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Donnerstag, den 14. Mai 1891

18. Jahrgang

FnldatrWZcitiilig

«erreiiayrnqer Äoonneme v .Rathgeber für Landwirthschast, Gartenbau und Hauswesen" in Fulda und auswärts 1 Mark oO Pfennig.

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Mai.

* Der Kaiser ist Vormittags aus Sch litz kommend in Potsdam eingetroffen und hatte bald darauf eine einstündige Konferenz mit dem Reichskanzler.

* Die Rrichstagssession ist bis zum 10. November vertagt worden. Bekanntlich ist die bereits am 6. Mai 1890 eröffnete Session schonDeiumal vom 8. Juli bis zum 18. November 1890 vertagt worden. Damals erfolgte die Vertagung zum Zwecke der erleichterten Durchberathung der Gewerbenovelle. Diesma geschieht dasselbe im Interesse der weitschichtigen Krankenkassen- novelle. Der Fall, daß dieselbe Reichstagssession zum zweiten Male auf mehrere Monate vertagt wird, ist bisher noch nicht vorgekommen in Deutschland. _ Prak­tisch hat die Vertagung an Stelle des Schlusses der Session die Folge, daß alle Arbeiten in demselben Stadium demnächst wieder ausgenommen werden, in welchem sie sich am Tage der Vertagung befinden. Auch alle Initiativanträge der Parteien bleiben deshalb bestehen und müssen nach der Reihenfolge ihrer Ein­bringung zur Verhandlung kommen, auch wenn die Einbringung schon im Sommer 1890 stattfand. Dieser Umstand hat sein Mißliches und bringt eine gewisse Erschwerung der parlamentarischen Initiative mit sich. Keine Partei will gegenüber den anderen Parteien ihre Initiativanträge preisgeben; und doch passen viele darunter nicht mehr in die inzwischen veränderte Situ­ation. Das Ergebniß des jetzt beendigten Abschnittes der Reichstagsverhandlungen, welcher einschließlich der Weihnachts- und Osterferien nahezu 6 Monate gedauert hat, ist in der Hauptsache die Gewerbenovelle und das Zuckersteuergesetz. Außerdem ist eine Novelle zum Patentgesetz, ein Gesetz über Gebrauchsmuster und ein Gesetz über die Prüfung der Handfeuerwaffen zu Stande gekommen. Dem nächsten Winterabschnitt der langen Session sind vorbehalten außer der Kranken- kaffennovelle die Erledigung des Telegraphengefetzes und des Gesetzes zur Unterstützung der Uebungsmannschaften im Frieden. Den Hauptmittelpunkt der Wintersession aber werden die neuen Handelsverträge bilden.

* Der Gesetzentwurf betreffend die Unterstützung von Familien der zu Friedensübungen einberufenen Mannschaften ist dieser Tage an den Reichstag gelangt. Der Gesetzentwurf verdankt be­kanntlich parlamentarischer Initiative seine Entstehung. Nach dem Gesetzentwurf sollen die Familien der aus der Reserve, Landwehr oder Seewehr zu Friedens­übungen einberufenen Mannschaften im Falle der Be­dürftigkeit aus öffentlichen Mitteln Unterstützungen erhalten. Diese Unterstützungen, welche sich nach dem Unterstützungsgesetz für den Mobilmachungsfall vom Februar 1888 richten, sollen mindestens betragen für die Ehefrau in den Sommermonaten 20 Pfennig, in den Wintermonaten 30 Pfennig täglich, für jede der sonst unterstützungsberechtigten Personen 10 Pfennig täglich. Von den Unterstützungen wird die Hälfte der Mindestbeträge aus Reichsmitteln erstattet. Probe-

Verfolgt.

Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.

(41. Fortsetzung.)

„Das heißt," fuhr der Kranke, ohne auf ihre Bitte zu achten, fort, „das heißt, ich that nicht so — er war ganz wach, und wenn ich mich nicht geeilt Hätte, dann wäre ich nie entkommen. Hu! wie kalt es in dem Keller die erste Nacht war. Daher habe ich auch mein Fieber. Nicht wahr, es ist doch Fieber?" fragte er, unfähig feinen Geist länger bei einem Thema weilen zu lassen. „Was sagt denn der Doktor? Ist er hier gewesen?"

