18. Jahrgang
Samstag, den 16. Mai 1891.
M 111
Fuldaer W Zeitung
Deutsches Keich.
Berlin, 14. Mai.
* lieber den Inhalt der angekündigten Encyklika über die soziale Frage geht der .Germania' von ihrem römischen Korrespondenten folgendes Privattelegramm zu: „Die Encyklika spricht zuerst von der Wichtigkeit der sozialen Frage und von der Dringlichkeit, dieselbe zu losen; sie widerlegt hierauf die Theorie von dem Kollektiveigenthum und von der Abschaffung des individuellen Eigenthums und schlägt eine Lösung nach der katholischen Lehre vor. Hiernach müssen verschiedene Prinzipien und Elemente mitwirken. Ohne die Hilfe der Kirche werden die anderen Mittel wirkungslos bleiben. Die Kirche hält an ben Lehren des Evangeliums fest, welches sagt, daß die Arbeiter und die Arbeitgeber, statt sich zu bekämpfen, in Ueberelnstlm- mung mit einander leben müssen, indem sie die Pflichten der Gerechtigkeit erfüllen und wie Mitglieder derselben Familie leben. Die Kirche setzt diese Lehren in die Praxis um und versucht den nothleidenden Arbeitern die materielle und moralische Hilfe zu bringen, welche die christliche Mildthätigkeit zum Wohle derselben aus- stndig zu machen vermag. Was das Eingreifen des Staats anlangt, so läßt die Kirche im Allgemeinen die Intervention desselben zum Besten der Arbeiter zu und erklärt im Besonderen, daß der Staat intervmirm könne und müsse, wenn das allgemeine Wohl und die Bertheidigung der Rechte der Gesellschaft es erfordern. Das Rundschreiben spricht sodann von den hauptsächlichen Punkten, welche ein schützendes Eingreifen des Staates nothweudig machen, so vom Eigen- thum, von der öffentlichen Sicherheit, von den Interessen und dem geistigen und körperlichen Wohl des Arbeiters; hier ist auch die Rede von den Lohnfragen, von der Sonntagsruhe, von der Dauer der Arbeitszeit in Bezug auf Alter und Geschlecht der Arbeiter. Endlich werden die Arbeiter selbst und ihre Bereinigungen in Betracht gezogen, und zwar die Bereinigungen zum Zwecke der gegenseitigen Unterstützung, der Versicherung in Fällen von Krankheit und Arbeitsunfällen, des Patronats für die Jugend, ferner besonders die gemischten Syndikate, die den modernen Zeitverhältnffsen angepaßten Korporationen, welche der Staat begünstigen und ermuthigen müsse, dabei aber den ver- schiedenm Vereinen Freiheit im Einzelnen lastend. Das Rundschreiben spricht ausführlich von diesen Vereinigungen und führt aus, daß dieselben sich vom christlichen Geiste leiten lassen müssen, und wünscht, daß jede derselben noch mehr thue, indem sie ihre Pflicht eifrig und prompt erfülle. Das Rundschreiben wird in zwei oder drei Tagen erscheinen. Dieser Auszug aus demselben ist der einzig richtige." — In dieser Angelegenheit meldet eine römische Zuschrift der ,Pol. Korresp.': „Die seit Langem angekündigte päpstliche Encyklika über die soziale Frage, eine überaus umfangreiche Publikation, wurde bereits an die Bischöfe versendet. Die französische Uebersetzung des Schriftstückes soll vom Papst selbst herrühren, die Uebersetzung ins Englische wurde vom Kardinal Manning und dem Erzbischof von Dublin, Msgr. Walsh, besorgt."
Verfolgt.
Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.
(43. Fortsetzung.)
21. Kapitel.
Mr. Bonley war des Wartens auf den Doktor nach einiger Zeit müde geworden und beschloß, in derselben Richtung wie John seinen Weg zu suchen. In der Thür des Bibliothekzimmers traf er mit Mr. Ambrose zusammen. Gleichzeitig öffnete sich die gegenüberliegende Thür des großen Raumes, und in derselben erschien der Squire mit Dr. Longstreet. Der kleine, bewegliche Mann sprach in gewohnter Lebhaftigkeit.
