„v 108 Mittwoch, den 13. Mai 1891. I8.Ial>MNg
FuIdacrWZtitiliig
* Rückblick auf die sozialdemokratische Maifeier.
Wie schon betont, ist die sozialdemokratische Maifeier nach den nunmehr vorliegenden vollständigen Berichten in England und Deutschland, in Oesterreich und in der Schweiz ruhig verlaufen, ebenso in den skandinavischen Ländern, nur in Italien, Frankreich, Belgien und Ungarn ist aus der Manifestation ein rother Mai geworden.
In Ungarn ist es in dem landwirthfchastlich so reich gesegneten Alstild, dem fruchtbare ungarischen Tiefland, zu blutigen Zusammenstößen mit dem Militär gekommen, doch hat man es hier kaum mit einer dauernden sozialdemokratischen Agitation, als vielmehr mit einer verschwommenen antisemitifch-agrar-sozialisti'- schen Bewegung zu thun. Bei den Unruhen in R o m hatten Anarchisten die Hand im Spiele, ebenso in Frankreich. Am bedenklichsten sieht eö aber in Belgien aus, woselbst die Maifeier das Signal zum allgemeinen Arbeiterausstand gegeben hat. Dem Generalrath der belgisch« Arbeiterpartei scheinen hie Zügel entglitten zu sein, denn er hat die Kohlen- arbeiler vergebens vvm Streik zurüÄKlhalten versucht. Zur Zeit sollen 70M0 Arbeiter streiken, und bei dem j leidenschaftlichen und verbitterten Charakter der belgischen i Arbeiterschaft läßt sich gar nicht absehen, was sich aus. diesem Ausstand noch alles entwickeln kann.
Ueberall galt die Maifeier der Demonstration für ■ den inte rnatianalen Arbeiters^chuß, insbesondere für den Achtstundentag. In Oesterreich, Belgien und Schwöen wurde damit zugleich eine Demonstration für das <6 l l gern eine Stimm recht verbunden, in Oesterreich trat diesmal sogar das »irthfchaftliche Moment gegenüber dem politischen ziemlich zurück.
Nachdem man in Deutschland und England und auch zum Theil in der Schweiz die Maifeier auf den erst« Maisonntag verlegt, und es sich immer mehr zeigt, daß die Idee des Ruhenlassens der Arbeit am 1. Mai immer mehr an Boden verliert, hat die Maifeier ihren ursprünglichen „Schrecken" fast ganz verloren, und sollte im nächsten Jahre abermals eine Maifeier stattfinden, so wird man ihr mit noch größerer Ruhe entgegensetzen dürfen. Mafien, die znsemmen- kommen, um sich bei Musik, Tanz und Gesang zu vergnüge«, erscheinen nicht gefährlich. Die überschüssige Kraft tobt sich bei dieser Gelegenheit aus und die ganze soziale Bewegung bleibt zunächst in friedlichen Bahnen.
Belgien, wo für eine nationale Sozialreform leider viel zu wenig geschieht, bildet sich immer mehr zu einem sozialen R evolutionsheerd aus. Noch auf der Berliner Konferenz für den Arbeiterschutz war Belgien überall der Hemmschuh, und es ist unver- kennvar, daß sich eines Theils der ohnehin sehr leidenschaftlichen belgischen Arbeiterbevölkerung eine geradezu verzweifelte Stimmung bemächtigt hat, welche das Treiben der Anarchisten begünstigt. Mit Recht machen deutsche Preßorgane dem gegenüber darauf aufmerksam,
daß es Deutschland nicht gleichgiltig sein kann, ob es in Belgien gährt oder nicht. Das deutsche Wirth- schaftsleben ist an den belgischen Zuständen in mancher Hinsicht lebhaft betheiligt, und ein Ausstand in Belgien kann leicht über die belgischen Grenzen hinausgreifen. So schr man es verurtheilen mag, daß einzelne Wühler die Mafien zu Ausschreitungen verführen, so sehr muß doch an die belgischen Machthaber die Mahnung gerichtet werden, auf die Forderung« der Arbeiter weniger mit Flintenschüßen als mit Reformen zu antworten, für di« es in der That die höchste Zeit zu fein scheint.______________________________________________
Deutsches Keich.
Berlin, 11. Mai.
