Einzelbild herunterladen
 

18. Jahrgang

Donnerstag, bett 7. Mai 1891.

M 104

FiMkrMZkitllng

WM» Wegen des Festes Christi Himmel­fahrt wird die nächste Nummer ds. Bl. erst am Freitag ausgegeben.

Himmelfahrt.

Die Krönung des Ostertrmmphes und die Ergän- rung unserer Osterfrende. Dieses Jahr kam das Oster­fest, ehe die Natur sich in den gebührenden Feststaat des jungen Lenzes werfen konnte. Zum Himmelfahrts­tage hat sie das Versäumte nachgeholt. Die Sonne hat endlich ihre wärmende und lebenweckende Kraft zum Durchbruch bringen können, die Bäume und Sträucher schwimmen in jenem wunderbar zarten Grün, das der ersten Jugend des Laubes eigen ist; und einige eilfertige haben schon in den wenigen warmen Lagen die verzögerte Blüthe nachgeholt.

Die Natur verspricht uns einen herrlichen Festtag, und durch den Lauf der menschlichen Dinge brauchen wir uns die Festsreude nicht beeinträchtigen zu lassen. Das Strikfieber, das zur unvermeidlichen Begleitung jedes Lenzes zu gehören scheint, hat sich trotz des großen Lärms an der Ruhr schnell ausgetobt. Die kritischen Tage des 1. Mai und des 3. Mai sind für Deutschland so harmlos vergangen, daß die Volksver­führer recht lange und alle Friedensfreunde recht ver- anüqte Gesichter machen. Deutschland, das angeblich von der Sozialdemokratie so furchtbar unterwühlte Reich, schickt sich an, den Neid der vielfach von Un­ruhen heimgesuchten Nachbarländer zu erregen. Auch die Kriegsangst, die alljährlich mit der Anschauung sich einzustellen pflegt, ist ohne schädliche Nachwirkung überwunden worden. Aus den Schwierigkeiten und Gefahren der Frühjahrs-Uebergangszeit sind wir glück­lich heraus. Also warum sollen wir nicht froh und frei aufathmen zum festlichen Tag? Ueber Theuerung und schlechte Seiten wird freilich viel geklagt; aber an Stoff zu Klagen fehlt es niemals in dem irdischen Jammerthale, und man muß schon zufrieden sein, wenn nur die Aussicht bleibt, bis zu besseren Zeiten sich durchschlagen zu können. Die Feste sollen uns helfen, das Gemüth zu erheben über ine alltäglichen Sorgen und Nöthen des Kampfes um's Dasein, und dazu ist vor Allem das Fest der Himmelfahrt geeignet, dessen Geheimniß uns zuruft: Sursum corda, empor die Herzen! Empor aus dem irdischen Staub und Schmutz in die reinen, lichten, seligen Höhen des Himmels. ewiges Leben" heißt es am Schlüsse des Glaubensbekenntnisses. Wie glücklich und friedlich könnte die Menschheit sein, wenn Alle das diesseitige Leben im Glauben an das zukünftige, den Tod im Lichte der Himmelfahrt betrachten würden. Em frevel­hafter Spruch des Unglaubens sagt: „Macht hier das Leben gut und schön, kein Jenseits gibt's, kein Wieder- seh'n " Die Erfahrung aber zeigt, daß der Zweifel an dem jenseitigen Leben das diesseitige nur schlechter und häßlicher macht. Der Mensch ist halb Thier, halb Engel. Nehmt ihm den Glauben an Gott und eine bessere Welt, so ist der engelhaften Hälfte die Lebens-

John berichtete, was sich zugetragen hatte.

„So, so, er hielt Sie also für den Henker?" sagte der Squire. „Möchte wissen, warum? Und nach mir, sagen Sie, hätte er ganz vernünftig gefragt?“

„Ganz vernünftig," wiederholte John, und dann fügte er harmlos hinzu: „Als ich ihn aber nach semem Namen fragte, begann er gleich wieder zu phantasiren."

,Wie kamen Sie denn darauf, ihn zu fragen? fragte Mr. Juxon etwas ungehalten.

„Aus Neugierde," gab John lakonisch zur Antwort. "Und das wird ihn wahrscheinlich erschreckt haben. Ich "würde ihn an Ihrer Stelle nicht wieder darnach

Sehr wohl, dann will ich es unterlassen, erkläre John, welchen die Vorsicht des Squires etwas miß­trauisch zu machen begann. Dann begab er sich auf sein Zimmer, um sich durch ein Bad zu erfrischen.

Etwa um 8 Uhr brachte Holmes die Antwort des Pfarrers. Mr. Juxon riß das Schreiben begierig auf und las: , _ .

„Mein lieber Mr. Juxon!

Obwohl ich Ihren Brief fchon geftem Abend er­hielt, so zog ich es doch vor, denselben erst heute Morgen zu beantworten. Eine Rückmeldung zu so später Stunde würde Verdacht erregt haben. Die mir mitgetheilte Nachricht ist wirklich höchst beun-

Verfolgt.

Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.

(36. Fortsetzung.)

Endlich, endlich brach der Tag an und erfüllte das Krankenzimmer mit seinem grauen Dämmerlicht. In dem fahlen Schimmer nahm Alles, was der Kerzen- fchein milde beleuchtete, eine noch trostlosere Färbung an. In dem Zustande des Kranken trat kein Wechsel ein. Sein angreifendes Gemurmel tönte unaufhörlich fort. John überlegte, ob er wohl je wieder eine ähn­liche Nacht erleben werde, und ihn schauderte bei der Erinnerung an ihre Einzelheiten.

Das Tageslicht hatte den Squire aus seinem Schlum­mer geweckt. Noch ehe die Sonne aufging, trat er frisch und neugestärkt aus dem Toilettenzimmer heraus. Man merkte ihm die erlittene Ruhestörung in keiner Weste an Er war so lange gewohnt gewesen, sein Schlafbedürfniß den Verhältnissen anzupassen, und sein innerer Gleichmuth war so groß, daß das Erlebte ihn nicht nachhaltig anzugreifen vermochte.

Nun Mr. Short, Sie haben mir einen ordent­lichen Schlaf gegönnt; Sie scheinen aber selbst auch ganz erschöpft zu sein. Wie ist es Ihnen mit dem Patienten ergangen?"

aber unterbunden, der thierische Theil überwuchert die ganze Persönlichkeit und so entwickelt sich unter der Menschheit die rohe Begehrlichkeit und die rücksichtslose Selbstsucht, ein wilder Kampf um's Dasein nach dem Muster der Thierwelt, wo die soziale Ordnung dann besteht, daß der eine vom Blute des andern lebt. _

Die Menschen sollen nach dem Willen des Schöpfers eine wohlgeordnete Familie bilden, in der unter oent Gesetz des gemeinsamen Vaters der Geist der Brüder­lichkeit, der gegenseitigen Förderung und Ergänzung der Interessen und Kräfte in Frieden und Liebe das irdische Hauswesen regiert. Eine solche brüderliche Gemeinschaft kann nur bestehen, wenn der Einzelne Opfer bringt an den Auswüchsen feiner Selbstsucht, so weit es das Gesammtinteresse verlangt. Schon die eigene Vernunft, wenn sie klar erkennt und unbefangen urtheilt, muß den Menschen lehren, daß eine solche Selbstverleugnung vortheilhaft ist, daß die Opfer zum Besten der Gesammtheit Wucherzinsen an Gluck und Zufriedenheit tragen. Aber wo bleibt bei der schwachen Natur der Durchschnittsmenschen die Klarheit der Erkenntniß und die Sachlichkeit des Urtheils? Kurz­sichtigkeit, Jrrthum, Leidenschaft, Verblendung Überall. Die alte Welt, die mit eigener Kraft den Weg zur Weisheit und zum Glück suchte, gerieth so tief in Ver­wirrung und Elend, daß es der Erlösung und einet neuen Offenbarung Gottes bedurfte, um die verrottete Menschheit wieder menschlich zu machen. Und sobald ein neues Heidenthum in den christlichen Ländern sich wieder aufgethan, ist wieder die Kultur und der Friede auf das Schwerste bedroht durch die Zuckungen und Konflikte im f ozialen Körper. Das Lichtchen der mensch­lichen Vernunft kommt nicht ohne das Oel des Glaubens aus, die Schwachheit des menschlichen Willens muß Leitung und Halt im Gebot und Gericht ves Ewigen finden. Wenn der Mensch nicht unter dem Druck der irdischen Verhältnisse geknickt werden, son­dern die Herrschaft des Geistes und des Gewissens Über das Materielle in ihm und um ihn behauptet werden soll, bann muß bie Hoffnung auf ein ewiges Leben ihn empor heben aus dem betäubenden Dunstkreis, der auf dem schmutzigen Boden des Diesseits lagert. Die Kunst, gut zu leben, wird bedingt durch das Streben, gut zu sterben, und nach einem guten Tode strebt nur derjenige, der ihn nicht im Lichte der Verwesung, sondern der Himmelfahrt betrachtet.

Nicht hier auf Erden ist unfere Heimstätte, sondern dort oben, wohin uns das Geheimniß diefes Festes den Weg weist. Sehen wir das irdlfche Leben nur als Uefoergang und Vorbereitung zu dem besseren, voll­kommenen, feligen Dasein an, dann werden wir uns mit Geduld, Selbstverlengung und Unverzagtheit m die Prüfungen des Diesseits und die Anforderungen des menschlichen Zusammenlebens auf der Oberfläche unferes Planeten fchicken. Wer den Himmel des Jen­seits vor Augen hat, kann schon auf Erden einen Vor­geschmack des Glückes erreichen. Aber wer mit roher Selbstsucht sich dm „Himmel auf Erden" erzwingen will, erreicht ihn weder hier noch dort.

Deutsches Keich.

Berlin, 5. Mai.