„Ja, und er sagte, wenn Du Dich ruhig hieltest, so könntest Du bald wieder gesund werden. Darum sprich auch jetzt nicht. Ich gehe sonst wieder fort."

„O Mary, gehe nicht — gehe nicht! Es ist bei­nahe wieder wie früher — wie in früheren Zeiten, Mary!" Ein hartes halb wahnsinniges Lachen klang von feinen Lippen.

Mary Goddard schauderte, allein sie suchte ihre Bewegung zu beherrschen.

„Ja," sagte sie milde, „versuche wieder einmal an unser altes Haus in Putney zurück zu denken. Hört man nicht das Vogelgezwitscher gerade so wie dort. Siehe, auch die Vorhänge haben dieselbe Farbe. Und

SSSSSSWSSWSSMSSSWWMSSSSSSSSSSSW erhebungen haben ergeben, daß die zur Unterstützung erforderlichen Summen sür alle Familien aus etwa 450.000 M. jährlich, ober, falls nach der Vorlage die Unterstützungen auf die Fälle der Bedürftigkeit be= schränkt werden, auf etwa 320,000 M. jährlich zu veranschlagen sind. Die Mindestbeträge find diejenigen des Unteritützungsgesetzes für den Mobilmachungsfall. Nur beträgt nach letzterem der Mindestbetrag für Kinder nicht 10 Pfennig, sondern 131/» Pfennig. Die­jenige Hälfte der Unterstützungen, welche nicht vom Reich vergütet wird, ist von den Lieferungsverbänden für Kriegsleistungen zu tragen.

* Das Herrenhaus trat heute dem Beschlüsse des Abgeordnetenhauses hinsichtlich der Einkommen­steuer (Festsetzung des Maximaisteuersatzes aus 4pCt.) mit 123 gegen 41 Stimmen bei und nahm damit das Einkommensteuergesetz an. Dasselbe ist damit von beiden Häusern des Landtages endgiltig erledigt. Seitens der Regierung empfahlen Finanzminister Dr. Miquel sowie auch Ministerpräsident v. Caprivi im Interesse des Zustandekommens des Gesetzes den Bei­tritt zum Beschlüsse des anderen Hauses. Gleichzeitig mit diesem wurde eine vom Fürsten zu Wied bean­tragte Resolution angenommen, welche bei Weiter - sührung der Resorm das Progressivsystem zurückweist und eine verschiedene Besteuerung von funbirtem unb unsundirtem Einkommen forbert, dabei aber eine Be­steuerung des sundirten Einkommens über 4 pCt. hin­aus sür unthunlich erklärt. Der Wilds ch ade n- gesetzentwurs wurde in der Fassung der Kommission en bloc angenommen, unter Berücksichtigung des Um­standes, daß derselbe der Regierung nur als Material zu einer eigenen Vorlage dienen soll. Der Herrenhaus- Entwurf unterscheidet sich von dem des Abgeordneten­hauses im Wesentlichen dadurch, daß der letztere die Jagbpächter, der erstere aber die Grundbesitzer des betr. Jagdbezirks ersatzpflichtig macht. — Morgen: Wadlgesetz, Sanbgemeinbeorbnung.

* In der heutigen Sitzung nahm zunächst das Abgeordnetenhaus die Städte-Ordnung für den Reg.- Bez. Wiesbaden in 3. Lefung an und verwies sodann die Vorlage betr. Verlegung des Buß- und Bettags an eine besondere Kommission. Sodann rourben Wahl­prüfungen unb Petitionen erledigt. Nächste Sitzung: 26. Mai.

* Der frühere Kultusminister Dr. v. Goßler soll zum Oberpräsibenteu von Westpreußen auseisehen sein.