* Als jüngst tm Reichstage bei der Berathung des Nachtragsetats von fre^inniger und sozialdemokratischer Seite auf die Steigerung der Getreidepreise Angewiesen wurde, wurde von dem Centrumsabgeordneten Baron von Hvene mit Recht auf das tzreiSsteigerMe Treib« an fe« Börse hingewiesen. Es ist nun eigen» thümlich, daß gerade diejenigen Leute, welche am meisten gegen die „bsidvertheuernden" Getreidezölle wettern, das Treiben an der Börse kaum erwähnen. Um so mehr Anerkennung verdient es, daß das sozialdemokratische Centralorgan .Vorwärts' einmal den Herren der Getreidebörse gründlich den Text liest. Das Blatt schreibt:
„An der Börse find in diesen Tagen Orgien gefeiert worden. Die Kornpreise find mit einer erstaunlichen Schnelligkeit emporgetrieben worden, und die Herren Spekulanten haben das blanke Gold scheffelweise eingestrichen. Und nicht blos bei uns ging es so zu, auch anderwärts. In Wen soll der Tanz um das goldene Kalb so heftig betrieben »orten fein, daß sich feie Börsenmatadoren „wie i« Taumel" befanden, und daß das Gewühl und Treib« an der Börse „einen wilden Charakter" annahm. Ueberall jagte sich Haufie und Baisse. Man spekulirte mit dem Barometer in der Harck>. War das Wetter schlecht, so stieg die Nachfrage, denn man spekulirte mit Rücksicht auf eine schlechte Ernte ; verwegene Spekulanten hofften die Weizenpreise bis auf 300 Mark zu treiben. Aber dann fielen einige Sonnenstrahlen durch das Gewölk des Aprilhimmels, und gleich gingen die Preise wieder herab. Die Kosten dieses ganzen tollen Differenzspiels hat das Volk in Gestalt von hohen Brodpreisen zu zahlen."
Der Staatssekretär v. Bötticher hat im Reichstage versichert, daß die Regierung die Bewegung auf dem Getreidemarkt genau verfolge und sogar Erhebungen veranstalten lasse. Es wird ihr daher die widerliche Getreidespekulation kaum entgangen fein. Es wird bald Zeit, daß im öffentlichen Interesse diesem gemeingefährlichen Treiben gesteuert wird. Unentbehrliche Volksnahrungsmittel sollten feine Spekulationsobjekte sein. Vielleicht kommen wir im Laufe der Entwicklung noch dazu, daß der Getreidehandel verstaatlicht und so den Kornwucherern das unsaubere Handwerk gelegt wird.
* Die Reichstags-Fraktion des CentrumS war von dem Ausschüsse der Königshütter Innungen gebet«, die BundeS-Regierungen wegen der Aussicht« des Reichstagsbeschlufies über den Befähigungs-Nachweis feer Handwerker zu interpelliren, und eine gleiche Bitte war an die Konservativen gerichtet. Jetzt hat Graf Ballestrem als Vorsitzender der Centrumsftaktion den Jnnungsausschuß benachrichtigt, daß nach der einstimmigen Meinung der Fraktion eine Interpellation b$§ gedachten Inhalts im Jmerefie der Handwerker- fache nicht opportun gewesen wäre, da ihr glaubhaft bekannt geworden ist, daß auf Veranlassung des Kaisers in nächster Zeit die Einberufung einer Konferenz von Sachverständigen erfolgen soll, welcher Vorschläge zur Lösung der Handwerkerfrage zur Begutachtung vorgelegt werden sollen. Rach der übereinstimmenden AustO der Fraktion würde das Einbringen einer Interpellation auf diese Angelegenheit nur ungünstig eingewrrkt haben, weshalb zur Zeit von derselben Abstand genommen worden sei.
* Zm Herreuhause antwortete Ministerialdirektor Schulz auf die Interpellation des Grafen Frankenberg, daß durch die Nichtbewilligung des von der Stadt Breslau anfänglich in Aussicht gestellten Beitrags von 450,000 Mark zu den Kosten der Regulirung der oberen Ober die Regulirung selbst nicht aufgehalt« werde. Dann wurden Rechnungssachen und Petitionen erledigt. — Morgen: Einkommensteuergesetz, Wild- schadmgefetz. ;
* In der heutigen Sitzung erklärte das Abgeord- ueteuhaus feie Wahl des Abg. Dr. Stüve (frf.) für ungiftig. Die Vorlagen betr. Heranziehung der Fabrik« zu SBorleifhingen bei Wegebauten in Schleswig-Holstein und in der Nheinprovinz werd« der Gemeinde-Kom- mission. die Wegbauordnung für Sachsen einer 14er Kommission überreichen. Nächste Sitzung: Dienstag. Kleine Vorlagen.
* Die Eiukeulmensteuerkommisfion des Herrenhauses beantragt nunmehr die unveränderte Annahme des vom Abgeordn-tenhause beschlossenen Einkommensteuertarifs. Das Plenum des Herrmhauses wird sich morgen darüber schlüssig machen; es gilt als sicher, daß sich das Herrenhaus dem Beschlüsse seiner Kommission an- schließen wird. Damit stünde dann das Zustandekommen des Gesetzes fest.