„Mein lieber Herr," sagte er, „'wie soll ich Ihnen sagen können, ob der Mann besser wirb oder nicht? Jedenfalls muß ich ihn noch einmal sehen. Bei Tageslicht nehmen sich alle Dinge ganz anders aus, und sechs bis sieben Stunden machen einen gewaltigen Unterschied. Jedenfalls ist es ein Unsinn, zu behaupten, er könne heute oder morgen transportirt werden. Dafür stehe ich mit meinem Rufe als Arzt ein."
„Oho," rief Mr. Bonley, welcher sich an dem Pfarrer vorbei gedrängt hatte, dazwischen, und maß den Doktor mit einem niederschmetternden Blicke.
* Die .Hamburger Nachrichten' bringen einen „Vor 25 Jahren" überschriebenen Leitartikel, der an das Blind'sche Attentat vom 7. Mai 1866 anknüpfend, die Verdienste Bismarcks um Deutschland in überschwenglicher Weise feiert. „Bismarck", so heißt es, „habe den Krieg mit Oesterreich gewollt, weil er klar voraussah, daß ohne eine blutige Auseinandersetzung mit Oesterreich für Deutschland keine Zukunft zu erhoffen sei. Ja, er wollte den Krieg! Und wenn an jenem 7. Mai Mörderhand dies theure Haupt tödtlich getroffen hätte, so gab es Keinen in allen preußischen Landen, der gewagt hätte, seine Politik aufzunehmen, der es auch nur für richtig gehalten hätte, sie fortzuführen. Was aber dann aus uns, aus Deutschland geworden wäre, das braucht keinem Patrioten gesagt werden und deshalb ist es wohlberechtigt, mit Dank gegen Gott dieses mißglückten Attentats zu gedenken." Sehr deutlich und bezeichnend sind die Schlußsätze: „Fern vom Throne, fern von der Stätte fernes gewaltigen Wirkens, einsam im Sachsenwalde, weilt der größte Mann unserer Zeit, der größte Sohn, den die deutsche Erde gezeugt hat! Am Himmel von Europa ziehen sich schwere Wolken zusammen; der sie zwanzig Jahre hindurch zu bannen gewußt hat, m den nahenden, schicksalsschwangeren Stunden wird seine Hülfe von entscheidender Stelle nicht gesucht, sein Rath nicht begehrt werden! Fünfundzwanzig Jahre sind dahin gegangen, seit Gottes Gnade den Grafen Bismarck aus Mörderhand errettet hat! Was er in diesem Vierteljahrhundert geleistet und geschaffen hat, ist ein Tagewerk, das seines Gleichen in einem Menschenleben nicht findet. Wenn er denn durchaus zur Ruhe und Thatenlosigkeit verurtheilt sein soll, er darf es wenigstens mit Stolz und zufriedenem Sinn." Um den Ursprung deutlich zu markiren, setzt das Hamburger Blatt in einer Note hinzu: „Dieser Artikel war für die gestrige Morgenausgabe — 7. Mai bchimmt; leider ist er verspätet eingetroffen, so daß wir ihn erst heute mittheilen können. — Redaktion der,Hamb. Nachr.'" — Von wo er „verspätet eingetroffen" ist, braucht wohl nicht gesagt zu werden.
