen Zudrang der slawischen Auswanderer, doch konnte er sich derselben nicht nach Wunsch annehmen, da er deren Sprache nicht mächtig ist. Es wäre deshalb sehr am Platze, daß demselben ein slawischer Geistlicher als Assistent beigegeben würde, und hat der Verein in dieser Hinsicht bereits Schritte gethan.
In Philadelphia hat, wie auch im Vorjahre, Herr Kapitän L. M. Kieffer die deutschen Auswanderer, die sich an ihn wandten, mit größter Bereitwilligkeit zurechtgewiesen. Es landeten in Philadelphia allein von Antwerpen aus 4841 Personen.
Für Baltimore, in welchem Hafenplatz in dem letzten Jahre viele Einwanderer gelandet sind, ist der Verein bemüht, einen besonderen Vertreter anzustellen und ist bereits mit einer für diesen Posten geeigneten Persönlichkeit in Unterhandlung getreten.
Die Zahl unserer Schützlinge ist im vergangenen Jahre wesentlich gestiegen und betrug 55,140 Personen (gegen 35,000 in 1889 und 32,000 in 1888); es freut uns, konstatiren zu können, daß die segensreiche Thätigkeit unseres Vereins nicht bloß bei unseren Glaubensgenossen, sondern auch in nichtkatholischen Kreisen immer mehr Anerkennung findet. Die Auswanderung hat bei einzelnen Völkern große Leben doch thöricht und unverständlich vorgekommen war, wie ihre tiefe Demuth, ihre Selbstverleugnung, ihr Fasten und Kasteien, das alles sah er jetzt erst in einem ganz andern Lichte bei den Worten dieses fremden Mannes, der ja ganz dieselbe Lehre verkündete, zu der sie ihn hatte bekehren wollen. Und gewiß, was St. Bilhildis in Lebzeiten nicht vermocht hatte, das erflehte sie jetzt gewiß als Heilige vor Gottes Thron für ihren Stiefsohn!
Wohl zögerte und zauderte anfangs Gosbert, ob er auch den von den Vätern ererbten Glauben verlassen dürfe, aber fein Gemüth, an dem Christ: beseligende Lehre schon einmal wie ein friedebringender Hauch' vorbeigeweht, erschloß sich doch endlich dem Strahle der Gnade.
Nachdem Gosbert am Osterfeste des Jahres 688 mit vielen aus feinem Volke das hl. Taufsakrament empfangen hatte, richtete er fein ganzes Bestreben darauf, ein frommer Christ zu fein und seinen Wandel auch mit der erhabenen Lehre in Einklang zu bringen.
Doch sollte ihm noch ein schwerer Kampf bevorstehen : die eheliche Verbindung mit Geila war, da sie die Wittwe seines Bruders, nach den Kirchengesetzen verboten. Und wie einst Johannes der Täufer vor Herodes, so trat jetzt Kilian vor den mächtigen Herzog