JV 110
Freitag, fcn 15. Mai 1891.
18. Jahrgang
FlildlikrWZcitliilg
1 H ,Rathgeber für Landwirthfchäst, Gartenbau und Hauswesen m Fulda und auswärts 1 xcttn au Pfennig.
Äothwendiglmt der Dildung einer Eentrumspartei in Holland.
Schon in ihrer Nr. 107 hat die .Fuldaer Zeitung' die in der Ueberschrift bezeichnete Nothwendigkeit betont; wir wollen es hier versuchen, dies etwas eingehender darzulegen.
Die zweite Kammer in Holland, welche aus 100 Abgeordneten besteht, gliedert sich gegenwärtig in drei Fraktionen: Liberale, „Antirevolutionäre" und Katholiken. Erstere bilden die größte Anzahl: Der liberalen Fraktion gehören 42 Mitglieder und 2 Hospitanten an. Die „Antirevolutionäre" zählen 28 Deputirte, die katholische Fraktion 26. Die „Antirevolutionäre" sind die „orthodoxen" Calvinisten im Gegensätze zu den „Modernen", den freigeistigen Calvinisten, deren Vertretung die Liberalen bilden. Bei den Wahlen 1887 vereinigten sich die Katholiken mit den Antirevolutionären, um die liberale Mehrheit in der Kammer zu beseitigen, was auch insofern gelang, als die beiden Parteien eine kleine Majorität erzielten. Das mattliberale Kabinet Heemskerk trat zurück und machte dem Ministerium Mackay Platz, in welchem die Antirevolutionäre sechs, die Katholiken zwei Sitze (Krieg und Justiz) erhielten.
Obschon die orthodoxen Calvinisten in der Oeffent- lichkeit mit ihrer Vergangenheit in Bezug auf den Katholikenhaß gebrochen haben, so ist derselbe doch thatsächlich nicht ganz erloschen. Nur widerwillig haben sie sich zur gemeinsamen Wahlarbeit mit dem „Room- schen" bequemt; sie waren zwar überall bereit, die Hilfe der katholischen Wähler für ihre Zwecke in Anspruch zu nehmen; aber wenn es sich um Gegenleistungen handelte, bewiesen sie nur zn deutlich, daß sie nur der Noth gehorchten, ihr eigener Trieb sie aber ganz anderswohin trieb. Während die Antirevolutionäre den Katholiken eine große Anzahl Mandate, wohl ein Dutzend, verdanken, haben sie die Katholiken nur in vier Wahlkreisen unterstützt, in welchen diese obendrein aus sich wahrscheinlich den Sieg hätten erringen können. Mit einer begreiflichen Verstimmung des katholischen Volkes hierüber begann das Kompromiß-Kabinet feine Thätigkeit. Diese Mißstimmung wurde fortdauernd wach erhalten, indem die Antirevolutionäre sowohl ein Geschäft daraus sich machten, die Anträge der Katholiken zu verwäsfern, als auch bei Besetzung der Stellen vielfach, so verfuhren, daß man an eine beabsichtigte systematische Zurückdrängung der Katholiken aus den einflußreichen Aemtern glauben mußte. Gleichwohl würde sich kaum eine größere Bewegung gegen die Kompromiß-Regierung erhoben haben, wenn nicht im vorigen Jahre eine wichtige Vorlage derselben in sehr weiten katholischen Kreisen die Opposition zum offenen Ausbruch gebracht hätte, nämlich die Militärvorlage.
Daß eine Reorganisation des Militärwesens noth- wendig sei, wurde auf keiner Seite bestritten, aber über das Wie gingen die Ansichten weit auseinander.
Auf katholischer Seite neigte man sich ziemlich allgemein der Ansicht hin, daß Holland den modernen Militarismus mitzumachen keinen Grund habe; die Regierung, die Antirevolutionäre und die Mehrheit der Liberalen dachten anders. Der (katholische) Kriegsminister , Generalmajor Bergansius, legte einen Entwurf vor, welcher die allgemeine und persönliche Dienstpflicht fordert, allerdings unter Befreiung aller Religionsdiener. In katholischen Kreisen entstand alsbald eine lebhafte Bewegung gegen diesen Entwurf, sowohl wegen der Kosten, welche die nothwendige Steuerreform, speziell die Erleichterung der schwer drückenden Salz- und Seifensteuer, hintanhalten oder unmöglich machen mußten, als auch wegen des Prinzips der allgemeinen Dienstpflicht, welche den Militarismus involvirte, und wegen der Abschaffung des jetzt gestatteten Remplaoanten-(Stellvertretungs-)Wesens.