* Zur Frage des Wtlfenfonds hat die deutschhannoversche Partei amFreitag Abend in Hannover eine von ca. 3000 Personen besuchte Parteiversammlung abgehalten. Es wurde folgende Resolution angenommen: „Wir halten fest in alter niedersächsischer Treue an unserer guten hannoverschen Gesinnung und sind gewiß, daß, um diese, der Herzensüberzeugung entstammende Gesinnung im hannoverschen Volke lebendig zu erhalten und fortzupflanzen, alle künstliche Agitation unnöthig ist. Was aber an Agitation zu leisten ist, das ist beschafft und wird beschafft durch die Maßregeln der königlich preußischen Regierung gegen unser Land, gegen unser Volk mit seinen Führern und gegen unser Fürstenhaus vom Jahre 1866 an bis zu den Bestätigungsverweigerungen, disziplinarischen Entlassungen und Strafverfolgungen aus jüngster Zeit und der neuesten Erklärung des ‘ Reichskanzlers über die bisherige und fernere Verwendung des Welfenfonds."
* Ueber den verst. Frhrn. zu Franckenstein berichtet ein Aufsatz in der .Münchener Allg. Ztg.' aus der
„Dies ist Mr. Bonley," erklärte der Squire, zu dem Arzte gewendet. „Sie werden die Güte haben, ihm selbst Ihre Meinung zu sagen."
„Das ist mir ganz einerlei, ich muß den Menschen selbst sehen," entgegnete der Detektiv barsch. „Wenn man glaubt, man könnte mich hier an der Rase herumführen, so irrt man sich. Nein, mein Herr, ich lasse mich nicht anführen. Ich muß mich einmal selbst von seinem Zustande überzeugen." .
Dr. Longstreet entgegnete mit gleicher Festigkeit: „Und ich bestehe darauf, den Kranken zuerst zu sehen, damit ich konstatiren kann, ob Sie ihn sehen dürfen ober nicht."
Der Detektiv machte Anstalten, vorwärts zu gehen.
In diesem Augenblicke verließ John bas Zimmer unb flog bie Treppe hinauf, um Mrs. Ambrose von ber Gefahr in Kenntniß zu setzen.
Der Kampf in ber Bibliothek bauerte fort.
„Dies ist doch geradezu unverantwortlich," warf Mr. Ambrose mit einem schwachen Versuche, den Lauf der Dinge zu verhindern, ein. „Geradezu unverantwortlich !"
„Unverantwortlich?" schrie Mr. Bonley. „Ich habe meine Berechtigung in der Tasche. Mr. Juxon, Sie werden entschuldigen, wenn ich jetzt vorgehe."
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen - JnstvxTue” nb B l'nme?und^der alle U^age” erscheinenden Äratirbeila» «i-rt-ljährlicher b ° n n e m e n t s p r °. s ohne 'und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. ____
Feder des Landtagsarchivars Dr. v. Härtlein Nachstehendes: „Als bei den Neuwahlen zum bayerischen Landtag von 1875 die bayerisch-patriotische Partei die Mehrheit erhalten hatte, beauftragte König Ludwig II. den Freih. zu Franckenstein mit der Erstattung eines Gutachtens über die politische Situation und alsdann mit der Bildung eines Ministeriums. Frhr. zu Franckenstein erklärte sich jedoch außer Stande, letztem Auftrag zu vollziehen. Er mochte wohl Zelt und Umstände für eine erfolgreiche Durchführung des königlichen Auftrages nicht als geeignet erachtet haben." Weiter heißt es, daß Freiherr zu Franckenstein „über diese Sache stets die strengste Diskretion gewahrt habe."