* Am 3. Mai ist der Handelsvertrag zwischen Deutschland und Oesterreich, wie schon erwähnt, in Wien zur Feststellung gelangt. Als Anfangstermin feiner Giltigkeit ist der 15. Februar 1892 in Aussicht genommen; er ist zunächst auf zwölf Jahre vereinbart worden. Die Wiener Offiziösen feiern den Abschluß des Vertrags als eine Ergänzung des politischen Bündnisses. Das ökonomische Bündniß der beiden Kaisermächte werde auch auf andere Staaten eine An­ziehung ausüben, zur Abwehr gegen den übertriebenen Schutzzoll dienen und den ökonomifchen Frieden sicher stellen, ähnlich wie das politische Bündniß den politi­schen Frieden. Wir müssen ab warten, bis dieser Vertrag und die etwa noch mit anderen Staaten ver­einbarten vor den Reichstag und die Oeffentlichkeit gelangen. In der H e r b st s es s i o n wird der Reichstag sich mit dieser hochwichtigen und sehr schwierigen Frage zu beschäftigen haben.

* Kultusminister Graf Zedlitz ordnete eine neue statistische Aufnahme des gesummten Volksschulwesens in Preußen am 25. d. M. an.

* Fürst Bismarck erklärte bei der Annahme der Wahl im 19. hannoverschen Wahlkreise: „Es seien im Reichstage jetzt keine Verhandlungen von Belang mehr bevorstehend; sollten aber noch Angelegenheiten solcher Art oder von besonderem Interesse für den Wahlkreis auf die Tagesordnung kommen, so würde er sich be­streben, am Platze zu fein."

* Ueber die Entlassung von Deut,ch-Hann-v -rauer« aus dem Offizierkorps wird dem ,Frank. Kur/ ans Sachfen geschrieben: „In Dresden sind mehrere aktive und. Reserveoffiziere, welche aus der Provinz Hannover stammen und ihre welfische Gesinnung demon­strativ zur Schau trugen, auf Anregung von Berlin aus dem Armeeverband entlassen worden."

* Zur Ausbildung unseres Wasserstraßensystems macht die ,D. Volksw.-Korresp/folgende Betrachtungen: Die Gegensätze, welche im Laufe des diesjährigen Winters in den Wafferstandsverhältniffen unserer Fluß­läufe wieder aufgetreten und die Ursache mannigfacher Unzuträglichkeiten bei dem Versandt unserer Maffen- produkte gewesen sind, haben die großen Mängel des bisherigen Systems unserer Strombauten von Neuem deutlich hervortreten lassen. Dieses System ging be­kanntlich von dem doppelten Gesichtspunkte aus, emmal das Wasser möglichst schnell ablaufen zu taffen, und andererseits schmale Gerinne zu schaffen und den Spiel­raum, den das Wasser für den Fall eines höheren Wafferstandes haben muß, auf ein Minimum zu redu- ziren. Beides hat man endlich als grundfalsch erkannt. Gibt es auch bei unseren Wasserläufen keine fo großen Differenzen zwischen dem höchsten und niedrigsten Wasser- stände wie z. B. bei der Loire, Rhone und anderen Flüssen Frankreichs, so sind dieselben doch immer noch ansehnlich genug, um einen steten Wechsel zwischen Wassermangel und Waffernoth herbeizuführen. Bis heute hat man bei uns aber leider nur immer an die

ruhiqend. Sie werden begreifen, daß ich es für nöthiq hielt, sie auch Mrs. Ambrofe mitzutheilen."

— Der Squire konnte sich bei dieser Erklärung eines Lächelns nicht erwehren. Er las weiter:

Meine Frau hat sich zu meiner großen Freude und Befriedigung bereit erklärt, mich zum Schlöffe zu begleiten und die Sorge für den Unglücklichen zu übernehmen. Da sie fehr viel Uebung in der Kran­kenpflege besitzt, fo wird sie gewiß wefentlich zu seiner Lebenserhaltung beitragen können. Bitte, versichern Sie mich, damit keine Zeit verloren geht, umgehend Ihrer Zustimmung.

Ihr aufrichtig ergebener Augustin Ambrofe."

Mr. Juxon war hocherfreut, sich der vor ihm lie­genden Aufgabe fo glücklich durch Mrs. Ambrose's eigene Initiative enthoben zu fehen. In einer Stunde konnte sie die Pflege übernehmen, und Mrs. Goddard war im Stande, unbehindert ihren Gemahl zu sehen.

14. Kapitel.

Mrs. Ambrofe hatte Wort gehalten. Sie erschien um 9 Uhr mit ihrem Manne und wiederholte noch ein­mal den Entschluß, den armen Goddard so lange als nöthig zn pflegen. Mr. Juxon machte sie vor Allem darauf aufmerksam, daß John nicht toiffe, wer der Mensch fei, und beschwor sie, in dessen Gegenwart recht

scheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten einspaltige Z^oder terenRaum In Pft bei ®l^r^U^eIt 14 erscheinenden Gratisbeilage