* In Folge des Staatshaushalts-Etat für das Jahr 1891/92 werden, wie das „Justiz-Ministerialblatt" hervorhebt, in der Justizverwaltung folgende neue Stellen zur Besetzung gelangen: je eine Landgerichts-Direktorstelle bei den Landgerichten Berlin I und Breslau, drei Landrichterstellen bei dem Landgericht I in Berlin und je eine bei den Landgerichten in Beuthen, Oberschlesien, Halle a. S. und Magdeburg, vier Amtsrichterstellen bei dem Amtsgericht I in Berlin, je zwei bei den Amtsgerichten in Köln und Düsseldorf, je eine bei den Amtsgerichten Berlin II, Halle a. S., Magdeburg, Barmen, Bonn, Koblenz, Krefeld, Düren, Elberfeld, Gerresheim, M.-Gladbach, Kreuznach, Mörs, Mülheim a. Rh., Neuß, Saarbrücken, Saarlouis, Solingen und Trier, je eine Staats-
• Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einipalttge Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei ®i^ft^oIun9flen ÄratisbeiÜM
Wertelj-hrlichn Ab°nn m'enVspreis ohne MingerÜhn und Bestellgeld mit der b-llttriM-n Sonntagsbeüage .Sterne und Blumen nnder aüe U Tage erscheinenden »r-n.veu«,
M y w .Rathgeber für Landnnrthschast, Gartenbau und Hauswesen' m Fulda and auswärts 1 Mart 50 Pfennig.___________ ___■
Verfolgt.
Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.
(40. Fortsetzung.)
„Ganz recht. Aber die Leiche lag in einem sehr abgelegenen Orte. Sie kennen die Gegend jedmfalls nicht, Mr. Jnxou. O, ich könnte Ihnen dort Manches zeigen! Nun, der Wagen fuhr weiter. Ein Polizist faß neben dem Kutscher auf dem Bock, die beiden anderen bei Goddard im Wagen. Man könnte denken, er fei sicher genug gewesen, nicht wahr? Aber nichts davon. Der Halunke hatte Glück. Es war in der Dämmerung, das ist immer schlimmer, als wenn die Laternen angesteckt sind. An einer Straßenbiegung fährt die Droschke gegen einen Bierwagen an. Das Pferd stürzt zu Boden, die Deichsel bricht entzwei und alles Glaswerk fällt in tausend Scherben zusammen. Der Polizist auf dem Bock springt mit dem Kutscher herunter, um nachzusehen, was los ist. Gleichzeitig springt aber auch einer der Schafsköpfe — entschuldigen Sie den technischen Ausdruck — von Polizisten aus dem Wagen, um dasselbe zu thun, und Goddard bleibt mit dem andern allein zurück. Dann folgt ein schrecklicher Spektakel. Es giebt eine große Wagenaufstauung. Alles schimpft durcheinander — mdlich
fällt es den Polizisten wieder ein, in den Wagen zu schauen, ob Alles in Richtigkeit. Aber da ist kein Goddard mehr zu sehen. Der andere Polizeimann aber liegt rücklings in der Ecke, und als sie ein Licht anzünden und nachsehen, finden sie, daß er maufetobt ist. Goddard hatte ihm mit dem Handeis« ben Schädel eingeschlagen. Von bem Tage an hat ihn Niemanb reicher gesehen. Er soll sich in London gut ausgekannt haben und ein flinker Läufer gewesen sein, wie man mir sagt. Außerdem war es dunkel und nebelig, da ist das Entkommen nicht so schwer. Aber dafür, daß er seinen Aufseher umgebracht hat, wird er jedenfalls baumeln müssen, das ist sicher. Vielleicht weiß Mrs. Goddard dieses noch nicht; für den Fall aber daß sie es weiß, möchte ich sie nicht gern allein mit ihm lassen. Sie mag ja sehr gut und vortrefflich sein, aber es könnte ihr doch in den Kopf kommen, der Regierung einen zwanzig Fuß langen Strick ersparen zu wollm."
„Ihre Mittheilungm sind mir eben so neu als schrecklich zu hören gewesen", sagte der Squire mit tiefem Ernst in der Stimme. „Ich hatte keine Ahnung davon, und kann auch für Mrs. Goddard gutstehen, daß sie nichts davon weiß. Ist die Sache durch die Zeitungen veröffentlicht worden?"
„O nein, sie wurde ganz todtgeschwiegen. Man
war sicher, ihn gleich wieder abzufassen, und bis dahin hielten wir — ich meine meine Kollegen — es für besser, gar nicht darüber zu reden. Glücklicherweise erinnerte sich der Direktor, einmal einen Brief von Goddards Frau gelesen zu hab«. Er hatte ihn damals als harmlos passiren und nicht einmal die angegebene Adresse derselben abschreiben lass«. Bei einer kürzlich vorgenommenen Nachsuchung wurde der Brief in seiner Zelle wiedergefunden. Der Schuft hatte ihn aufgehoben."
„Armer Kerl", seufzte Mr. Juxon.
Die Stille, welche folgte, wurde durch das Rolle« eines Wagens unterbrochen. Dr. Songftreet war vorgefahren.
Mrs. Goddard hatte die ganze Zeit über allein an dem Bette ihres Gatte« gewacht. Keine seiner Bewegung« und keiner seiner Athemzüge war ihr entgangen.
Die «tfetzliche Angst um sein Schicksal hatte sie die Abspannung des eigenen Körpers vergessen lassen, und sie erwartete mit Furcht und Hoffnung zugleich den Augenblick, wo er erwachen und sie wieder erkennen würde. Als die Morgensonne zu grell durch das Fenster zu bringen begann, schloß sie ben Vorhang. Mochte es bet Einfluß des veränderten Lichtes oder eine Reaktion in seinem Innern sein, kurzum, es er-