* Am Sonntag hat bie Probefahrt des neuen Schnelldampfers der Ballin'schen Rhedereigefellschaft „Cobra", der für den Verkehr zwischen Hamburg und Helgoland bestimmt ist, unter Betheiligung der Staats­sekretäre v. Bötticher, Frhr. v. Marschall und Holl- mann, des Ministers Herrfurth, des Reichstagspräsi- benten v. Levetzow unb anberer hoher Staatsbeamten stattgefunben. Bei dem an bie Eröffnungsfahrt sich an­schließenden Festdiner auf Helgoland brachte Staats- fekretär von Bötticher den Toast auf den Kaiser aus.

* Ein Pridatbrüf Wißmanns vom 8. März, der sich auf Wißmanns Verhältniß zu Emin Pafcha be- dort fchliefst Du immer so ruhig. Probire es auch jetzt einmal — es wird Dir so gut thuu. Ich will mich zu Dir setzen, aber nicht mehr sprechen. So — liegst Du jetzt bequem? Ein wenig höher? Ja — nun schlafe ein."

Ihr fünftes Zureden hatte ihn fcheinbar beschwich- tigt, unb sie setzte sich, in der Hoffnung, baß er bald einschlafen werde, neben bas Bett. Ihre melancho­lischen Augen mieden das Licht, welches in schmalen Streifen, wie ein Gruß aus der Außenwelt, auf den Teppich fiel, und durch den leicht vornübergebeugten Kopf zogen mancherlei Gedanken. Sie dachte über bie Möglichkeit einer Flucht und über die Gefahren nach, welche ihrem Manne von Seiten der Polizei drohten. Selbst die Gewißheit, daß dieselbe bereits in Gestalt des Detektiv auf ihn lauere, hätte ihre Sorgen kaum zu vermehren vermocht. Es war ihr, als stehe sie vor einem Wendepunkt ihres Lebens, aber die Entscheidung, welche sie erwartete, war ihr unklar. Das Einzige, was in all ihren Sinnen klar unb unzweifelhaft vor ihr feststanb, bas war die Erinnerung an Charles Juxon's Großrnuth. Er hatte ihr dieselbe unverändert, von dem Tage an, wo er, ohne ein Schwanken in seiner Freundschaft auskommen zu lasten, ihre Geschichte angehört, bis zu dem Mordanfalle ihres Gatten be­wiesen. Sie überlegte, während sie neben dem Kranken saß, ob es wohl Viele geben würde, welche in derselben

zieht, wird der ,Köln. Ztg." mitgetheilt; es heißt darin u. a.:

„Wie ist es möglich, daß so leicht nachweisbar rein dienst­liche Gründe, die mich zu meinem Verhalten gegen Emin be­stimmten, zu häßlichen eigennützigen Motiven aufgearbeitet werden konnten? Sie wissen selbst, wie hoch ich persönlich den alten Pascha schätze. Soll mich aber persönliche Zuneigung dazu ver­leiten, Fehler, die doch mir persönlich nicht, sondern nur dem Vaterlande schaden können, gutzuheißen? Ich habe, das kann ich wohl sagen, am meisten dazu beigetragen, daß Emin Pascha in die Dienste seines Vaterlandes zurückgekehrt ist. Auf meinen Vorschlag ist Emin in deutsche Dienste übernommen. Jchtzhabe Emin die Aufträge gegeben, nachdem ich dieselben mit ihm durch- sprochen hatte. Ich bestand damals, da ich Tabora, den wich­tigsten Punkt des inneren Ostafrikas, kannte, Emin hingegen nicht, darauf, daß Emin diesen Platz nicht besuchen solle, und meine Gründe sind im ,Reichsauzeiger" veröffentlicht. Emin, der übrigens mir zu gehorchen, an mich zu berichten hatte, that das Gegentheil von meinen Direktiven, und schneller, als ich glaubte, trafen die Belege ein, daß meine Ansicht die richtige war. Soll mir da nicht das Recht zustehen, zu rügen? Als ich vom Urlaub nach Ostafrika zurückkehrte, beklagte sich mein Stellvertreter bitter darüber, daß Emin schon nun das dreifache seines Budgets überschritten hatte, daß er über seine Thätigkeit fast nichts berichte, so daß manches erst aus abgedruckten Privat­briefen Emins, die von Europa nach Sanzibar zurückgekommen, bekannt geworden sei."