* Die ,Nat. - Ztg.' schreibt: „Nach einer in der Presse sich findenden Mittheilung hat der dritte Strafsenat des Reichsgerichts die erstaunliche Ansicht ausgesprochen, daß der Korrektor einer Zeitung verantwortlich für den Inhalt derselben sei! Das bezügliche Erkenntniß liegt uns nicht vollständig vor; aber was darüber berichtet wird, fordert zu entschiedenstem Widerspruch gegen eine Rechtsprechung heraus, welche das Wesen der Dinge, über die zu urtheilen ist, igno- rirt. Danach war der Korrektor einer Zeitung gemeinsam mit dem Redakteur wegen Beleidigung unter Anklage gestellt. Die Verurtheilung des Korrektors war wegen Beihilfe ausgesprochen. Die von diesem eingelegte Revision ist vom Reichsgericht zurückgewiesen mit folgender Begründung:
Der Angeklagte hat, als er im Dienste des Mitangeklagten seines Amtes als Korrektor waltete, den Inhalt des Artikels bei dem Lesen der Korrektur kennen gelernt, das heißt also, den ehrenkränkenden Inhalt des Artikels erkannt und dennoch feine Dienste als Korrektor geleistet. Hinfällig ist somit die Behauptung des Angeklagten, er habe den strafbaren Charakter der That zu welcher er Beihilfe geleistet, nicht erkannt. Kannte aber der Angeklagte die Strafbarkeit des Inhalts des Artikels, so hat er auch in bewußter Weise zur Herstellung der Druckschrift strafbaren Inhalts mitgewirkt. Daß die fragliche Druckschrift, das heißt die fragliche Zeitungsnummer, mit dem von ihm korrigir- ten Artikel zur Veröffentlichung gelangen sollte, lag zweifellos m der Absicht beider Angeklagten." m
Wir sehen babon ab, baß auch nach ber Beendl- gung ber Korrektur ber Redakteur noch beschließen kann, irgenb einen Artikel nicht in bie Zeitung aufzunehmen, baß also ber Korrektor insofern nicht vorherzusehen vermag, ob ber einzelne, von ihm forrigirte Artikel veröffentlicht werben wirb. Die ganze, bem Urtheil zu Grunbe liegenbe Auffassung ist unvereinbar mit bem Wesen ber Presse unb bem Geiste des Preßgesetzes. Das letztere macht den verantwortlichen Redakteur haftbar für ben gesummten Inhalt ber Zeitung, es erkennt bie Herstellung berselben als eine einheitliche Tätigkeit an, für bie nur ber Rebakteur verantwortlich ist. So gut wie ben Korrektor, ja sogar noch eher, könnte man ben Schriftsetzer, welcher ben Satz ber infriminirten Worte hergestellt hat, verantwortlich machen. Es ist klar, baß burch eine berartige Rechtsprechung ber Redakteur, welchen bas Preßgesetz im weitesten Umfange haftbar für ben Inhalt der Zeitung macht, seinerseits abhängig von bem technischen Personal ber Druckerei würbe."
* Das Herrenhaus führte heute, nachdem es bie ©täbteorbnung für Wiesbaben unb bie Erweiterung
"Urlauben Sie," sagte Mr. Juxon, indem er feine breitschultrige Gestalt zwischen ben Detektiv unb bie Thür schob. „Ich'habe nichts dagegen, wenn Sie vorgehen, aber Sie müssen vorher doch einige Vernunftsgründe anhören."
Mr. Juxon war bie längste Zeit seines Lebens hindurch gewohnt gewesen, Andern zu befehlen, und bei aller Milde unb Anspruchslosigkeit seines sonstigen Wesens wußte er doch zu imponiren, wo es galt, seine Autorität zu wahren. Er hielt bie blauen Augen fest auf Mr. Bonley gerichtet. In ber Haltung seines Kopfes, ja selbst in ber unverminderten Glätte seines Haares lag etwa? Achtunggebietendes. Mr. Bonley hielt ein unb steckte die Hände unwillig in die Taschen.
^Nun?" sagte er.
Der Squire erklärte: „Ich schlage vor, daß Sie uns bis zur Thür des Krankenzimmers begleiten und dort mit mir warten, bis Dr. Longstreet den Patienten untersucht hat. Findet er den Mann bewußtlos, so können Sie eintreten unb denselben ansehen. Sollte er aber gerade einen lichten Augenblick haben, so müssen Sie warten, bis dieser wieder vorüber ist. Ich meine, so wäre es am vernünftigsten."
Als Dr. Longstreet, welcher soeben eingetreten war, an das Bett kam, schrak er zurück. Selbst Mrs. Am-