Leider rief diese Militärvorlage das unerfreuliche Schauspiel einer Spaltung im katholischen Lager selbst hervor. Zwar ist die Zahl der Militaristen auf katholischer Seite in Holland sehr gering; aber es gibt eine Richmng, welche trotz Allem, was seit 1887 an Erfahrungen gefummelt wurde, noch an dem Bündniffe mit den Antirevolutionären festhalten zu müssen glaubt. Der Wortführer derfelben ist der Abgeordnete Profesfor Schaepman, desfen vollste Ueberzeugungstreue und aufrichtigste Hingabe an die Sache seiner Religion und seines Vaterlandes Niemand wird in Zweifel ziehen können. Ueber seine Anschauungen in der Militärfrage spricht sich Schaepman nicht offen aus, aber er hält dafür, daß die „gläubigen Protestanten" und die Katholiken sich zum gemeinsamen Handeln gegenüber dem Liberalismus zusammenfinden müssen, ein Satz, der ja an sich unbestreitbar richtig ist. Es fragt sich nur, ob man im vorliegenden Falle daraus die Konsequenzen ziehen kann, welche Schaepman ziehen möchte. Inzwischen hat Dr. Schaepman Amendements zur Wehr- vvrlage eingebracht, wonach der Dienstpflichtige nur drei Monate persönlich zu dienen verpflichtet fein foll, die übrigen 9 oder 15 Monate durch einen Stellvertreter foll abdienen lassen können.
Von der anderen Richtung, welche ihre hervorragendste publizistische Vertretung in dem von der .Fuld. Zeitung' bereits erwähnten Rotterdamer ,Maas- bode' hat, wird dagegen eingewendet, daß ein Zusammengehen der Katholiken mit den Antirevolutionären weder durch die Erfahrungen der Vergangenheit gerechtfertigt, noch durch die Anforderungen der Gegenwart geboten, noch für die Zukunft vom Nutzen sei. Mit dem Liberalismus könne der Katholizismus sich nicht verquicken, aber ebensowenig sei es seiner würdig, für die Calvinisten die Kastanien aus dem Feuer zu holen und zum Danke die punica fides, d. i. die calvini- stische Treulosigkeit zu erfahren. Vielmehr müßten die Katholiken dem Beispiele ihrer deutschen Glanbens- brüder folgen, sich nicht znm Anhängsel anderer Parteien herabwürdigen, sondern selbstständig vorgehen,
ohne nach rechts oder links zu schauen, ein holländisches Centrum bilden, ihre eigenen Kandidaten durchzubringen suchen, und wo das nicht ginge, entweder sich der Wahl enthalten oder das kleinere Nebel wählen. So und nicht anders würden die holländischen Katholiken ihren vollen politischen Einfluß geltend machen können, und zwar nach Lage der Dinge vielfach ausschlaggebend, sei es nach rechts ober links.
Ein politischer Fehler war es, daß die Katholiken Hollands nach den letzten Wahlen sich herbeiließen, an der Regierung theilznnehmen. Dadurch wurde bei dem parlamentarischen Regimente Hollands die katholische Fraktion Regierungspartei und damit in ihrer Aktion auf das schwerste beeinträchtigt. Die Folgen traten in jeder Session nur zu deutlich zu Tage. Verschlimmert wurde die Sache noch dadurch, daß trotz ihrer nominellen Theilnahme die Katholiken in der Regierung, wenn es darauf ankam, sich stets der calvinistischen Mehrheit fügen mußten. Zwar waren die Antirevolutionäre öfters auf die Katholiken angewiesen,, aber diese konnten keinen entschiedenen Widerstand leisten, ohne Kabinet und Mehrheit zn stürzen, während jene unbedenklich auch die Hilfe der Liberalen gegen die Katholiken annahmen, wenn sie es für ihre Zwecke paffend erachteten. Die Betheiligung der Katholiken an der Regierung hat allerdings in einzelnen Fällen Vortheile gewährt, ober es ist noch die Frage, ob diese Vor- theile nicht auch sonst zu erreichen gewesen wären. Sicher ist, daß gerade durch das Mischkabinet die jetzigen verworrenen Zustände innerhalb der katholischen Wählerschaft entstanden oder mindestens zur Reife gebracht sind.
Trotzdem bleiben es die Katholiken, welche bei den bevorstehenden Wahlen das Zünglein an der Wage bilden werden. Gehen sie, wie voriges Mal, mit den Antirevolutionären, so erscheint keine liberale Majorität; gehen sie für sich allein vor, so wird eine liberale Majorität kommen, aber eine solche, welche auf die Katholiken große Rücksicht nehmen muß. Trennen sie sich, wie es leider den Avfchein hat, so wird der Sieg der Liberalen nicht hintangehalten, wohl aber werden die Katholiken sich in ihrem zukünftigen politischen Einflüsse sehr beeinträchtigen.
Der Zwist unter den Katholiken ist betrübend genug, aber ein Rettungsmittel sehen wir am allerwenigsten in einem schwächlichen Anlehnen an die egoistischen orthodoxen Calvinisten, auch nicht in der Theilnahme an der Regierung durch Eintritt von Katholiken in Zwitterministerien, sondern einzig und allein in einer zielbewußten, selbstständigen Haltung der holländischen Katholiken, in einem hollän- dischen Centrum. -g-
Deutsches Keich.
Berlin, 13. Mai.