* Die furchtbare Verwirrung der filtlichen Begriffe, welche nufere Zeit beherrscht, bat sie, fchreibt der Reichs­bote, überall ben Zusammenhang zwischen Sünde und Verderben leichtherzig übersehen lassen. Auch dem Blindesten müssen sich über die fortgefctzten Greuel- th aten, welche die Reichshauptstadt aufregen, bie Augen öffnen, wie bas Verbrechen unb bie Sünbe wider Gottes Gebote innig znsammeuhäugen. Wo man hin­schaut, die Verletzung des 6. Gebotes ist fast durch­gängig der Boden, auf dem Schlimmeres, der Mord unb die Selbstvernichtung, erwächst. Wenn die So­zialdemokratie immer pharisäisch die Augen verdreht und die angeblich noch tüchtige Moral der nichtbesitzeu- den Stände der verlotterten Bürgermoral entgegenhalten will, so mag sie nur Umschau halten, wer die furcht­barsten Beiträge zu den Verletzungen der zehn Gebote liefert. Nein, die ganze Zeit ist sittlich krank, oben wie unten unb unten wie oben. Mit der Zerrüttung des 6. Gebotes, der Heiligkeit der Ehe und des Sittenlebeus, wie sie ja gerade die Sozialdemokratie als politischen Sport betreibt, fällt der einzige Damm gegen die dämonische Macht des Verbrechens, und Woche um Woche hört man in Berlin von ungeheuer­lichen Thaten, bei denen das wilde Zusammenleben von Mann und Weib die Unterlage abgeben.

* Potsdam, 12. Mai. Der Kaiser traf um 8 Uhr früh an der Wildparkstation ein, wo er von der Kaiserin unb ben ältesten Prinzen empfangen würbe.

* Aus München wirb dem ,Fränk. Volksblatt" ge­schrieben : Die improtiifirten Reden des Kaisers bei festlichen Gelegenheiten mußten sich bekanntlich schon wiederholt, selbstverständlich innerhalb der nothwendigen Schranken, eine scharfe Kritik gefallen lassen. Auch seine jüngste Auslassung auf dem Antrittskommerse der Korpsstudenten in Bonn hat vielfach unb namentlich in kath. Stubenteilkreisen berechtigtes Befremben wach­gerufen wegen der darin enthaltenen Lobpreisung der

Sage den gleichen Edelmuth gezeigt hätten; ben Edel- muth, welcher den Feind im Augenblicke der Gefahr zum Bruder macht. Der Pfarrer war ebenfalls edel und freundlich gegen sie gewesen, aber auf ihre Freund­schaft mit ihm war nie der Schatten einer Enttäuschung gefallen. Er hatte sie nie geliebt — Mrs. Goddard erröthete bei dem Gedanken — und gerade darin lag der Unterschied, welcher Mr. Juxon's Verdienste her­vorhob.

Ob sie ihn liebte ? Sie wußte es nicht. Sie besaß jene Einfalt des Herzens, welche nicht die Welt, aber der Himmel als eine besondere Tugend preift.

Goddard bewegte sich wieder und öffnete die Augen.

„Mary," sagte er mit schwacher Stimme, „sie werden mich doch nicht fangen?"

„Nein, Walter," beruhigte sie ihn, „fchlafe unge­stört weiter, es kommt Niemand."

' „Ich gehe dahin, wo sie mich nicht mehr einfangen können — — ich sterbe."

„O Walter, so darfst Du nicht reden," rief feine Frau. „Es wird gewiß bald bester werden. Der Doktor kann jeden Moment eintreffen."

„Dann wäre es bester, er beeilte sich," fügte der Kranke mit einem Anfluge von jener Rauhheit, wie er sie bei feinem ersten Besuche gezeigt hatte.

„Es hilft doch nichts, Mary. Ich habe darüber nachgedacht, und ich bin überzeugt, baß ich schon sehr