* Wie man der .Köln. Ztg.' mittheilt, soll
Verfolgt.
Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.
(42. Fortsetzung.)
John Short hatte sich inzwischen von den Folgen der aufregenden Nacht erholt und begab sich die Treppe hinab, um fein Frühstück einzunehmen. Wie er derjenige war, welcher der ganzen Katastrophe am fernsten stand, fo war er wahrscheinlich auch der Einzige, der an diesem Morgen an Essen dachte. Anstatt in die Bibliothek, begab er sich in das Speisezimmer, und als er dort Niemand fand, öffnete er die nächste Thür und trat in das Studirzimmer. Zu feiner nicht geringen Verwunderung sah er daselbst Mr. Bonley mit weit auseinander gespreizten Beinen, die Hände in den Taschen, vor dem Kamine stehen. Er hatte keine Ahnung, wer der Betreffende sei, und wollte sich eben mit einem schüchternen „Oh!" zurückziehen, als ihn Mr. Bonley, seine Persönlichkeit verkennend, anredete.
„Ich bin George Bonley von der Geheimpolizei," begann er. „Eigentlich habe ich Ihnen nicht sehr viel zu sagen, mein Herr. Ich habe Mr. Juxon schon darauf aufmerksam gemacht, daß meine Zeit sehr kostbar ist. Spätestens morgen Nachmittag muß ich God- dard von hier fort haben. Von Fieber und dergleichen brauchen Sie mir gar nichts vorzuerzählen, Herr Doktor."
John hatte dem Detektiv mit offenem Munde zugehört, und es war ihm bis dahin nicht gelungen, ein
Wort einzufügen. Endlich athmete er auf und sagte mit langsamer Betonung:
„Was in aller Welt wollen Sie eigentlich? Sind Sie ein Tobsüchtiger oder was sonst?"
„Gehen Sie zu, Doktor, gehen Sie zu,", sagte Bonley im wegwerfendsten Tone. „Wissen Sie, fo etwas verfängt bei mir nicht mehr. Wenn der Mann eben transportirt werden muß, so muß er es, und damit basta. Wie es geschieht, ist mir ganz einerlei, aber geschehen muß es."
„Sind Sie toll?" rief John aus. „Erstens bin ich überhaupt gar nicht der Doktor."
„Nicht der Doktor!" rief Mr. Bonley feinerseits. „Wer sind Sie denn? Ich bitte sehr um Verzeihung, aber . . . .“
„Ich bin John Short," entgegnete John rasch und ohne zu bedenken, daß dieser Name dem Polizisten keinerlei Aufklärung bot. Es tag ihm übrigens auch wenig daran. Er begann die Situation zu begreifen, und indem er in die Bibliothek flüchtete, überließ er den Getäuschten seiner weiteren Erwartung. In der Bibliothek bot sich ihm eine neue Ueberraschung durch den Anblick von Mr. und Mrs. Ambrose, welche einander in feierlichem Schweigen gegenüber faßen. Sein anfängliches Erstaunen wandelte sich in diesem Falle jedoch rasch in ein Gefühl der Erleichterung um. Es gibt Fälle im Leben, wo Alles eine Erleichterung scheint."
„Mr. Ambrose," sagte er eilig, „da im anderen Zimmer ist ein Detektiv, der den armen, kranken Men
schen so wie er ist, fortschleppen will. Das muß noth- wendig verhindert werden!"
„Ein Detektiv!" riefen der Pfarrer und feine Frau in einem Äthern und dann fuhr Mr. Ambrose fort: „Sagen Sie mir sogleich, wo er ist, mein lieber John. Ich muß mich überzeugen."
„Augustin," sagte seine Frau mit Nachdruck, „das ist eine Barbarei — das darf unter keiner Bedingung geschehen. Nur über meine Leiche kommt der Mensch in das Krankenzimmer."
„Ganz recht," stimmte ihr der Ehegemahl in vielleicht nicht ganz richtiger Würdigung ihrer Worte zu, „gehe nur, meine Liebe."
„Ja, ich gehe!" rief sie und hatte schon die Thür erreicht, woraus ersichtlich ist, welch' kühnes Weib sie war. Sie eilte rasch die Treppe zu Goddard's Zimmer hinauf, aber als sie die Hand auf die Thürklinke gelegt hatte, blieb sie zögernd stehen.
Mary Goddard's Stimme drang an ihr Ohr, sie hörte darin lautes, inbrünstiges Gebet. Es war ein Flehen, wie sie es nie zuvor in gleicher Wärme vernommen zu haben glaubte. Eine natürliche Scheu hielt sie vor dem Eintreten zurück, und drängte es sie, zu den Vorbedingungen einer ihr noch ganz unklaren Ver- theidigung überzugehen. Endlich entstand eine Pause und sie benutzte ungesäumt den Moment, um die Thür zu öffnen. Bor der Drohung des Detektivs mußte jede andere Rücksicht schweigen. Mrs. Ambrose legte den Finger an die Lippen, als fürchte sie, von Mrs. God-